Gedenken in Niederösterreich

Seit Anfang der 1990er Jahre ist der Umgang der österreichischen Gesellschaft mit Widerstand und Verfolgung in Form ihrer materiellen Kristallisation als Erinnerungszeichen ein Forschungsfeld des DÖW. 1998 erschien als Abschluss des Pilotprojekts "Gedenken und Mahnen in Wien 1934-1945" eine 488-seitige Publikation über "Gedenkstätten zu Widerstand und Verfolgung, Exil und Befreiung in Wien", 2001 folgte ein erster Ergänzungsband. Gegenwärtig sind wissenschaftliche Dokumentationsprojekte zu den Bundesländern Niederösterreich, Steiermark und Burgenland in Arbeit. Das DÖW kooperiert dabei mit dem "Verein zur Erforschung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und ihrer Aufarbeitung", der Abteilung Zeitgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz und mit dem Forschungsprogramm "Orte des Gedächtnisses" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte). Projektleiterin ist Heidemarie Uhl.

Claudia Kuretsidis-Haider und Heinz Arnberger, seit den Anfängen an den Projekten des DÖW zu Gedenken und Mahnen beteiligt, beschreiben im Folgenden anhand exemplarischer Beispiele die Gedächtnislandschaften Niederösterreichs.


Mitteilungen 180

Erinnerungszeichen im Gedenken an die verschiedenen - politisch,
militärisch und religiös begründeten - Formen widerständigen Verhaltens

Das Gedenken an KommunistInnen, SozialistInnen und Christlich-Konservative ist in der Regel personenbezogen und zeigt sich in den traditionellen "sites of memories", nämlich in Form von Gedenktafeln, Denkmälern, Ehrengräbern, aber auch in Form von Verkehrsflächenbenennungen oder von Benennungen von Kindergärten, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Gedenktafel in Enzesfeld-Lindabrunn Die ersten Nachkriegsjahre standen, wie Heidemarie Uhl mehrfach feststellte, im Zeichen des konsensualen Gedenkens an den österreichischen Freiheitskampf. Dies lässt sich auch für Niederösterreich nachvollziehen. Geprägt wurde diese Erinnerungskultur von der KPÖ und der SPÖ. Während sich kommunistisches Gedenken auf den Widerstand gegen die NS-Herrschaft konzentrierte, wobei die KommunistInnen den höchsten Anteil an Opfern zu verzeichnen hatten, war das sozialdemokratische Gedenken in vielen Fällen auf den Bürgerkrieg im Februar 1934 fokussiert. Generell war in der Erinnerungskultur das Widerstandsnarrativ vorherrschend und Erinnerungszeichen spiegelten vor allem das individuelle Schicksal Einzelner wider. Auch die gesellschaftspolitische Zugehörigkeit der Betroffenen geht in vielen Fällen hervor, wenngleich der Hinweis, ob es sich dabei um KommunistInnen oder SozialistInnen gehandelt hat, in der Regel fehlt, außer es handelte sich um eine konkret etwa von der KPÖ gestiftete Tafel. Ganz allgemein ist der "Kampf gegen den Faschismus und gegen den Krieg" (Brunn am Gebirge) und "für Österreichs Freiheit" (Enzesfeld-Lindabrunn, Stockerau) in Niederösterreich in dieser Zeit häufig verwendeter Sprachduktus.

Mahnmal in Hainburg Denkmal gegen den Faschismus, Amstetten Bereits in den 1950er Jahren verschwand die namentliche Kenntlichmachung von Personen, die Widerstand gegen das NS-Regime geleistet hatten, und wich schwammigen Begrifflichkeiten. Aus den "Kämpfern gegen den Faschismus" wurden "Opfer des Faschismus", die sich anderen Opferkategorien, wie "Soldaten beider Weltkriege" oder ganz allgemein "Opfer des Krieges", einfügten. Nur wenige Denkmalerrichtungen prägten in dieser Zeit das Bild der niederösterreichischen Gedächtnislandschaften. Exemplarisch zu erwähnen ist hier etwa das auf Initiative der drei Opferverbände errichtete "Denkmal gegen den Faschismus" in Amstetten aus dem Jahr 1954, das der "Märtyrer politischer Willkür in den Jahren 1933-1945" gedenkt, ohne eine nähere parteipolitische Spezifizierung vorzunehmen. Die Opfer von "Ständestaat" und Nationalsozialismus werden anonym angesprochen. Die breite parteipolitische Einigkeit spiegelte die Teilnahme von VertreterInnen der SPÖ, ÖVP und der KPÖ an der mit einer kirchlichen Weihe verbundenen Enthüllungsfeier wider.

Restituta-Skulptur, Kleinmariazell Gedenktafel in Großweikersdorf Sehr stark vertreten ist in Niederösterreich, insbesondere seit den 1980er Jahren, das Gedenken an den katholischen Widerstand. Das hängt mit der stark ausgeprägten katholischen Prägung der bäuerlichen Gesellschaft in Niederösterreich zusammen. Neben Roman Karl Scholz von der "Österreichischen Freiheitsbewegung", hingerichtet im Mai 1944, der in Klosterneuburg tätig gewesen war und für den dort Erinnerungszeichen angebracht wurden (etwa 1990 im Bundesgymnasium Buchberggasse oder 1988 eine Gedenktafel am Roman-Karl-Scholz-Platz, der bereits 1946 so benannt wurde), ist es vor allem das Gedenken an die Ordensschwester der "Franziskanerinnen von der christlichen Liebe" Helene "Restituta" Kafka (hingerichtet im März 1943), das seit der Mitte der 1990er Jahre eine starke Repräsentanz im öffentlichen Raum Niederösterreichs aufweist, sei es in Form von Skulpturen (etwa in der Wallfahrtskirche Kleinmariazell), als Reliquienverehrung in zahlreichen Kirchen, in Andachtsräumen (z. B. in der Justizanstalt Hirtenberg), als Restituta-Kapellen (etwa in der Kursana Seniorenresidenz Maria Enzersdorf), als Namensgeberin für Verkehrsflächenbenennungen (wie z. B. in Mödling) oder als Restituta-Kindergarten in Oberwaltersdorf. Sr. Restituta wurde am 21. Juni 1998 auf dem Wiener Heldenplatz durch Papst Johannes Paul II selig gesprochen, und in diesem Jahr sind in verschiedenen niederösterreichischen Orten verstärkt Zeichensetzungen festzustellen.


Zeichensetzungen im Gedenken an die Opfer des Holocaust bzw. an
ausgelöschte jüdische Gemeinden sowie an zerstörte Synagogen oder Friedhöfe

Massengrab mit Gedenkstein, Bad Deutsch-Altenburg Die Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung der Jüdinnen und Juden wies jahrzehntelang nur eine marginale öffentliche Präsenz auf. Auffallend ist, dass in den ersten Nachkriegsjahren auch der Holocaustopfer gedacht wurde, wenngleich es den Begriff in dieser Zeit noch nicht gab. Allerdings scheute man vor der Verwendung der Worte "Jude" und "jüdisch" zurück, zu sehr schienen diese durch die NS-Zeit belastet. Es finden sich daher auf Erinnerungszeichen aus diesen Jahren keine "jüdischen", sondern "israelitische" Opfer bzw. keine Juden, sondern Israeliten (Bad Deutsch-Altenburg, Bruck/Leitha). Bisweilen behalf man sich auch mit dem Begriff "KZ-ler" (St. Anton-Jeßnitz). Diese waren in der Regel namentlich unbekannt (eine Nennung der betroffenen Personen, oftmals versehen mit näheren Daten, wie Deportation und Ermordung, ist erst seit der intensiven Holocaustforschung in den letzten Jahren möglich geworden).

Mahnmal in Gmünd Sehr bald allerdings verschwand die Erwähnung von Jüdinnen und Juden sowie deren Schicksal völlig aus der Sprache des Gedenkens. Immerhin werden auf einem Mahnmal in Gmünd noch die "politisch und rassisch Verfolgte[n] in einer Welt der Diktatur, des Krieges und des Hungers" angesprochen, eine nähere Präzisierung, wer diese Verfolgten in welcher Diktatur gewesen sind, fehlt allerdings. Das 1970 von der Arbeitsgemeinschaft der Opferverbände Niederösterreich und der Stadtgemeinde Gmünd gestiftete Erinnerungszeichen soll jener 485 ungarischen Jüdinnen und Juden gedenken, die sich auf einem Transport nach Theresienstadt befanden und gemeinsam mit weiteren mehr als tausend LeidensgenossInnen 1944 in einem Getreidespeicher zusammengepfercht wurden und Zwangsarbeit leisten mussten. Sie kamen aufgrund von Hunger, Kälte und Terror ums Leben und wurden jenseits der heutigen Grenze in Ceske Velenice begraben. Am 16. Februar 1945 wurde das Lager evakuiert und die zu diesem Zeitpunkt noch lebenden Häftlinge auf einen Todesmarsch in Richtung Prag geschickt.

Gedenkstein für die Holocaustopfer, Großweikersdorf Jüdischer Friedhof Krems Die 1980er Jahre brachten im Zuge der "Waldheim-Diskussion" einen Wandel der Erinnerungskultur(en). Dieser wurde durch den Bruch des traditionellen Geschichtsbildes ausgelöst und eröffnete veränderte Sichtweisen auf die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs. Für die Geschichtswissenschaft wird diesbezüglich von einem Paradigmenwechsel gesprochen, den öffentlich-politischen Diskurs bestimmt seitdem eine neue Sensibilität in der Beurteilung der NS-Vergangenheit. Erstmals finden dabei auch jene Opfer nationalsozialistischer Verbrechen Berücksichtigung, denen bis dahin entsprechende Würdigungen versagt geblieben waren, bzw. ist das Gedenken insbesondere an die österreichischen Jüdinnen und Juden im öffentlichen Raum nicht mehr nur vereinzelt sichtbar. Während sich im Gedächtnisraum Wien bereits in den 1980er Jahren dieser Wandel auch öffentlich wahrnehmbar vollzogen hatte, setzte in Niederösterreich eine derartige Entwicklung erst mit den 1990er Jahren ein. Gedächtnislandschaften für den Holocaust repräsentieren neue Formen der materiellen Zeichensetzung und werden vielfach künstlerisch anspruchsvoll gestaltet. Zu nennen ist hier etwa das Mahnmal für die Amstettner Juden und Jüdinnen oder der jüdische Friedhof in Krems, wo 1995 ein rund 50 Meter langes Stahlband (eine "Erinnerungsspur") mit 129 Namen Kremser jüdischer Opfer des Holocaust mit Datum und Ziel ihrer Deportation errichtet wurde.

Gedenktafel in Zistersdorf In eine andere Richtung von Erinnerungskultur, nämlich Richtung Übergang zum kulturellen Gedächtnis, weist die sich nach der Jahrtausendwende verstärkt fortsetzende Tendenz der Renovierung von im Zuge der NS-Herrschaft zerstörten Synagogen und jüdischen Friedhöfen. Beispielhaft dafür sind etwa die renovierte Toreinfassung der ehemaligen Synagoge mit hebräischer Inschrift an der Stadtmauer in Ebenfurth, der jüdische Friedhof in Krems, wo die Grabsteine vom Verein Schalom wieder aufgerichtet wurden, der von Chewra Kadischa angelegte jüdische Friedhof in St. Pölten, der vom Verein Schalom gepflegte jüdische Friedhof in Tulln oder die Synagoge in Baden. Ebenfalls um die Rettung jüdischer Friedhöfe verdient gemacht hat sich immer wieder - beispielsweise in Marchegg und Zistersdorf - Ida Olga Höfler (Helikon Verein für Geschichte, Kunst und Kultur, Gänserndorf). Die St. Pöltner Synagoge konnte vor dem Abriss gerettet und in den 1980er Jahren renoviert werden. Heute ist in dem Gebäude das Institut für Geschichte der Juden in Österreich untergebracht.

Mittlerweile finden sich auch Textierungen, die klar und deutlich die Ursache des Gedenkens und wer die Opfer waren zum Ausdruck bringen. Als Beispiel sei hier der Gedenkstein vor der evangelischen Lutherkirche in Stockerau genannt, auf dem u. a. zu lesen steht: "Dieses Gotteshaus erinnert an die furchtbare Geschichte der gezielten Vernichtung der Juden. 1908 als Synagoge erbaut, 1938 unter der Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus enteignet - zur evangelischen Kirche umgebaut". In der Regel sind aber Begriffe wie "Vernichtung", "Ermordung", "Deportation" sowie Einbekenntnis von Schuld und Verstrickung nicht auf Erinnerungszeichen zu finden.


Monumentale Zeichensetzungen der sowjetischen Besatzungsmacht im Gedenken an die erfolgreiche Befreiung Österreichs

Sowjetisches Kriegsgrab, Niederhollabrunn Sowjetische Kriegsgräberanlage, Tulln Sowjetische Kriegsgräberanlage, St. Pölten Sowjetische Kriegsgräberanlage, Ebenfurth In zahlreichen niederösterreichischen Orten befinden sich sowjetische Kriegsgräberanlagen der Roten Armee im Gedenken an die bei der Befreiung Gefallenen sowie während der Besatzungszeit gestorbenen Soldaten und Offiziere. Es handelt sich dabei um die im halb-öffentlichen Raum (zumeist neben oder auf Friedhöfen) präsenteste Form eines sichtbaren Zeichens für die Befreiung Österreichs. Die größten Anlagen gibt es in Mistelbach, Wiener Neustadt, Mödling und Baden. Österreich ist im Staatsvertrag verpflichtet, für diese Kriegsgräberanlagen zu sorgen, weshalb diese teilweise auch, vor allem Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre sowie aus Anlass des Staatsvertragsjubiläums 2005, renoviert und instand gesetzt wurden. Es handelt sich um eine pflichtgemäße Form des Gedenkens durch die Republik, abseits großer Anteilnahme der Bevölkerung und öffentlicher Auseinandersetzung.


Gedenken an andere Opfer des NS-Regimes

Grabmal in Haag Kunstinstallation in Gneixendorf Neben den drei genannten Gedächtnislandschaften, die die niederösterreichische Erinnerungskultur am stärksten prägen, finden sich partiell und lokal konzentriert Formen des Gedenkens an andere Opfer des NS-Regimes, wie etwa ausländische ZwangsarbeiterInnen (z. B. das Grabmal für Opfer des Zweiten Weltkrieges in Eggendorf, das an 52 vor allem griechische, jugoslawische und italienische ArbeiterInnen erinnert, die in der "Tritolfabrik Theresienfeld-Blumau" arbeiten mussten und bei Explosionen ums Leben kamen, oder das erst kürzlich errichtete Denkmal für das "KZ in der Serbenhalle" in Wiener Neustadt) bzw. Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge (sowohl in Gräbern als auch in KZ-Gedenkstätten wie etwa in Melk) und Opfer zu Kriegsende: seien es politische, die im Zuge der letzten Kriegstage ermordet wurden (wie in der Strafanstalt Stein), militärische (Deserteure, wie auf der Weinzettlhöhe im Gemeindegebiet Breitenstein) oder zivile (wie der sozialdemokratische Funktionär Isidor Wozniczak aus Gars/Kamp, der Hilfe für politisch und rassistisch Verfolgte sowie für Kriegsgefangene leistete).

Opfergruppen wie die Roma und Sinti sowie die Euthanasieopfer sind so gut wie gar nicht in der niederösterreichischen Gedächtnislandschaft vorhanden. Für Letztere wurden lediglich am Prosektur-Pavillon der Niederösterreichischen Landesnervenklinik in Mauer sowie im Park der Niederösterreichischen Landesnervenklinik Klosterneuburg-Maria Gugging Gedenktafeln angebracht.

Friedensdenkmal in Erlauf Ein positiv konnotierter Gedächtnisort befindet sich in Erlauf, wo in den letzten Jahren unterschiedliche Formen der Erinnerung an ein für die Befreiung Österreichs bedeutsames Ereignis - das Zusammentreffen der sowjetischen und amerikanischen Armeeeinheiten am 7. Mai 1945 - ins Leben gerufen wurden.


« zurück