REZENSION

Novick, Peter: Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord. Aus dem Amerikanischen von Irmela Arnsperger und Boike Rehbein. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2001. 431 S.

Die Auseinandersetzung der jüdischen Amerikaner mit dem Holocaust in den letzten sechzig Jahren untersuchen will der an der Universität Chicago lehrende Historiker Peter Novick in seinem Buch "Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord". Dabei geht er von der erstaunlichen Feststellung aus, dass die Erinnerung an den Genozid in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst nur von geringer Bedeutung war und der Holocaust im Leben der jüdischen Amerikaner erst seit Beginn der siebziger Jahre eine größere Rolle spielt. Normalerweise geht das Interesse an einem historischen Ereignis nach mehr oder weniger langer Zeit danach eher zurück, hinsichtlich des Holocaust sei demgegenüber ein genau entgegengesetzter Trend feststellbar. Genau diese Besonderheit der anfänglichen Marginalisierung und späteren Zentrierung des Holocaust im Leben der USA motivierte Novick zu seiner Auseinandersetzung mit dem Thema, das er historisch-chronologisch angeht:

Die Darstellung setzt mit der Wahrnehmung der Judenverfolgung noch in den Kriegsjahren ein und widmet sich danach der öffentlichen Beachtung des Themas in den fünfziger und beginnenden sechziger Jahren. Die jüdischen Amerikaner hätten sich in jener Zeit bewusst dafür entschieden, die Bedeutung des Holocaust herunterzuspielen. Juden sollten nicht nur als Opfer wahrgenommen werden; außerdem habe man nicht als besondere Opfer-Gruppe im Unterschied zu anderen gelten wollen. Erst im Laufe der sechziger Jahre und dann stärker seit Beginn der siebziger Jahre setzte für Novick vor dem Hintergrund des Nah-Ost-Konflikts ein Wandel im Bewusstsein der jüdischen Amerikaner ein. Israel wurde stärker als bedroht wahrgenommen, was wiederum Erinnerungen an den Holocaust auslöste. Größere jüdische Organisationen wiesen nun sowohl auf die Bedrohungen durch einen neu aufkommenden Antisemitismus als auch auf Gefahren für den Staat Israel hin - und begannen dabei immer stärker auf den Genozid zu rekurrieren. Darüber hinaus sei die Erinnerung an dieses Ereignis von großer Bedeutung für die Bewahrung der Identität der jüdischen Amerikaner gewesen. Vor diesem Hintergrund erklärten sich auch die erfolgreichen Bemühungen, den Holocaust stärker ins Zentrum des Bewusstseins der Amerikaner zu rücken.

Eine damit verbundene Herauslösung des realen historischen Ereignisses aus der Geschichte und seine Verwendung in politischen Auseinandersetzungen kritisiert Novick aus den verschiedensten Gründen: Die Erinnerung an den Holocaust sei in den Vereinigten Staaten "mühe- und kostenlos", sie bereite niemandem Unbehagen und führe zu keiner wirklichen historischen, moralischen und politischen Auseinandersetzung. Mache man den Genozid an den Juden zum Maßstab von Grausamkeit und Unterdrückung, so gehe damit die Trivialisierung von Verbrechen eines geringeren Ausmaßes einher. Die Rede von der (von ihm abgelehnten) Auffassung von der Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit des Holocaust in den USA führe zur Flucht vor historischer und moralischer Verantwortung gegenüber anderen Massenverbrechen. Erhebe man die Erinnerung an den Genozid und damit das "Opferbewusstsein" zu dem zentralen Merkmal jüdischer Identität, so würden andere positive Grundlagen jüdischer Identität verdrängt.

Novick thematisiert somit durchaus kritisch die Instrumentalisierung des Holocaust, unterscheidet sich dabei aber grundlegend von Norman G. Finkelstein, der das Bestehen einer ausbeuterischen "Holocaust-Industrie" behauptet. Nicht eine emotionalisierte und pauschalisierende Polemik legt er mit dem Buch "Nach dem Holocaust" vor, handelt es sich doch um eine differenzierte und sachliche Darstellung auf breiter Quellenkenntnis. Zwar schreckt der Autor vor pronocierten Bewertungen nicht zurück und räumt selbst ein, es würde wohl kaum ein Leser all seine Auffassungen teilen. Gleichwohl trägt er auch kritikwürdige Passagen und umstrittene Positionen inhaltlich klar und gut begründet vor, sodass sich die Auseinandersetzung damit auf jeden Fall lohnt. Darüber hinaus rückt Novick an verschiedenen Stellen seines Buchs Sachverhalte gerade: So akzeptiert er durchaus die These von der Instrumentalisierung des Holocaust durch jüdische Organisationen, sieht darin aber einen ganz normalen Vorgang, der auch in anderen Fällen der Erinnerung an historische Ereignisse bei anderen Akteuren beobachtbar ist. Vorwerfbar seien nur nicht belegbare Behauptungen und illegitime Zwecke.

Tatsächlich kritikwürdig dürfte demgegenüber seine Ablehnung der Auffassung von der Einzigartigkeit des Holocaust sein. Bedenkt man, dass jedes historische Ereignis singulär ist, wäre eine solche Aussage in der Tat inhaltsleer. Entgegen Novicks Auffassung muss damit aber keineswegs ein moralisch bedenklicher Anspruch auf die Einzigartigkeit einer eigenen Katastrophe verbunden sein. Die Auffassung von der historischen Einzigartigkeit des Holocaust bezieht sich denn auch nicht nur auf das quantitative Ausmaß, sondern auf die Art und Weise der Durchführung des Genozids und auf den historisch-politischen Hintergrund eines als zivilisiert geltenden Landes als Ausgangspunkt des Massenmordes. Auch hier lohnt gleichwohl die kritische Auseinandersetzung mit Novick. Darüber hinaus liefert sein Buch immer wieder anregende neue Einsichten zu Detail-Fragen. So wendet sich der Autor etwa überzeugend gegen die Vorwürfe, wonach die Amerikaner die Verbindungswege zu den Lagern und die Lager selbst hätten bombardieren und so die Massenvernichtung stoppen können.

Armin Pfahl-Traughber


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