ÖsterreicherInnen im Exil. USA 1938-1945 / Remigration



12. AUS: "AUSTRO AMERICAN TRIBUNE"-ARTIKEL "RÜCKKEHR NACH EUROPA?" VON BERTHOLD VIERTEL, NOVEMBER 1945

Austro American Tribune, N. Y. C., November 1945
DÖW Bibliothek 3002

Materialien

Aus: Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Einleitungen, Auswahl und Bearbeitung: Peter Eppel, Wien 1995, Bd. 2, S. 714 ff.

In den Ländern, in denen bis vor kurzem die faschistische Gewalt regierte, werden Stimmen laut, welche die geistigen Repräsentanten im Exil zur Rückkehr einladen. Das kann zunächst als ein symbolischer Akt verstanden werden, als eine Geste - vergleichbar dem Hissen der Fahnen, die verboten waren. [...] Für ihr Ursprungsland öffentlich proklamiert werden begreiflicherweise Künstler von Prominenz, von internationaler Geltung. [...]

Vielleicht hätte es die Umkehr noch überzeugender dargetan, wenn der Ruf zur Heimkehr an alle durch das Dritte Reich Entrechteten und Beraubten, an alle verbannten und geflüchteten Juden ergangen wäre. Unter idealen Umständen hätte eine solche Aufforderung der Inhalt des ersten Plebiszites in den vom Faschismus zu reinigenden Ländern sein können, zugleich der Gegenstand ihres ersten neuen Gesetzes.

Aber von idealen Umständen kann noch keine Rede sein. Es hat noch kein solches Plebiszit stattfinden können. Jenen Emigranten, die zurückkehren wollen, wird gesagt, dass sie zu warten haben, bis die Verhältnisse geklärt sind. Es ist ihnen nicht gestattet, die Zufluchtsländer nach eigenem Gutdünken zu verlassen. Seit dem Ende der Feindseligkeiten sind erst wenige Monate vergangen. Der Friede - ein unmündiges Kind, noch nicht vom Kriege entwöhnt; die Länder unter der Besetzung der Sieger, der Befreier. Die Demokratie versucht dort drüben ihre ersten Schritte unter Trümmern. Gehversuche, von der Not bedroht, aber auch von ihr geleitet. [...] Der Verkehr zwischen Orten und Menschen ist noch nicht wiederhergestellt. [...]

Das Theater, hierzulande unter den "amusements" gebucht, hatte drüben immer eine andere, höhere Bedeutung. Heute gar mag es den Menschen dort den Ersatz für eine Gesellschaft bieten, die noch nicht aufgebaut ist. Die Kunst, sonst als eine Blüte, eine Frucht des Lebens genossen, soll dort Same sein. Vielleicht ist es also nicht nur eine Freiheits-Geste, wenn Albert Bassermann, Elisabeth Bergner und Fritz Kortner - die beiden Letzteren Österreicher - heimgerufen werden, zur deutschen Bühne. Nicht nur um der Wiedergutmachung willen wird nach ihnen verlangt, denke ich; sondern um dessentwillen, was sie sind, was sie zu geben haben, und was sie außerhalb ihres Sprach- und Kulturbereichs nur sehr teilweise geben konnten. [...]

Aber auch die Rückkehr nach jenen Ländern, die von den faschistischen Armeen überrannt, besetzt und geschröpft worden sind, stellt denen, die das Wagnis unternehmen, die härteste Mühe bei geringstem Gewinn in Aussicht; zugleich die Gefahren, die sich aus der noch nicht erfolgten Beruhigung ergeben können. Trotzdem haben sich zur Demokratie gewillte, zu ihrer Durchsetzung entschlossene Männer und Frauen bereit erklärt und um die Reiseerlaubnis angesucht. Nicht wenige sind in die bereits offenen Gebiete Europas ohne Sang und Klang abgefahren [...].

Wer will hinüber? Das hängt in jedem Einzelfall von besonderen persönlichen Umständen ab. Wer soll hinüber? Wer den Willen, den Mut und die Kraft in sich fühlt, drüben von Grund aus neu aufbauen zu helfen, als ein Pionier des zukünftigen Europa. Den natürlichsten Grund, hierzubleiben, haben jene Leute, die sich hier zuhause fühlen: alte Menschen, welche die Wurzeln ihres Ursprungs abgeschnitten, junge, die drüben keine gehabt und hier welche gefasst haben. Jene aber, die den Ort nicht wieder betreten wollen, auf dem sie einstens, vor dem Bruch, vertrauensvoll, glücklich und tätig gewohnt und gelebt haben; den Ort, der ihnen nun von unvorstellbaren Gräueln befleckt erscheint: wer sollte sie nicht verstehen können? Das gilt für jüdische Menschen in besonderer Weise, auch in Österreich; für politisch Uninteressierte, welche die Wurzel des Übels nicht in verrotteten sozialen Verhältnissen sehen und die Heilung in deren Änderung, die es daher nicht lockt, neue Grundlagen legen zu helfen. Es gibt aber Männer und Frauen, die es für ihre Pflicht halten, ihr Menschenrecht durchzusetzen, indem sie heimkehren, und damit das Recht der Menschenklasse und -art, der sie angehören. Es gibt Männer und Frauen, die sich zu "Rat und Tat" berufen glauben, wo die Zukunft entscheiden wird - vor allem im Lande ihrer Herkunft. Solche, die überzeugt sind, ein "historisches Werk" leisten zu können, auch wenn sie nur an bescheidener Stelle mitarbeiten. [...]

Die Frage der Rückkehr ist eine persönliche Frage, eine Gewissensfrage. Nur Freiwillige nach Europa! Tüchtige, Brauchbare, an Wissen und Erfahrung Reiche, für die sich gründenden Demokratien Unentbehrliche: es fehlt nicht an ihnen, ihnen fehlt nur die Reiseerlaubnis, die Reisemöglichkeit.


« zurück