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Norwegen bekennt sich zur Mitverantwortung am Holocaust: Ruth Maier als Beispiel

 

Spätestens seit der Rede des damaligen norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg beim Staatsakt zum Holocaustgedenktag im Hafen von Oslo am 27. Jänner 2012 ist Ruth Maier zu einem Begriff in der norwegischen Geschichtspolitik geworden. Stoltenberg führte u. a. aus:

 

"Am Donnerstag, den 26. November 1942 kam der Holocaust nach Norwegen. Unter den vielen, die an diesem Tag festgenommen wurden, war Ruth Maier. Dank Gunvor Hofmo und Jan Erik Vold kennen wir ihre Geschichte.

 

Im Morgengrauen des 26. November trampelten schwere Stiefel über die Stiegen des Wohnheims 'Englehjemmet' in Oslo. Kurze Zeit darauf sahen die entsetzten Freundinnen, wie das zarte jüdische Mädchen aus der Tür am Dalsbergstien 3 geführt wurde.Das letzte Mal kurz gesehen wurde Ruth Maier, wie sie von zwei kräftigen norwegischen Polizeimännern in ein schwarzes Auto hineingestoßen wurde. Fünf Tage später war die 22-Jährige tot. Ermordet in der Gaskammer in Auschwitz.

 

Glücklicherweise ist es Teil unseres Menschseins, dass wir aus unseren Fehlern lernen. Und es ist nie zu spät. Mehr als fünfzig Jahre nach Kriegsende hat der Storting [das norwegische Parlament] über eine Regelung für die Abgeltung der wirtschaftlichen Liquidierung jüdischer Vermögenswerte entschieden. Damit hat der Staat die moralische Verantwortung für die an den norwegischen Juden während des Zweiten Weltkrieges verübten Verbrechen übernommen.

 

Wie verhält es sich mit den Verbrechen an Ruth Maier und anderen Juden? Die Morde wurden zweifellos von den Nazis begangen. Aber es waren Norweger, die die Verhaftungen durchführten. Es waren Norweger, die die Lastautos fuhren. Und es geschah in Norwegen. Im Laufe des Krieges wurden 772 norwegische Juden und jüdische Flüchtlinge verhaftet und deportiert. Nur 34 überlebten. Ohne die Nazis von ihrer Verantwortung zu entlasten, ist es Zeit für uns anzuerkennen, dass norwegische Polizisten und andere Norweger an der Verhaftung und Deportation von Juden mitwirkten. Heute halte ich es angebracht, meine tiefste Entschuldigung dafür auszusprechen, dass dies auf norwegischem Boden geschehen konnte.

 

Aber zu lernen ist genauso wichtig wie sich zu entschuldigen. Und noch wichtiger ist für uns die Verpflichtung, Haltungen und Handlungen zu bekämpfen, die uns unseren Anstand und unsere Menschlichkeit rauben. Ich bedaure sagen zu müssen, dass jene Ideen, die zum Holocaust geführt haben, auch heute, siebzig Jahre danach, noch lebendig sind. Überall in der Welt sehen wir, dass Individuen und Gruppen Intoleranz und Furcht verbreiten. Sie kultivieren gewalttätige Ideologien, die zu Antisemitismus und zum Hass auf Minderheiten führen könnten."

(Übersetzung aus dem Englischen)

 

 

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