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DÖW-Neuerscheinung Jahrbuch 2005 Schwerpunkt: Frauen in Widerstand und Verfolgung Christine Schindler über die einzelnen Beiträge des jüngst erschienenen Jahrbuchs 2005 des DÖW |
Mitteilungen 171
Jahrbuch 2005 Schwerpunkt Frauen in Widerstand und Verfolgung Lit Verlag 2005 |
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Dem im März 2005 erschienenen Jahrbuch steht der Festvortrag von Peter Steinbach anlässlich der Jahresversammlung des DÖW 2004
über Annäherung an einen Augenblick. Der 20. Juli 1944 in der Forschung und im Bewusstsein der Deutschen nach 1945 voran, in dem sich der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit dem tragisch gescheiterten Widerstandsversuch der Attentäter des Juli 1944 beschäftigt. Die daran Beteiligten, in den Nachkriegsjahrzehnten oft als Eidbrüchige und Landesverräter diskreditiert, standen späterhin in der Bundesrepublik Deutschland als Symbol für den deutschen Widerstand. Steinbach diskutiert ausführlich den Begriff des Widerstands und thematisiert dabei auch Schuld und Verstrickung in die Strukturen des Regimes sowie den Blick aus gegenwärtigen Zusammenhängen auf die damaligen Entscheidungen und Ereignisse.
Als theoretischer Auftakt des Schwerpunktthemas Frauen in Widerstand und Verfolgung versucht Karin Stögner im Beitrag Über einige Gemeinsamkeiten von Antisemitismus und Antifeminismus eine Analyse der Affinitäten und Differenzen dieser beiden Diskriminierungsformen, ohne die Unterdrückung der Frau(en) gleichzusetzen mit der Verfolgung von Jüdinnen und Juden. Zu unterscheiden sind die konkret von Diskriminierung betroffenen Menschen von den der Diskriminierung zugrunde liegenden konstruierten Stereotypen. Wie die Diskriminierung von Jüdinnen und Juden und von Frauenrechtlerinnen, Feministinnen, emanzipierten und intellektuellen Frauen gesellschaftlich zusammenspielt, wie die diesbezüglichen Projektionen jeweils geartet sind und aus welchen unaufgearbeiteten psychischen, historischen und politisch-sozialen Reservoirs sie sich nähren, ist Gegenstand von Stögners Beitrag, wobei sie insbesondere auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eingeht, in der Antisemitismus und Antifeminismus besonders deutlich zusammenwirkten. Wohin die von Stögner diskutierte Konstruktion von "Fremdgruppen", "Anderen" zur Eigendefinition und Selbstvergewisserung der "Mehrheitsgesellschaft" und die Biologisierung sozialer Unterschiede in der Konstruktion der "Rasse" und auch des "Geschlechts" führen kann, zeigt Herwig Czech in seinem Beitrag Geburtenkrieg und Rassenkampf. Medizin, "Rassenhygiene" und selektive Bevölkerungspolitik in Wien 1938 bis 1945 auf (siehe auch: Herwig Czech, Erfassung, Selektion und "Ausmerze". Das Wiener Gesundheitsamt und die Umsetzung der nationalsozialistischen "Erbgesundheitspolitik" 1938 bis 1945, Wien 2003). "Rasse" und "Erbwert" sieht Czech als Schlüsselkategorien bei der negativen Konstruktion der "Volksgemeinschaft", die durch die Definition und Abspaltung derer, die nicht dazugehören durften, Konturen erhielt. Die wenigen von Frauen bis zum Nationalsozialismus erreichten Freiräume u. a. in Bezug auf Sexualität, Schwangerschaft und Geburt wurden beseitigt, von den Frauen die "naturgegebene" familiäre Mütterlichkeit eingefordert, aber auch eine "soziale Mütterlichkeit" für die "Volksgemeinschaft", deren höchster Ausdruck das Opfer des Kindes im Krieg sein sollte. Die Fokussierung der Gesundheitspolitik auf eine selektive, eugenisch und rassistisch orientierte Bevölkerungspolitik hatte für Frauen und Männer unterschiedliche Konsequenzen, in erster Linie ging es um die Kontrolle über die Reproduktionsfähigkeit von Frauen. Czech zeigt anhand einiger ausgewählter Problemfelder - Schwangeren- und Kleinkinderfürsorge, Sterilitätsbehandlung, künstliche Befruchtung, Eheverbote, Zwangssterilisationen, Abtreibungen oder die mörderische Bevölkerungspolitik gegenüber ZwangsarbeiterInnen u. a. -, wie die nationalsozialistische Gesundheitspolitik den rassenhygienisch/eugenischen Paradigmenwechsel konkret umsetzte. Sexualisierte Gewalt war und ist integraler Bestandteil von Verfolgung, Folter und Krieg. Frauen wie Männer waren und sind davon betroffen. Der Begriff "sexualisierte Gewalt" bezieht sich nicht nur auf physische, direkte, von einer konkreten Person ausgeübte Gewaltakte (Vergewaltigung, Sexzwangsarbeit, Zwangssterilisation, Zwangsabtreibung). Er schließt die diesen Gewalttaten oft vorgelagerten Grenzverletzungen wie demütigende Blicke, verbale Belästigungen oder erzwungenes Nacktsein ebenso mit ein wie auch strukturelle, (dem KZ) systemimmanente Bedrohungen (wie unzureichende Hygienemöglichkeiten, fehlende Intimsphäre). Brigitte Halbmayr beschäftigt sich im Artikel Sexzwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern mit einem Aspekt sexualisierter Gewalt, die sie weit umfassender in dem 2004 erschienenen Buch Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern (Wien 2004) gemeinsam mit Katrin Auer und Helga Amesberger analysiert. Im Zentrum des Jahrbuchartikels stehen Bordelle in Konzentrationslagern, das Arbeitskommando der Sexzwangsarbeit und die anhaltende Stigmatisierung der Sexzwangsarbeiterinnen nach 1945. Neben Auschwitz-Birkenau war das KZ Ravensbrück, 80 km nördlich von Berlin, das größte Frauenkonzentrationslager im "Dritten Reich". 1938 errichtet wurden im Mai 1939 die ersten Frauen in Ravensbrück inhaftiert. Zum Lager gehörte auch das Jugendlager Uckermark, in dem weibliche Minderjährige gefangen gehalten und in den letzten Kriegsmonaten systematisch KZ-Häftlinge ermordet wurden. Helga Amesberger gibt in ihrem Artikel Österreicherinnen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück einen Abriss über die Geschichte des Lagers, dessen Torturen und systematische Ermordungen 20.000 bis 30.000 Frauen (von etwa 132.000 inhaftierten) nicht überlebten, und geht insbesondere auf die dort inhaftierten Österreicherinnen ein. Der Artikel basiert im Wesentlichen auf der Arbeit von Amesberger und Halbmayr (Helga Amesberger / Brigitte Halbmayr, Vom Leben und Überleben - Wege nach Ravensbrück. Das Frauenkonzentrationslager in der Erinnerung, 2 Bde., Wien 2001), in der mehr als 40 lebensgeschichtliche Interviews mit österreichischen Überlebenden des KZ Ravensbrück analysiert wurden. Die Widerstandskämpferin Toni Bruha, ebenfalls in Ravensbrück inhaftiert gewesen, hat im DÖW eine Spezialsammlung zum Frauen-KZ Ravensbrück und Uckermark angelegt. Gerade wegen der Vernichtung vieler Akten in den letzten Kriegsmonaten und des Umstandes, dass Österreicherinnen als "Reichsdeutsche" in den KZ-Dateien geführt wurden, was eine systematische Forschung über die österreichischen Häftlinge in Ravensbrück erschwert, wäre eine genauere Erforschung der Geschichte der Österreicherinnen in Ravensbrück und auch der Geschichte der Lagergemeinschaft nach 1945 wünschenswert, für die die Bestände des DÖW-Ravensbrück-Archivs ebenso wie die in der Gedenkstätte Ravensbrück vorhandenen Daten genutzt werden könnten. Irma Trksak, Widerstandskämpferin innerhalb der "Tschechischen Sektion der KPÖ", der SozialdemokratInnen, KommunistInnen und auch Nicht-TschechInnen und Nicht-SlowakInnen angehörten, wurde 1942 ins KZ Ravensbrück deportiert, überlebte das KZ und erzählte der Autorin Hemma Mayrhofer 1997 über ihren Lebensweg, den Widerstand gegen das NS-Regime, die Inhaftierung in Ravensbrück und über die Zeit danach. Mayrhofer stellt die Aufzeichnungen dieses lebensgeschichtlichen Interviews unter dem Titel "Bis zum letzten Atemzug werde ich versuchen dagegen anzukämpfen". Irma Trksak - ein Lebensweg des Widerstehens in den Zusammenhang der Widerstandsmöglichkeiten und der Radikalbedingungen im KZ, unter denen bereits das pure Überleben einen Akt der Gegenwehr darstellte. Bis heute ist Irma Trksak rühriges Mitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück und unermüdliche Zeitzeugin wider das Vergessen. Die oben erwähnten Interviews von Amesberger, Auer, Halbmayer, Mayrhofer wurden alle mit der lebensgeschichtlichen Methode Gabriele Rosenthals geführt, die Daniela Gahleitner und Maria Pohn-Weidinger in ihrem Beitrag Biografieforschung: Erzählte Lebensgeschichten als Zugang zu Vergangenem. Theoretische Annahmen und methodisches Vorgehen den LeserInnen erläutern. Der Artikel bietet einen Überblick über das Verfahren der biografischen Fallrekonstruktion, diskutiert das Konzept der Biografie, stellt die Vorgehensweise narrativer Interviewführung vor und skizziert die einzelnen Schritte der Analyse an den Beispielen zweier Interviews mit einer Holocaust-Überlebenden und deren Tochter. Außerhalb des Schwerpunktthemas erzählt Erwin Chwojka, Verwalter und Herausgeber des Nachlasses des Dichters Theodor Kramer, eine persönliche Episode aus seinem Leben der Nachkriegszeit. In lyrischer Form, der Ballade von den 28 toten Bulgaren im Wiener Prater, verarbeitet Chvojka, dem unter dem NS-Regime ein Studienverbot auferlegt war, die Auffindung von 28 ermordeten Zwangsarbeitern, vermutlich Bulgaren, die noch in den letzten Kriegstagen ermordet wurden. Im Beitrag Der Mathematiker Paul Funk wird mit der "Vergangenheitsbewältigung" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften konfrontiert beschreibt Gerhard Oberkofler detailgenau die Auseinandersetzung um die mehrfachen Versuche und Anläufe in den sechziger Jahren, Heinrich Sequenz als wirkliches Mitglied der Akademie zu wählen. Sequenz, 1942 bis 1945 Rektor der Technischen Hochschule (TH), wurde 1945 die Lehrbefugnis aberkannt, 1952 jedoch erneut erteilt, 1954 war er wieder Ordinarius und Vorstand des Instituts für Elektrische Anlagen der TH Wien. Paul Funk hatte Theresienstadt überlebt und erhielt nach seiner Rückkehr nach Österreich 1945 eine Lehrkanzel für Mathematik an der TH in Wien, 1950 wurde er ordentliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Oberkofler veröffentlicht in seinem Artikel die Eingaben von Paul Funk, in denen dieser neben wissenschaftlichen und menschlichen Bedenken Sequenz' aktive nationalsozialistische Betätigung gegen eine Akademiemitgliedschaft vorbrachte. Der Autor dokumentiert die wiederholten Eingaben Funks und die Reaktionen der Akademie vor dem Hintergrund der generellen Haltung der Akademie zur nationalsozialistischen Vergangenheit und zu den ehemaligen Nationalsozialisten nach 1945. Michael Hubenstorf, Vorstand des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Wien, skizziert im Beitrag Medizinhistorische Forschungsfragen zu Julius Wagner-Jauregg (1857–1940) den gegenwärtigen Kenntnisstand und offene Forschungsfragen zur Person und Tätigkeit des Psychiaters anhand seines wissenschaftlichen Werkes, seiner Forschungsschwerpunkte sowie seiner administrativen und personalpolitischen Aufgaben an der Psychiatrischen Klinik und innerhalb der Universitäts- und Wissenschaftspolitik. | |
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