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Neuerscheinung Österreichs Spitzendiplomaten zwischen Kaiser und Kreisky
Biographisches Handbuch der Diplomaten des Höheren Auswärtigen Dienstes 1918 bis 1959 Die von der Österreichischen Gesellschaft für historische Quellenstudien (ÖGQ) und dem DÖW herausgegebene Publikation stellt die Diplomaten des Höheren Auswärtigen Dienstes der Jahre 1918 bis 1959 in umfangreichen Einzelbiographien dar und liefert eine kollektivbiographische Auswertung der Eckdaten, die einen Vergleich zwischen der Ersten und Zweiten Republik ebenso ermöglicht wie Vergleiche zu anderen Berufsgruppen. Die historischen Rahmenbedingungen werden mit dem Schwerpunkt der Kontinuität/Diskontinuität 1918, 1938 und 1945 thematisiert. Im Detail wird u. a. der Frage nachgegangen, wie sich die Spitzendiplomaten in den Jahren 1938 bis 1945 verhalten haben - viele Diplomaten wurden vom NS-Regime verfolgt, einige wurden zu Mitläufern - und wie sich der diplomatische Dienst nach 1945 personell zusammensetzte. |
Mitteilungen 194
Österreichs Spitzendiplomaten zwischen Kaiser und Kreisky |
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Der Diplomat Rudolf Agstner, die Historikerin Gertrude Enderle-Burcel und die Archivarin Michaela Follner stellen im Folgenden die Grundzüge ihres Buchs vor, das an die bisherigen gemeinsamen Publikationen von ÖGQ und DÖW anknüpft: Christlich - Ständisch - Autoritär. Mandatare im Ständestaat (Gertrude Enderle Burcel, 1991) / Diener vieler Herren. Biographisches Handbuch der Sektionschefs der Ersten Republik und des Jahres 1945 (Gertrude Enderle-Burcel und Michaela Follner, 1997). Da sich 1918 die bis dahin übliche strenge Trennung zwischen diplomatischer Laufbahn, konsularischer Laufbahn und dem höheren Dienst des Ministeriums des Äußern - der sogenannten Zentrale - immer mehr verwischte, beschäftigt sich die vorliegende stark biographisch ausgerichtete Publikation mit den Beamten des Höheren Auswärtigen Dienstes. Die Biographien und die kollektivbiographische Auswertung umfassen alle Sektionschefs und Abteilungsleiter der Zentralbehörden, alle Leiter von Botschaften und Gesandtschaften sowie die Leiter von Generalkonsulaten. Die Konzentration auf die absolute Elite des Auswärtigen Dienstes ergab die Beschäftigung mit 183 Einzelbiographien. Jede Biographie weist die Einteilung Name (mit persönlichen Daten), Ausbildung, Militärdienst und Berufslaufbahn auf. Weiters finden sich - soweit dies relevant ist - Angaben zu Wirtschaftsfunktion und politischer Tätigkeit/Einstellung, politischer Verfolgung, Mitgliedschaft bei Verbänden und Vereinen, Veröffentlichungen oder sonstiges Bemerkenswertes. Diese relativ strenge Strukturierung in Form einer Rasterbiographie soll einen raschen Vergleich der Biographien untereinander ermöglichen. Der komplexen Realität des Lebens kann ein biographisches Handbuch nur bedingt gerecht werden. Dies bleibt zukünftigen Einzeldarstellungen vorbehalten. Eine Einleitung, die sowohl die Entwicklung des Auswärtigen Dienstes als auch die historischen Rahmenbedingungen mit einem Schwerpunkt Kontinuität/Diskontinuität 1918, 1938 und 1945 abdeckt, ist den Biographien vorangestellt. Die kollektivbiographische Auswertung der Daten ermöglicht einen Vergleich zwischen der Ersten und Zweiten Republik, aber auch mit den Forschungsergebnissen im Rahmen des Biographischen Handbuches der Sektionschefs der Ersten Republik. Eine Auswahl an relevanten Gesetzestexten sowie eine Auswahl an Eidesformeln sollen den Zugang zum Forschungsthema weiter erleichtern. Die kollektivbiographische Auswertung der biographischen Daten der Spitzendiplomaten im Zeitraum von 1918 bis 1959 ist ein Beitrag zur Elitenforschung. Der Rolle der Persönlichkeit bzw. des individuellen Freiraumes wurde bisher zu wenig wissenschaftliche Beachtung geschenkt. Dies gilt noch viel mehr für die Wechselwirkung zwischen politischen Repräsentanten und Verwaltungseliten, bei der gegenseitige Abhängigkeit bzw. Einflussmöglichkeit schwanken. Die Hochbürokratie, die eigentlich die Aufgabe hätte, den Minister in seiner Geschäftsführung zu unterstützen, kann die Verhältnisse umdrehen. Der Minister kann zum "Gefangenen seiner Bürokratie" werden. In Österreich fehlen aber noch immer umfassende Untersuchungen auf dem Gebiet der Elitenforschung, sei es im Bereich der Politik, Militär, Kirche oder der Verwaltung. Die bereits vorliegenden Studien decken jeweils nur einzelne Forschungsfelder ab oder sind regional begrenzt. Im Rahmen der eben erschienenen Publikation zu den Spitzendiplomaten der Jahre 1918 bis 1938 sowie 1945 bis 1959 wurde eine Mischung von Einzelbiographien und kollektivbiographischer Auswertung gewählt. Es wurden zunächst möglichst umfangreiche Einzelbiographien erstellt, aus denen für die kollektivbiographische Auswertung zahlreiche Eckdaten ausgewählt wurden: Geburtsdatum, Geburtsland, soziale Herkunft (Beruf des Vaters), Religionsbekenntnis, ob dem Adelsstand zugehörig, Schulausbildung, Studium, Konsularakademie, Militärdienst, Teilnahme an den Weltkriegen, Mitgliedschaft beim Österreichischen Cartellverband, Mitgliedschaft bei einer politischen Partei oder ein Naheverhältnis zu einer politischen Weltanschauung, Mitgliedschaft bei der Vaterländischen Front, berufliche Kontinuität/Diskontinuität 1918/1938/1945, Pensionierungsdaten, Funktionen in der Wirtschaft, Veröffentlichungen, Tätigkeit als Regierungsmitglieder. Bei der kollektivbiographischen Auswertung geht es zwar um eine relativ kleine Gruppe von 183 Beamten, die aber die Spitze des Auswärtigen Dienstes waren und als Verwaltungselite bezeichnet werden können. Aufgrund des langen Beobachtungszeitraumes, der sich von 1918 bis 1959 erstreckt, erfolgte - wo dies sinnvoll erschien - die Auswertung der Eckdaten für unterschiedliche Zeiträume. Die getrennte Betrachtungsweise der Ersten und Zweiten Republik ermöglicht auch interessante Vergleiche und zeigt Entwicklungstendenzen auf. Besonderes Augenmerk wurde dem Verhalten der Diplomaten in den Jahren 1938 bis 1945 geschenkt. 14,4 Prozent aller Spitzendiplomaten der Ersten, aber auch der Zweiten Republik weisen eine Nähe zur NSDAP auf. Der Prozentsatz ist gleich hoch, wenngleich die Personen verschieden sind. Die Erwartungen der deklarierten Nationalsozialisten unter den österreichischen Diplomaten erfüllten sich aber nicht. Die Karriereverläufe halten sich in eher bescheidenen Grenzen. Bei zwei Diplomaten lässt sich durch jüngste Forschungen eine Nähe zu Aktionen im Zusammenhang mit der "Lösung der Judenfrage" feststellen. Ob sie als Mitläufer oder Täter zu bezeichnen sind, wird wohl vom Standpunkt des Betrachters resp. der Betrachterin abhängen - wie dies die Diskussionen um Kurt Waldheim gezeigt haben. Unter Österreichs Spitzendiplomaten befanden sich aber auch viele Opfer des NS-Regimes. Der Anteil der Opfer ist, wie immer man ihn aufschlüsselt und betrachtet, sehr hoch. Nimmt man die Gesamtzahl so waren es 47,7 Prozent; betrachtet man die Jahre 1945 bis 1959 so befanden sich unter den 118 aktiven Spitzendiplomaten 65 ehemalige Verfolgte - rund 55 Prozent. Während es in Deutschland 2004 und 2005 durch Außenminister Joschka Fischer und in der Folge durch ehemalige Angehörige des Auswärtigen Amtes zu einer medialen Problematisierung der Rolle der Diplomaten im "Dritten Reich" gekommen ist, steht diese Diskussion in Österreich noch aus. Fünfzig Jahre nach Schaffung eines eigenständigen Außenministeriums scheint der richtige Zeitpunkt gekommen, hier eine Lücke zu schließen. Der epochenübergreifende personenbezogene Ansatz der nun vorliegenden Publikation gibt einen Einblick in die Geschichte des Auswärtigen Dienstes und liefert einen Beitrag zum Verhalten der Spitzendiplomaten 1938 bis 1945 sowie zum Umgang mit dem NS-Erbe nach 1945. |
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