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DÖW-Neuerscheinung Jahrbuch 2009
Das aktuelle Jahrbuch befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär. DÖW-Mitarbeiterin und Redakteurin des Jahrbuchs Christine Schindler skizziert in der Folge Inhalt und Rahmen des Jahrbuchs, das im März 2009 pünktlich zur Jahresversammlung des DÖW erschienen ist. |
Mitteilungen 191
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Zur Jahresversammlung des DÖW im März 2008 im Festsaal des Alten Rathauses, die wie stets um den Jahrestag des "Anschlusses" Österreichs an Hitlerdeutschland stattfand, konnte Bundespräsident Heinz Fischer als Festredner gewonnen werden - in seiner im Jahrbuch 2009 abgedruckten Rede stellte er in Bezug auf die Zwischenkriegszeit und den Nationalsozialismus u. a. die Frage: "Was wäre gewesen, wenn das Bundesheer Widerstand gegen den Einmarsch der deutschen Truppen geleistet hätte?" Es gibt, konstatierte der Historiker Hans Hautmann anlässlich eines Symposiums zum Thema 60 Jahre Moskauer Deklaration 2003, "[...] Augenblicke in der Geschichte [...], wo ein verzweifelter Kampf eines Volkes selbst um einer aussichtslosen Sache willen notwendig ist für die eigene bessere Zukunft. Und selbst wenn die Sache aussichtslos war, konnte ein Kampf gegen die nationalsozialistische Barbarei nie und nimmer sinnlos sein." Hautmann entwarf ein Szenario der Folgen eines durchaus im Bereich des Möglichen gelegenen - wie auch der ehemalige Tiroler Widerstandskämpfer und DÖW-Vizepräsident Ludwig Steiner immer wieder bekräftigt - klassen- und parteiübergreifenden militärischen Widerstandes gegen den Einmarsch. "Das Ergebnis" - so Hautmann - "wäre ein Krieg mit Deutschland und ein Bürgerkrieg im Inneren gegen die österreichischen Nationalsozialisten gewesen. Unter der damaligen Kräftekonstellation in Österreich und Europa betrachtet, wäre eine Niederlage und damit die Eingliederung in das Deutsche Reich wahrscheinlich, sogar sicher gewesen. Die Westmächte Großbritannien und Frankreich hätten aber in einem solchen Fall nicht so tatenlos zuschauen können, und die Konsequenzen für das österreichische Volk wären noch schwerwiegender, geradezu ungeheuerlich gewesen. Hitler hätte es dann nämlich nicht riskieren können, den Österreichern das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht aufzuerlegen, denn tatsächlich oder potential illoyale Soldaten konnte er nicht brauchen, weil sie eine Gefahr für die Schlagkraft der deutschen Wehrmacht darstellen mussten. Das hätte dann nur auf der Basis der Freiwilligkeit geschehen können, in Form des Beitritts begeisterter österreichischer Nationalsozialisten in die Waffen-SS. So geschah es bekanntlich in Norwegen, Dänemark, Belgien, den Niederlanden, ohne dass diese Länder dadurch den Status eines von der Hitlerherrschaft zu befreienden Landes verloren." So kann aus historischen Gründen das DÖW-Jahrbuch mit dem Schwerpunkt Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär nicht auf die militärische Verteidigung Österreichs eingehen, da es sie in der Form nicht gegeben hat, wohl aber thematisieren die einzelnen Beiträge den Widerstand und die österreichischen Widerstandskämpfer innerhalb der Wehrmacht, die Deserteure und die PartisanInnen, die auch auf österreichischem Boden mit der Waffe in der Hand für die Befreiung kämpften. Die Widerstandskämpfer innerhalb des Militärs haben in der Traditionspflege des österreichischen Bundesheeres mittlerweile einen Platz erobert, wie auch dem Jahrbuchschwerpunkt eine Unterstützung des österreichischen Bundesheeres zugekommen ist. Dennoch sind die Kontroversen gerade um diese Themen noch lange nicht ausgestanden, wie entbehrliche, aber aufschlussreiche Bekenntnisergüsse à la "Kameradenmörder" (das letzte öffentliche Copyright hiezu erwarb sich 2005 BZÖ-Kampl) rund um die juristische und gesellschaftliche Rehabilitierung und Anerkennung der Deserteure, die Thomas Geldmacher seit Jahren und so auch in diesem Jahrbuch begründet fordert und die das DÖW auch stets unterstützt hat, zeigen. Das Bild einer "sauberen Wehrmacht" wurde u. a. einmal mehr im Zuge der Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung unter Mitarbeit auch österreichischer Wissenschafter zertrümmert. Die Darstellung einer Deutschen Wehrmacht, die herrenunmenschlich im Rahmen der nationalsozialistischen Eroberungsraubzüge Europa verwüstete und Holocaust und Völkermord mitverantworten muss, wurde von vielen mit der bekannten Abwehrgeste gegen vermeintliche Pauschalschuldzuschreibungen weggewischt. Es scheint, dass gerade jene, die das Bild einer ehrenhaften Wehrmacht krampfhaft hochhalten, diejenigen nicht würdigen können, die ganz sicher ehrenhaft gehandelt haben: die Widerstandskämpfer und Deserteure. Barbara Stelzl-Marx vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung beschreibt Carl Szokolls militärische Widerstandsgruppe im Wehrkreiskommando XVII gegen Kriegsende; Peter Pirker geht am Beispiel des österreichischen Exil-Sozialisten und späteren Nationalbankvizepräsidenten Stefan Wirlandner im britischen Kriegsgeheimdienst auf die oft als Landesverräter diffamierten Kämpfer in den ausländischen Nachrichtendiensten und deren problematische Situation und gleich mühevolle wie gefährliche Tätigkeit ein. Am konkreten Beispiel der Artillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 109, die in Niederösterreich stationiert war, zeichnet Stephan Roth mit detaillierter Quellenkritik die oft verschwimmenden Grenzen zwischen Opportunismus und Widerständigkeit, Kameradschaft und Nepotismus, Aufarbeitung und Instrumentalisierung nach. Beeindruckend ist auch die durchgängig aufgezeigte Schwierigkeit, in dem Labyrinth berechnender Übertreibungen, fehlender wie auch falscher Dokumente und später Erinnerungen das Geschehene aufzufinden und sich im Bewusstsein der Schwierigkeit einer nachträglichen Bewertung dieser Aufgabe dennoch nicht zu entziehen.
Auch Josef Vogls Beitrag über die Widerstandsgruppe rund um Markus Käfer siedelt in dieser Region, genauer im Kärntner Lavanttal, und führt auch Beispiele von Kärntner Widerstandskämpfern und Widerstandskämpferinnen nicht-slowenischer Herkunft an. Das DÖW widmete den Kärntner SlowenInnen einen eigenen Band der Reihe Erzählte Geschichte, in denen Auszüge aus Interviews publiziert wurden, die auch in die Beiträge von Verdel und Vogl einflossen. Heimo Halbrainers Artikel über Erinnerungszeichen für PartisanInnen zeigt am Beispiel der Steiermark die Entwicklung der Denkmalsetzung für die steirischen PartisanInnen auf. Nicht nur in der Steiermark erinnern im Gegensatz hiezu gesellschaftlich breitest akzeptierte Kriegerdenkmäler an zentralen Plätzen, offiziell betreut und penibel gepflegt, an die gefallenen Soldaten beider Weltkriege, SS-Angehörige inklusive. Zur Orientierung ist dem Schwerpunkt Wolfgang Neugebauers Beitrag Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär vorangestellt. Neugebauer, ehemaliger wissenschaftlicher Leiter des DÖW, veröffentlichte 2008 eine viel beachtete Arbeit über den österreichischen Widerstand 1938-1945, in der alle Aspekte und Gruppierungen des österreichischen Widerstandes ihren Platz finden und eine sachliche Einschätzung und Einordnung erfahren. Außerhalb des Schwerpunktes erinnert Andrea Hurtons Artikel über "Arisierungen" in der Wiener Bekleidungsbranche einmal mehr daran, dass abseits des nationalsozialistischen Rassenwahns der Holocaust ein materieller Raubzug unvorstellbaren Ausmaßes im Großen wie im Kleinen war, dass die Mörder und Peiniger vom Anfang bis zum Ende auch gemeine Diebe waren. Hans Schafranek geht in gewohnter Detailtreue dem Einsatz von Spitzeln und Vertrauensleuten der Gestapo nach, die den organisierten Widerstand jeglicher Ausrichtung infiltrieren konnten. Die an der Zerschlagung des Kommunistischen Jugendverbandes Wien Baumgarten (1940) und der KPÖ-Bezirksleitung Wien-Leopoldstadt (1940/41) maßgeblich beteiligten Gestapospitzel werden von Schafranek auch in ihrem unterschiedlichen Werdegang und ihren verschiedenen Charakteren skizziert. |
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