ÖsterreicherInnen im Exil. USA 1938-1945 / Remigration



25. AUS: BRIEF VON ERNST KARL WINTER AN VIKTOR MATEJKA BETREFFEND DIE RÜCKKEHR ERNST KARL WINTERS UND SEINER FAMILIE, 25. 3. 1946 (100)

DÖW 15.060/77

Materialien

Aus: Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Einleitungen, Auswahl und Bearbeitung: Peter Eppel, Wien 1995, Bd. 2, S. 726 ff.

Das einzige, was ich gerne wissen möchte und auch aus verschiedensten Gründen bald wissen muss, ist, ob diese Abneigung derer, die daheim durchhielten, ohne jemals eingesperrt zu werden, gegen diejenigen, die rechtzeitig weggingen, so groß ist, dass ich auf keine Förderer rechnen kann. [...] Dass Du selbst für mich die Möglichkeit einer Position siehst, ehrt mich und ist ein Zeichen der Freundschaft, die uns verbindet. [...] Die Liste der Lehrer an der Juridischen Fakultät, die ich durch Dich zum ersten Mal sehe, ist wirklich "impressive"; sie zeigt, dass sich an der Alma Mater nichts geändert hat, woran wohl auch die unausgenützte kurze Herrschaft der Linken mitschuldig ist. Ich möchte fast wetten, dass Othmar Spann und Reinhold Lorenz, die m. E. eingesperrt gehörten, früher wieder in Amt und Würden sein werden, als etwa ich auch nur habilitiert. So sehr ich selbst der Überzeugung bin, dass ich in einer wirklichen Position an der Universität etwas Positives leisten könnte, so habe ich selbstverständlich keine Forderung dieser Art gestellt. Vielmehr habe ich in gleichzeitigen Briefen an Figl und Hurdes nichts anderes verlangt, als dass die seinerzeitige Habilitationswerbung, die nun fast 20 Jahre alt ist, als ein Zeichen des veränderten Kurses akzeptiert werde. Unter Schuschnigg wurde dieselbe durch eine eigene Lex Winter von der Universität ans Ministerium gezogen. Auch wenn diese Verordnung nicht mehr in Kraft ist und damit leider die volle Autonomie der Universität wiederhergestellt, so würde es m. E. nur eines Briefes von Hurdes bedürfen, um die Fakultät, in der Verdroß und Degenfeld den Fall genau kennen, zur Aktion zu veranlassen. Du wirst sicher verstehen, dass ich diese Geste als das Minimum betrachte, das allein mich persönlich überzeugen kann, dass ich wirklich etwas in Österreich Sinnvolles zu tun habe. Wenn dieses Sommersemester vergeht und ich höre nichts von Wien in dieser Sache, so muss ich wohl annehmen, dass man mich nicht will. Ich wäre Dir daher von Herzen dankbar, wenn Du Deinen Einfluss dazu benützen würdest, um mir zu dieser Klärung zu verhelfen. Ich habe natürlich Figl nicht nur ein Ansuchen unterbreitet, sondern mich ihm auch grundsätzlich zur Verfügung gestellt. Irgendein Echo seinerseits hatte diese Tatsache bisher nicht. Auch Dr. Kleinwächter hat bisher "keine Zeit" gehabt - nicht nur für mich persönlich, der ich mich durchaus nicht aufgedrängt habe, sondern auch für die viel dringendere Frage, was man alles in der Causa Südtirol hier unternehmen könnte. Mein Standpunkt, den ich Figl schrieb, ist, dass wir als eine zehnköpfige Familie, die arbeiten kann und will, sofort kommen, wenn man uns braucht und will, dass man dann aber für uns irgendeinen Platz im 100-km-Radius von Wien für uns sichern muss, wo wir unseren Kohl selbst bauen können. Kann man das nicht tun, und will man uns daher nicht sofort, so werden wir schon noch später einmal kommen "under our own steam", freilich dann nicht früher, als bis uns hier die Zeit dazu reif erscheint. Wir sind auf alle Fälle entschlossen, nach Österreich zurückzugehen. Wann das sein wird, hängt davon ab, ob man uns jetzt schon will oder nicht. An sich bemühe ich mich seit der Befreiung Wiens, das Exitvisa zu bekommen (ich hoffte doch noch meine Mutter vor ihrem Tod zu sehen). Seit einem Monat würde ich es bekommen, vielleicht auch die Nicht-Amerikaner meiner Familie, jedoch nicht mein ältester Sohn, der drei Jahre in der amerikanischen Armee gedient hat und vor einer Woche endlich aus den Philippinen heimkam. Um für die Befreiung Österreichs kämpfen zu können und nach Europa geschickt zu werden, wurde er allein Amerikaner, wobei er es als ein "conditional citizenship" auffasste. Noch im Jänner hat er in den Philippinen mit Zustimmung seiner militärischen Vorgesetzten eine Loyalitätserklärung für Österreich abgegeben und auch dem Kanzler geschrieben. Beim Discharge wurde er jedoch als Amerikaner behandelt, und jetzt erfahre ich aus Washington, dass er nur das Visum bekommt, wenn er die amerikanische Staatsbürgerschaft vor dem Gericht niederlegt, was ein langwieriger Prozess ist und keineswegs ganz sicher. Überdies habe ich bisher noch keine authentische Auskunft von Kleinwächter, ob er durch dieses Niederlegen automatisch wieder Österreicher wird oder erst neuerdings um die österreichische Staatsbürgerschaft einreichen muss und ob er die Letztere dann auch sicher bekommen würde. Das sind in dieser Welt, die große Geister und Ideen brauchen würde, die Sorgen des Bürokratismus. Dieselben aber schieben vorläufig unsere Abfahrt von hier auf, auch wenn alle anderen Probleme gelöst wären. Wenn man fast ein Jahr lang für eine Sache arbeitet, ohne wesentlich weiter zu kommen, so tritt notwendig ein Sättigungsgrad hinsichtlich aller möglichen weiteren Anstrengungen ein. Das gilt naturgemäß noch mehr für meine Kinder, die völlig anders als die allermeisten anderen Emigrantenkinder mit ihren Eltern nach Österreich zurückgehen wollen, aber hier naturgemäß viel mehr aufgeben als wir. Es ist psychologisch unmöglich, dass ich sie alle ewig hinhalte. Wir müssen bald wissen, woran wir sind. Ich bitte Dich sehr, mir dazu zu verhelfen. Wenn wir nicht im Laufe des Sommers von hier weggehen, so bedeutet das naturgemäß, dass wir ab September neue Miet- und Anstellungsverträge für ein weiteres Jahr abschließen müssen und dass wir uns überhaupt auf längere Sicht einzustellen haben. Wenn dem so ist, dann soll man es ruhig sagen. Sagt man es nicht, werde ich es längstens Juli wissen. In welcher Richtung ich gerade in den letzten Jahren gearbeitet habe, ist durch meine vierjährige Professur für Soziologie und Sozialphilosophie sowie durch meine Arbeit an der "Geschichte des österreichischen Volkes" seither angedeutet. Meine seinerzeitige Habilitationswertung für Soziologie und Wirtschaftsgeschichte steht also immer noch. Ich würde selbst am liebsten über österreichische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte lesen. [...] Ich fühle mich aber auch durchaus fähig, an der Philosophischen Fakultät Kultur- und Wirtschaftsgeschichte oder österreichische Geschichte zu lehren, wenn das besser passt.



Anmerkung

100) Vgl. Dok. V/143.


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