|
Hans Landauer, geb. 1921 in Oberwaltersdorf (NÖ), Textilarbeiter, Blattbindergehilfe. Rote Falken. Ab Sommer 1937 Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) auf Seiten der Republik (unter dem Namen Hans Opperschall). 1939 Internierung in Frankreich (Saint-Cyprien, Gurs, Argelès, Gefängnis Toulon). November 1940 Verhaftung in Paris. April 1941 Anzeige wegen Verdachts der „Vorbereitung zum Hochverrat“. Juni 1941 bis 29. April 1945 Haft im KZ Dachau.
|
Erzählte Geschichte
Hans Landauer Wie am Servierbrett Zum weiteren Lebenslauf: Ein Hasten und Laufen (Haft im KZ Dachau) |
|
Wir sind vor Quijorna gelegen, die Faschisten waren schon wieder in Quijorna, über uns war der Friedhof. Und auf einmal, am Abend oder Nachmittag, heißt 's, die Stellungen da oben besetzen. Wir haben nur Gewehre gehabt und sind den Olivenhain hinauf. Wie wir so über die Kuppe kommen, wo du hinuntersiehst auf Quijorna und auf den Friedhof, hat die faschistische Artillerie zu schießen begonnen. Zwischen uns hat es eingeschlagen. Verluste haben wir keine gehabt, aber ich gestehe, da ist mir zum ersten Mal im Leben die "Muffe" gegangen. Ich habe erstmals dieses fürchterliche Geheul von Artilleriegeschossen gehört, und dann geht 's "Wumm, Wumm, Wumm" und krepiert links, rechts, hinter dir, vor dir und dazwischen.
Zwei oder drei Tage später wurden wir zurückgezogen, sind wir nach Villalba de Madrid gekommen. Das ist in der Nähe von El Escorial. [...] Dann haben wir wieder eine Ausbildung gemacht, mit Panzern geübt, mit dem Panzer mitmarschieren oder aufsitzen oder rennen usw. Immer wieder. Und dann ist die Offensive von Quinto gekommen. Dort haben wir erstmals ein Erfolgserlebnis gehabt, natürlich teuer erkauft, überhaupt bei unserem Bataillon. Und dann sind wir zur MG-Kompanie gekommen, haben am Maschinengewehr geübt, am russischen Maxim. [...] Es hat entweder einen guten Politkommissar gegeben, genauso wie einen guten Kommandanten oder einen schlechten. Alles andere, was heute immer wieder erzählt wird über Politkommissare, dass sie Leute mit der Pistole vorgetrieben hätten usw., ist ein aufgelegter Blödsinn. Ich war damals ein sechzehnjähriger „Bua“ und bin mehr oder weniger im Lager der SPÖ gestanden. [...] Ein Politkommissar, der irgendjemanden mit der Pistole nach vorne getrieben hätte, hätte keinen Tag lang überlebt. Denn wenn eine Kompanie oder sonst eine Einheit in Panik gerät, dann ist sie nicht aufzuhalten. Da kannst alle niedermetzeln, aber die Panik rennt weiter. [...] Am 4. September [1937] bin ich verwundet worden. Am frühen Morgen sind wir in Mediana durch den Walter Thoss, unseren Stabschef, in Täler geführt worden und haben auf der anderen Seite, vielleicht zwei bis drei Kilometer entfernt, auf den Hügeln Militär gesehen, Faschisten. Wie sich später dann herausgestellt hat, waren es Fremdenlegionäre. Wir wollten dann Stellung beziehen, auf einmal haben wir von links und rechts überall Feuer bekommen, und es hat nur eines gegeben: davonlaufen. Sonst wären wir ins Kreuzfeuer geraten. Wir hatten aber schon zwei Tage vorher überall auf den Hügeln Schützengräben ausgehoben, in Erwartung des Angriffes. Es sind dann die Flieger gekommen, Alfa Romeo haben sie geheißen, glaube ich. Zwei Mann in einem Kampfflieger, hinten das Maschinengewehr auf einem Bügel, der Schütze beugt sich herunter, das Flugzeug wird quergestellt - du musst dir vorstellen, da gibt es keinen Baum und keinen Strauch. Du bist wie am Servierbrett, eine Hasenjagd. Und die kreisen in einem fort herum und befetzen dich. Wir haben uns dann zurückgezogen. Der Alois Brust ist gefallen. Am Nachmittag sagt zu mir der Kompaniekommandant Vinzent Porombka: "Lauf zurück zum Bataillonsstab. Der ist beim weißen Haus von Mediana!" Das ist so ein Straßenwärterhaus. "Wir brauchen Munition. Wir können nicht mehr, wir haben nichts mehr!" Ich laufe also zurück, es war so im schönen Abendsonnenschein. Ich bin 20 Meter vor dem Haus, dort steht ein Personenwagen, komisch bestrichen, mit Tarnfarbe. Ich treffe den Walter Thoss, vor uns steht eine Tragbahre, auf ihr liegt ein Verwundeter. Ich zeige mit der linken Hand auf die Tragbahre. In dem Moment geht 's "pscht" - das hörst du nicht kommen, den Schuss eines Flachbahngeschützes, Antitank-Geschütz, 4,5 cm. Zehn Meter vor uns schlägt die Granate ein. Ich spüre nur mehr eine Wärme um meine Finger und fahre so auf die Finger hin, blicke nach links und sehe, wie der Walter Thoss - er war ein kleiner Mann, unheimlich tapfer, ich glaube, er ist siebenmal verwundet worden im Spanischen Bürgerkrieg - sich auf einmal um die eigene Achse dreht und niederfällt. Der Splitter, der in meine Finger gegangen ist, ist ihm in die Brust gegangen. Ich habe es aus dem linken Mittelfinger warm herausrinnen gespürt und weiß nicht, wer es gesagt hat, jedenfalls: "Rein in den Wagen!" Ich habe mich in den Wagen gesetzt, der Walter Thoss wurde neben mich gelegt, aus seiner Brust ist das Blut geflossen, und dann ging 's ab ins Hinterland. Nach drei, vier Kilometern sind wir dann in ein Hilfsspital gekommen. Das war nur mit einer Art Plache abgedeckt. Die haben meine Finger angeschaut - das war ein Heimatschuss, muss ich heute feststellen. Sie haben mir ein Tampon über den Finger gelegt und gesagt: "Halt es, wir verbinden dich gar nicht!" Dem Walter Thoss haben sie auch drei solche Tampons aufgelegt, das Bluten hat aufgehört. Es hat sich herausgestellt, dass es keine lebensgefährliche Verletzung war. Und ab ist die Post gegangen ins nächste Spital. Das war in Hijar, der Hauptverbandsplatz, furchtbar. Der Erste, den ich gesehen habe, war ein Spanier - der hatte einen Bart und dem hat 's die halbe Kinnlade weggerissen, da hast du so die Zunge auf- und abgehen gesehen. Na, und dann die erste Tetanus-Injektion und dann in den Lazarettzug. Beim Morgengrauen ist es abgegangen in Richtung Benicàssim. |
|
|
« zurück zur Auswahl « zurück zur Themenauswahl « zurück zur Startseite |
|