Christine Schindler

DÖW-Neuerscheinung:
Jahrbuch 2010

Schwerpunkt: Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen


Die nachfolgende Themenskizzierung durch die DÖW-Mitarbeiterin und Redakteurin des Jahrbuchs Christine Schindler ist dem diesjährigen Jahrbuch des DÖW als Vorbemerkung vorangestellt.


Mitteilungen 196


Jahrbuch 2010 (Cover)

In einem umfassenden Sinn von Vergangenheitsaufarbeitung, Gegenwartsbewältigung und Zukunftsgestaltung setzen sich die AutorInnen des vorliegenden Jahrbuches in ihren Beiträgen mit der Aufarbeitung und Vermittlung der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich auseinander und berichten aus ihren vielfältigen Erfahrungen. Dabei können nur wenige Initiativen Platz finden, es sind vereinzelte Blickpunkte auf eine engagierte und breit gestreute Landschaft von Organisationen, Projekten, engagierten LehrerInnen, Jugendlichen, ErinnerungsarbeiterInnen in Österreich. Die Auseinandersetzung kann sich nicht auf einen kurzen Abschnitt der Geschichte reduzieren, sondern muss auch Kontinuitäten aufzeigen, sie muss der Jugend von geschulten BetreuerInnen vermittelt werden, die durch eine rationale Zugangsweise kritisches Denken fördern - in diesen Bedingungen einer sinnvollen Vermittlungsarbeit sind sich die AutorInnen des vorliegenden Jahrbuches einig.

Aufarbeitung ist aber auch in einem juristischen Sinne notwendig, wie Staatssekretär a. D. Hans Winkler in seinem Festvortrag bei der Jahresversammlung des DÖW 2009 Sich der Verantwortung stellen. Nicht vergessen - Lehren für heute und morgen festhält. Winkler sieht optimistisch die Entwicklung in der Weltöffentlichkeit, die vermehrt die Bedeutung der Aufarbeitung von Vergangenheit, das Bekenntnis zu Schuld und Verantwortung und Bestrafung von Tätern erkennt. Eine der größten Errungenschaften ist hierfür die Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofes, der Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahndet. Um die Restitution entzogener Vermögen und die späte Entschädigung ehemaliger ZwangsarbeiterInnen, die in den letzten Jahre auch von Österreich verhandelt und abgewickelt wurden, hat Winkler selbst sich sehr verdient gemacht, wenngleich erlittenes Unrecht nicht vergolten werden kann und noch lange nicht aller entzogene Besitz zurückgegeben wurde und - wie es jetzt aussieht - wohl auch nicht mehr zurückgegeben werden wird.

Das Jahrbuch geht in seinem diesjährigen Schwerpunkt Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen insbesondere auf die Vermittlung an und durch Gedenkstätten und Schulen ein. Als weitere wichtige und breitenwirksame Vermittlungsformen müssen die Publizistik, die Literatur sowie Film und Fernsehen genannt werden, die nicht explizit Thema im vorliegenden Band sind. Seit 1991 ehrt das DÖW jährlich Menschen - WissenschafterInnen, JournalistInnen und LiteratInnen - mit dem Willy und Helga Verkauf-Verlon Preis für österreichische antifaschistische Publizistik, die sich in diesem Bereich besonders verdient gemacht haben.

Viele Menschen werden mit den jährlichen Filmretrospektiven erreicht, die Univ.-Prof. Dr. Frank Stern gemeinsam mit der KZ-Gedenkstätte Mauthausen in Wien und Mauthausen veranstaltet. Die Vorführungen im Wiener Metro-Kino sind mittlerweile ausreserviert. Gratiseintritt und Gratis-Busshuttles von Wien und Linz zu den Vorführungen nach Mauthausen, die das Innenministerium zur Verfügung stellt, locken zahlreiche Menschen jeden Alters an. Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen widmet sich neben ihren vielfältigen Aufgaben in diesen Jahren ganz besonders auch der Vermittlung. 2007 wurde Yariv Lapid aus Yad Vashem nach Österreich geholt, um mit österreichischen ExpertInnen der Gedenkstätte ein pädagogisches Konzept zu erarbeiten. Das 2. Dialogforum Mauthausen im Juni 2010 wird sich explizit der "Vermittlung am historischen Ort" widmen und stellt ein offenes Diskussionsforum für alle Interessierten dar.

Auch das Mauthausen Komitee Österreich, das maßgeblich vom Österreichischen Gewerkschaftsbund getragen wird, widmet sich verstärkt Vermittlungsfragen und bietet seit 2009 eine fundierte Ausbildung für BegleiterInnen in die Gedenkstätte Mauthausen, aber auch zu den ehemaligen Nebenlagern an. Einige der in diesem Band versammelten AutorInnen haben diese Ausbildung zum "Mauthausen Guide" absolviert.

Es war von Anfang an das Anliegen der Überlebenden, die Geschichte weiterzugeben, zu erzählen, was geschehen ist, an die Umgekommenen zu erinnern und damit eine Wiederholung in welcher Form auch immer zu verhindern. Die Überlebenden der Lager haben die Gedenkstätten aufgebaut und betreut, Lagergemeinschaften gebildet, Institutionen wie das DÖW zur Bewahrung ihrer Dokumente und Zeugnisse errichtet, sie sind viele Jahre in die Schulen gegangen, um auch die Jugend zu erreichen. Für Österreich kann stellvertretend für die vielen engagierten Überlebenden das Wirken von Hans Maršálek genannt werden, der für die KZ-Gedenkstätte Mauthausen unerlässliche Arbeit geleistet hat und dafür 2009 von der Universi- tät Linz mit dem Ehrendoktorat der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde. Das persönliche Zusammentreffen mit ehemals Verfolgten und WiderstandskämpferInnen hat jede Generation von neuem auf das tiefste bewegt, die Form der Vermittlung stand im Hintergrund. Nun müssen die Fragen der Vermittlung durch Nachgeborene neu gestellt und beantwortet werden, eine Vermittlung bald ohne die ZeitzeugInnen steht vor vielfältigen Herausforderungen. Viele in der Vermittlung Tätige und politische Verantwortungsträger wurden durch die Wahlergebnisse der letzten Jahre beunruhigt, die in einem erschreckenden Ausmaß zeigen, wie sehr auch jugendliche WählerInnen rechten Demagogen ihre Stimme anvertrauen. Als das Wahlalter auf 16 Jahre herabgesetzt wurde, erreichte die FPÖ bei der Nationalratswahl 2008 Platz 1 bei den unter 30-Jährigen. Menschen, die sich seit vielen Jahren mit der Geschichte von Diktatur und Massenmord auseinandersetzen, stellen sich - auch anlässlich verschiedener neonazistischer Vorfälle der jüngsten Zeit - vermehrt Fragen nach der Methode ihrer Arbeit. Weder Gedenkstätten noch Museen sind verantwortlich für Wahlergebnisse. Sie tun ihr Möglichstes oft unter schwierigen materiellen Bedingungen, manchmal auch gegen politische Hemmnisse, wie Robert Streibel in seinem Essay Partisanen der Erinnerung oder diplomatische Pendelmissionen. Erfahrungen zwischen Krems in Niederösterreich und Auvillar in Südfrankreich anhand einer Ehrung von Deserteuren in Krems aufzeigt. Kriegerdenkmale würdigen im ganzen Land die toten Soldaten zweier Weltkriege, SS-Angehörige inbegriffen; ein Denkmal für diejenigen, die sich dem mörderischen Raubzug durch ganz Europa entzogen, wurde von der Kremser Stadtverwaltung hingegen umgehend wieder entfernt. Anstelle eines entsprechenden politischen Willens wurde das Bekenntnis zur Bürokratie abgelegt. Dass um eine Genehmigung um Aufstellung des Denkmals nicht angesucht worden war, beantwortet nicht die Frage, warum nicht längst ein Erinnerungsmal vorhanden ist, warum die Deserteure in Österreich nicht geehrt werden, wie es ihnen zukäme, warum die Rehabilitierung der Opfer der NS-Militärjustiz ein so langwieriges Unterfangen war.

Um die Kinder und Jugendlichen, die in das Schulsystem integriert sind, historisch-politisch zu sensibilisieren, muss die Qualität der Schulbücher garantiert sein und müssen die LehrerInnen entsprechend aus- und fortgebildet werden. Dieser Arbeit widmet sich seit rund zehn Jahren - in vielfältiger Weise unterstützt und finanziert vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur - der Verein erinnern.at. Werner Dreier beschreibt im Beitrag _erinnern.at_ Historisch-politische Bildung über Nationalsozialismus und Holocaust Geschichte, Anliegen und Methoden dieser überaus wichtigen Organisation. Neben regelmäßigen Seminaren in Österreich und Israel für Lehrende wurde vor allem ein bundesweites Netzwerk aufgebaut, dessen neun NetzwerkbetreuerInnen verschiedenste Fortbildungsaktivitäten und Projekte auch mit SchülerInnen begleiten und diesen somit einen regionalen resp. lokalen Bezug zum Thema anbieten. Erinnern.at legt dabei einen faktenorientierten Fokus auf die Darstellung und Analyse konkreter Ereignisse und Taten, erlebt oder begangen von konkreten Menschen. Die Konzentration auf Fakten steht nicht nur sinnvoll einer allzu oft fast rituell beschworenen "Unerklärbarkeit", "Unsagbarkeit", "Unverstehbarkeit" der Ereignisse entgegen, sondern auch der Verallgemeinerung und Nivellierung des Geschehenen.

Auch zu aktuellem Antisemitismus und Rassismus entwickelt erinnern.at Unterrichtsmaterialien, ein Bereich, der auch ein Schwerpunkt des DÖW ist. Die Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich ist ebenso im Dokumentationsarchiv beheimatet wie Experten, die historische und aktuelle Ausformungen von Vorurteilsstrukturen, Antisemitismus und Rechtsextremismus thematisieren und analysieren.

Insbesondere DÖW-Mitarbeiter Andreas Peham ist zu diesen Fragestellungen und auch zu deren Darstellung in den Medien ein gefragter Referent bei LehrerInnenfortbildungen und in Schulen, wo er entgegen "Überfütterungsbehauptungen" reges Interesse seitens der SchülerInnen konstatiert. Gemeinsam mit Elke Rajal beschäftigt er sich im Artikel Erziehung wozu? Holocaust und Rechtsextremismus in der Schule mit grundsätzlichen und konkreten Fragen und falschen wie erwünschten Voraussetzungen und Zielen der Holocaust Education, der Unterscheidung einer Erziehung nach Auschwitz und einer Erziehung über Auschwitz, also einer umfassenden Erziehung zur Mündigkeit und einer auch notwendigen Vermittlung von Faktenwissen. Peham und Rajal erinnern hierbei an die Notwendigkeit der "Aufklärung der AufklärerInnen", die ihre eigenen mitgebrachten Vorurteilsstrukturen erkennen und aufbrechen müssen.

Der Verein Gedenkdienst, eingerichtet zur Unterstützung der Ableistung eines Auslandsdienstes an einer Holocaust-Gedenkstätte anstelle eines Zivildienstes, ist seit den 1990er Jahren eine der wichtigsten Institutionen der historisch-politischen Bildungsarbeit in Österreich. Florian Wenninger und Peter Larndorfer gehen im Artikel Projektarbeit und externe Kooperationen in der historisch-politischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Ein Werkstattbericht des Vereins Gedenkdienst auf die Geschichte des Vereins ein, seine Ursprünge und Grundsatzorientierung und insbesondere auf die konkreten Erfahrungen in der Vermittlungsarbeit. Sie analysieren die aktuell bevorzugten Vermittlungsformen: Gedenkstättenbesuche müssen unbedingt - eingebettet in ausreichende Vor- und Nachbereitung - auch und gerade berufstätigen Jugendlichen angeboten werden. Die vor allem durch das Unterrichtsministerium unterstützten ZeitzeugInnenbegegnungen, deren Ende besorgt entgegengesehen wird, erkennen Wenninger und Larndorfer als bereits aktuell problematisch, wenn auch das große Bedürfnis nach ebendiesen Gesprächen verständlich bleibt. Eindeutigen Vorzug geben die erfahrenen Autoren mehrtägigen Bildungsmaßnahmen an historischen Orten sowie Rechercheprojekten, die in der Lebenswelt der Jugendlichen ansetzen und selbstständiges Arbeiten fördern. Der Verein Gedenkdienst bietet Studienfahrten für Schulklassen, aber auch Einzelpersonen, Vereine und Bildungseinrichtungen mit geschulten BegleiterInnen an.

Auch im DÖW lag die Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen jahrzehntelang vor allem in den Händen der Überlebenden und ehemaligen WiderstandskämpferInnen. Sie erfüllten diese Aufgabe in allen Ausstellungen des Dokumentationsarchivs - in der Dauerausstellung im Alten Rathaus zu Widerstand und Verfolgung, zu Täterschaft und Mitläufertum im Nationalsozialismus, seiner Vorgeschichte und Aufarbeitung, in der Gedenkstätte Steinhof und ihrer Ausstellung zu den NS-Medizinverbrechen sowie in der Gedenkstätte im ersten Wiener Gemeindebezirk, Salztorgasse 6, die insbesondere an die Opfer der Gestapo Wien erinnert. Seit einigen Jahren ist ein junges VermittlerInnenteam mit den Führungen in den Ausstellungen und Gedenkstätten betraut. Die Vermittlungsarbeit im DÖW wird hauptsächlich von der Stadt Wien und dem Unterrichtsministerium finanziert. Nächstes Vorhaben ist die Einrichtung eines Internetportals, auf dem pädagogische Materialien für die Vor- und Nachbereitung eines Besuchs zur Verfügung gestellt werden sollen, wenngleich sich gerade die Internetauftritte beider Ausstellungen durch leicht verständliche kurze Texte, Abbildungen und vertiefende Informationen schon derzeit gut für schulische Arbeiten und Vorbereitung zu den einzelnen Themen eignen.

Zwei der engagierten DÖW-Ausstellungsbegleiter, Stephan Axmann und Michael Hollogschwandtner, berichten im Beitrag Begleiten statt Führen. Über die Arbeit als Ausstellungsbegleiter über ihren persönlichen praktischen wie theoretischen Zugang zur Vermittlungsarbeit und analysieren konkrete Situationen mit SchülerInnen und LehrerInnen.

Wie zielführend die Übernahme von Verantwortung durch regionale Zuständigkeiten ist, zeigt sich auch in Oberösterreich, das die Einrichtung einer Dauerausstellung und eines Lern- und Gedenkortes an der ehemaligen Euthanasie-Mordstätte Hartheim ermöglicht hat. Die Leiterin der Gedenkstätte Irene Leitner beschreibt im Artikel Schloss Hartheim - ein Lern- und Gedenkort. Pädagogische Angebote zur Verbindung von historischem Lernen mit der Auseinandersetzung um aktuelle Themen insbesondere die ausgearbeiteten pädagogischen Angebote. Die altersgerecht aufgebauten Vermittlungsprogramme richten sich an SchülerInnen im Volksschulalter, 10- bis 14-Jährige, mehrere Angebote an die zahlenmäßig größte Gruppe der 14- bis 18-jährigen SchülerInnen sowie spezifische Vertiefungsprogramme an Auszubildende der Sozial- und Gesundheitsberufe.

Insbesondere junge und ältere Erwachsene möchte das Angebot der Volkshochschulen seit über 100 Jahren erreichen. Stephan Ganglbauer, Christian H. Stifter und Robert Streibel gehen im Beitrag Kein Ort des Verdrängens. Die Auseinandersetzung mit Austrofaschismus und Nationalsozialismus an Volkshochschulen der Geschichte der Volkshochschulen in Wien nach, beschreiben Aufbau und Anliegen der Volksbildungseinrichtungen, die personellen und programmatischen Änderungen im "Ständestaat" und im Nationalsozialismus sowie den Wiederaufbau nach der Befreiung und den Umgang mit der eigenen Geschichte und der des Landes bis heute. Die auch heute noch notwendige Zielrichtung der Volksbildung - wenngleich sie sich nicht mehr nur an die Arbeiterklasse richten kann - wird von den Autoren u. a. mit einem Zitat des Historikers Ludo Moritz Hartmann umrissen: "Wir laden ihn [den Arbeiter] ein [...] den Gedankengängen zu folgen, welche von großen Geistern gebahnt und vorläufig als der Wahrheit am nächsten kommend befunden werden. Wir ordnen ihm das Thatsachenmaterial und zeigen, welche Schlüsse daraus gezogen werden. Wir leiten ihn zum geordneten Denken an, aber ohne ihn zu bevormunden [...] Unser Ziel ist die Denkkraft zu wecken, die allzu häufig schlummert. [...] Deshalb gehen wir principiell auf intellektuelle Bildung, wenn auch nicht auf specialistische Verbildung, [...] und wir glauben gerade dadurch den Culturkampf gegen jegliche autoritäre Weltanschauung und geistige Knechtung am besten aufzunehmen." Die vor dem Nationalsozialismus geübte strikte politisch-weltanschauliche Neutralität konnte nach Ende des Regimes nicht mehr begründet werden und wich einer Überparteilichkeit, das Ziel blieb die Erziehung zu selbstständigem Denken.

Pia Schölnberger und auch Christiane Rothländer erforschen einen bis heute sensiblen Abschnitt der österreichischen Geschichte, die Zeit des Austrofaschismus oder des "Ständestaates", um nur zwei Begriffe zu nennen, die die Jahre 1933 bis 1938 von der Ausschaltung des Nationalrates durch die Regierung Dollfuß bis zum "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland bezeichnen. Pia Schölnberger beschreibt in ihrem Beitrag Wöllersdorf - Die Anfänge die Internierung politischer Gegner - Kommunisten, Sozialdemokraten und Sozialisten, Gewerkschafter und auch Nationalsozialisten - vor allem im Anhaltelager Wöllersdorf, die vorangegangenen Diskussionen, die zugrundeliegenden fragwürdigen und diktatorischen Verordnungen und Erlässe. Wenngleich die österreichischen Anhaltungen und Anhaltelager in keiner Weise mit den zeitgenössischen Konzentrationslagern im Deutschen Reich gleichgesetzt werden können und dürfen, überlagert doch das schließlich auch auf österreichischem Boden einsetzende nationalsozialistische Terrorregime oft die Tragweite der Ereignisse im Österreich der dreißiger Jahre. Man muss sich in Erinnerung rufen, was für die einzelnen Arbeiter und kleinen Funktionäre und ihre Familien die Inhaftierung, die sie auch noch bezahlen sollten, bedeuten musste. Die Zerstörung der parlamentarischen Staatsordnung, das Verbot demokratischer Parteien und Organisationen, die teilweise unbefristete Anhaltung ohne Gerichtsurteil und ohne aktuelle politische Betätigung setzten sich in der Enteignung der Institutionen fort, wie Christiane Rothländer anhand der Vermögensbeschlagnahme und Liquidation des Republikanischen Schutzbundes 1933-1937 an ebendiesem Beispiel ausführt und dabei Gerichtssachverständige als private Profiteure der Enteignungen nicht unerwähnt lässt. Ein diktatorisches System baut auf dem Vorteil einzelner Nutznießer auf.

Die - vor allem rassistisch motivierten - Enteignungen des NS-Regimes waren und sind - wie sein Terror - in der Geschichte beispiellos. Alfons Dür, vormals Präsident des Landesgerichts Feldkirch stieß auf ein bemerkenswertes Dokument, das er in seinem Beitrag Einstein und das Bezirksgericht Bludenz analysiert und das ein Schlaglicht auf die rigorose Enteignungspraxis der Nationalsozialisten wirft.

All die hier beschriebenen und noch viele weitere Initiativen und Projekte sind mit öffentlichen Geldern finanziert. Dafür ist den politisch Verantwortlichen und Verantwortungsbewussten und den SteuerzahlerInnen ausdrücklich zu danken. Langfristig werden sich diese Investitionen bezahlt machen, vor allem wenn sie intensiviert werden. Gerade in Zeiten einer Wirtschaftskrise fallen viele Vorhaben dem Sparstift zum Opfer, interessierte junge Menschen, aber auch arrivierte WissenschafterInnen und PädagogInnen, die sich in diesen Bereichen betätigen möchten, müssen dies teils unter prekären Arbeitsbedingungen leisten, teils erfolgt das Engagement ohnehin unentgeltlich. Gerade in Zeiten der ökonomischen und sozialen Unsicherheit aber ist Erziehung zu Demokratie und Menschenrechten augenfällig unabdingbar. Die heute Heranwachsenden und auch die Erwachsenen dabei zu begleiten, ihre Fragen und Bedürfnisse nicht zu oktroyieren, sondern ordnen und vertiefen zu helfen, ist eine Aufgabe der Vermittlung, der Politik, der Gesellschaft.


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