Der SK Rapid in den Jahren
1938-1945
2010 abgeschlossen

Projektbetreuung:
Georg Spitaler, Jakob Rosenberg


Projektinhalt: Der spektakuläre Sieg des Sportklubs Rapid in der Großdeutschen Meisterschaft am 22. Juni 1941 - am Morgen desselben Tages hatte das nationalsozialistische Deutschland die Sowjetunion überfallen - und weitere sportliche Erfolge Rapids in der NS-Zeit gehören bis heute zu zentralen Erinnerungspunkten in der Vereinsgeschichte. Als erster österreichischer Bundesligaklub hat der SK Rapid seine Rolle im Nationalsozialismus kritisch aufarbeiten lassen. Untersucht wurde, welche Auswirkungen der „Anschluss“ 1938 auf den SK Rapid hatte und ob Spieler oder Funktionäre der NS-Verfolgung zum Opfer fielen bzw. flüchten mussten. Ebenso im Fokus der Untersuchung von Jakob Rosenberg und Georg Spitaler stand die Rolle von Funktionären und Spielern in der Deutschen Wehrmacht oder anderen militärischen Verbänden, die Untersuchung der Mythen, die sich um den Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1941 ranken, sowie das Aufspüren von Kontinuitäten und Brüchen rund um das Jahr 1945.

Das Projekt wurde vom SK Rapid finanziert.
2011 erschien die gemeinsam von SK Rapid und DÖW herausgegebene Publikation:

Jakob Rosenberg / Georg Spitaler
Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938-1945)


Im Einzelnen wurden die folgenden Forschungsfragen und Themen untersucht:

  • Rapid 1938-1945 im populären österreichischen Sportgedächtnis

    Die sportlichen Erfolge Rapids in den Jahren 1938-1945 - z. B. der Sieg im Tschammer-Pokal 1938/39 und vor allem der Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1941 - gehören zu den "Erinnerungsorten" des österreichischen Fußballs.
    Nach 1945 wurden die sportlichen Ereignisse und ihre Protagonisten (wie der Stürmer Franz "Bimbo" Binder) zu Bestandteilen eines populären Sportgedächtnisses, das sich aus Sportmedien und Jubiläumsbüchern, aber auch aus Erinnerungen von Fans speiste. Im Hinblick auf "offizielle" Geschichtsbilder in Österreich wiesen diese Sporterinnerungen sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede auf:
    Überschneidungen existierten vor allem im Hinblick auf eine Opferrolle Österreichs bzw. des österreichischen Fußballs sowie die Abgrenzung vom (nationalsozialistischen) deutschen Nachbarn. Dafür eignete sich etwa die Erzählung von der angeblichen Bestrafung der Rapid-Spieler für den Sieg in der deutschen Meisterschaft und deren Versetzung an die Front.
    Gleichzeitig erzählten Vereinsgeschichten wie jene Rapids aber vom Alltag im Nationalsozialismus und beschrieben eine Kontinuität des Sports über die Systemwechsel hinweg, womit die "Externalisierung" des Nationalsozialismus, die im offiziellen Geschichtsbild der Zweiten Republik lange bestand, unterlaufen wurde.
    Die populäre Fußballgeschichte tradierte auf diese Weise eine Reihe von Mythen und Erzählungen, die bis heute nur punktuell wissenschaftlich bearbeitet worden sind. Das Projekt unternahm nun erstmals diese strukturierte wissenschaftliche Aufarbeitung der Vereinsgeschichte des SK Rapid im Nationalsozialismus.


  • Zäsur 1938: Welche Auswirkungen hatte der "Anschluss" 1938 auf den SK Rapid, seine Funktionäre, Spieler und Anhänger? Wie wurde der Verein "nazifiziert" bzw. wie passte sich der Klub an die neuen politischen Verhältnisse an? Existierten Einschränkungen des Vereinsbetriebs aufgrund der nationalsozialistischen Machtübernahme?

    Neben der Rezeption der Darstellungen in zeitgenössischen Medien, Vereinschroniken (z. B. Sportklub Rapid 1939), Publikationen zur Geschichte des österreichischen Fußballs sowie wissenschaftlichen Aufarbeitungen der NS-Fußballgeschichte war hier ausführliches Quellenstudium notwendig: Einen ersten Ausgangspunkt dafür stellten die Namen und Daten der Funktionäre und Spieler des SK Rapid in den Jahren 1938-1945 dar.


  • Widerstand und Verfolgung: Fielen Spieler oder Funktionäre der NS-Verfolgung zum Opfer oder mussten die Flucht antreten? Gab es unter den Rapid-Funktionären und Spielern Widerstand gegen den Nationalsozialismus? Äußerten sich regimefeindliche Haltungen von Rapidanhängern im Kontext des Fußballs?

    Bisher ist nur wenig über etwaige jüdische Funktionäre oder Spieler des SK Rapid bekannt. Eine Ausnahme bildet die Biographie des Verlegers und Publizisten Leo Schidrowitz, der bis 1938 als Funktionär bei Rapid tätig war, die Jahre des Nationalsozialismus im brasilianischen Exil überstand und nach 1945 wieder nach Wien zurückkehrte. Schidrowitz war ab 1949 als "Propagandareferent" des ÖFB tätig und verfasste ein Standardwerk zur österreichischen Fußballgeschichte (Geschichte des Fußballsportes in Österreich, Wien 1951).
    Die gesamten Funktionärs- und Spielerdaten bis 1945 wurden mit den Beständen der DÖW-Projekte Namentliche Erfassung der österreichischen Holocaustopfer sowie Namentliche Erfassung der Opfer politischer Verfolgung 1938-1945 abgeglichen und gegebenenfalls biographisch weiter untersucht.
    Im Hinblick auf antideutsche Manifestationen im nationalsozialistischen Wien wurde immer wieder auch der Fußballplatz als wichtiger öffentlicher Ort beschrieben, an dem Widerspruch und Unmut geäußert wurden. Das betrifft auch Spiele des SK Rapid. Auf der Basis vorhandener Quellen sollte eine Einordnung dieser Zwischenfälle zwischen jugendkultureller Renitenz und Widerständigkeit (Aktionen von Jugendgangs/"Platten" bzw. sogenannten "Schlurfs"), "innersportlicher" Rivalität mit dem "Altreich" und dezidiert politischem Widerstand vorgenommen werden. Als Quellen dienten hier neben zeitgenössischen Medienberichten diverse NS-Akten (z. B. Gestapo-Tagesberichte, Stimmungsberichte des SS-Sicherheitsdienstes).


  • Rapid im Krieg: Welche Rolle spielten Funktionäre und Spieler des SK Rapid in der Deutschen Wehrmacht oder anderen militärischen Verbänden? Waren Rapid-Spieler und Funktionäre an NS-Verbrechen beteiligt? Wie beeinflusste der Krieg das Vereinsgeschehen?

    In populären Darstellungen der Rapid-Geschichte ist es weniger der "Anschluss" 1938 als der Ausbruch bzw. die Verschärfung des Krieges, die als Zäsur für den Verein beschrieben werden. Es soll daher auch danach gefragt werden, welche Auswirkungen der Krieg auf die sportlichen und organisatorischen Geschicke des Klubs hatte.
    Bisherige punktuelle Untersuchungen und Zeitzeugenberichte deuten darauf hin, dass viele Fußballspieler lange Zeit (zumindest in den ersten Kriegsjahren) von Fronteinsätzen verschont blieben und auch als Angehörige der Wehrmacht noch an Meisterschaftsspielen teilnehmen konnten. Solche "Privilegien" wurden in den späten Phasen des Kriegs offenbar seltener, wie die Fakten hinter der angeblichen Strafversetzung von Rapid-Spielern nach dem Meistertitel 1941 belegen (tatsächlich setzen die Fronteinsätze einiger Meister-Spieler erst deutlich später ein).
    Auf der Basis von Akten der Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin sowie der Wehrstammkarten im Österreichischen Staatsarchiv sollten die militärischen Karrieren der Rapid-Spieler rekonstruiert werden. Bei welchen Einheiten waren Rapid-Spieler eingesetzt (etwa: Sanitätsdienst)? Entzogen sich auch Rapidspieler dem Fronteinsatz, und wenn ja: durch welche Mittel?


  • Der SK Rapid im Spiegel der nationalsozialistischen (Sport-)Medien: Wie wurden der Verein und seine sportlichen Erfolge in den zeitgenössischen Medien beschrieben?

    Zur Einordnung des SK Rapid in den Jahren 1938-1945, seiner öffentlichen Wahrnehmung und Einschätzung durch das nationalsozialistische Regime (bzw. dessen lokale Funktionäre) und seine AnhängerInnen, aber auch zum Verständnis späterer Erzählungen und Erinnerungen aus den Jahren nach 1945 ist eine Untersuchung der medialen Darstellung Rapids in den zeitgenössischen Medien notwendig. Welche Rolle spielte der Klub in der nationalsozialistischen Propaganda? Wie wohlwollend standen die nationalsozialistischen Sportmedien bzw. politische Medien dem Verein gegenüber? Inwieweit eignete sich der Klubmythos des Vereins - wie er etwa in Zuschreibungen an den Spielstil zum Ausdruck kam ("bodenständig", "kämpferisch" sowie die sprichwörtliche "Rapid-Viertelstunde") - zur Aneignung durch die Nationalsozialisten, etwa als Gegenbild zum angeblichen "jüdischen Element" des Wiener (Profi-)Fußballs.


  • Meister 1941: Wie lässt sich der deutsche Meistertitel sportlich und politisch einordnen? Was bleibt von den bisherigen "Mythen"?

    Damit verbunden ist auch die Frage einer (sport-)historischen Einordnung des deutschen Meistertitels, den Rapid am 22. Juni 1941, dem Tag des Überfalls auf die Sowjetunion, im Berliner Olympiastadion gegen Schalke 04 errang. Um dieses Spiel ranken sich zahlreiche Mythen und retrospektive Interpretationen - etwa Schiebungsgerüchte von beiden Seiten, wonach der Sieg des jeweils anderen Teams von der NS-Führung gewünscht gewesen wäre. Die langjährige Bestrafungsthese, wonach die Rapid-Spieler wegen ihres Erfolges an die Front versetzt worden wären, lässt sich, wie erwähnt, mit einem ersten Blick in die Akten der Wehrmachtsauskunftsstelle nicht aufrechterhalten. Ein Ziel des Projektes war es, die Mythen rund um dieses zentrale sportliche Ereignis für Rapid in den Jahren 1938-1945 zu untersuchen und das Spiel und seinen Kontext auf der Grundlage der historischen Fakten seriös zu beschreiben und zu bewerten.
    Ebenfalls untersucht werden sollte das Verhältnis des SK Rapid zum Deutschen Fußballbund (DFB) während des Untersuchungszeitraums. So kam etwa eine Reihe von Rapid-Spielern, unter ihnen Franz Binder, im deutschen Nationalteam zum Einsatz.


  • 1945 - Kontinuitäten und Brüche: Welche Auswirkungen hatten die Befreiung 1945 bzw. Entnazifizierungsmaßnahmen auf den Verein?

    Auf Basis von (Vereins-)Akten, Zeitzeugen- und Medienberichten wurden die Auswirkungen der Befreiung 1945 untersucht. Welche Brüche und Kontinuitäten bestanden im Verein? Mussten belastete Funktionäre ihre Ämter räumen und traten frühere Funktionäre wieder an ihre Stelle? Welche Spieler waren im Zweiten Weltkrieg gefallen?


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