Herbert Exenberger

Jüdisches Gedenken in Wien

Auszug aus einem Vortrag im Rahmen der Reihe "Gedenken und Mahnen. Erinnerungskultur und Dokumentationsmöglichkeiten historischen Geschehens" im Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung, 16. Mai 2000

Nach dem "Anschluss" im März 1938

Nach dem "Anschluss" (März 1938) erfolgte durch die NS-Stadtverwaltung eine massive Umbenennung von Verkehrsflächen, deren Bezeichnungen dem NS-Regime aus politischen, rassistischen und religiösen Gründen nicht genehm waren. Gleichzeitig erfolgte die totale Entfernung jüdischer Denkmäler. In einem Bericht der Kleinen Volks-Zeitung vom 25. November 1938 liest man darüber Folgendes:

"Im Zuge der in die Wege geleiteten Reinigung des Wiener Straßenbildes von jüdischen Namensbezeichnungen erfolgt auch die Entfernung jener Denkmäler, die Juden darstellen. Die Rothschild-Büste in der Halle des Wiener Nordbahnhofes wurde bereits durch eine Hülle unkenntlich gemacht, und in den nächsten Tagen werden das Marcus-Denkmal bei der Technischen Hochschule und das Sueß-Denkmal am Schwarzenbergplatz abgetragen. Die Maßnahme der Entfernung jüdischer Denkmäler erstreckt sich natürlich auf Groß-Wien."

Der Völkische Beobachter, das Zentralorgan der Nazis, triumphierte in seiner Wiener Ausgabe vom 29. November 1938: "Auch die Judendenkmäler verschwinden".

Die Wiener Nationalsozialisten hatten schon vor 1938 gegen Denkmäler für Persönlichkeiten polemisiert, die ihrem Rassenwahn nicht entsprachen. So wüteten sie etwa gegen das von Carl Wollek im Jahre 1932 gestaltete Denkmal für den Sozialreformer und Reichsratsabgeordneten Dr. Julius Ofner. Das NS-Sprachrohr Notschrei berichtete darüber unter der Überschrift "Geld wie Mist ... für ein Judendenkmal":

"Der Nationalsozialist Frauenfeld erklärte in seiner Rede, dass es einfach schamlos sei, dass für einen Juden, den kein Mensch außer den Juden der roten Mehrheit kenne, dessen Leistungen sich höchstens würdig an die Leistungen des Relativjuden und Indianerhäuptlings Einstein anschließen, ein Denkmal errichtet werden soll ... Der Antrag zur Errichtung des Judendenkmals wurde sodann mit den Stimmen der roten Mehrheit angenommen. Die Nationalsozialisten gaben durch laute Pfuirufe ihre Meinung über diese schändliche, gemeine Tat der roten Bonzen und Judenknechte zu verstehen."

Wie viele andere Denkmäler und Gedenktafeln wurde auch das Julius-Ofner-Denkmal während der NS-Herrschaft entfernt. Es war im Wiener Alten Rathaus deponiert worden und konnte bereits 1948 provisorisch und am 3. Juni 1954 endgültig wieder aufgestellt werden.

Von Kriegsende bis zu den sechziger Jahren

Bevor ich ein paar Beispiele von jüdischem Gedenken in Wien aufzeige, möchte ich kurz ein Projekt der Israelitischen Kultusgemeinde Wien erwähnen, das nicht zur Ausführung gelangt ist. Zum 15. Jahrestag des Novemberpogroms 1938 hielt die Israelitische Kultusgemeinde Wien am 8. November 1953 vor der von den Nazis zerstörten Zeremonienhalle auf dem neuen jüdischen Friedhof des Wiener Zentralfriedhofes eine Gedenkkundgebung ab, bei der der Präsident der IKG Wien Dr. Emil Maurer ankündigte, dass "die zerstörte Zeremonienhalle zu einer Gedenkstätte für die österreichischen Opfer des Nationalsozialismus umgestaltet werde". Er sagte weiter: "In die Wände dieser uns teuren Halle werden wir die Namen aller unserer Opfer und Märtyrer eingravieren zum Gedenken für ewige Zeiten." Einige Jahre später, 1960, wurde nicht in Wien, sondern in der altehrwürdigen Prager Pinkassynagoge ein derartiges Projekt - die "Gedenkstätte der 77.297" - realisiert.

14 Jahre später, am 17. Dezember 1967, wurde die nach den Plänen des Architekten Robert Kanfer wieder instand gesetzte Zeremonienhalle feierlich eingeweiht. Heute erinnern im Eingangsbereich eine Gedenktafel mit den Namen der Vernichtungslager und Ghettos und vier Farbglasfenster, gestaltet von dem ehemaligen Auschwitz-Häftling Heinrich Sussmann, die aus Spendengeldern von im Ausland lebenden österreichischen Juden errichtet wurden. Über diese eindrucksvollen Kunstwerke meinte 1968 der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Ernst Feldsberg:

"Das erste Fenster zeigt einen flammenden Leuchter der Freiheit, der von Engeln getragen wird, die durch ihre Flügel symbolisiert werden. Diese Darstellung gibt die tröstliche Zuversicht, dass es Licht werden müsse, wo immer die Mächtigen der Finsternis versuchen, die Freiheit in Ketten zu legen. Das nächste Fenster erinnert an die 'Reichskristallnacht' des Jahres 1938. Über einer brennenden Tempelmauer ragt der Zionstern, der zur Erinnerung an den 'Judenstern' der Nazizeit in gelbem Glas gehalten ist. Daneben sieht man eine brennende Thorarolle und einen brennenden Tallith. Das Fenster soll daran erinnern, dass sich der Geist des Judentums als stärker erwiesen habe als der Ungeist der Vandalen, der Tempel- und Friedhofsschänder. Das dritte Fenster erinnert an das KZ Theresienstadt. Im Vordergrund sieht man den rauchenden Kamin des Krematoriums, im Hintergrund die Türme und Mauern des KZ und den Stacheldraht, hinter dem zehntausende Juden beim Tod in Untermiete waren. Das vierte Fenster stellt eines der vielen Konzentrationslager dar, mit Krematorium, Elendsbaracken, Stacheldraht und Wachturm - es ist eine Anklage gegen alle, die Verbrechen während der Nazizeit begangen, und gegen jene, die geschwiegen haben, obwohl sie hätten reden müssen."

Die erste Gedenkstätte für Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung wurde im Jahre 1946 in Wien errichtet. Die Enthüllung der von Arthur Materno - er wurde am 10. Mai 1889 in Simmering als Sohn einer aus Gattendorf übersiedelten jüdischen Familie geboren und überlebte die Nazizeit in einer so genannten "Mischehe" - gestifteten Gedenktafel im Vorraum des Wiener Stadttempels im 1. Bezirk, Seitenstettengasse 4, fand am 2. April 1946 statt. Der Text lautet: "Dem Gedenken der jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die in den Schicksalsjahren 1938- 1945 ihr Leben ließen".

Im Rahmen der verstärkten Wohnbautätigkeit in den sechziger Jahren - vor allem durch den Bau der Per-Albin-Hansson-Siedlung/Ost in Favoriten - war es ein Anliegen der Stadt Wien, Verkehrsflächen nach NS-Opfern zu benennen. In diesem Falle dürfte die wichtige Lyrik- Anthologie "Dein Herz ist deine Heimat", herausgegeben 1955 von Rudolf Felmayer, Pate gestanden haben. Am 19. November 1968 und am 21. Oktober 1969 wurden vom Gemeinderatsausschuss für Kultur Verkehrsflächen in dieser Gemeindesiedlung im 10. Bezirk nach Schriftstellern und einer Violinvirtuosin benannt, alle Opfer des nazistischen Rassenwahns - Adolf Unger, ermordet in Auschwitz-Birkenau, Alma Rosé gestorben in Auschwitz-Birkenau, Arnold Holm, ermordet bei einem der ersten Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Wien, Eugenie Fink, deportiert nach Minsk, Moritz Seeler, deportiert nach Riga, Jura Soyfer, gestorben im KZ Buchenwald, Max Fleischer, deportiert nach Wlodawa, Walter Lindenbaum, gestorben im Außenlager Ohrdruf des Konzentrationslagers Buchenwald. Zwei - Hubert Gsur und Felix Grafe - wurden im Landesgericht Wien als Widerstandskämpfer hingerichtet.

Die Jahre davor standen im Zeichen der großen Verfahren wegen NS-Verbrechen (Prozess gegen Adolf Eichmann in Israel, Auschwitz-Prozess in Deutschland, Prozess gegen Franz Murer in Österreich). Der ehemalige Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger wurde 1965 als erstes politisches Opfer seit der NS-Zeit während einer Demonstration von einem Rechtsextremisten getötet. In der Öffentlichkeit diskutierte man wieder über die Zeit des Nationalsozialismus, was sich auch in der Errichtung von Gedenkstätten niederschlug, aber nur für kurze Zeit, denn in den folgenden 15 Jahren sank die Zahl wieder. Erst die achtziger und neunziger Jahre brachten eine nachhaltige Wende in der Gedenkkultur in Österreich und in Wien, ganz besonders das Gedenk- und Bedenkjahr 1988. Eine große Anzahl Gedenktafeln und Verkehrsflächen, etwa der Desider Friedmann-Platz, der Platz der Opfer der Deportation oder die Else-Feldmann-Gasse, erinnern an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung unter der NS-Herrschaft.

Betriebsmahnmale

Die Farbglasfenster von Sussmann zeigen uns auch deutlich, dass es für künstlerisch begabte Opfer des Faschismus ein Anliegen war, Zeichen zu setzen, Zeichen der Erinnerung und des Gedenkens. Neben Heinrich Sussmann, von ihm stammt auch das 1981 enthüllte zentrale Mahnmal für die Opfer des Faschismus aus dem 10. Wiener Bezirk auf dem Reumannplatz, ist in diesem Zusammenhang noch der Architekt Rudolf Hönigsfeld zu nennen, der als jüdischer Verfolgter von 1942 bis zur Befreiung in Wien als "U-Boot" lebte. Hönigsfeld gestaltete das am 28. September 1946 enthüllte Mahnmal in der ÖBB-Hauptwerkstätte Simmering. Hier ist zum ersten Mal auf einem Betriebsmahnmal unter den Namen der Opfer auch ein jüdischer Arbeiter verzeichnet. Es ist dies der Mechaniker Aladar Schlesinger, der seit 2. August 1930 in der Hauptwerkstätte Simmering arbeitete. Kurze Zeit später, am 1. November 1946, wurde noch eine Gedenktafel in der Bundespolizeidirektion Wien enthüllt, wo neben hingerichteten Polizisten auch Holocaustopfer aus den Reihen der Polizei verzeichnet sind. Andere Gestalter von Betriebsgedenkstätten haben auf die ermordeten jüdischen Kollegen "vergessen", etwa bei dem am 13. September 1953 enthüllten zentralen Mahnmal der Wiener Straßenbahner, gestiftet von der Personalvertretung der Wiener Verkehrsbetriebe, heute aufgestellt im Straßenbahn- Betriebsbahnhof Erdberg. Die Straßenbahner jedoch, die Opfer des Holocaust wurden, zum Beispiel Oskar Ferstl, Isak Oster, Adolf Rechnitzer, Josef Salner, Eduard Schleifer, Max Spielberger, Ernst Stern oder Jakob Unger, bleiben nach wie vor aus dem Gedächtnis, aus der Erinnerung gelöscht.

Grabdenkmäler

Auf dem weiten Areal der jüdischen Abteilungen des Wiener Zentralfriedhofes finden wir mehrere Grabdenkmäler und Mahnmale. Sie erinnern uns etwa an die ermordeten Kantoren, an die ermordeten Mitglieder der Chewra Kadischa, an die Opfer der Förstergasse im 2. Bezirk, die von einem SS-Kommando am 12. April 1945 aus ihrem Versteck geholt und in einem Bombentrichter erschossen wurden. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Emil Maurer, erinnerte bei der Enthüllung der Grabgedenkstätte für die Opfer der Förstergasse am 13. November 1955 unter anderem:

"Wir haben dieses Denkmal als ein Mahnmal, als einen stummen Ausruf des 'Niemals vergessen!' errichtet. 'Niemals vergessen' bedeutet aber vor allem Widerstand gegen Antisemitismus und Neofaschismus! Bedeutet Hilfe und Unterstützung für die Überlebenden. Wir fordern, dass unsere Republik gerade jetzt, nachdem sie ihre volle Souveränität erlangt hat, den Opfern des blutigen Hitler-Faschismus Gerechtigkeit widerfahren lässt."

Durchaus berechtigte Forderungen, die auch im Jahre 2000, 45 Jahre später, vertraut klingen.

Erwähnt werden sollen auch die langen Reihen von Massengräbern ungarischer Juden, die in verschiedenen Lagern in Wien, Niederösterreich und im Burgenland umkamen, vor denen man erschüttert steht. Nennen muss man auch das gemeinsame Grab der in Jugoslawien exhumierten Leichen von 200 in Brcko ermordeten Wiener Juden, die am 11. Dezember 1941 von deutschen Einheiten und Angehörigen der verbündeten kroatischen Faschisten, der Ustascha, an den Händen gefesselt, auf bestialische Weise ermordet und in eine Grube geworfen wurden. Hier ist auch die von den Steinmetzmeistern J. u. P. Schreiber gestaltete Begräbnisstätte von 28 Schädel unbekannter jüdischer Märtyrer aus Polen zu nennen, die als Präparate verwendet wurden und vom Naturhistorischen Museum in Wien im Jahre 1942 von der Universität Posen erworben wurden.

Auf dem Jüdischen Kriegerdenkmal beim 1. Tor des Zentralfriedhofes wurde anlässlich des österreichischen Gedenktages gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 5. Mai 1999 eine Gedenktafel enthüllt. Die vom Militärkommando Wien und der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gestiftete Tafel hat folgende Inschrift: "In würdiger Erinnerung an die jüdischen Soldaten der k.u.k. Armee und des Bundesheeres der 1. Republik, die Opfer der Shoa geworden sind."

"Es sei noch heute unfassbar", stellte in seiner Gedenkrede der damalige Verteidigungsminister Werner Fasslabend fest, "dass Menschen, die im Dienste des österreichischen Bundesheeres gestanden seien, nur weil sie einer anderen Religionsgemeinschaft angehört haben, kurze Zeit später ausgestoßen, in Konzentrationlagern eingesperrt und getötet wurden."

Dennoch hatten viele, allzu viele ehemalige jüdische Soldaten nach dem "Anschluss" im März 1938 Illusionen - betreffend ihres Einsatzes während des 1. Weltkrieges und die ihnen dafür verliehenen Orden und Auszeichnungen -, die sehr bald und gründlich von den Nazis zerstört wurden. Für die Nazis, die das Wort "Kameraden" nicht oft genug in den Mund nehmen konnten, zählten die jüdischen Soldaten einfach nicht. Bereits im Oktober 1925 rief die sattsam bekannte Deutschösterreichische Tages-Zeitung zur Anlage eines Judenkatasters über "reinrassige Juden" und "Jüdlinge" im österreichischen Bundesheer auf. Genaue Erfassungsrichtlinien wurden aufgestellt, denn "es scheint nunmehr der Zeitpunkt gekommen, mit einer Teilhandlung zu beginnen, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Es gilt sicherzustellen, wie viele Juden und Judenstämmlinge sich im österreichischen Bundesheer befinden, wer sie sind, wo sie sind und was sie treiben. Es gilt auch, dieselben sorgfältig zu überwachen." "Hoch eingeschätzt" wurden solche Erfassungslisten der österreichischen Nazis sicher von dem sich unmittelbar nach dem "Anschluss" im März 1938 rasant entwickelnden Terror- und Spitzelapparat der Gestapo und anderer NS-Dienststellen.

Gedenktafeln und Gedenkstätten ab den achtziger Jahren

Heute wird in vielfältiger Weise an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Wiens, die Opfer des menschenverachtenden nazistischen Rassenwahns geworden sind, erinnert. An erster Stelle möchte ich Gedenktafeln und von Jugendlichen gestaltete Mahnmale in Schulen anführen, Ergebnisse bemerkenswerter Schulprojekte. Wir finden sie im
1. Bezirk: Akademisches Gymnasium (14. Dezember 1998), Bundesrealgymnasium Schottenbastei (7. Juni 2000), Bundesgymnasium Stubenbastei (4. Oktober 1997),
2. Bezirk: Bundesrealgymnasium Vereinsgasse (10. November 1989), Bundesgymnasium Zirkusgasse (11. Mai 1988),
3. Bezirk: Bundesgymnasium Hagenmüllergasse (8. Oktober 1999), Bundesrealgymnasium Radetzkystraße (3. Dezember 1988),
9. Bezirk: Erich-Fried-Gymnasium Glasergasse (19. November 1998),
18. Bezirk: Bundesrealgymnasium Schopenhauerstraße (5. Dezember 1994),
19. Bezirk: Bundesgymnasium Gymnasiumstraße (29. April 1998),
20. Bezirk: Hauptschule Staudingergasse (30. März 1995), Bundesgymnasium Unterbergergasse/Karajangasse (27. April 1982).

Weiters sollen hier Erinnerungszeichen angeführt werden, die sich an den Fassaden der Schulen und einstigen Deportationssammellager Kleine Sperlgasse 2a (enthüllt am 25. Oktober 1984 durch den Verein der Freunde der Leopoldstadt) und Castellezgasse 35 (gestiftet 1995 von den Schülerinnen und Schülern der Zwi Peres Chajes-Schule), beide im 2. Bezirk befinden, an Häusern, die auf Plätzen der im November 1938 zerstörten Synagogen errichtet wurden und mit wenigen Ausnahmen (Pazmanitengasse 6, Schmalzhofgasse 3, Storchengasse 21, Turnergasse 22) erst in den Jahren 1988 bis 1997 angebracht wurden, der Gedenkstein auf dem Platz der Opfer der Deportation im 3. Bezirk, der von Wiener Schülerinnen und Schülern gepflanzte Gedenkwald im 22. Bezirk (Silberergasse/Rosenbergstraße) oder die im Rahmen einer "Historischen Wanderung - Kündigungsgrund: Nichtarier", veranstaltet von der Volkshochschule 11 und dem Kulturverein Simmering, am 22. September 1999 durchgeführten Enthüllungen von Gedenktafeln für vertriebene und ermordete jüdische Mieter und ihre Familien aus fünf Simmeringer Gemeindebauten.

Ebenfalls soll hier auf Gedenktafeln an Geburts- und Wohnhäusern sowie an den Wirkungsstätten jüdischer Persönlichkeiten hingewiesen werden. Ein großer Bogen spannt sich da vom Schöpfer der Psychoanalye Sigmund Freud über die Schriftsteller Stefan Zweig und Theodor Kramer bis hin zur Lehrerin Irene Jerusalem, um nur einige wenige von ihnen ins Gedächtnis zu rufen.

Am 3. Juni 1993 wurde eine von Thomas Feiger gestaltete Gedenkstätte für den selbstlosen zionistischen Jugendführer Aron Menczer und die zionistische Jugend Wiens im Vorraum des Wiener Stadttempels enthüllt. Aron Menczer, der von der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung Gordonia kam, war der unermüdliche Ansprechpartner und Freund der jüdischen Jugend Wiens, die während der Nazizeit in der JUAL (Jugendalijah) in der Marc Aurel-Straße 5 Zuflucht, Hilfe und jüdische Erziehung fanden. Als Gefangener im Ghetto Theresienstadt begleitete er die aus dem Bialystoker Ghetto nach Theresienstadt überstellten Kinder auf ihrer Deportation nach Auschwitz und wurde mit ihnen am 7. Oktober 1943 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet.

In den Kellerräumen des Bundesgymnasiums und Bundesrealgymnasiums XX, Unterbergergasse/Karajangasse, erfolgte am 5. Mai 1999 auf Initiative des Aktionsradius Augarten in Kooperation mit dem BRG XX und dem Polytechnischen Lehrgang Vorgartenstraße die Eröffnung einer besonderen Gedenkstätte, der Gedenkstätte Karajangasse. In diesem Schulgebäude wurde nach dem so genannten "Anschluss" vom März 1938 bis 1939 ein Durchgangslager für die von der Gestapo verhafteten Juden und politischen Gegner (z. B. waren hier als Häftlinge Fritz Grünbaum, Bruno Kreisky oder Friedrich Hillegeist) eingerichtet. Bereits 1988 erarbeiteten Kinder dieser Schule in der Projektgruppe "Politische Bildung" eine Ausstellung zum Thema "Als Schulen zu Gefängnissen wurden". Wieder von Schülerinnen und Schülern des Wahlpflichtfaches "Politische Bildung" wurde in den Jahren 1998 und 1999 eine Aktualisierung und Erweiterung durchgeführt und einige Ausstellungselemente vom Aktionsradius Augarten, aufbauend auf der Vortragsreihe "Die verlorene Insel", gestaltet.

Ich denke aber auch an Gedenkstätten, die Menschen gewidmet wurden, die sich in der Zeit der NS- nicht scheuten, verfolgten Juden zu helfen. So heißt es etwa auf der 1999 vom Kulturverein Freunde des Karmeliterviertels gestifteten und von Barbara Asimus und Berndt Anwander gestalteten Gedenksäule: "Sie leisteten der NS-Gewaltherrschaft stillen Widerstand. Durch persönlichen Mut bewahrten sie bedrohte Mitbürger vor Verfolgung und Tod. Sie brachten sich dabei selbst in Gefahr. Ihre Namen sind meist unbekannt. Wir gedenken ihrer in Achtung und Dankbarkeit."

Genannt werden sollen die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) vorgeschlagenen Benennungen von Verkehrsflächen für zwei "Gerechte" - für den portugiesischen Diplomaten Aristides de Sousa Mendes und den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg. Am 18. Jänner 2000 und am 11. April 2000 beschloss der Gemeinderatsausschuss für Kultur Verkehrsflächen im 22. Bezirk nach ihnen zu benennen.

Eine weitere zentrale Gedenkstelle in Wien ist das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, gestaltet von Alfred Hrdlicka, auf dem Albertinaplatz. Die einzelnen Elemente des Kunstwerkes sind: das "Tor der Gewalt" (die "Hinterlandsfront", der "Heldentod"), der "straßenwaschende Jude", "Orpheus betritt den Hades" und der "Stein der Republik" mit dem Text der Unabhängigkeitserklärung. Über den "straßenwaschenden Juden" meinte etwa der Künstler: "Was den straßenwaschenden Juden betrifft: Jeder kann sagen, was in Auschwitz passiert ist, das weiß ich nicht, aber was in Wien passiert ist, das haben die Wiener wissen müssen, das hat jedes Kind sehen können."

Erst seit den achtziger Jahren wurden Erinnerungszeichen für jene Personengruppen gesetzt, die man bis dahin in der Gedenkstättenlandschaft Wiens vermisste. So etwa die auf Initiative von Mitarbeitern des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich und des DÖW enstandene erste Gedenktafel für verschleppte ungarische Juden, die im 15. Bezirk, in der Hackengasse 11 interniert wurden. Enthüllt wurde die von Horst Stöckel gestaltete Gedenktafel am 7. September 1995.

Ein für das jüdische Gedenken in Wien wesentliches Gedenkzeichen, das Holocaust-Mahnmal auf dem Judenplatz, gekoppelt mit einer musealen Aufarbeitung der hier gefundenen Reste der Synagoge von 1421 und den österreichischen Opfern des nazistischen Rassenwahns, an dessen Ausgestaltung auch das DÖW beteiligt war, soll noch heuer enthüllt werden.


« zurück