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Martin Dietzsch/Anton Maegerle
Demokratische Mailboxnetze
Die politische Nutzung des Computers ist in Deutschland nichts
Neues, allerdings unter völlig anderen Vorzeichen als im
Thule-Netz. Seit Ende der achtziger Jahre, also lange vor dem
Internet-Boom, entdeckten zahlreiche Bürgerinitiativen, Gruppen
der Umweltschutz-Bewegung und politisch interessierte Einzelpersonen
aus dem Spektrum zwischen SPD, Grünen und linken Gruppen
(zeitweise waren sogar einige CDU-Kreisverbände vertreten) den
Computer als Kommunikationsmittel und bauten auf privater Basis
Hobby-Mailboxnetze auf.
1991 schlossen sich die meisten dieser Mailboxen zum dezentral
strukturierten CL-Netz zusammen, das damit zu einem der großen
freien Netze im deutschsprachigen Raum wurde (neben den
hauptsächlich von Jugendlichen genutzten und Themen aus den
Bereichen Technik, Freizeit, Hobby gewidmeten Netzen Fido, UseNet,
Z-Netz und Maus-Netz). Laut einer Selbstdarstellung waren 1996 ca.
300 Mailboxen in zahlreichen Städten Deutschlands,
Österreichs und der Schweiz mit geschätzten 100.000 Nutzern
an das CL-Netz angeschlossen.
Nach dem Willen der Betreiber soll durch das Bürger-Netz CL dem
basisdemokratischen Ideal nahegekommen werden. Den Nutzern ist es
nicht nur möglich, Informationen zu einem breiten Spektrum von
politischen Themen zu lesen. Jeder Teilnehmer kann eigene Texte
schreiben, die automatisch an alle angeschlossenen Boxen verteilt und
überall abrufbar sind. So ergibt sich die Möglichkeit,
innerhalb kürzester Zeit und mit geringem Aufwand Informationen
an ein Publikum mit zahlreichen Multiplikatoren zu verbreiten und
eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Das hat sich besonders in
Krisenzeiten, z. B. vor und während des Golfkrieges, sehr gut
bewährt. Darüber hinaus ergibt sich (zumindest theoretisch)
die Möglichkeit der direkten Diskussion der Teilnehmer
untereinander, da jeder zu jedem früheren Beitrag Stellung
nehmen kann. Hier klaffen freilich Ideal und Wirklichkeit oft
auseinander. Es ist kaum zu vermeiden, daß ein solches Medium
auch manische Selbstdarsteller, Wichtigtuer, Gerüchtestreuer und
Spinner anzieht.
Die Neonazis betrachteten dieses Netz immer mit einer Mischung aus
Haß und Neid. Sie versuchten, dem CL-Netz zu schaden, wo es nur
ging, z. B. indem sie es öffentlich als "linksextrem" oder gar
"terroristisch" denunzierten. Sollten sich die Behörden einmal
zu einem Einschreiten gegen rechte Mailboxen entschließen, dann
wollen die Neonazis wenigstens die Genugtuung, daß sich ein
solcher Schlag nach der verqueren Logik der Totalitarismus-Theorie
auch gegen das verhaßte demokratische CL-Netz richten
würde.
Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands
(NPD) entdeckt die Neuen Medien
Obwohl Neonazis in den USA Computer schon seit Anfang der
achtziger Jahre zur Kommunikation nutzten, gab es erste Ansätze
dafür in der Bundesrepublik erst 1991. Von Anfang an war die NPD
dabei die treibende Kraft. Auf dem Parteitag im Juni 1991 setzte sich
Günter Deckert als neuer Vorsitzender durch. Deckerts Kurs
zielte auf eine Radikalisierung der NPD und auf eine Öffnung
gegenüber der militanten Neonazi-Szene. (Dieser Kurs wird seit
1996 von seinem Nachfolger Udo Voigt sogar noch forciert.) Auf diesem
Parteitag 1991 richtete die NPD erstmalig einen "Arbeitskreis Medien
+ Technik" ein.(2) Der Leiter dieses Arbeitskreises war Herbert G.
Welsch (zeitweise Landesschatzmeister der bayerischen NPD).
Ab Januar 1992 bot die NPD dann als erste Rechtspartei ihre
Propaganda innerhalb des Btx-Dienstes der Telekom (jetzt t-online)
an. Zu diesem Zweck wurde die ARV Elektronik GmbH mit Postfach in
Schwaig (östlich von Nürnberg) gegründet, für die
Herbert G. Welsch verantwortlich zeichnet. Zunächst war man in
der NPD offenbar sehr stolz auf diese Aktion. In jeder Ausgabe der
Deutschen Stimme wurde auf Btx hingewiesen, Reaktionen der
seriösen Presse auf diese Aktivitäten wurden genau verfolgt
und teilweise nachgedruckt. Doch schon bald ließ die Euphorie
über das neue Medium merklich nach - nicht nur, weil der
antiquierte Btx-Dienst der Telekom sehr umständlich zu handhaben
war und die realen Abrufe der NPD-Seiten sehr gering waren. Das
für die NPD besonders interessante jugendliche Publikum war auf
diesem Wege kaum ansprechbar. Schon im Februar 1992 hatte der
NPD-Pressesprecher Karl-Heinz Sendbühler in der Zeitschrift
Nation unter dem reißerischen Titel "Hacker von Rechts?"
verkündet: "Mit dem Aufbau eines bundesweiten Netzwerkes wird es
sicher noch eine Weile dauern, aber Ende des Jahres dürfte es
soweit sein." Der NPD tat sich mit dem Thule-Netz eine
Alternative auf, die freilich nicht unter der Parteifahne agieren
sollte. Unter dem Pseudonym "NPD BTX-Zeitung" war Welsch auch im
Thule-Netz präsent.
Seit Mitte 1996 engagiert sich die NPD nun auch massiv innerhalb des
Internets im World Wide Web. Die Btx-Seiten der NPD fristen heute nur
noch ein Schattendasein. Sie enthalten einige kurze Meldungen aus den
Parteizeitungen und eine Werbung für das Thule-Netz, die
allerdings seit 1994 nicht mehr aktualisiert wurde.
Kundschafter im CL-Netz
Ab Mitte 1992 betätigte sich Thomas Hetzer aus Erlangen,
damals Informatikstudent, als Kundschafter im CL-Netz. Hetzer stand
dem Nationaldemokratischen Hochschulbund (NHB), der
Studentenorganisation der NPD, zumindest sehr nahe. Der NHB meldete
damals nur mit einer Handvoll Mitgliedern, aber mit viel
nationalrevolutionärem Getöse seinen Führungsanspruch
gegenüber der gesamten Rechten an. Hetzer war zeitweise
presserechtlich verantwortlich und Postfachinhaber für das
nationalrevolutionäre Kleinst-Blättchen Die
Saufeder, das als Organ von JN(Jungen
Nationaldemokraten)- und NHB-Funktionären aus dem
fränkischen Raum fungierte.
Er lernte die Technik und die Gepflogenheiten in Mailboxnetzen
kennen. Gleichzeitig testete er, wie weit sich das linksalternative
Publikum des CL-Netzes über den Tisch ziehen läßt. Er
schrieb z. B. im Brett "Geschichte", früher habe er ja auch an
den Holocaust geglaubt, aber jetzt sei er auf neue Dokumente
gestoßen. Dann zitierte er aus Nation + Europa, ohne die
Quelle zu nennen. Im Brett "Religion" suchte er nach Mitstreitern
für neuheidnische Germanenkulte.
Die Systemkoordination des CL-Netzes reagierte auf die Forderung nach
Ausschluß von Neonazis, deren organisierter Hintergrund
eindeutig ist, unentschlossen. Zahlreiche Systembetreiber (Sysops)
forderten Redefreiheit auch für Neonazis.
Im August 1992 schrieb Thomas Hetzer als Der radikale
Heinz:
"Ich finds absolut korrekt wenn sich Radikalinskis aller Richtungen
treffen!!! Egal ob Ökodiktator oder BDM-Feministin!!! Das neue
vereinigte und sozialistische Deutschland wird radikal sein bis zum
abwinken!!! Also GenossInnen keine Berührungsängste, wenn
es um gesellschaftliche Veränderungen geht!!! Venceremos!!!
Macht Euch mal zwischen ein paar Bier Gedanken drüber (es lohnt
sich)!!! Im nordbayerischen Raum wird versucht eine radikale
Aktionseinheit zu bilden!!! Bildet Kampfabteilungen! Sprengt die
Gegensätze! Seid radikal!"
Wenig später wurde ihm der Schreibzugriff in seiner Mailbox, der
LINK-N in Nürnberg, entzogen. Die Begründung war z. T.
formal, er hatte dem Anschein nach dem radikalen Heinz seinen
Account überlassen.
Gründung des Thule-Netzes
Ende 1992 eröffnete Thomas Hetzer seine eigene Mailbox, die
Widerstand BBS. Er arbeitete eng mit der Phantom in
Nürnberg zusammen, die von einem Anhänger der Deutschen
Volksunion (DVU) betrieben wurde. Gemeinsam gründeten sie
das Deutsche National Netz.
Am 20. 3. 1993 wurde das Deutsche National Netz in
Thule-Netz umbenannt. Mitglied waren anfangs fünf Boxen:
Nürnberg (Robert Strätz), Erlangen (Thomas Hetzer),
Oftersheim (Jürgen Jost), Essen (NPD-Mitglied) und Krefeld
(FAP/Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei-Mitglied), wobei
die letzten beiden zunächst wegen technischer Probleme, dann
wegen Hausdurchsuchungen nie wirklich am Thule-Netz
teilnahmen. Im Gegensatz zu anderen Netzen ist das Thule-Netz
sternförmig und hierarchisch aufgebaut. Alle Nachrichten laufen
über die Widerstand BBS von Thomas Hetzer in
Erlangen.
Hetzer begründete die Namensumstellung mit dem Argument: "Nach
den diversen Veröffentlichungen über die WIDERSTAND BBS
fanden wir (die SysOps und CoSysOps) es halt besser, einen etwas
unauffälligeren Namen zu wählen. Zudem erinnert mich
'Deutsches National-Netz' etwas zu sehr an die Deutsche
Nationalzeitung." (7. 5. 1993) Andererseits schrieb er: "Diejenigen
Leute, die ich in erster Linie mit meiner Box erreichen will und
für diese Box da ist, wissen durchaus mit dem Begriff THULE
etwas anzufangen." (16. 5. 1993) Hetzer bezog sich von Anfang an auf
die Ideen des Thule-Seminars von Pierre Krebs in Kassel, ohne
daß dies auch eine organisatorische Anbindung beinhaltete. Er
schrieb selbst, er habe vom Thule-Seminar schon lange nichts
mehr gehört. Zu diesem Zeitpunkt war das wohl auch noch so. In
der germanentümelnden Mythologie steht "Thule" für die
angebliche Urheimat der Europäer im hohen Norden. Der Begriff
Thule-Netz hat auch eine dritte Bedeutung: er spielt auf die
Thule-Gesellschaft an, einen Geheimorden in München nach
dem Ersten Weltkrieg, der aktiv an der Niederschlagung der
Räterepublik beteiligt war und eine wichtige Rolle in der
Frühgeschichte der NSDAP spielte.
Thule war also zunächst als Chiffre für Wissende
gedacht, mit der Nichteingeweihte nichts verbinden. In der
ursprünglichen Planung sollte das Netz nach außen offen
sein und das gesamte rechte Spektrum in sich vereinigen. So wurde in
der Anfangszeit von Aktivisten des Thule-Netzes bei
Ausflügen in demokratische Netze Werbung für das
Thule-Netz gemacht und versucht, auch unorganisierte Rechte
für das Netz zu interessieren. In dieser frühen Phase waren
vorübergehend auch einige Mailboxen im Netz, deren Betreiber
nicht zum harten Kern der Neonazi-Szene gehörten, z. B.
Gonzo mit seiner Empire BBS, aber auch der Deutsche
National-Zeitung-Leser und Thule-Mitgründer Robert
Strätz, der aber schon bald hinausgeekelt wurde.
Wandel zum Kader-Netz
Das Konzept änderte sich, als sich einerseits zeigte,
daß das Netz zur breiten Rekrutierung nicht geeignet war - dazu
dienen viel besser die Foren der großen Mailboxnetze wie Fido,
UseNet oder Z-Netz. Andererseits gelang es den Betreibern, eine ganze
Reihe von führenden Funktionären der Militanten für
eine Mitarbeit zu gewinnen, z. B. Kai Dalek, Andree Zimmermann,
Günter Deckert, Michael Prümmer, Hans-Peter Krieger, Ernst
Marschall, Christian Wendt. Zum Teil machten sie eigene Thule-Boxen
auf, vor allem aus der NPD, der FAP und der NSDAP/AO. Die eigentliche
Zielgruppe bilden nun Funktionäre der militanten Rechten, die
durch Anzeigen in einschlägigen Publikationen (von der Jungen
Freiheit bis hin zu Untergrund-Blättchen), vor allem aber auch
durch direkte Ansprache bei rechten Veranstaltungen geworben wurden.
Bereits in den ersten TV-Berichten über das Netz wurde ein
Interview mit dem NPD-Funktionär Sendbühler ausgestrahlt,
in dem er triumphierend behauptete, man verfüge jetzt mit dem
Thule-Netz über ein Medium, das absolut abhörsicher
gegenüber dem Staat sei.
Solche Allmachtsphantasien wurden zwar von der
Sensationsberichterstattung bereitwillig aufgenommen, haben aber
wenig mit der Realität zu tun. Das Bild von den technisch
überlegenen Neonazi-Hackern, die Gegner und Sicherheitsdienste
austricksen, ist nur ein Phantasiegebilde. Die meisten Geistesblitze
der Thule-Leute sind nichts weiter als ein billiges Plagiat. Die
Technik des Netzes wurde vom Fido-Netz übernommen und
genügt nicht einmal minimalen Sicherheitsstandards. Die
Brettstruktur wurde beim CL-Netz abgeguckt, viele Bretter bleiben
aber mangels Masse leer. Die Selbstdarstellung wurde im technischen
und praktischen Teil aus Werbematerial des CL-Netzes, im
ideologischen Teil vom Thule-Seminar abgeschrieben. Statt
konspirativer Kommunikation bietet das Thule-Netz im Gegenteil
politischen Gegnern und dem Staatsschutz die Möglichkeit, sehr
viel mehr über Interna der Neonazi-Szene zu erfahren als durch
bloße Auswertung von Publikationen. Die elektronische Form und
die in Mailboxen allgemein übliche datenbankmäßige
Aufbereitung machen es selbst Laien möglich, mit geringem
Aufwand Persönlichkeitsprofile der Benutzer zu erstellen. Trotz
Benutzung von Pseudonymen ist bei einem großen Teil der aktiven
Thule-Nutzer der Realname bekannt. Auch die Verwendung des
Verschlüsselungsprogramms PGP (Pretty Good Privacy) für
persönliche Nachrichten ist weder originell, noch bietet sie in
der von Spitzeln durchsetzten und von Hausdurchsuchungen
überzogenen Szene einen wirksamen Schutz gegen die
Ausspähung durch den Staat. Einmal abgesehen von der Tatsache,
daß die meisten Thule-Nutzer es nicht schaffen, das Programm
PGP zu bedienen - für einen solchen Zweck braucht man kein
Thule-Netz. Die großen Mailboxnetze und natürlich das
Internet wären für solche verdeckten Informationsverteiler
sehr viel besser geeignet als das winzige und unzuverlässige
Thule-Netz. Und selbstverständlich kann man
PGP-verschlüsselte Disketten auch ganz traditionell mit der Post
verschicken.
"Befreite Zone?"
Wahn und Wirklichkeit klaffen also wie so oft in der rechten Szene
auseinander. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die
Selbstdarstellungen der Neonazis liest.
Als Grundsatzpapier des Thule-Netzes kann man einen Artikelzyklus in
der Zeitschrift des NHB Vorderste Front werten, der in abstrakter
Form die Errichtung einer rechten Stadtguerilla in der Bundesrepublik
beschreibt. Er wurde bereits am 25. 2. 1993 von Thomas Hetzer (alias
Alfred Tetzlaff) in das Brett "NEUES DENKEN" eingespielt und ist auch
heute noch für jedermann abrufbar (inzwischen auch im Internet
bei Stormfront und bei Ernst Zündel). Insbesondere ist dabei der
Artikel "Schafft befreite Zonen!" von Bedeutung. Hier wird mit sehr
viel nationalrevolutionärem Getöse und lächerlichem
Pathos dem Thule-Netz die Rolle eines Kommunikationsmediums, einer
virtuellen "befreiten Zone", für rechte Untergrundzellen
zugewiesen. Thomas Hetzer berauscht sich auch heute noch an diesem
Schwulst, während der NHB inzwischen nach seinem Geschmack zu
sehr auf "NS-Linie" liegt.
"WAS HEISST DAS - BEFREITE ZONEN?
Wir betrachten die befreiten Zonen aus MILITANTER Sicht, also aus der
Sicht des politischen Aktivisten. Es geht keinesfalls darum,
eigenständige staatliche Gebilde oder ähnlichen Unsinn ins
Leben zu rufen. Nein, befreite Zonen bedeutet für uns zweierlei.
Einmal ist es die Etablierung einer GEGENMACHT. Wir müssen
Freiräume schaffen, in denen WIR faktisch die Macht
ausüben, in denen WIR sanktionsfähig sind, d. h. WIR
bestrafen Abweichler und Feinde, WIR unterstützen
Kampfgefährtinnen und -gefährten, WIR helfen
unterdrückten, ausgegrenzten und verfolgten Mitbürgern. Das
System, der Staat und seine Büttel werden in der konkreten
Lebensgestaltung der politischen Aktivisten der Stadt ZWEITRANGIG.
Entscheidender wird das Verhalten derer sein, die für die Sache
des Volkes kämpfen, unwichtig wird das Gezappel der Systemzwerge
sein. Wir sind drinnen, der Staat bleibt draußen."
"Wir sehen also, wenn wir all unseren Idealismus, unsere Kraft,
unseren Glauben und unseren Mut konzentrieren, dann können wir
nur siegen und das Böse, den Weltstaat, vernichten. Aber der
Kampf wird äußerst hart sein, viele Rückschläge,
manchen Verrat und manche Überraschung - gute und böse -
bringen. Viele werden unseren LEUCHTENDEN WEG wieder verlassen, aber
andere werden dazustoßen, Verlorengeglaubte und Neugewonnene
werden diese Lücken mehr als füllen. Aus Rinnsalen werden
Bäche, aus Bächen wird der große Strom, der alles mit
sich reißt, das sich der Sache des Volkes entgegenstemmt. Und
wir und Ihr könnt einmal voller Stolz sagen: ABER WIR HABEN DIE
QUELLEN OFFENGELEGT! WIR HABEN DAS GUTE IN UNS UND IM DEUTSCHEN VOLK
WIEDERENTDECKT!"
Aktueller Stand
Eine Auswertung des Thule-Netzes im ersten Quartal 1997 ergibt
folgendes Bild: Jeden Monat erscheinen ca. 1.000 Meldungen mit 1,7 MB
Umfang, davon entfallen allerdings ca. 10 Prozent auf das Brett
"Quote", in dem kopierte Nachrichten aus anderen Netzen erscheinen.
Es gibt insgesamt 74 schreibende Nutzer, wenn man doppelte Pseudonyme
abzieht, bleiben ca. 60 aktive Nutzer übrig. Außerdem gibt
es schätzungsweise 200 stumme Nutzer, die nur lesen und nicht
schreiben.
Aktive Thule-Boxen:
- Widerstand BBS (Erlangen), 13 aktive User
- Propaganda BBS (Karlsruhe), 6 aktive User
- Kraftwerk BBS (Weissenbrunn), 8 aktive User
- Janus BBS (München), 8 aktive User
- Germania BBS (Bonn), 10 aktive User
- Osgiliath BBS (Frankfurt/M.), 2 aktive User
- Ost-West-White-Board (Arnheim), 1 aktiver User
Folgende Boxen wurden im März 1997 ausgeschlossen und
bildeten das Nordland-Netz:
- Elias BBS (Oftersheim), 9 aktive User
- Asgard BBS (Bad Segeberg), 6 aktive User
- Störtebeker BBS, vormals Ausweg BBS (Stavenhagen,
Mecklenburg-Vorpommern) , 11 aktive User
In der Thule-Werbung aufgeführt, aber ohne aktive User:
- Bunker BBS (Berlin), Telefonansage: "Dieser Anschluß ist
vorübergehend nicht erreichbar"
- Dissident BBS (Wien), "vorübergehend offline"
- Digital Freedom BBS (Toronto, Ontario)
Inhalte
Das Thule-Netz bietet seinen Nutzern derzeit 75 Diskussionsforen
von "Adressen" und "Anti-Antifa" über
"Geschichte/Bewältigung", "Gesellschaft/Multi-Kulti",
"Musik/Oi&Möh" bis hin zu "Partei/NPD", "Publikationen/JF"
und "Religion/Heidentum".
Eingescannte Artikel aus der Rechtspresse sollen der Schulung der
Kameraden dienen: Criticon, Junge Freiheit (gleichzeitig wegen ihres
aus der Sicht der Militanten zu angepaßten Kurses als "Junge
Feigheit" geschmäht und dennoch ständig verwendet),
Deutsche National-Zeitung, Staatsbriefe, Aula, Nation + Europa, aber
auch Steffen Hupkas Umbruch und Teile der Nachrichten der HNG. Eine
enge Zusammenarbeit besteht außerdem mit dem Zeitungsprojekt
der NS-orientierten militanten Berlin Brandenburger Zeitung, in der
häufig auch Beiträge von Thule-Aktivisten erscheinen.
Aber vor allem besteht der Inhalt des Netzes aus sehr viel dummem
Geschwätz. Das Vorhaben, die Thule-Nutzer zu
"intellektualisieren", das Hetzer und anderen vorschwebt, dürfte
eine unlösbare Aufgabe sein. (Um dies zu illustrieren, werden
wir weiter unten einige typische Thule-Meldungen zitieren.)
Zudem zeigt sich gerade im Thule-Netz, daß intellektuelles
Auftreten keineswegs mit gemäßigteren Positionen verbunden
ist - im Gegenteil. Ein Beispiel ist Christian Anderle, der Betreiber
der einzigen österreichischen Thule-Box.
Arisk
Christian Anderle, in Zusammenhang mit der Schändung des
jüdischen Friedhofs in Eisenstadt/Burgenland gesucht,3
gründete 1995 die erste und bisher einzige Thule-Mailbox in
Österreich, die Dissident BBS. Unter dem Pseudonym Arisk lenkte
er die Diskussion wiederholt auf die Briefbomben und legte nahe, sie
seien von jüdischen und freimaurerischen Geheimdiensten gelegt.
Trotz dieser kruden Thesen muß man ihn zu den Intellektuellen
im Netz zählen. Er feierte Rostock als Volksaufstand und
forderte freien Zugang zu Bomben- und Tötungsanleitungen, immer
mit dem Zusatz versehen, er persönlich distanziere sich von der
Gewalt. Ja, er sprach sich sogar ausdrücklich gegen die
Schändung jüdischer Friedhöfe mit Hakenkreuzen aus -
mit der infamen Begründung, dadurch würde ein arisches
Heilssymbol entweiht.
Nach Festnahme des Mittäters Tomsits tauchte Anderle unter und
wird seither mit internationalem Haftbefehl gesucht. Er hat Kontakt
zu Siggi, dem Sysop der Störtebeker BBS. Dieser meldete am 27.
5. 1996, Arisk gehe "aus persönlichen Gründen ein Weilchen
offline". Am 1. 8. 1996 spielte Siggi dann einen Offenen Brief von
Anderle in das Netz ein, er werde vor der österreichischen
Justiz die Aussage verweigern, es handle sich allenfalls um
Sachbeschädigung. Seine Ankündigung, sich den deutschen
Behörden zu stellen, machte er nicht wahr. Er wird in
Skandinavien vermutet.
Das Thule-Netz solidarisierte sich mit Anderle und seinen Taten.
Lutscher alias Andree Zimmermann, Sauerländer Aktionsfront
(13. 8. 1996):
"Ändert eine evtl. 'Grabschändung' etwas dran? Wäre er
(wenn es tatsächlich so sein sollte) kein Kamerad mehr wenn sich
dieser Vorwurf bestätigen sollte? Da gibt es andere 'Kameraden'
die schon viel zu lange (mit viel mehr Dreck am Stecken) geduldet
wurden! [...]
Ich sehe dennoch KEINEN Grund, warum ich mich von Kamerad Arisk
distanzieren sollte!!!"
Marschall, d. i. Ernst Marschall, NPD Frankfurt (16. 8. 1996):
"Hallo und Heil Euch!
Was soll die Kleinlichkeit? Soll bei uns auch schon aus einem Furz
ein Donnerschlag gemacht werden?
Die Beiträge von Arisk haben mir sehr gut gefallen. Ich habe
weiter eine gute Meinung von ihm! Falls er Hilfe bräuchte,
hätte er meine Solidarität!
Ferner: Mit welchem Recht hat man unsere Symbolik verboten? Na und,
wenn er dieser Inquisition gezeigt hätte, daß man sich das
nicht gefallen läßt? Arisk gehört weiterhin zu uns!
Thema abgehakt.
Mit unserem Gruß!"
BBZ Redaktion alias Christian Wendt, Die Nationalen, Berlin (16.
8. 1996):
"Natürlich ändert das überhaupt gar nichts.
1. Es ist noch überhaupt nichts bewiesen!
2. Wer beleidigt, malträtiert und schändet denn unser
ganzes Volk?
Das könnte den Hebräern so in den Kram passen, würden
wir Kamerad Arisk nun hängen lassen. Ich sage hier, jetzt und
für alle deutlich vernehmbar NEIN!"
Auch heute noch taucht Anderles Dissident BBS in der offiziellen
Mailboxliste des Thule-Netzes auf - mit dem Zusatz:
"vorübergehend offline".
Beispiele für den Umgangston im
Thule-Netz
Um einen Eindruck über den Ton und das Niveau zu vermitteln,
die im Thule-Netz herrschen, sei hier aus einigen Nachrichten
zitiert.
Der Thule-Aktivist Rübennase beklagt sich über eine
ausgefallene Karnevalsveranstaltung (31. 1. 1997):
"Verdammt nochmal!
Nun sollten hier am Wochende mehrere große
Karnevallsveranstaltungen stattfinden, der Umzug wird sogar normaler
Weise im WDR-Fernsehen übertragen.
So, da sich für die abendlichen Feiern aber eine Masse Kanacken
und vermeintlich russischer Juden angekündigt haben, um sich auf
ihre Art und Weise für unsere Gastfreundschaft zu bedanken, sind
vorerst mal alle Veranstaltungen für heute Abend abgesagt worden
- ohne Begründung, versteht sich. Mal sehen, was mit den
morgigen Veranstaltungen ist.
Ansich wolle ich mich mit einigen anderen als Gegenpohl an diesem
Massaker beteiligen, aber das wird wohl alles nichts.
Aber eines ist doch wohl erschreckend:
Dieses Scheiß-System kapituliert vor einem Haufen
Asylheischender und anderer Schmarotzer und da werden lieber
Großveranstaltungen mit ein paar Tausend Gästen abgesagt,
als diesem Abschaum mal zu zeigen:
DIES IST IMMERNOCH UNSER LAND! DIES IST N I E M A L S EUER LAND!
ENTWEDER IHR VERHALTET EUCH, WIE SICH DAS FÜR GÄSTE
GEHÖRT, ODER
IHR BEKOMMT DIE MEHR ALS VERDIENTE QUITTUNG!
Verdammt nochmal! Hätte ich die Gelegenheit, ich würde
diesen gigantischen Haufen Dreck, diese Untermenschen, derart
zusammenknüppeln, das sie sich wünschen, sie wären nie
nach Deutschland gekommen, um zu schmarotzen und zu
terrorisieren.[...]
Mein Gott Walter, was für ein Dreckspack holen wir uns da ins
Land? Das werden die etablierten Politversager eines schönen
Tages teuer bezahlen!
GAS HAT ZUKUNFT! (Werbeslogan der Stadtwerke Münster)
Mit strafrechtlich wahnsinnig relevanten Grüßen
Rübennase (bekennender Antitermit, geistiger Brandstifter)"
Der Thule-Aktivist BBZ Redaktion alias Christian Wendt legt in
einer Diskussion seine Haltung zur Verfassung dar (14. 8. 1996):
"In dem Du Dich auf die Scheinrechte des Grunzgeschwätzes
berufst, erkennst Du die Pseudo-(Unrechts-)verfassung dieses
abhängigen Bunzgebildes auf dem Boden des rechtlich immer noch
bestehenden Deutschen Reiches an.
Du legitimierst die Bonner Volksauslieferer und Landesverkäufer
sowie die Totengräber unserer Kultur, setzt sie in den Stand,
über die deutschen Geschicke zu entscheiden und billigst ihn
darüberhinaus noch zu, über 'Recht' und 'Unrecht' zu
befinden. Das ist genau das, was die Bonner gerne hätten und
sich alle vier Jahre von Millionen verblödeter
Bundeskonsumbürger durch 'Wahlen' bestätigen lassen.
Merke: Meine Partei ist seit 1945 aufgrund von Siegerwillkür und
einer Kollaborationsgesetzgebung verboten!
Wir verlangen von diesem System nichts und dieses System hat auch von
uns nichts zu erwarten. Die Bonner Vasallen werden entweder zum
Teufel gejagt, oder wir beißen ins Gras. Dazwischen gibt es
nichts! Auch ihr werdet merken, daß man von Verbrechern kein
Recht einklagen kann. Das heißt natürlich nicht, daß
man die Hände in den Schoß legen soll, weil man gegen die
Bonner Pest ohnehin nichts tun kann. Es geht nur darum, die wenigen
Kräfte, die wir besitzen, zielgerichtet und wirksam
einzusetzten. Angriffsflächen bietet dieses System
genügend!"
Der Thule-Aktivist Pflug-Hartung antwortet auf die Frage, warum er
denn als Pseudonym so einen neumodischen Doppelnamen benutze (31. 7.
1996):
"So ist halt der Adel!
Hauptmann von Pflug-Hartung war der Soldat, der den Verbrecher Ernst
Thälmann beim Fluchtversuch niederstreckte!
Leutnant Vogel, der Rosa Luxemburg erschoß, gab sich mit einem
Namen zufrieden. (:-)
Heute wie damals gilt es, Deutschland vom roten Chaos zu
befreien!
MkG, Pflug-Hartung
Der Todt ist ein Baumeister aus Deutschland"
Thule zu Reemtsma
Der Hamburger Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma gehört
spätestens seit seiner spektakulären Entführung zu den
meistgehaßten Personen in Neonazi-Kreisen. Reemtsma finanzierte
u. a. die Ausstellung des Hamburger Instituts für
Sozialforschung über die Verbrechen der Wehrmacht, gegen die die
Neonazis sowie die CSU im Frühjahr 1997 Sturm liefen. Am
folgenden Beispiel kann man sehen, wie die tiefschürfenden
Diskussionen im Thule-Netz ablaufen. Das Ergebnis war übrigens
ein Boykottaufruf, der allen Ernstes dazu auffordert, keine
Zigaretten des Reemtsma Tabak-Konzerns mehr zu kaufen, und über
die Internet-Webseite des Thule-Netzes abrufbar ist. Daß Herr
Reemtsma mit der Firma seiner Familie schon lange nichts mehr zu tun
hat, sei hier nur am Rande erwähnt.
Hagestolz (15. 5. 1996):
"Es wäre m. E. ein Segen für Hamburg und Deutschland
gewesen, hätten die Entführer den Kapital-Bolschewisten bei
sich behalten."
Johnny Kontrolletti (16. 5. 1996):
"Ja, Hagibaby - am Besten, Du ziehst eine richtige
Schlußfolgerung daraus, und gewöhnst Dir das Rauchen ab
... :-)
Schau mal auf Deine Marke - vielleicht hast Du diesen Linkszigeuner
schon kräftig unterstützt?"
Oswald (16. 5. 1996):
"Bitte weiterdenken. Reemtsma war vielleicht gegen Entfuehrung
versichert. Man kann sich in London gegen alles versichern lassen. Er
hat mitgespielt und ganz 'legal' die Kasse der RAF wieder
aufgefuellt. Der einzige Einsatz waren seine Praemien an die
Versicherung, die er wohl jetzt von der RAF erstattet bekommt."
Schinderhannes (16. 11.1996):
"JAN PHILIPP REEMTSMA (Warum man den gefunden hat und den Fishmann
nicht (rechtzeitig) ????)"
Marschall (16. 11. 1996):
"Du hast ja ganz schwarze Gedanken ... :-)
Aber so denke ich auch!
Und: 'Man nehme Doktor Oetker ...' :-)"
Umbruch (14. 12. 1996):
"Wie ihr Euch erinnern werdet, habe ich Jan Philipp Reemtsma als
'eines der größten Schweine' bezeichnet und seinen
'Entführern viel Glück' gewünscht. Diese Worte
erfüllen angeblich die Straftatbestände der 'Beleidigung'
und der 'öffentlichen Billigung von Straftaten'."
Schinderhannes (24. 1. 1997):
"Ist Euch eigentlich schon mal der 'abwegige' Gedanke gekommen, die
ganze Reemtsma-'Entführung' könnte eine riesige PR-Aktion
für die damals bereits geplante
Anti-Deutsche-Wehrmachtsausstellung sein?"
Uwe Faulenbach (26. 1. 1997):
"Es ist auch anzunehmen, daß viel der angeblich rechten
Straftaten solche PR-Aktionen sind oder planmäßig von den
Antifas verübt werden. Solingen und auch Lübeck sind nach
meine dafürhalten solche Aktionen."
Wieland (15. 3.1997):
"Übrigens Adolf Hitler war fanatischer Nichtraucher. Ist das die
Rache Reemtsmas ?"
Mobilisierung via Thule-Netz
Da inzwischen auch dem dümmsten Thule-Aktivisten klar sein
dürfte, daß nicht nur "Kameraden" mitlesen, wird das Netz
nur relativ selten zur konkreten Mobilisierung zu Veranstaltungen
oder Demonstrationen genutzt. Entweder wird nur im nachhinein
darüber berichtet, oder die Angaben sind sehr allgemein gehalten
und die Details werden nur auf Anfrage auf konspirativem Wege
weitergegeben. Nur für zentrale bundesweite Veranstaltungen der
Neonazi-Szene, wie die alljährlichen
Rudolf-Heß-Märsche oder die NPD-Demonstrationen am 1. 3.
1997 in München und am 1. 5. 1997 in Leipzig, wurde im Vorfeld
im Thule-Netz mobilisiert. So veröffentlichte Lutscher alias
Andree Zimmermann die Bulletins seines
Rudolf-Heß-Aktionskomitees. Aber auch hier werden die
entscheidenden Informationen nicht über das Netz, sondern via
Fax-Verteiler und Telefonketten verbreitet. Sehr beliebt ist es
dagegen, im Rahmen der "Anti-Antifa" Veranstaltungen des politischen
Gegners mit vollen Details anzukündigen mit dem Hinweis,
"Kameraden" könnten dort einen "Besuch" abstatten. In den
meisten Fällen erwies sich das als leere Drohung, gelegentlich
gab es aber auch massive Störungen durch angereiste Neonazis.
Verbreitung von Desinformation
Die elektronische Kommunikation eignet sich hervorragend für
die Verbreitung von Falschmeldungen jeder Art unter fingiertem
Absender. Es findet sich immer wieder jemand, der auf solche
Fälschungen hereinfällt und sie weiterverbreitet. Die
Thule-Aktivisten experimentieren seit geraumer Zeit innerhalb und
außerhalb ihres Netzes mit solchen Aktionen und konnten sich
über einige Erfolge freuen. So veröffentlichte z. B. am 5.
6. 1995 die Bonner Thule-Mailbox Germania BBS unter einem fingierten
Account eine "Strategische Weisung der Zentralstelle der Vereinten
Rechten", in der es u. a. hieß:
"Alle nationalen Aktivisten sind ab sofort aufgerufen, in die
Partei 'Die Grünen' einzusickern, um die Partei auf nationalen
Kurs zu bringen."
Laut Medienberichten soll diese für Eingeweihte leicht
erkennbare Finte ausgerechnet vom Verfassungsschutz des Landes
Nordrhein-Westfalen als angeblich authentisches Strategiepapier an
Medienvertreter weitergeleitet worden sein, die das Thema
während der gleichzeitig laufenden Koalitionsverhandlungen in
Nordrhein-Westfalen zwischen SPD und Grünen bereitwillig
aufgriffen. Die Thule-Leute freuten sich jedenfalls über den
Wirbel, den diese "schwarze Propaganda" (Schinderhannes, 15. 6. 1995)
auslöste. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalens sah sich am
30. 6. 1995 zu einem Dementi genötigt: "An der Ernsthaftigkeit
einiger im Thule-Netz verbreiteter Informationen und Diskussionen
bestehen Zweifel."
Ein anderes Beispiel: Die Computerzeitschrift Chip berichtete in
ihrer März-Ausgabe 1997 über das Thule-Netz und outete u.
a. den Betreiber der Internet-Seiten und der Münchener
Janus-BBS, Thorin Eichenschild alias Ralf Kottcke. Obwohl das schon
lange kein Geheimnis mehr war, herrschte im Thule-Netz helle
Aufregung.
Kurze Zeit später verbreitete ein Nutzer mit fingiertem Absender
in verschiedenen demokratischen Netzen, u. a. im UseNet und im
CL-Netz, eine gefälschte Fassung des Chip-Artikels, in dem der
Name von Undertaker alias Kai Dalek aus Weissenbrunn durch den eines
unbeteiligten Mailboxbetreibers im Fido-Netz aus Rüsselsheim
ersetzt wurde. Dieser Mailboxbetreiber hatte sich 1995 bei den
Neonazis unbeliebt gemacht, als er gegen eine Mailbox der
Republikaner einschritt. Zahlreiche UseNet-Teilnehmer fielen auf die
Fälschung herein und beschimpften das Opfer der Fälschung
als Neonazi. Die wahre Quelle der Desinformation ließ sich
nicht ermitteln. Es liegt der Verdacht nahe, daß es sich
einerseits um einen Racheakt handelte und daß zugleich
Verwirrung gestiftet und Antifaschisten und Chip-Artikel
gleichermaßen unglaubwürdig gemacht werden sollten.
Die Tücken der Technik
Gleich mit seiner ersten Nachricht enttarnte Günter Deckert
am 23. 1. 1994 unbeabsichtigt sein Pseudonym Zeus. Er setzte eine
private Nachricht in ein öffentliches Brett. Seine Enttarnung
wäre allerdings auch ohne diesen Fehler nicht allzu schwer
gewesen. Seine beiden Alter egos Zeus und Brutalo Fieske kannten nur
ein Thema: Günter Deckert. Während der innerparteilichen
Querelen 1995 ging er sogar soweit, daß er am 17. 10. 1995 die
Namen, Anschriften, Telefon- und Fax-Nummern seiner innerparteilichen
Widersacher ("Putschisten", "Verräter") veröffentlichte mit
der Aufforderung an seine Anhänger, ihrer "Enttäuschung
freien Lauf" zu lassen, was dann auch prompt durch Drohanrufe
realisiert wurde. Dafür prahlte dann der Sysop der
Störtebeker BBS und Deckert-Anhänger mit seinen guten
Beziehungen zu Zeus und verriet, er befinde sich "auf einer der span.
Inseln" in Urlaub und käme am 8. 11. 1995 zurück. Deckert
wurde am 8. 11. 1995 bei seiner Rückkehr von den Kanarischen
Inseln auf dem Flughafen verhaftet.
Thule-Netz zur Meinungsfreiheit
Immer wenn der Einfluß von Neonazis in den Netzen begrenzt
werden soll, ja selbst wenn nur kritisch über deren Thesen
diskutiert wird, spielen sie sich als Verteidiger der
Meinungsfreiheit auf. Deshalb ist es recht interessant, wie sie
über das Thema reden, wenn sie sich unter sich wähnen.
Wulfbauer (1. 7. 1996):
"Ich garantiere jedem meiner politischen Feinde, daß sie,
sollte ich jemals die Macht dazu haben, sie ihre Meinung
öffentlich niemlas kundtun werden dürfen."
Antwort von Tanzender Bär (4. 7. 1996):
"Nana, was glaubst Du denn jetzt wenn die ersten Zecken das wieder
gelesen hätten, was denn jetzt wieder in der Presse stände?
Die bösen Neo-Nazis (Ich kenne übrings keinen, bzw. gibt es
überhaupt welche?) garantieren nach ihrer Machtübernahme
keine Meinungsfreiheit. Aber mache Dir nichts daraus, ich denke da
genau wie Du. Wenn wir dran sind dann sind sie dran."
Am 7. 7. 1996 ergänzt BBZ Redaktion (Christian Wendt):
"Demokratie kommt von 'demos' = Abschaum und heißt nichst
anderes als Herrschaft des Abschaums oder um es mit den Worten von
Edgar Jung zu sagen: Herrschaft der Minderwertigen"
Rechtsextreme Einheit?
Nach den Vereinsverboten vieler militanter Kleingruppen 1992/93
hieß es in der rechten Propaganda, dies habe die Einheit der
militanten Rechtsextremisten hergestellt. Man operiere jetzt in einem
Netzwerk autonomer Kameradschaften ohne Organisationscharakter, das
vom Staatsschutz nicht zu zerschlagen sei. Das Thule-Netz hatte von
Anfang an den Anspruch, Kommunikationsstruktur für ein solches
Netzwerk zu sein. Die Realität sah dann aber etwas anders aus.
Ein erheblicher Teil der militanten Kader wurde Mitglied der Jungen
Nationaldemokraten. Gleichzeitig führten sogenannte Autonome
Kameradschaften die alten NS-Strukturen fort, z. T. in Personalunion
mit den JN. Die traditionellen strategischen und personellen Querelen
innerhalb der militanten Szene hörten dadurch keineswegs auf,
sondern wurden nur verlagert.
Dies spiegelt sich auch in den Diskussionen innerhalb des
Thule-Netzes wider. Als Beispiel kann die Kampagne des Aktivisten der
Sauerländer Aktionsfront und ehemaligen Mitglieds des
FAP-Landesvorstands Nordrhein-Westfalen, Andree Zimmermann, gegen den
Hamburger JN-Funktionär und ehemaligen FAP-Landesvorsitzenden
AndrÈ Goertz dienen. Goertz ist Exponent einer Fraktion,
die die demonstrative öffentliche Hitlerverehrung für
schädlich hält und für einen mehr
"nationalrevolutionären", strasseristischen Kurs plädiert,
der sogar taktische Bündnisse mit "Linken" nicht prinzipiell
ausschließt.
Zimmermann und andere Exponenten des NS-Flügels starteten ab
Anfang 1996 eine Kampagne gegen Goertz, die zunächst durch
anonyme, in der Szene verbreitete Schmähflugblätter
geführt wurde. Dort wurden nicht etwa Goertz' politische
Positionen angegriffen, sondern sein Privatleben. Er habe eine in der
Szene unverzeihliche Sünde begangen - er sei mit einer
türkischen Frau verheiratet.
Als Goertz sich in Juni 1996 im Thule-Netz gegen die Anschuldigungen
rechtfertigte, ging Lutscher alias Zimmermann wie ein wilder Stier
auf ihn los und plauderte nebenbei etliche Interna aus, bis hin zur
Offenlegung seines Realnamens.
Lutscher alias Andree Zimmermann (24. 6. 1996):
"Der Fall Türken-Goertz hat nichts mit Richtungskämpfen zu
tun, sondern sind lediglich notwendige Klarstellungen! Über das
sog. nationalen Verhalten von Andre` Goertz braucht wohl an dieser
Stelle nicht noch einmal eingegangen werden. Diese Subjekte sollte
man aus einem gesunden Nationalistischen Körper einfach
ausscheiden.
Fazit:
Türken-Goertz ist KEIN Nationalist, sondern ein
VOLKSSCHÄDLING!
Das meint Lutscher sowie alle mir bekannten AUFRICHTIGEN
Nationalisten"
Für die Zeit nach der Machtübernahme phantasiert
Zimmermann jetzt schon von der großen Abrechnung innerhalb der
Neonazi-Szene (27. 6. 1996):
"Aufgehoben ist aber nicht aufgeschoben. Ebenso wie diese ganze
Spaltungsgeschichte (Kühnen/Brehl gegen Malcoci/Heidel/Mosler)
ist nur aufgeschoben. Sie ist zur Zeit nicht aktuell und es wird sich
nach einer evtl. politischen Wende intensiv um dieses Thema
gekümmert werden."
Im Januar 1997 setzte sich innerhalb der Jungen Nationaldemokraten
der NS-Flügel durch, die Anhänger des Goertz-Flügels
im Vorstand wurden abgesetzt und der Landesverband Hamburg
aufgelöst. Die inneren Widersprüche schwelen auch danach
weiter.
Die Spaltung im März 1997
Daß die Nerven in dieser Beziehung blank liegen, zeigte sich
auch im Thule-Netz. Zwar ist das Netz ideologisch weitgehend homogen
- es ist dort keineswegs das gesamte rechtsextreme Spektrum,
geschweige denn politisch Andersdenkende, vertreten, sondern fast
ausschließlich die harte militante Neonazi-Szene. Zu sonst aus
taktischen Gründen unter Rechtsextremisten umstrittenen Fragen
wie "Revisionismus", Antisemitismus, Neuheidentum herrscht im
Thule-Netz Konsens. Dennoch eskalierten die internen Querelen Anfang
1997 so stark, daß es zur Spaltung des Netzes kam.
Der Streit entzündete sich um die Person von Thekla Kosche, eine
der wenigen Frauen im Thule-Netz. Sie tauchte erstmals im Netz auf
durch eine Werbung von Widukind für ihren Buchversand Aldebaran.
Geheimwissen, Politik, Esoterik in Bad Segeberg auf (13. 11. 1996).
Am gleichen Tag schrieb sie ihre erste eigene Meldung im Netz unter
dem Pseudonym Gothmag99. Sie suche einen Anwalt für Norbert
Marzahn, einen Benutzer des UseNets aus Berlin, der dort
antisemitische Pamphlete, u. a. Auszüge aus Jan van Helsings
"Geheimgesellschaften", publiziert hatte und dafür belangt
werden sollte. Die bis dahin in der rechten Szene unbekannte Thekla
Kosche machte rasch Karriere. Schon am 10. 1. 1997 konnte sie
verkünden:
"Heil Euch, Kameradinnen und Kameraden ! Ab dem 11. Januar gibt es
eine Thulebox im Raum Holstein-Hamburg! ASGARD BBS ist unter
04551-[...] rund um die Uhr erreichbar."
Die Aktivitäten von Kosche führten zu heftigen
Auseinandersetzungen. Ihr Hauptwidersacher Kai Dalek berichtete
später, sie sei durch die Lande gereist, um persönlichen
Kontakt mit Thule-Aktivisten aufzunehmen. Sie wolle vor allem die
Anti-Antifa-Arbeit professioneller aufziehen und bei sich
konzentrieren. Neben Konkurrenzneid und Agentenparanoia dürfte
bei dem nun ausbrechenden Streit auch eine Rolle gespielt haben,
daß Kosche als Vertreterin eines esoterischen Hitlerismus nicht
an die Unfehlbarkeit des Führers glaubt, was für
NS-Hitleristen bereits an Hochverrat grenzt. In der über die
WWW-Seiten von Jürgen Jost verbreiteten Selbstdarstellung von
Kosches Asgard BBS heißt es u. a.:
"Oft wird die Frage gestellt, ob Hitler ein Okkultist war ? Das
ist auf alle Faelle mit Nein zu beantworten, denn sonst haette er
nicht so dermassen viele ueberfluessige Fehler gemacht."
Nach wochenlangem heftigem Streit gab Thomas Hetzer am 5. 3. 1997
den Ausschluß der Thule-Boxen Elias BBS (Jürgen Jost alias
Joschi) und Asgard BBS (Gothmag99 alias Thekla Kosche) bekannt, die
Störtebeker BBS schloß sich den beiden später an. Der
Beschluß sei einstimmig auf einem Sysoptreffen der restlichen
Thule-Boxen gefällt worden. Jost wird vorgeworfen, die
Identität seiner Nutzer nicht genügend geprüft zu
haben. Er habe ständig Fehler begangen, ohne sie zu korrigieren.
Kosche sei durch die Gegend gereist, um die persönlichen Daten
von Thule-Teilnehmern zu ermitteln. Jürgen Jost stellt den Fall
auf seiner Web-Seite mit Datum vom 8. 3. 1997 als "Austritt" dar:
"Wegen, unserer Meinung, ebenso dubiosen wie ungerechtfertigten
Machenschaften gegen die Betreiberin der ASGARD BBS stellt sich ELIAS
BBS auf die Seite der Asgard-Betreiberin und verläßt mit
dieser das Thule-Netzwerk. ELIAS BBS wird zusammen mit der ASGARD BBS
einen anderen, grundsätzlich offenen Weg gehen."
Mitte März folgte dann eine ausführlichere
Stellungnahme. Neben zwei Mails von Undertaker alias Kai Dalek, die
Auslöser der Spaltung des Netzes gewesen sein sollen, findet man
eine Stellungnahme von Gothmag99, der Dalek Spitzeleien vorwirft.
Dort heißt es u. a.:
"Dieses Netz ist quasi eine halbstaatliche Einrichtung, was auch
jeder weiss, der sich auch nur perifaer mit Hintergrundpolitik
befasst. Ein echtes Netzwerk, das ausschliesslich als
Kommunikationsmedium fuer nationale Aktivisten dient, wuerde vom
Staat nie und nimmer geduldet werden. Allein die Tatsache der
Existenz des Thulenetz in dieser Form beweist, dass es mehr oder
minder als Sammelbecken fuer verschiedene national-denkende Personen
dient, die dort gut ueberschaubar und beobachtbar sind. Es ist ein
offenes Geheimnis, dass mind. 40 Prozent der Thule-Teilnehmer nicht
aus Ueberzeugung an diesem 'nationalen Netzwerk' teilnehmen, sondern
aus ganz anderen Gruenden."
Die drei abgespaltenen Mailboxen gaben sich inzwischen den wenig
originellen Namen Nordland-Netz. Sie führen die alte
Brettstruktur des Thule-Netzes weiter. Eine Reihe von
Thule-Aktivisten ist nun in beiden Netzen aktiv. Auch wenn Kosches
zum größten Teil zutreffende Anschuldigungen gegen Kai
Dalek etwas anderes vermuten lassen, ihr Anspruch ist es, eine
radikalere Variante des Thule-Netzes aufzubauen. Die Anti-Antifa soll
professionalisiert, das Netz von Beobachtern und Gegnern abgeschirmt
und es sollen "vertrauenswürdigen Teilnehmern seltene und
wertvolle Materialien fuer Forschungszwecke zugänglich" gemacht
werden (d. h., es soll antisemitische Propaganda verbreitet werden).
Ob das Nordland-Netz diesen Anspruch einlösen wird, darf
bezweifelt werden.
Auch die Zukunft des verbleibenden Thule-Netzes ist ungewiß.
Die inneren Widersprüche zwischen Hitleristen und
Nationalrevolutionären schwelen weiter. Und Anspruch und
Wirklichkeit klaffen weiter auseinander. Gefährlich ist dieses
Netz nicht wegen der Nutzung modernen Technik, sondern weil die
Neonazi-Szene, aus der sich Teilnehmer und Betreiber rekrutieren,
gefährlich ist und nach wie vor in ihrer terroristischen
Dimension unterschätzt wird.
Endnoten:
(1)Dieser Beitrag ist auf dem Stand vom Mai 1997.
Alle Zitate sind in der Original-Orthographie wiedergegeben.
(2)Deutsche Stimme 7-8/1991 und 1/1992.
(3)Vgl. den Beitrag von Klaus Zellhofer, "Sollen sie
mich hassen". Der Fall Anderle.
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