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Aus: Gedenken und Mahnen in Wien 1934-1945. Gedenkstätten zu Widerstand und Verfolgung, Exil, Befreiung.
Eine Dokumentation, Wien 1998, S. 7-10 Vorwort Sunt lacrimae rerum "Gedächtnisorte" (Pierre Nora) als materielle Kristallisationen gesellschaftlicher Erinnerung lassen zwei Lesarten zu. Sie sind Zeichen des Gedenkens an vergangene Ereignisse, ihre Bezugnahme auf die Vergangenheit ist jedoch aus dem Blickwinkel der Gegenwart geformt. In ihrer Gedächtniskultur formuliert eine Gesellschaft, auf welchen historischen Bezugspunkten ihre Identität, ihr Selbstbild beruht, wie sie ihre Vergangenheit interpretiert und an nachkommende Generationen weitergeben will. Kollektives Erinnern entfaltet daher eine normative Wirkung, indem es die gemeinsame Geschichte einer Gruppe (in Abgrenzung von anderen Gruppen) definiert und - gerade auch durch öffentliche Symbole - als verbindliches Geschichtsbild verankern will. Dennoch kann gesellschaftliche Erinnerung nicht ein für allemal festgeschrieben werden. Betrachtet man die Vergangenheit als Archiv, das eine Vielzahl möglicher historischer Bezugnahmen eröffnet, so ist kollektives Gedenken ein Akt der Aneignung von Geschichte, der von den Interessen und Problemlagen der Gegenwart bestimmt ist. Mit der zeitlichen Distanz, dem Generationenwechsel und den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen verschieben sich jedoch auch die Perspektiven auf die Vergangenheit. Dieser Wandel kann als radikaler Bruch erfolgen, wenn mit gesellschaftlichen Ordnungssystemen auch deren Geschichtsbilder zerfallen und Denkmalstürze, Straßenumbenennungen etc. den erfolgten Paradigmenwechsel öffentlich bekunden, oder aber als längerfristige Verschiebung, in der die Deutungsmuster der Mitlebenden verblassen, an Relevanz verlieren und nachfolgende Generationen eine neue Position zur Vergangenheit entwickeln. In Gedächtnisorten lassen sich diese gesellschaftlichen Erinnerungsprozesse rekonstruieren. Die vielfältigen Ausdrucksmittel ihrer Symbolsprache - Präsenz im öffentlichen Raum, Gestaltung, Textierung - machen sichtbar, auf welche Vergangenheit sich Gruppen beziehen; aus der Struktur der Denkmallandschaft geht hervor, welche Deutungsmuster vorherrschen, den Symbolraum eines Ortes prägen bzw. welche marginalisiert sind. Denkmäler sagen daher oft "mehr über die Zeit ihrer Setzung aus als über die Vergangenheit, auf die sie sich beziehen". (1) Mit "Gedenken und Mahnen in Wien" liegt nun ein Werk vor, das sowohl die Perspektive auf die Vergangenheit als auch den zeitgeschichtlichen Kontext der kollektiven Erinnerung umfassend dokumentiert und so beide Dimensionen der Denkmallandschaft Wiens erschließt. Die historische Dokumentation erfaßt jene Personen und Orte, auf die sich gesellschaftliches Erinnern bezieht, wobei insbesondere die biographischen Hinweise zu den namentlich genannten Opfern des NS-Regimes hervorzuheben sind: Durch die Angaben über Alter, Beruf, politische Aktivitäten und erlittene Verfolgungsmaßnahmen werden die Namenslisten auf den Gedenktafeln mit konkreten Einzelschicksalen verknüpft, die in ihrer Gesamtheit Einblick in den politischen und sozialen Hintergrund des Widerstands ermöglichen. Mit der expliziten Einbeziehung der aus "rassischen" Gründen Verfolgten in das kommunale Gedenken werden seit Beginn der achtziger Jahre Bezugspunkte zum jüdischen Wien eröffnet. Die vielfältigen Ausdrucksformen, die die Erinnerung an die Opfer des Holocaust seither gefunden hat - neben Denkmälern und Gedenktafeln auch in neuen Gedächtnisformen wie der Pflanzung eines Gedenkwaldes in Eßling -, beleuchten die unterschiedlichen Versuche, die vertriebene und ermordete jüdische Bevölkerung symbolisch wieder in den städtischen Raum aufzunehmen. Zugleich ersteht durch die Kenntlichmachung der Stätten nationalsozialistischer Gewaltausübung eine "Topographie des Terrors". Gedächtnisorte wie der Floridsdorfer Spitz, die Förstergasse, die Gestapo-Zentrale am Morzinplatz, der Hinrichtungsraum im Landesgericht wurden zu Synonymen für die Verbrechen des NS-Regimes; ihnen wurden in den letzten Jahren die Standorte der zerstörten Wiener Synagogen, Durchführungsorte des Euthanasie-Programms (Baumgartner Höhe), Hinrichtungsstätten wie etwa der Militärschießplatz Kagran und andere "belastete" Orte hinzugefügt. Die hier vorliegende Rekonstruktion des Geschehens, das der Gedächtniskultur Wiens zugrunde liegt, erscheint umso wichtiger, als mit zunehmender zeitlicher Distanz zu den Ereignissen die Geschichtserfahrung der Mitlebenden nur mehr eingeschränkt wirksam werden kann. In der Phase des Übergangs vom "kommunikativen Gedächtnis" gemeinsam geteilter Erinnerung zum "kulturellen Gedächtnis", das nicht mehr auf persönlicher Erfahrung beruht, bedarf es kultureller Formen der Tradierung jener "Erinnerungsfiguren", auf denen die historische Identität einer Gesellschaft basiert. (2) Der Information über jene Ereignisse, aus denen sich das Gedächtnis einer Gesellschaft speist, kommt dabei eine wesentliche Vermittlungsfunktion zu. Gerade in den Einzelschicksalen, in der "Last des Ortes" (Peter Steinbach), die den Stätten der Gewalt anhaftet, werden die Dimensionen der Gewaltherrschaft konkret und nachvollziehbar, erst dadurch eröffnet sich die Möglichkeit der emphatischen Identifikation mit den Opfern des NS-Regimes - eine Voraussetzung für die Tradierung und das Weiterleben dieser Erinnerungskultur. Die Leistung von "Gedenken und Mahnen in Wien" liegt aber vor allem auch im Gegenwartsbezug: Erstmals wird der "Gedächtnisraum Wien" als Ort gesellschaftlicher Erinnerung erschlossen. In der Dokumentation von Gedenkstätten und ihrer Entstehungsgeschichte - den Daten der Errichtung, dem Verweis auf Anlaß, Initiatoren und Stifter, die Gestaltung der Enthüllungsfeier -, in der Wiedergabe der Textierung von Denkmälern, Gedenktafeln und anderen Erinnerungszeichen entsteht ein differenziertes Bild der Gedächtniskultur und ihrer Entwicklungsphasen im Wien der Zweiten Republik. Die Vielzahl von Gedenkstätten, die im ersten Nachkriegsjahrzehnt errichtet wurden, zeugt von den Bemühungen, das Gedenken an die "im Kampf gegen den Faschismus und für ein freies, unabhängiges Österreich Gefallenen" als gemeinschaftsstiftende Vergangenheit im kollektiven Gedächtnis festzuschreiben. Der Hinweis auf die Trägergruppen der Erinnerungskultur für den Freiheitskampf gibt Einblick in die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen kollektiven Gedenkens in der Nachkriegszeit: Neben jenen Zeichensetzungen, die auf dem Konsens aller politischen Kräfte beruhen und insofern ein überparteiliches, einigendes Geschichtsbild verkörpern, reflektieren andere Denkmalstiftungen die zunehmende Konkurrenzsituation zwischen SPÖ und KPÖ bzw. den jeweiligen Opferverbänden. Beispielhaft für die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Geschichtsauffassungen im Rahmen der antifaschistischen Denkmalkultur Wiens sind jene drei Denkmäler auf dem Zentralfriedhof, die am 1. November 1948 ihrer Bestimmung übergeben wurden. Während das Mahnmal der Stadt Wien für die Opfer des Faschismus als Ausdruck für das offizielle Geschichtsverständnis der Gemeinde zu verstehen ist, verweist die Enthüllung eines von der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten gestifteten Gedenksteins am Grab des hingerichteten Februarkämpfers Georg Weissel auf den zentralen Stellenwert der Erinnerung an den Februar 1934 in der sozialistischen Gedächtniskultur. Mit dem am selben Tag übergebenen Gedenkkreuz trug der KZ-Verband der antikommunistischen Abgrenzungspolitik der beiden Großparteien Rechnung - im Konfrontationsklima des Kalten Krieges wurden Kommunisten kaum noch in Denkmalinitiativen eingebunden, vielmehr entwickelte jede Partei bzw. die ihr nahestehende Opferorganisation eigenständige Formen des Gedenkens. In der Dokumentation der Initiatoren, dem Verzeichnis der offiziellen Teilnehmer an den Enthüllungsfeierlichkeiten etc. werden somit die Trägergruppen der Erinnerungskultur sichtbar und ihre gesellschaftliche Verortung möglich. So läßt sich an den Denkmalstiftungen des ersten Nachkriegsjahrzehnts auch der Konflikt im Hinblick auf die Frage "Wem gehört der Widerstand?" ablesen: Zahlreiche Gedenktafeln und Denkmäler für die "im Kampf für die Freiheit Österreichs gefallenen Heldinnen" und "Helden" an Gemeindebauten und in Betrieben wurden von der KPÖ bzw. dem KZ-Verband vornehmlich in der sowjetischen Besatzungszone errichtet; auf dessen Initiative entstanden auch zwei Gedenkstätten, die für das Gedächtnis der ganzen Stadt konzipiert waren, der Gedenkstein am Morzinplatz (1951, 1985 Neuerrichtung durch die Gemeinde Wien) und die Gedenktafel für hingerichtete Wehrmachtsoffiziere am Floridsdorfer Spitz (1950). Auch aus den Textierungen gehen die unterschiedlichen Auffassungen, vor allem zwischen KPÖ und SPÖ, aber auch ÖVP (die in der öffentlichen Gedächtniskultur Wiens nur mit wenigen Denkmälern vertreten ist) über die gesellschaftliche Bedeutung und das Vermächtnis des Widerstands hervor - und es ist wohl auch auf dieses Spannungsverhältnis zurückzuführen, daß die Gedenktradition des österreichischen Freiheitskampfes in den fünfziger und sechziger Jahren weitergeführt wurde, während außerhalb Wiens die Forderung nach Erinnerungsstätten für Regimeopfer als Mittel "kommunistischer Propaganda" (Gustav Adolf Canaval in den "Salzburger Nachrichten" 1954) galt. In den Bundesländern waren Gedenkstätten für den österreichischen Freiheitskampf kaum noch politisch durchsetzbar, die regionale Erinnerungslandschaft wurde seit Beginn der fünfziger Jahre vielmehr vom Gedenken für die gefallenen Wehrmachtssoldaten geprägt. Im Wien der sechziger Jahre wurde zwar nur eine geringe Anzahl von Denkmälern errichtet, zu diesen zählen aber einige der auch überregional bedeutendsten Gedenkstätten: Der Weiheraum für den Freiheitskampf im Äußeren Burgtor, anläßlich des 20. Jahrestags der Unabhängigkeitserklärung durch die Bundesregierung errichtet, und der Gedenkraum im Leopold Figl-Hof am Morzinplatz, am Vorabend des Nationalfeiertages 1968 feierlich seiner Bestimmung übergeben, verkörpern das eindeutige Bekenntnis der politischen Eliten beider Großparteien (auf der Ebene der eingebundenen Opferverbände unter Einschluß der KPÖ) zum Freiheitskampf als historische Grundlage der Zweiten Republik. Damit waren vorerst einmal die Rahmenbedingungen gesetzt. In den siebziger Jahren sind nur wenige Denkmalinitiativen zu verzeichnen. Die Jahre der sozialistischen Alleinregierung, die hinsichtlich ihrer Geschichtspolitik noch kaum erforscht ist, waren wohl die Inkubationsphase für jene Veränderungen des Geschichtsbewußtseins, die seit Beginn der achtziger Jahre zu einer Perspektivenverschiebung in der Gedächtnislandschaft führen, und sie sich nun auch in den Bundesländern konstatieren läßt. Die Gedenktradition für die Opfer des NS-Regimes wird über die traditionellen Trägergruppen - die Verbände der politisch Verfolgten und die Israelitische Kultusgemeinde - hinaus von verschiedenen Gesellschaftsgruppen und Institutionen aufgegriffen, wobei sich der Schwerpunkt kollektiven Erinnerns auf Opfergruppen verlagert, die in der offiziellen Gedächtniskultur bislang wenig Resonanz gefunden hatten. Bereits aus den Errichtungsdaten werden die Impulse erkennbar, die durch die Waldheim-Diskussion und das Gedenkjahr 1938/88 ausgelöst wurden, aus den entsprechenden Widmungen geht hervor, daß nun - mehr als 40 Jahre nach der Befreiung von der NS-Herrschaft - Wien nicht mehr als Ort antifaschistischen Kampfes beschrieben werden muß, daß Identitätsstiftung auch aus der Erinnerung an die Opfer der Verfolgung bezogen werden kann. Das Bild einer Stadt im Widerstand, wie es die Denkmallandschaft der Nachkriegszeit prägte, wird in den achtziger Jahren ergänzt durch die Orte des Terrors und vor allem der Judenvernichtung. Mit dem Mahnmal gegen Krieg und Faschismus auf dem Albertinaplatz und dem geplanten Denkmal auf dem Judenplatz - seit der Errichtung des sowjetischen Ehrenmals im Jahr 1945 die ersten namhaften Denkmalprojekte im zentralen Bereich der Stadt - wurde diese Perspektive in den Zentralraum der Stadt aufgenommen und damit ins Zentrum kollektiver Erinnerung gerückt. Mit der skizzierten Entwicklung der Denkmallandschaft Wiens wird deutlich, welche Lesarten gesellschaftlicher Erinnerung die vorliegende Publikation ermöglicht. Durch die Dokumentation des Entstehungsprozesses lassen sich Denkmäler zeitlich einordnen und politisch verorten; die Stifter, die Situierung im öffentlichen Raum ermöglichen Rückschlüsse auf den Stellenwert eines Erinnerungszeichens und machen kenntlich, ob es sich um eine Gedenkstätte von lokalem Bezug oder um ein für die ganze Gemeinschaft konzipiertes Denkmal handelt. Damit werden die Dimensionen des Gedächtnisortes Wien als Schnittstelle von kommunalen und auf den Gesamtstaat bezogenen Gedenktraditionen transparent gemacht. Nicht zuletzt sind es auch die Textierungen, aus denen sich die "Sprachen der Erinnerung" und ihr Bedeutungswandel ablesen lassen. Heinz Arnberger, Herbert Exenberger und Claudia Kuretsidis-Haider legen mit "Gedenken und Mahnen in Wien" somit ein Grundlagenwerk über den Gedächtnisraum Wien vor, das in seiner Konzeption - der Gesamterfassung der Gedenkstätten für Widerstand und Verfolgung, der präzisen Dokumentation des historischen Bezugs sowie der Denkmalerrichtung selbst - weit über bisherige Arbeiten hinausgeht. Durch das umfangreiche Datenmaterial wird diese Publikation zum Ausgangspunkt jeder weiterführenden Beschäftigung mit der Denkmalkultur Wiens. Aus den umfassenden und detaillierten Angaben zu den einzelnen Objekten, den Angaben zu den Personen und Ereignissen, denen eine Gedenkstätte gewidmet ist, läßt sich aber auch der Umfang der Recherchearbeiten erschließen, die der profunden Dokumentation zugrunde liegen. Dabei konnte auch auf die Sammlungen des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes zurückgegriffen werden, die vorliegende Arbeit unterstreicht einmal mehr die Bedeutung dieser Archiv- und Forschungsstelle. Heidemarie Uhl Karl-Franzens-Universität Graz Anmerkungen
(1) Jochen Spielmann: Stein des Anstoßes oder Schlußstein der Auseinandersetzung? Bemerkungen zum Prozeß der Entstehung von Denkmalen und zu aktuellen Tendenzen, in: Ekkehard Mai, Gisela Schmirber (Hrsg.): Denkmal - Zeichen - Monument. Skulptur und öffentlicher Raum heute, München 1989, S. 112. (2) Vgl. dazu Jan Assmann: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: ders., Tonio Hölscher: Kultur und Gedächtnis, Frankfurt/Main 1988, S. 9-19. « zurück |