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ÖsterreicherInnen im Exil. USA 1938-1945 / Remigration 39. AUS: "AUSTRIA"-ARTIKEL "DAS MÄRCHEN VOM ANTISEMITISMUS IN WIEN" VOM WIENER BÜRGERMEISTER THEODOR KÖRNER, 25. 3. 1947 (109)
Austria. A Gunther Publication. A Paper of Conservative-Democratic Opinion. Ein Blatt der Bürgerlich-Demokratischen Meinung, N. Y. C., 25. 3. 1947 DÖW Bibliothek 3020 |
Materialien
Aus: Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Einleitungen, Auswahl und Bearbeitung: Peter Eppel, Wien 1995, Bd. 2, S. 741-744 |
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Aus Briefen und Zeitungsproben der letzten Zeit entnehmen wir, dass in einigen Staaten in gewissen Kreisen die Meinung besteht, dass Österreich auch nach der Niederlage des Nationalsozialismus und nach der Loslösung vom Deutschen Reich noch immer dem Antisemitismus verfallen sei. Selbst bis in nordamerikanische Zeitungen ist dieses Märchen vorgedrungen, und es soll sogar hartnäckig geglaubt werden. Im Ausland erzählt man über Österreich und über Wien Schauergeschichten und ausgesprochene Dummheiten wie: Auf der Wiener Ringstraße sollen noch immer die Bänke mit der Aufschrift "Nur für Arier" stehen. Nur der Anwesenheit der Besatzungstruppen sei es zu danken, dass Ausschreitungen gegen die Juden nicht stattfinden. Man fabelt, dass aus den KZs oder aus der Emigration nach Österreich zurückkehrende Juden vergeblich die Wiedergutmachung des ihnen von den Nazis zugefügten Schadens anstreben. Sie sollen in Wien unfreundlich aufgenommen, ja sogar misshandelt werden. [...]
An diesen Schauergeschichten ist selbstverständlich kein Wort wahr. Im Ausland, das unsere Verhältnisse doch nur durch die Perspektive jahrelanger Abschließung und aus großer Entfernung zu beurteilen vermag, wird vieles geglaubt und weiterverbreitet, weil niemand zur Stelle ist, der solchen Erzählungen entgegentreten könnte. Deshalb halte ich es für notwendig, als Bürgermeister in dieser Angelegenheit selbst das Wort zu ergreifen, um diesem Unsinn entgegenzutreten. Die Urheber solcher unwahrer Erzählungen, die als ärgste Brunnenvergiftung bezeichnet werden können und geradezu an Rufmord an der Heimat grenzen, sind uns bekannt. Ein für allemal sei festgestellt, dass es, außer den von den Nazis in der Zeit ihrer Herrschaft über Österreich organisierten Ausschreitungen, in Wien Judenpogrome überhaupt niemals gegeben hat. Jetzt aber ist die Behauptung, dass nur die Anwesenheit der Besatzungstruppen derartige Ausschreitungen verhindere, ein blanker Unsinn oder bewusste Verleumdung. [...] Tatsache ist vielmehr, dass die aus den Gefängnissen, aus Konzentrationslagern oder aus dem Auslande zurückgekehrten jüdischen Mitbürger von ihren Freunden mit der größten Herzlichkeit empfangen werden. Von der ganzen Öffentlichkeit werden sie genau so behandelt wie die sich in ähnlicher Lage befindlichen oder die zurückkehrenden Mitbürger anderer Religionszugehörigkeit. Ihre Wiedergutmachungsansprüche werden von allen dazu berufenen Behörden und privaten Organisationen anerkannt und, wo dies möglich ist, bevorzugt behandelt. Insgesamt sind bis jetzt rund 5000 Juden - Greise, Frauen und Kinder eingerechnet - nach Wien zurückgekehrt. Von diesen sind nicht weniger als 350 als Beamte, Angestellte oder Arbeiter in den Dienst der Gemeinde, weitere 400 bei den städtischen Unternehmungen (Straßenbahn, Gas- und Elektrizitätswerken usw.) neu oder wieder eingestellt worden. Dass die Wiedereingestellten eine ihren Fähigkeiten und ihrer Vorbildung und Leistungsfähigkeit entsprechende Stellung erhalten, ist nur selbstverständlich. Rückkehr von Künstlern Als Bürgermeister der Stadt Wien habe ich sofort, als eine Rückkehr nach Österreich überhaupt möglich wurde, eine Reihe namhafter jüdischer Künstler und Gelehrter eingeladen, nach Wien zurückzukehren und ihre Tätigkeit hier wieder aufzunehmen. Wer dieser Einladung gefolgt ist, wurde hier herzlich empfangen und ist in seinem Berufe wieder tätig. Als Beispiele seien angeführt: die Mitglieder des Burgtheaters Else Wohlgemut und Lilly Karoly, die bekannten Humoristen Karl Farkas und Max Brod, der Schriftsteller Hans Weigl, der Schauspieler Wolfgang Heinz vom Volkstheater, und zur besonderen Freude aller Wiener ist auch die Rückkehr Hermann Leopoldis angekündigt. [...]Die Schwierigkeiten der Wiedergutmachung Ist die Wiedergutmachung bei Wiedereingliederung in den früheren Beruf oder bei Schaffung einer neuen Existenz in den meisten Fällen leicht möglich, so stößt sie hinsichtlich der Wohnung zumeist auf größere Schwierigkeiten. Diese sind darin begründet, dass die dem Heimkehrenden seinerzeit von den Nazis geraubte Wohnung sich meistens nicht mehr im Besitze des ursprünglichen Ariseurs befindet. Wäre dies der Fall, so stünde der Wiedergutmachung kaum etwas im Wege. [...]Es ist ein falscher Schluss, uns der Interesselosigkeit gegenüber den jüdischen Heimkehrern zu zeihen, wo in Wirklichkeit nur die verzögernde Wirkung der Einhaltung der Gesetze vorliegt, die für einen demokratischen Rechtsstaat schließlich selbstverständlich sind und auch in anderen Staaten nicht anders gehandhabt werden würden. Im ersten Jahre der Befreiung hat ein solches Problem für uns in Wien überhaupt kaum existiert. Die Zahl der heimkehrenden Juden war damals noch so klein, dass ihre Versorgung, Unterbringung und Wiedergutmachung kaum besondere Schwierigkeiten verursacht hat. Erst der breiter werdende Heimkehrerstrom, der im Jahre 1946 eingesetzt hat, bewirkte, dass dieses Problem überhaupt in der öffentlichen Verwaltung unserer Stadt entstanden ist. Es reduziert sich aber im Wesentlichen auf die einzige Schwierigkeit der befriedigenden und raschen Wiedergutmachung auf dem Gebiete des Obdachs. In dem Augenblick, in dem die Wiederherstellung der kriegsbeschädigten Wohnungen raschere Fortschritte machen wird und Wohnungen in größerer Zahl von den Besatzungstruppen wieder freigegeben werden, wird auch dieses Problem aufhören, ein Problem zu sein. Es wird dann möglich sein, wenn schon nicht die seinerzeit innegehabte Wohnung zurückgegeben werden kann, eine gleichwertige andere Wohnung zuzuweisen. Inzwischen wurde vom zuständigen amtsführenden Stadtrat eine eigene Abteilung im Wohnungsamt mit dem Sonderauftrag der Überprüfung und Förderung der Wiedergutmachungsansprüche jüdischer Heimkehrer geschaffen und verfügt, dass alle in seinerzeit arisierten Wohnhäusern frei werdenden Wohnungen in erster Linie jüdischen Heimkehrern zugewiesen werden müssen. [...] Von dem Grundsatz ausgehend, dass niemand, der infolge seiner gegnerischen Einstellung gegen Faschismus und Nationalsozialismus oder seiner Abstammung zu Schaden gekommen ist, bei Erfüllung seiner Wiedergutmachungsansprüche schlechter behandelt werden darf als ein anderer, stelle ich abschließend fest, dass die jüdischen Heimkehrer selbstverständlich von niemandem in Österreich und daher auch von keiner österreichischen Behörde benachteiligt werden. Wer nach Österreich zurückkommt, wird gut und freundlich aufgenommen und so schnell als es die sachlichen Bedingungen und die gesetzlichen Voraussetzungen ermöglichen, in seine alten Rechte wieder eingesetzt. Es ist in Wien niemals zu antisemitischen Ausschreitungen jenes Umfanges gekommen, wie sie in anderen Ländern schon lange vor Begründung des Nationalsozialismus auf der Tagesordnung waren, denn der Wiener ist Weltbürger und daher von vornherein kein Antisemit. Antisemitische Tendenzen sind ihm auch jetzt vollkommen fremd. Erzählungen darüber sind bewusste Lügen oder gedankenloses Geschwätz. Anmerkung 109) Vgl. Robert Knight (Hrsg.), "Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen". Die Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung von 1945 bis 1952 über die Entschädigung der Juden, Frankfurt am Main 1988, S. 164 f. « zurück |
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