Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.), Jahrbuch 2006


Aus: Christine Schindler, Redaktionelle Vorbemerkung

Ohne die Jahre der Diktatur und die Befreiung durch die Alliierten außer Acht zu lassen, berichtet der Widerstandskämpfer, Zeitzeuge und Teilnehmer an den Staatsvertragsverhandlungen Botschafter Ludwig Steiner in seinem in diesem Band abgedruckten Festvortrag Die Vorbereitung zur Reise nach Moskau im April 1955. Zur Vorgeschichte des Staatsvertrags anlässlich der Jahresversammlung des DÖW im März 2005 über die Situation in Österreich nach der Befreiung und den mühevollen Weg bis zum Abschluss des Staatsvertrages 1955.

Ludwig Steiner, auch Vizepräsident des DÖW, zeichnet als Vorsitzender des Komitees des Versöhnungsfonds gemeinsam mit den kompetenten MitarbeiterInnen und den Verantwortlichen und Engagierten aus Politik und Wirtschaft verantwortlich für die erfolgreiche Arbeit des Österreichischen Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit. Der Fonds, der 2000 ins Leben gerufen wurde, um ehemalige ZwangsarbeiterInnen auf österreichischem Gebiet spät, aber doch mit symbolischen Beträgen, die von Staat und Wirtschaft getragen wurden, anzuerkennen, konnte in nur fünf Jahren mit hoher Effizienz, Augenmaß und Sensibilität dieses Vorhaben durchführen und abschließen. Rund 130.000 Menschen haben diese Anerkennung annehmen können. Brigitte Bailer-Galanda, wissenschaftliche Leiterin des DÖW, skizziert im Beitrag Das Gedenkjahr 2005 und die österreichischen Entschädigungsleistungen die Versäumnisse und Leistungen der Zweiten Republik, unter denen insbesondere die Arbeit des Versöhnungsfonds, Nationalfonds, Entschädigungsfonds und der Historikerkommission der Republik Österreich positiv herausragen. Vor dem aktuellen Hintergrund der Jahrzehnte verschleppten Rückgabe von entzogenen Gemälden Klimts an die rechtmäßigen Erben und verstörender offizieller Reaktionen berichtet Bailer-Galanda, ehemals stellvertretende Vorsitzende der Historikerkommission, über die Geschichte der Kommission und die Ergebnisse ihrer jahrelangen Forschungen zur Rückstellungs- und Entschädigungsgesetzgebung seit 1945 sowie die späte Errichtung und unentbehrliche Arbeit der Fonds.

Karin Stögner vom Institut für Konfliktforschung beleuchtet in ihrem Artikel Erinnern und Vergessen. Zum Begriff des Eingedenkens bei Walter Benjamin Benjamins kapitalismuskritische Geschichtsphilosophie, die aufzuzeigen versucht, wie der Unterdrückung und der Unterdrückten gedacht und an den Widerstand und die Widerständigen erinnert werden kann und soll, ohne für partikulare Herrschaftsinteressen missbraucht werden zu können. Benjamin, der nach jahrelanger Flucht vor den Nationalsozialisten 1940 beim gescheiterten Versuch, die französisch-spanische Grenze zu überschreiten, zu Tode kam, wendet sich insbesondere gegen die historistische Auffassung einer geradlinigen sinnvollen Geschichtsentwicklung hin zum Fortschritt, die auch dem Unrecht Sinnhaftigkeit unterstellt. Stögners Analyse ist ebenso aufschlussreich bezüglich der sich ausbreitenden Event(un)kultur auch in Bezug auf die NS-Vergangenheit, die vergleichbar Benjamins "Erlebnissen" geschichts- und erinnerungslose "Events" zusammenhanglos aneinanderreiht.

Seit Anfang der 1990er Jahren beschäftigt sich das DÖW mit der Erforschung der Erinnerungskultur, des Umgangs der österreichischen Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit. Als erstes Ergebnis von wissenschaftlichen Kooperationsprojekten mit einschlägigen Institutionen ist der Band der Reihe "Gedenken und Mahnen in Österreich 1934 bis 1945" 1998 über Wien erschienen, der Erinnerungszeichen vielfältigster Art zu Widerstand und Verfolgung, Exil und Befreiung dokumentiert und sowohl den historischen Kontext als auch Gegenwartsbezüge der Denkmallandschaft Wiens beschreibt. Derzeit laufen die Erfassungsprojekte der Gedenk- und Erinnerungszeichen im Burgenland, in Niederösterreich und der Steiermark. Claudia Kuretsidis-Haider, wissenschaftliche Ko-Leiterin der Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz und DÖW-Mitarbeiterin, informiert über Gedächtnislandschaften in Niederösterreich, die Historikerin Lisa Rettl über Erinnerungskultur im Burgenland. Tendenzen und aktuelle Entwicklungen. Wie im theoretischen Artikel von Stögner eingefordert, werden Denkmalsetzungen und Erinnerungsrituale in den Kontext jeweils aktueller politischer Interessen von 1945 bis heute gestellt, die sich manifester in den Denkmälern zeigen als das erinnerte Ereignis selbst. Während Kuretsidis-Haider die Erinnerungskultur in einem weithin katholisch geprägten Niederösterreich beschreibt, geht Rettl der Frage nach, wie sich die Verarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit und die entsprechenden materiellen Zeichensetzungen, insbesondere für die in der NS-Zeit verfolgten und ermordeten Jüdinnen und Juden, Romnia und Roma, in das Narrativ der - friedvollen - ethnischen und kulturellen Vielfalt des Burgenlandes fügen. Der vertriebenen und ermordeten Jüdinnen und Juden wird kaum, noch weniger der verfolgten und ebenso hingemordeten Roma-Bevölkerung des Burgenlandes gedacht, der Anschlag auf die Oberwarter Romasiedlung 1995, der vier Todesopfer forderte, zeigte einen manifesten Rassismus, der als latenter doch bestritten worden war, und führte zu insbesondere von den burgenländischen Kirchen getroffenen und forcierten und vom Land mitgetragenen gedächtnispolitischen Stellungnahmen und Initiativen.

Die Verdrängung der NS-Vergangenheit im Bundesland Kärnten, vor allem der Geschichte von Verfolgung und Widerstand der slowenischen Bevölkerung beschreibt Peter Gstettner, der seit vielen Jahren unermüdlich und engagiert für die Erhaltung der Gedenkstätte Loibl KZ Nord kämpft, im Artikel Die Legende von der Selbstbefreiung Kärntens. Alte Töne und neue Varianten am Rande des "Gedankenjahres 2005". Angesichts des frappierenden und politisch gesteuerten Konflikts um zweisprachige Ortstafeln in Kärntner Gemeinden oder der Beschimpfung von Wehrmachtsdeserteuren als "Kameradenmörder" und anderen Entgleisungen durch (nicht nur) Kärntner Personen des öffentlichen Lebens wird die aufgebrachte Anklage Gstettners gegen die "heimattreue" Geschichtsauffassung des offiziellen Kärnten, so mancher Journalisten und Politiker verständlich und nachvollziehbar. Jedoch gesteht Gstettner dem modernen Zeitgeschichte- und Religionsunterricht und der zunehmenden Distanzierung der Jugendlichen von den Kameradschaftsbünden auch in Kärnten immerhin die Hoffnung eines positiven Einflusses zu. Es sei hier auch die beständige Aufklärungsarbeit von Gstettner selbst und anderen Engagierten, insbesondere des Mauthausen Komitees Kärnten/Koroska erwähnt, die beispielsweise eine wichtige Gedenkkultur in der Gedenkstätte Loibl KZ Nord etabliert haben, während jedoch trotz vieler Bemühungen nicht einmal eine Gedenktafel an das KZ in der ehemaligen SS-Kaserne Klagenfurt-Lendorf, die heute als Bundesheerkaserne genutzt wird, erinnert.

Die schulhefte setzen sich seit Jahren engagiert auch mit erinnerungspolitischen Themen auseinander und versuchen gesellschaftsverändernd auf die Schulpraxis einzuwirken. Deren Mitherausgeberinnen und Redakteurinnen Elke Renner und Grete Anzengruber informieren im Beitrag Von den Mühen der Erinnerung. 1983-2005. Beiträge der pädagogischen Taschenbuchreihe schulhefte über die Aufklärungsarbeit der schulhefte in den letzten Jahrzehnten. Insbesondere das Gedenkjahr 2005 und die offiziell unterstützten Ausstellungen, Symposien und Publikationen geraten pauschal in den Mittelpunkt der Kritik der Autorinnen.

Durch öffentliche Gelder unterstützt wurden im Jubiläumsjahr allerdings nicht nur die "offiziellen" Ausstellungen im Wiener Belvedere und in der niederösterreichischen Schallaburg, wobei das DÖW als einer der Leihgeber fungierte und auf der Schallaburg auch den Bereich zur justiziellen Ahndung von NS-Verbrechen nach 1945 gestaltete, sondern auch Ausstellungen zu lange tabuisierten und marginalisierten Themen, wie "geheimsache: leben. schwule und lesben im wien des 20. jahrhunderts" über die Verfolgung der Homosexuellen und Lesben in der NS-Zeit und ihre Diskriminierung nach 1945 bis heute oder die Ausstellung "Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern" über die nach 1945 verdrängte Verfolgungsgeschichte von Frauen, die zur Sexzwangsarbeit gezwungen worden waren. Auch die neue ständige Ausstellung des DÖW im Alten Rathaus, die Brigitte Bailer-Galanda beschreibt, widmet sich lange marginalisierten Themen wie der Verfolgung der Homosexuellen in der NS-Zeit, der Geschichte der verfolgten und vertriebenen Kärntner SlowenInnen und würdigt den Partisanenkampf vieler Kärntner SlowenInnen gegen den NS-Terror. Nicht nur dieser Ausstellungsteil soll in naher Zukunft auf den Terminals in der Ausstellung auch Slowenisch zu lesen sein. Die inhaltlich und architektonisch erweiterte und neu gestaltete Ausstellung wird über das Gedenkjahr hinaus Tausenden SchülerInnen und Interessierten aus aller Welt Informationen über die Erste Republik, die Vorgeschichte des "Anschlusses", Verfolgung, Widerstand, Exil in der NS-Zeit und den Umgang mit dieser Vergangenheit nach 1945 bieten. So wie in allen Arbeiten seit Bestehen des DÖW ist auch in den einzelnen Ausstellungsbereichen der Anteil, die Rolle und Bedeutung der Frauen und Männer inhaltlich und sprachlich benannt und gewürdigt.

Besonders sensibel ist die Auseinandersetzung über Personen des öffentlichen Lebens, deren Verstrickung in den Nationalsozialismus oft viele Jahre später und nach zahlreichen erfolgten Ehrungen in das Blickfeld sachlich-kritischer Untersuchungen gerät. Dies trifft in jüngster Zeit den Psychiater und Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg, der nach seinem Tod mit der Umbenennung der psychiatrischen Anstalt "Am Steinhof" in "Wagner-von-Jauregg-Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien" von den Nationalsozialisten 1941 geehrt wurde - in dieser Zeit wurden dort 7.500 Pfleglinge ermordet. Während Wien nach der Befreiung diese Benennung umgehend rückgängig machte, setzte das um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit verdiente Land Oberösterreich jüngst eine Expertenkommission ein, die die Würdigkeit des Namensgebers der "Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg" in Linz überprüfen sollte. Diese kam zu Ergebnissen, die Wagner-Jauregg in Bezug auf seine Stellung zum Nationalsozialismus, zu Antisemitismus und Rassenhygiene entlasten, was Wolfgang Neugebauer, ehemaliger wissenschaftlicher Leiter des DÖW, und Peter Schwarz, DÖW, im Jahrbuchbeitrag Nobelpreisträger im Zwielicht. Zur historisch-politischen Beurteilung von Julius Wagner-Jauregg (1857-1940) dezidiert zurückweisen. Die Autoren verstehen ihre Ausführungen als Beitrag in einer noch lange nicht abgeschlossenen wissenschaftlichen Diskussion und fordern weitere Forschungen, die eine präzise und umfassende Beurteilung von Person und Lebenswerk Wagner-Jaureggs ermöglichen sollen, wie schon die Wiener Ehrengrabkommission und Michael Hubenstorf, Vorstand des Instituts für Geschichte der Medizin, u. a. im DÖW-Jahrbuch 2005 unter Auflistung der Forschungsdesiderata gefordert hatten.

Außerhalb des Schwerpunktes der Erinnerungskultur - so man nicht alle Arbeiten unter diesem Aspekt subsumiert - wird der Vortrag von Wolfgang Form über Politische NS-Strafjustiz in Österreich 1938 bis 1945. Die Verfahren vor dem Volksgerichtshof und den Oberlandesgerichten Wien und Graz wiedergegeben, in dem er anlässlich der Präsentation der Mikrofiche-Edition "Widerstand und Verfolgung in Österreich 1938 bis 1945. Die Verfahren vor dem Volksgerichtshof und den Oberlandesgerichten Wien und Graz" und der Publikation "NS-Justiz in Österreich. Lage- und Reiseberichte 1938-1945" den ZuhörerInnen auch eindrucksvoll vor Augen führte, wie unversehens man im NS-Regime in die Mühlen der Unrechtsjustiz geraten konnte. Das DÖW und das Forschungs- und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse an der Philipps-Universität Marburg/Lahn, das Wolfgang Form leitet, pflegen seit mehreren Jahren eine äußerst fruchtbare Forschungskooperation.

Nicht nur durch neonazistische Skinhead-Konzerte und -Gruppen, sondern auch vermehrt in anderen Musikrichtungen wird seit Jahren versucht, insbesondere Jugendliche für rechtsextremes Gedankengut zu gewinnen. Diesen Entwicklungen spürt Wilhelm Lasek, DÖW, im Beitrag Rechtsextreme Einflüsse auf die Musikszene am Beispiel des Black Metal nach und unterzieht darin verschiedene Gruppen und Musiker, Musikrichtungen, Publikationen und Websites einer Untersuchung auf rechtsextreme, neonazistische und antisemitische Ideologien und Inhalte.


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