ÖsterreicherInnen im Exil. USA 1938-1945 / Remigration



36. AUS: "AUSTRO AMERICAN TRIBUNE"-LESERBRIEF VON DR. S. WARENREICH (CHICAGO, ILLINOIS) "ZUR DISKUSSION ÜBER RÜCKWANDERUNG VON INTELLEKTUELLEN", OKTOBER 1946 (107)

Austro American Tribune, N. Y. C., Oktober 1946
DÖW Bibliothek 3002

Materialien

Aus: Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Einleitungen, Auswahl und Bearbeitung: Peter Eppel, Wien 1995, Bd. 2, S. 739 f.

Ich habe mit großem Interesse den offenen Brief gelesen, den Herr Robert Rie in der Septembernummer der "AAT" an den österreichischen Bundeskanzler richtete [...].

Ich stimme mit dem Verfasser vollständig überein: was wir brauchen, erwarten und in vielen Fällen herbeisehnen, ist die ernst gemeinte, unverklausulierte Aufforderung zur Rückkehr in die alte Heimat, die Gutmachung des Schadens, den wir erlitten, und die Müglichkeit, die zerstörte Existenz wieder aufzubauen.

Aber damit stehen wir vor der großen Frage: woher sollen wir die Mittel nehmen, die zum Wiederaufbau einer Existenz notwendig sind? Wenn wir von Plänen für Schadensgutmachung hören, so ist immer von der Rückgabe von Häusern und Geschäften, von der Erstattung widerrechtlich entzogener Vermögenswerte, kurz, von Schadensfällen die Rede, in denen eine gegenständliche und ziffernmäßige Feststellung möglich ist.

Mit dieser Art von Wiedergutmachung ist gerade uns Intellektuellen, für die Herr Rie das Wort ergreift, sehr wenig geholfen. Er führt sehr richtig aus, dass wir in der alten Heimat meistens kein hohes Einkommen hatten; Haus- und Grundbesitz, namhafte Bankguthaben dürften wohl nur die wenigsten besessen haben. Unser Geschäft, das waren wir selbst, unsere Verbindungen und Beziehungen, Fähigkeiten und Kenntnisse, auf deren Basis wir uns eine Existenz aufgebaut hatten, die uns mit einer gewissen Sicherheit in die Zukunft zu blicken erlaubte.

Die Wiedergutmachung des uns zugefügten Schadens, selbst wenn wir in der Lage wären, ihn ziffernmäßig nachzuweisen, der Ersatz für unsere Mobilien, die wir verschleudern oder einfach im Stich lassen mussten, würde uns in keinem Falle die Mittel für den Neuaufbau unserer Existenz bieten können. Wenn eine Aufforderung zur Rückkehr, falls sie überhaupt erfolgt, nicht eine schöne Geste bleiben soll, dann muss noch eine andere wirksame Art von Hilfe hinzukommen.

Gerade in den letzten Tagen ging eine Mitteilung durch die Presse, dass die polnische Regierung die Absicht ankündigte, jedem Juden, der im Lande zu bleiben wünsche, jede mögliche Hilfe zu gewähren, um von vorne beginnen und sich in das wirtschaftliche Leben des Landes wieder einordnen zu können. Zu diesem Zwecke wurde vom polnischen Premierminister bereits ein Regierungskommissär mit den entsprechenden Vollmachten ernannt. Es bleibt abzuwarten, ob und wieweit diese Absichten realisiert werden; aber der Gedanke, der diesen Plänen zugrunde liegt, ist gesund und für die emigrierten östereichischen Juden umsomehr zutreffend, als sie nicht im Lande verblieben sind, sondern erst wieder dahin zurückkehren sollen.

Gewiss würde es der österreichischen Regierung nicht leicht fallen, die erforderlichen Mittel bereitzustellen. Aber die Zahl derer, die eine solche Hilfe in Anspruch nehmen wollen, dürfte nicht allzu groß sein.



Anmerkung

107 Vgl. Dok. 35.


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