|
Friederike (Fritzi) Löwy, geb. 1910 in Wien, Schwimmerin und Sekretärin. Ende 1939 Italien, nach Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im September 1943 Flucht in die Schweiz.
Nach Kriegsende Emigration nach Australien. Später Rückkehr nach Wien. Verstorben 1994. |
Erzählte Geschichte
Friederike (Fritzi) Löwy Langsam auf die Emigration vorbereitet Zum weiteren Lebenslauf: "Du bist eine feige Jüdin!" (Antisemitismus vor 1938) |
|
1938 habe ich heimlich veranlasst, dass meine Mutter zur katholischen Kirche übergetreten ist. Sie wollte ja nicht. Ich habe gesagt: "Mutter, schau, du kannst in Wien bleiben, du kannst in der Wohnung bleiben. So Gott will, kommen wir zurück." Und da habe ich ihre Unterschrift gefälscht und habe den Antrag gestellt an ihre Pfarre, dass sie wieder zu ihrem Glauben zurückwill. [...] Nach der "Kristallnacht" [9./10. November 1938] ist mein Schwager sofort verhaftet worden. Er ist nach Dachau gekommen. Er hat es überlebt mit einer Shanghai-Karte. Meine Schwester hat ihn rausgeholt. Er war Musiker, und er ist vom Schiff heruntergeholt worden in Singapur, weil man Musiker gebraucht hat. Und so kam meine Schwester mit den zwei Kindern nach. Und von dort sind sie, wie die Japaner nach Singapur gekommen sind, ganz heimlich auf ein großes Schiff gebracht worden, auf ein englisches, und unter künstlichem Nebel sind sie entschwunden und wussten gar nicht, wohin. Gelandet sind sie in Australien. Das war, glaube ich, 1939, und wahrscheinlich haben das die Engländer organisiert. Zwei Schwestern sind deportiert worden mit vier Kindern. Da konnte die Mutter auch nicht helfen. Die eine kam nach Opole, und die zweite kam nach Riga. Das habe ich alles durch das Rote Kreuz erfahren, das war 1941/42. Ende 1939 bin ich erst weg. Ich habe schon 1935 mit dem Sport aufgehört und war 1938 im Büro. Ich habe mit meiner Mutter gelebt. Wir hatten eine große Wohnung in der Praterstraße. Eine Schwester und mein Bruder haben mit ihren Kindern auch in dieser Wohnung gelebt. Die ist dann leider bombardiert worden. Nach dem "Anschluss" habe ich eines Tages eine Englischstunde im Café "Atlashof" genommen, und da hat man alle Gäste rausgetrieben und hat sie in ein Palais geführt in der Salesianergasse, um es rein zu machen. Da war ich auch dabei. Und zufällig war einer von denen, die die Leute geführt haben, vom "Ersten Wiener Amateur-Schwimm-Klub", ein Bekannter. Also wir mussten dort reinigen, sind aber Gott sei Dank entlassen worden. Ich bin am 10. November 1938 mit meinen beiden Schwägerinnen, die Christinnen waren, in den zweiten Bezirk gegangen. In der Tempelgasse hat der Tempel schon gebrannt. Die Feuerwehr ist gekommen, aber eine Menschenkette hat sie nicht durchgelassen. Man hat bei allen jüdischen Geschäften die Rollläden aufgesprengt und hat die Waren auf die Straße geworfen. Die Menschen haben sich alles genommen. Wie wenn sie seit zehn Jahren weder Kleidung noch Essen gehabt hätten, so haben sie sich gerauft! Ich habe bei dem Anwalt Dr. Rosenfeld gearbeitet. Der ist schon am 12./13. März geflohen, weil er gewusst hat, was ihm bevorsteht. Er hat Kommunisten verteidigt und ist zuerst nach Paris und dann nach London geflohen. Er hat dann in London gelebt. Er war ein sehr bekannter Anwalt. Er hat auch die Arbeiter bei dem Justizpalastbrand im Juli 1927 verteidigt. Und außerdem hat er im "Abend" [als "links" geltende Tageszeitung, die nach 1933 eingestellt werden musste] geschrieben. Natürlich wusste man sofort, dass er als einer der Ersten verhaftet wird. Er hat eine Villa in Hietzing und einen Bernhardinerhund gehabt. Den hat man im Garten erschossen. Das Haus ist versiegelt worden. Das war schon am 13./14. März. Jetzt natürlich hat man mich, als seine Sekretärin, gesucht. Ich habe mich versteckt gehalten bei kanadischen Freunden in der Lazarettgasse. Dann habe ich mich wieder auf die Straße gewagt und bin nach Hause. Meine Mutter war informiert. Der Vater hat ja nicht mehr gelebt. Ich bin nach Hause, und ich habe gesagt, ich bleibe nicht da. Ich habe mich dann schön langsam auf die Emigration vorbereitet. Da haben mich noch meine armen Schwestern zum Flugplatz begleitet. So bin ich dann nach Milano, wo meine älteste Schwester in einer sehr kleinen Wohnung gelebt hat. |
|
|
« zurück zur Auswahl « zurück zur Themenauswahl « zurück zur Startseite |
|