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Herbert Exenberger "Der Geist ist in seine Schranken gewiesen" Bücherverbrennungen in NS-Deutschland Ansprache anlässlich der Ausstellungseröffnung "Verbrannte Bücher - 10. Mai 1933" im Bezirksmuseum Liesing, 9. 5. 2003 (Auszug) In einer politisch bewegten Zeit, eine knappe Woche vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler und der dadurch legalisierten Terrorwelle der Nationalsozialisten in Deutschland, gründeten am 22. Jänner 1933 sozialistische Autoren wie Josef Luitpold Stern, Fritz Brügel, Theodor Kramer und Rudolf Brunngraber in Wien die "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller". Sie wollten damit "alle Schriftsteller, deren Weltanschauung der Sozialismus ist, zur geistigen und materiellen Förderung ihrer Arbeit" sammeln "und eine Zusammenarbeit mit gleichgearteten künstlerischen Vereinigungen" herbeiführen. [...] |
Nach dem "Anschluss" Österreichs: Bücherverbrennung in Salzburg, 30. April 1938 |
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Am 30. April 1933 informierte die "Arbeiter-Zeitung" über die Vorbereitungen für einen
"zeitgemäßen Literaturkurs". Das Thema: Die verfolgte Literatur in Deutschland und die
Ankündigung der Nationalsozialisten, Bücher öffentlich zu verbrennen. "Nun greift man mit
doppelter Erwartung nach jenen Werken", meinte dazu ein Kommentar im Zentralorgan der
österreichischen Sozialdemokratie, "die dem deutschen Geist so zuwider sein sollen." Als
Vortragende stellten sich Mitglieder der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" wie Rudolf
Brunngraber, Edwin Zellweker oder Fritz Brügel zur Verfügung. Der Beginn der Vortragsreihe
im Saal der sozialistischen Bildungszentrale im 5. Wiener Bezirk wurde für 10. Mai 1933 um
19.30 Uhr festgesetzt. Unglaublicher Zufall oder Vorahnung einer weiteren Steigerung der
nazistischen Kulturbarbarei? Denn an diesem 10. Mai 1933 brüllten Nationalsozialisten ihre sattsam bekannten Feuersprüche - "gegen Klassenkampf und Materialismus, gegen Dekadenz und moralischen Verfall, gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, gegen literarischen Verrat an Soldaten des Weltkrieges, gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache und gegen Frechheit und Anmaßung" - und schleuderten Werke von Karl Marx, Erich Kästner, Sigmund Freud, Tucholsky oder Ossietzky, um nur einige hier anzuführen, in die lodernden Bücherscheiterhaufen. Allein auf dem Opernplatz in Berlin wurden mehr als 20.000 Bücher der verfemten Autoren verbrannt. Bereits zwei Tage später veröffentlichte Oskar Maria Graf (ab 4. Februar 1934 stellvertretender Obmann der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller") im Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie seinen leidenschaftlichen Protest "Verbrennt mich!", der sich von hier aus über die ganze Welt verbreitete. Den Protesttitel "Verbrennt mich!" verwendete man ebenfalls, um für Okar Maria Graf am Sonntag, dem 28. Mai 1933, im Saale "Zum Auge Gottes" im 9. Bezirk eine Kundgebung der Wiener Arbeiterschaft für den emigrierten bayrischen Dichter und gegen die faschistische Gleichschaltung des deutschen Geisteslebens zu organisieren. Einleitende Worte sprach der Obmann der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" Josef Luitpold Stern. Aber es gab auch andere Stimmen in Österreich. So meinte die "Reichspost", das Sprachrohr christlich-sozialer Kulturpolitik, am 9. Mai 1933: "Dass die nationale Bewegung in Deutschland das Volk von dem namenlosen Bücherschmutz und dem Gift befreien will, die seit dem Umsturz sich als Literatur auftun durften, entspricht gesunden Instinkten ... Die Reihe der zum Feuertod verurteilten Bücher ... weist keine auffallenden Namen auf. Die da betroffen werden, stehen nicht umsonst auf der Proskriptionsliste. Österreichern, die sich in dem Reigen jener gewissen Literaten eingefunden haben, steht kein Recht auf eine Ausnahmestellung zu." Während die österreichische Nazizeitung - die "Deutschösterreichische Tages-Zeitung" - am 12. Mai 1933 über den "Tod der jüdischen Literatur. Die großen Bücherverbrennungen im Reich" jubelte, ergänzte die christlichsoziale "Reichspost" am 17. Mai 1933 ihre erste Stellungnahme vom 9. Mai 1933:"Man kann in der nationalsozialistischen Kunst- und Kulturrevolution mancherlei kreuzende Strömungen und Gegenströmungen beobachten. Die eine, die innerhalb kurzer Zeit die deutsche Volksseele vergiftende Asphalt- und Zersetzungsliteratur fremdrassiger und einheimischer Provenienz hinweggeschwemmt hat, ist im Namen deutscher Würde und Ehre wärmstens zu begrüßen ..." Aber zurück zu den sozialistischen Schriftstellern, die die Aufklärungsarbeit der sozialdemokratischen Zentralstelle für das Bildungswesen über die Bücherverbrennungen unterstützten. Zunächst ließ die Bildungszentrale Stempel mit dem Text "Dieses Werk wurde aus Hitler-Deutschland verbannt! Urteilen Sie selbst!" anfertigen, um damit die in den Arbeiterbüchereien aufgestellten Werke verbrannter und verbannter Autoren zu kennzeichnen. Zusätzliche Materialzusammenstellungen und Listen ergänzten diese Aktion. Von Mai bis August 1933 fanden in Wien 41 Veranstaltungen - Vorträge mit anschließenden Rezitationen - über Bücherverbrennungen in NS-Deutschland statt. Vortragend waren die Mitglieder der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" Alfred Apsler, Fritz Brügel, Rudolf Brunngraber, Otto Koenig, Lotte Pirker, Josef Luitpold Stern und Edwin Zellweker. Aus verbrannten Texten lasen Mitglieder der "Vereinigung sozialistischer Künstler" wie etwa Attilio Mordo.Selbstverständlich meldete sich die "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" auch anlässlich des XI. internationalen PEN-Kongresses, der vom 25. bis 28. Mai 1933 in Dubrovnik stattfand, für die verfolgte deutsche Literatur zu Wort. Das Verhalten der offiziellen österreichischen Delegation bei diesem PEN-Kongress bildete weiteren Diskussionsstoff bei Veranstaltungen und in der sozialdemokratischen Presse. So informierte der in Graz erscheinende "Arbeiterwille" unter dem Tiel: "Hakenkreuztheater auf der Penklubtagung. Die Bücherverbrenner sind beleidigt, weil ein sozialistischer Dichter sprechen konnte" über prinzipielle Auseinandersetzungen bei diesem PEN-Kongress. Mitglieder der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller", wie der Kulturredakteur der "Arbeiter-Zeitung" David Josef Bach und der Leiter der Arbeiterkammerbibliothek Fritz Brügel, ergriffen auf der eigens einberufenen Generalversammlung des österreichischen PEN-Clubs am 28. Juni 1933, in der das Verhalten der österreichischen Delegation in Dubrovnik zur Sprache kam, das Wort. Beide rechneten mit dem Nazifaschismus, mit der Kapitulation und dem Stillschweigen der offiziellen Delegierten aus Österreich zur Verfolgung der antifaschistischen und jüdischen Literatur in Deutschland ab. Einige Jahre später, als die Nationalsozialisten schon fest im Sattel der Macht saßen, stellte ein gewisser Hans Franck in einem Naziblatt "Betrachtungen über das Buch" an. Wir finden hier Sätze wie: "Es hat ohne Zweifel eine Zeit gegeben, da man in Deutschland die Bedeutung des Buches überschätzte ... Das war die Zeit, in der langaufgeschossene, bebrillte, ungelenke Jünglinge, die mit ihren Gliedern nichts anzufangen wußten, [und] Tag und Nacht Lesestoff verschlangen ... Mit der allgemeinen Wandlung der Dinge ist auch darin ein Wandel eingetreten. Die Gefahr der Überschätzung des Buches besteht nicht mehr. Der Geist ist in seine Schranken gewiesen." Diese unglaublichen, entlarvenden Sätze des Nazis Hans Franck über die faschistische Kulturbarbarei klebte der allen Künsten zugängliche und dem gedruckten Wort leidenschaftlich verfallene Häftling Viktor Matejka im KZ Dachau in eines seiner von den österreichischen Häftlingen Alois Peter und Bruno Furch im Arbeitskommando "Buchbinderei" illegal hergestellten "Pickbücher".70 Jahre später gibt es für Interessierte genügend selbständige Publikationen und zahlreiche Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften über den 10. Mai 1933 und seine Folgen. Der Fischer Taschenbuch Verlag brachte eine eigene Reihe der "Bibliothek der verbrannten Bücher" heraus. Heute erinnern auch mehrere Mahnmale an die verfolgte und verbrannte Literatur. Etwa das vom israelischen Künstler erworfene "Denkmal der verbrannten Bücher" in Berlin-Mitte oder das Erinnerungszeichen in Dresden, Wettiner Platz 10. Diese Tafel erinnert an die Verbrennung der Bestände der sozialdemokratischen Arbeiterbuchhandlung Dresden. Die Worte, die Heinrich Heine in seinem Werk "Amansor" Hassan in den Mund legt: "Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen" wurde unter dem menschenverachtenden Gewaltregime der Nazis fürchterliche Realität. « zurück |
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