ÖsterreicherInnen im Exil. USA 1938-1945 / Remigration



27. AUS: AUFRUF VON WILLI FORST IN DER ZEITSCHRIFT "FILM" "AN DIE ÖSTERREICHISCHEN KÜNSTLER UND AN UNSERE FREUNDE IN DER WELT" MIT DEM ERSUCHEN, NACH WIEN ZURÜCKZUKEHREN, APRIL 1946 (101)

Film. Die Österreichische Illustrierte Zeitschrift, Wien,
April 1946

Materialien

Aus: Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Einleitungen, Auswahl und Bearbeitung: Peter Eppel, Wien 1995, Bd. 2, S. 729 f.

Ich rufe nach Österreich ...

Ein offenes Wort an unsere Freunde in der Welt

[...] Wenn wir auf die Frage: "wo ist eigentlich Wien, unser Wien?" antworten sollen, so stottern wir. [...]

Ich [...] gebe offen zu: wenn ich gewusst hätte, wie es werden würde - ich wäre wahrscheinlich auch nicht dageblieben. [...]

Ich finde, man sollte die Dinge, die sich hier zugetragen haben, nicht nur aus der Perspektive der Emigration beurteilen. Ich will in keiner Weise für uns, die wir 1938 hier geblieben sind, eine Märtyrerkrone winden. Und ich will in keiner Weise diejenigen, die fortgegangen sind, verletzen; die unsägliche Bitterkeit des Exils und des Heimwehs kann ich sehr wohl ermessen. Aber wenn einer kommt, auch einer, der damals im 38er Jahr einfach keine andere Wahl hatte, als wegzugehen, und der es eben nicht miterlebt hat, wie hier die Bomben fielen, und der nicht erlebt hat, was es hieß, wenn es früh am Morgen an der Tür läutete: "Gestapo!", einer, der nicht erlebt hat, wie man sich zusammentat, um das letzte Österreichische vor den langen Fingern der braunen Herren zu verbergen (von draußen wäre das schwerlich gegangen ...), und wenn der nun versucht zureden - da kann ich nur lachen! [...]

Gut, es sind einige durchgekommen. Die sind jetzt übrig geblieben. Aber sie reichen nicht aus. Für das, was wir uns unter Wien vorstellen, reichen sie nicht aus. Wir schaffen es jetzt allein noch nicht. Und damit bin ich bei dem, worauf ich hinauswollte.

Ich wende mich an die, die zu uns gehören und draußen sind, an die österreichischen Künstler und an unsere Freunde in aller Welt! Kommt zurück und helft!

Niemand verlangt, dass einer eine Position, die er sich geschaffen hat, auf die Dauer aufgibt und nach Wien kommt. Aber dürfen wir nicht erwarten, dass man sich besinnt, wo man her ist? Man hat doch das meiste, was man hat, gerade von dort, wo man her ist, und eben dort sieht es jetzt so aus, dass geholfen werden muss. Ohne Sentiments - wir sind arm, aber wir sind keine Bettler, und wer keine Lust hat, soll bleiben, wo er ist. Wer aber noch einen Tropfen wienerisches, österreichisches Herzblut in sich spürt oder wer sich, was noch viel wichtiger ist, zu diesem Wien, unserem Wien, zugehörig fühlt, den wollen wir bitten, dass er komme.



Anmerkung

101) Vgl. Film. Die Österreichische Illustrierte Zeitschrift, Mai und August 1946.


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