Zur Neugestaltung der ständigen Ausstellung
des DÖW im Alten Rathaus


Inhalt

Die Ausstellung spannt einen inhaltlichen Bogen von der Vorgeschichte des Nationalsozialismus über Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit bis zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nach 1945. Sie leistet damit einen wesentlichen Beitrag zu den im Gedenkjahr 2005 notwendigen historischen Reflexionen und füllt gleichzeitig eine Lücke in der Wiener Museumslandschaft. Zum Unterschied von anderen Aktivitäten des heurigen Jahres wird diese Ausstellung auch in der Zukunft als Ergänzung des zeitgeschichtlichen Unterrichts an den Schulen ebenso wie zur Information von Interessierten aus aller Welt dienen.

Im Einzelnen werden folgende Themen von renommierten Historikern und Historikerinnen aufgearbeitet:
  1. Die politische, ökonomische und ideologische Vorgeschichte des "Anschlusses". Die instabile politische Situation der Ersten Republik mündete in die autoritäre Lösung des "Ständestaates", der wiederum in einem Zusammenhang mit anderen autoritären Regimen in Europa zu sehen ist. Wesentlich für die Erklärung der Akzeptanz der Judenverfolgung im NS-Regime ist der Hinweis auf die in Österreich seit langem bestehenden antisemitischen Traditionen, die im Rassenantisemitismus der Nationalsozialisten gebündelt wurden.


  2. Das NS-Regime in Österreich: Propaganda - Sozialdemagogie - Teilhabe. Dem unmittelbar beim "Anschluss" einsetzenden Terror gegen politische GegnerInnen, vor allem aber gegen Jüdinnen und Juden standen inszenierte Propaganda und Sozialdemagogie ebenso gegenüber wie die Zustimmung von Teilen der Bevölkerung zu den Maßnahmen des NS-Regimes. Einzelne der sozialdemagogisch inszenierten Maßnahmen haben bis heute einen festen Platz in der Erinnerung der älteren Generation und müssen schon aus diesem Grund thematisiert werden. Gleichzeitig bestand ein Spannungsverhältnis zwischen "deutscher Fremdherrschaft" und österreichischem Nationalsozialismus.


  3. Verfolgung der Jüdinnen und Juden in ihren wesentlichen Aspekten. Neben die zuerst ungeregelte, dann staatlich gelenkte Beraubung trat die fortschreitende Entrechtung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung. Diese Maßnahmen dienten nicht zuletzt als Druckmittel zur Vertreibung der Jüdinnen und Juden, die wiederum mit der materiellen Ausplünderung der Vertriebenen Hand in Hand ging. Es folgte die Konzentrierung der auf österreichischem Gebiet verbliebenen Jüdinnen und Juden in Wien, deren Lebensraum immer stärker eingeschränkt wurde. Auf Berufsverbote folgte die Zwangsarbeit im Dienste des NS-Regimes. Wien war schließlich der Ausgangspunkt für die Deportationen der österreichischen Jüdinnen und Juden in Ghettos, Konzentrationslager und an Orte der Ermordung. Österreicher spielten sowohl bei der Beraubung und Vertreibung ("Zentralstelle für jüdische Auswanderung") als auch in einzelnen Vernichtungslagern eine wesentliche Rolle, die nicht übergangen werden darf.


  4. Exil. Mehr als hunderttausend Jüdinnen und Juden wurden aus Österreich vertrieben und mussten in einem fremden Land mit einer für sie fremden Sprache eine neue Existenz aufzubauen versuchen. Von Bedeutung ist hier nicht nur das Schicksal der bekannten WissenschafterInnen und KünstlerInnen, sondern auch jenes der so genannten "kleinen Leute", die sich auf verschiedenste Art und Weise das Überleben sichern konnten. Neben der großen Zahl der Jüdinnen und Juden zogen - wenn auch quantitativ weniger - politisch Verfolgte die Flucht ins Ausland dem Leben im NS-Regime vor. Die aus Österreich Vertriebenen schlossen sich zu politisch ausgerichteten Exilorganisationen zusammen, kämpften an der Seite der Widerstandsorganisationen ihres Zufluchtslandes, z. B. in Frankreich, ebenso gegen den Nationalsozialismus wie in den Reihen der Alliierten Armeen. Neben dieser politischen Bedeutung des Exils dürfen die Flucht- und Lebensbedingungen der Mehrheit der aus Österreich Vertriebenen nicht übersehen werden.


  5. Verfolgung anderer Minderheiten. Gegenüber Roma und Sinti bestand eine lange Tradition der Ausgrenzung und der Vorurteile, die im NS-Regime in Zwangsarbeit, Deportation und Ermordung mündeten. Die Überlebenden sahen sich nach 1945 abermals Diskriminierungen gegenüber.

    Infolge rassistischer bevölkerungspolitischer Vorstellungen wurden Menschen im NS-Regime auch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verfolgt, wobei die besondere österreichische Gesetzeslage auch Maßnahmen gegen lesbische Frauen ermöglichte. Gerichtliche Verurteilungen und Inhaftierung in Konzentrationslagern erfolgten. Erst 1995 wurden erste Entschädigungsmaßnahmen für diese Gruppe von Verfolgten umgesetzt.

    Die Verfolgung von sozial unangepassten Menschen als so genannte "Asoziale" ist gleichfalls zu thematisieren, wobei der Übergang von unangepasstem Verhalten zu Widerstandshandlungen oft ein fließender war, insbesondere bei Jugendlichen.


  6. Die NS-Medizinverbrechen, zu denen mittlerweile umfassende neue Forschungen vorliegen, werden sowohl im Schloss Hartheim, Oberösterreich, als auch in der neuen Ausstellung im Otto Wagner-Spital in Wien dokumentiert, müssen jedoch der Vollständigkeit halber auch in der neuen zentral gelegenen Ausstellung dargestellt werden.


  7. Widerstand gegen das NS-Regime. Dieser wurde von verschiedenen weltanschaulichen, religiösen und politischen Gruppen, von SozialistInnen, KommunistInnen, Christlich-Konservativen, MonarchistInnen, Angehörigen der katholischen Kirche, ZeugInnen Jehovas, Kärntner SlowenInnen, Wiener Tschechen und Tschechinnen aus politischen Gründen im engeren Sinn getragen, war aber auch religiös motiviert oder erfolgte einfach aus Mitmenschlichkeit. Der vom Dokumentationsarchiv in seinen wissenschaftlichen Arbeiten angewandte weite Widerstandsbegriff umfasst Aktivitäten von Partisanen ebenso wie jene politischer Widerstandsgruppen, aber auch gegen das NS-Regime bzw. seine Prinzipien gerichtete Handlungen von Einzelpersonen. Jede Opposition gegen die NS-Herrschaft ist angesichts des nationalsozialistischen Terrorapparates zu würdigen.


  8. Konzentrationslager und Zwangsarbeit. Konzentrationslager waren das wohl bekannteste Instrument der nationalsozialistischen Unterdrückung. Dem KZ-System waren Juden und Jüdinnen, Roma und Sinti, politisch und aus religiösen oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Verfolgte ausgeliefert. Die rassistische Hierarchisierung des NS-Regimes wies den verschiedenen Gruppen von Häftlingen unterschiedliche Positionen in der Häftlingshierarchie zu. Wenn auch in der Gedenkstätte Mauthausen vielfältige Informationen geboten werden, muss eine umfassende Ausstellung im DÖW Geschichte, Struktur und Häftlinge des Lagersystems des KZ Mauthausen zumindest kurz darstellen. Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben, Konzentrationslagern und in der Landwirtschaft waren neben Juden und Jüdinnen, Roma und Sinti sowie KZ-Häftlingen auch hunderttausende ZivilarbeiterInnen und Kriegsgefangene aus dem besetzten Europa unterworfen, wobei Angehörige der in nationalsozialistischer Sicht "minderwertigen" osteuropäischen Völker besonders harten Arbeitsbedingungen ausgesetzt waren.


  9. Aufarbeitung der NS-Zeit nach 1945. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erfolgte nach 1945 in mehreren Bereichen. Die Nachkriegsjustiz setzte sich mit NS-Verbrechen im Rahmen des NS-Verbotsgesetzes und des Kriegsverbrechergesetzes auseinander. Die Entnazifizierung sowie die Integration der ehemaligen Nationalsozialisten in die Nachkriegsgesellschaft kann ebenso als Indikator für die Aufarbeitung der NS-Zeit herangezogen werden wie der Umgang der Republik Österreich mit den Opfern des Nationalsozialismus.


  10. NS-Apologetik und Holocaust-Leugnung. Dieser Themenbereich reicht von der Verharmlosung und einer positiven Sicht des NS-Regimes (Autobahnbau, Arbeitslosigkeit) bis hin zur Leugnung der NS-Verbrechen. Anhand dieser vom DÖW in mehreren Publikationen behandelten Aspekte kann auch auf die Thematik des Rechtsextremismus und Neonazismus eingegangen werden.


  11. Ein kurzer Abschnitt der Ausstellung wird dem DÖW selbst - Geschichte, Struktur, Tätigkeit - gewidmet sein.



  12. Form der Darstellung

    Die Darstellung erfolgt unter maximaler Nützung der vorhandenen Fläche in der "Bürgerstube" des Alten Rathauses auf drei Ebenen:

    Ebene 1:
    Eine Ausstellung in traditioneller Form mit Wandtafeln und Ausstellungstexten wird den BesucherInnen in deutscher und englischer Sprache eine erste Information zu den thematischen Bereichen bieten, sodass BesucherInnen aus dem In- und Ausland auch bei einem kurzen Durchgang einen Überblick gewinnen können.


    Ebene 2:
    Auf Computerterminals wird abgestuft eine Fülle weiterer Information zu gewinnen sein, wobei die Ebenen von einem allgemeinen Überblick bis hin zu Biographien von Verfolgten oder Tätern, Tondokumenten (Interviews mit Verfolgten und WiderstandskämpferInnen) sowie Dokumenteneditionen zu verschiedenen Aspekten der genannten Themenbereiche reichen. Diese Abfragemöglichkeit soll insbesondere SchülerInnen weiterführende Recherchen ebenso ermöglichen wie die Mitnahme ausgedruckter Dokumente für den Unterricht. Die EDV-gestützte Darstellung bietet ein Maximum an Flexibilität. Neue Forschungsergebnisse oder ergänzende Dokumente können jederzeit eingebaut werden, wodurch die Ausstellung auch in einigen Jahren noch aktuell gehalten werden kann. Über die Computer soll in einer späteren Ausbaustufe auch Information in weiteren Fremdsprachen angeboten werden.


    Ebene 3:
    Ein Folder, in mehreren Sprachen erhältlich, wird Grundinformationen der traditionellen Ausstellung beinhalten. Für darüber hinaus Interessierte, vor allem auch Schulklassen und LehrerInnen wird ein umfangreicher Ausstellungskatalog mit weiterführenden Informationen erarbeitet werden. Über das Internet soll insbesondere Schulen aus anderen Bundesländern ein virtueller Gang durch die Ausstellung angeboten werden.


    Ort der Ausstellung

    Der Ausstellungsstandort im Alten Rathaus im Zentrum Wiens (Wien 1., Wipplingerstr. 8) bietet eine wesentliche Ergänzung zum Gedenkkomplex am Judenplatz. Dort besteht neben dem Denkmal im angeschlossenen Museum nur eine Computerabfrage über die Ergebnisse des DÖW-Forschungsprojektes der "Namentlichen Erfassung der österreichischen Holocaustopfer", die BesucherInnen können aber keine weitere Information zur NS-Herrschaft in Österreich einholen. Die Ausstellung wird weiters als Ausgangspunkt für Stadtführungen mit dem Schwerpunkt Widerstand und Verfolgung dienen, wobei neben dem Denkmal am Judenplatz auch die Gedenkstätte für die Opfer des Gestapo-Terrors in der Salztorgasse sowie das Denkmal am Morzinplatz einbezogen werden.

    Der Ausstellung kommt damit auch im Rahmen des Wien-Tourismus eine wichtige Funktion zu. Mit dieser Ausstellung verfügt Wien, wo eine große jüdische Gemeinde lebte und dessen BewohnerInnen auch im Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine bedeutende Rolle spielten, über eine repräsentative Aufarbeitung der NS-Zeit.


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