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ÖsterreicherInnen im Exil. USA 1938-1945 / Remigration 35. ROBERT RIES "OFFENER BRIEF AUS DER EMIGRATION" AN DEN ÖSTERREICHISCHEN BUNDESKANZLER MIT DEM APPELL, DIE VERTRIEBENEN ZUR RÜCKKEHR AUFZUFORDERN, SEPTEMBER 1946
Austro American Tribune, N. Y. C., September 1946 DÖW Bibliothek 3002 |
Materialien
Aus: Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Einleitungen, Auswahl und Bearbeitung: Peter Eppel, Wien 1995, Bd. 2, S. 737 ff. |
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Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
An einem der vergangenen Tage habe ich mich gegen mein ehemaliges österreichisches Vaterland versündigt, indem ich in einem führenden Blatt der amerikanischen Bundeshauptstadt Washington einen Angriff auf die gegenwärtige Politik und Haltung der Österreicher veröffentlichte. Einige meiner Behauptungen wurden von einem Freunde Österreichs - vielleicht von einem Österreicher mit angenommenem englischen Namen - zurückgewiesen, aber leider nicht alle. Nur eines war mir schmerzlich und beschämte mich: der andere Freund Österreichs - denn nie werde ich aufhören, mich dem Lande, das mich vertrieben hat, aufs tiefste verbunden zu fühlen - warf mir vor, Österreich in einem Augenblick angegriffen und seinem Namen Schaden gebracht zu haben, da dieses Land Hilfe am dringendsten braucht, da das Volk aufs schwerste leidet. Leiden ... Hilfe ... Ich habe mich geschämt ... Ich habe die Pflicht zu bereuen, aber ich habe das Recht zu erklären: Ersparen will ich mir, auf die Bitterkeiten der Emigration, auf die Bitternisse der Erlebnisse, auf die Erbitterungen in unseren Empfindungen hinzuweisen. Sie, Herr Bundeskanzler, haben in Konzentrationslagern Schwereres durchgemacht. Hingegen habe ich in dem anderen offenen Brief auf die Enttäuschungen hingewiesen, die wir hier durch die Verständnislosigkeit der Heimat erleiden - Verständnislosigkeit uns gegenüber, Verständnismangel sich selbst gegenüber. Kein Tag beinahe vergeht, an dem nicht die Post Briefe lieber Freunde aus der alten Heimat brächte, Briefe voll von Beweisen alter Anhänglichkeit, voll von Berichten des Ausgestandenen, von Schilderungen der Ruinen, des Hungers, der Not. ... Aber selten schließen diese Briefe ohne Hinweis auf die Möglichkeit, die wir Emigranten hätten, den Absendern Liebesgabenpakete zu schicken. Hilfe nach Österreich, Herr Bundeskanzler, wird freigiebig verlangt. Wie steht es mit der Hilfe aus Österreich? [...] Ich wage [...] die Forderung: Nicht um Lebensmittelpakete sollen uns unsere alten Landsleute bitten, sondern um unsere Rückkehr; nicht die Adressen sollen uns bekannt gegeben werden, durch welche wir Liebesgaben nach Österreich schicken können, sondern die Gesetze, durch die die Bundesregierung den uns angetanen Schaden gutzumachen gedenkt. Ich weiß, dass es unmöglich sein wird, in jedem individuellen Fall die individuell gestohlenen, versteigerten Objekte zurückzugeben. Die Österreicher vergessen eines: dass die meisten Emigranten in den Vereinigten Staaten Intellektuelle sind, die aus der alten Heimat, wo sie kein hohes Einkommen, aber eine soziale Position gehabt hatten, ins Neuland flohen, wo sie nicht einmal eine soziale Position haben. Die Österreicher vergessen ein Zweites: dass sie nicht mehr die komische Hymne eines Karl Kraus "Mir san ja eh die reinen Lamperln" singen dürfen. Zu viele nationalsozialistische Grausamkeiten sind auf österreichischem Territorium begangen worden - zum Teil, Herr Bundeskanzler, von unseren Landsleuten. Ich konnte in meinem anderen offenen Brief dem guten Namen Österreichs keinen Schaden antun - er hat nämlich schon gelitten. Österreich muss den guten Namen wieder herstellen. Die Österreicher vergessen ein Drittes: dass sie sich selbst helfen müssen. Die nicht unbegrenzten Reichtümer der Alliierten werden in erster Linie jenen Völkern zu Gebote stehen, die sich einem deutschen Einmarsch tapfer kämpfend entgegengestellt haben. ... Wenn Österreich Selbstrespekt zeigt, nicht immer nur Hilfe anfordert, sondern beginnt, Hilfe anzubieten - dann, ja dann wird sich Österreichs Lage ändern. Denn wir alle, Herr Bundeskanzler, müssen verstehen lernen, dass Österreich unglücklicherweise sich nicht in dem bevorzugten Kreise jener Nationen befindet, die den gemeinsamen Feind gemeinsam bekriegt haben. Der 11. März 1938 ist der Katastrophentag, die Katastrophengrenze. Seit diesem Tage haben viele, allzu viele Österreicher Ursache, Reue zu zeigen, aber auch Gelegenheit, ihre Treue zu beweisen. « zurück |
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