Seit 1982 werden im Rahmen eines Forschungsprojekts des DÖW - teilweise in Kooperation mit anderen wissenschaftlichen Institutionen - Personen befragt, die 1934-1938 und/oder 1938-1945 Widerstand leisteten bzw. Verfolgung ausgesetzt waren. Ziel dieses Projektes war es, Widerstand und Verfolgung aus der Perspektive der Betroffenen darzustellen, den alltäglichen Lebenszusammenhang, die menschlichen Probleme, die Emotionen, die Handlungsmotivationen und das spätere Schicksal der Verfolgten und deren Verarbeitung der Vergangenheit zu erfassen. Diese Dimensionen sollten als Ergänzung zu den schriftlichen Quellen erschlossen werden. Eine Einschränkung des zu befragenden Personenkreises ergab sich unter anderem daraus, dass zu diesem Zeitpunkt nur mehr die jüngeren Generationen der Verfolgten und Überlebenden ihre Geschichte zu erzählen vermochten.

Bei den Befragungen wurde grundsätzlich unter Anwendung der Methode des Narrativinterviews die Lebensgeschichte in ihrer Gesamtheit erfasst: Elternhaus und Kindheit, Arbeitswelt, politische und religiöse Sozialisation und Tätigkeit, wobei der Zeitraum 1934 bzw. 1938–1945 und die Themen Widerstand und Verfolgung den Schwerpunkt bildeten.

Insgesamt wurden bisher mehr als 900 Personen interviewt; dazu liegen über 2800 Kassetten vor, von denen die meisten transkribiert wurden. Kassetten und Transkripte sind durch eine EDV-gestützte Personen- und Schlagwortkartei erschlossen. Die Tonbandkassetten wurden 2004 digitalisiert und damit auch für die Zukunft gesichert.

Anhand der gesammelten Interviews konnten in der Reihe Erzählte Geschichte vier Bände veröffentlicht werden. Der erste Band umfasst Berichte aus dem Widerstand der Arbeiterbewegung, der zweite aus jenem des christlich-konservativen bzw. legitimistischen Lagers, der dritte Berichte von jüdischen Überlebenden und der vierte behandelt Widerstand und Verfolgung der Kärntner SlowenInnen.

Bei diesen Bänden waren wesentliche methodologische Aspekte zu beachten. Interviews bedürfen mehr als andere historische Quellen einer quellenkritischen Untersuchung. Jede persönliche Erinnerung, auch solche hinsichtlich banaler alltäglicher Ereignisse, unterliegt aus verschiedenen Faktoren resultierenden Veränderungen: Auslassungen, Hinzufügungen, Einseitigkeit u. Ä. Unbewusste Verzerrungen haben bei Opfern andere Gründe als bei den nach Entlastung strebenden Tätern, wie Primo Levi diagnostizierte: "Auch im weitaus größeren Lager der Opfer beobachtet man ein Abdriften der Erinnerung, aber hier fehlt ganz offenkundig der Vorsatz. Wem eine Ungerechtigkeit oder Kränkung zugefügt wird, der braucht keine Lügen zu erfinden, um sich von einer Schuld zu befreien, die er nicht auf sich geladen hat. [...] Aber das schließt nicht aus, dass auch seine Erinnerungen verformt sein können." (Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten, München-Wien 1990, S. 29.) Möglichkeiten und Grenzen der Oral History müssen den BenützerInnen von Interviews oder Interviewtexten bewusst sein.

Erzählte Geschichte


« zurück