Namentliche Erfassung der Opfer politischer Verfolgung in Österreich
1938-1945


Immer wieder wurde das DÖW im Laufe der Arbeiten an dem 2001 abgeschlossenen Projekt Namentliche Erfassung der österreichischen Holocaustopfer von verschiedenen Seiten mit dem Wunsch nach einem ähnlichen Projekt für alle Opfer der NS-Terrorherrschaft konfrontiert. Seit rund einem Jahr laufen nun die Arbeiten an der Namentlichen Erfassung der Opfer politischer Verfolgung in Österreich 1938-1945: Ziel des gemeinsam mit dem Karl von Vogelsang-Institut durchgeführten Forschungsvorhabens ist die Erstellung einer Datenbank mit den wichtigsten Personalien sowie den verfolgungsrelevanten Daten wie Angaben zur Verhaftung, gerichtliche Verfolgung, Haftstätten, Haftdauer, Todesdatum und Todesort. Nach der EDV-gestützten Aufarbeitung der entsprechenden Quellenbestände im In- und Ausland sollen diese Daten in geeigneter Form (Buch, CD-ROM, Internet) öffentlich zugänglich gemacht werden.

Im Folgenden ein Bericht des Projektteams Namentliche Erfassung.


Mitteilungen 163
Das Forschungsvorhaben Namentliche Erfassung der Opfer politischer Verfolgung soll einen Überblick über die Opfer des NS-Terrors geben, die im Zeitraum vom 11. März 1938 bis zum 8. Mai 1945 aus politischen Gründen durch das NS-Regime zu Tode gebracht wurden. Konkret handelt es sich dabei um Opfer des SS- und Polizeiapparates, Opfer der NS-Justiz (sowohl Hingerichtete als auch während des Strafvollzuges Umgekommene), Todesopfer der Konzentrationslager und Tote von Massakern. Mit berücksichtigt werden auch Personen, die im Zuge der Verfolgung Selbstmord verübt haben. Als ÖsterreicherInnen gelten nicht nur jene Personen, die 1938 das "Heimatrecht" bzw. die österreichische Staatsbürgerschaft besaßen, sondern - analog zum Opferfürsorgegesetz (OFG) - auch alle jene, die 1938 ihren Wohnsitz mindestens zehn Jahre in Österreich hatten.

Neben den Opfern rassistisch motivierter Verfolgung und jenen der NS-"Euthanasie" bilden die Opfer politischer Verfolgung eine weitere zentrale Gruppe unter den Opfern der NS-Herrschaft. Anhänger gegnerischer Parteien, teils seit 1933/34 bereits im Untergrund tätig wie Revolutionäre Sozialisten und Kommunisten, teils Machtträger und Funktionäre des besiegten "Ständestaates" fielen nach dem "Anschluss" schlagartig einsetzenden Repressionen zum Opfer. Tatsächlich war es diese Gruppe (oder besser gesagt der parteipolitisch ausgerichtete Teil davon), die nach der Befreiung von der NS-Herrschaft - zumindest in einem gewissen Maße - im öffentlichen Diskurs eine Rolle spielte. Eine nicht geringe Zahl von wissenschaftlichen Forschungsarbeiten und Dokumentationen, seien es Einzelbiographien, lokale Fallstudien, Regionaluntersuchungen oder Gesamtdarstellungen, widmete sich in den letzten Jahrzehnten diesem Thema, ohne dabei aber auch nur den Versuch einer Gesamterfassung zu wagen. Angaben zum Ausmaß der politischen Verfolgung in Österreich bleiben daher immer auf mehr oder weniger fundierte Schätzungen angewiesen.

Gleichzeitig erfuhr aber auch der Begriff "Opfer politischer Verfolgung" eine nicht unbedeutende Ausweitung. Umfasste dieser Begriff ursprünglich im öffentlichen Bewusstsein, aber auch in der Forschung vor allem die Opfer aus den Reihen des politisch organisierten Widerstandes beziehungsweise der präventiv verfolgten politischen Akteure der Zeit vor 1938, so erweiterte sich der Blickwinkel mittlerweile auch auf Formen nichtorganisierten Widerstandes Einzelner, Resistenz und andere Formen in den Augen der Machthaber unerwünschten Verhaltens.

Ausgehend von diesen Überlegungen könnte man den zu untersuchenden Personenkreis etwa folgendermaßen gliedern:

  • Organisierter Widerstand in der Arbeiterbewegung
    Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden der Großteil der - polizeibekannten - Führungsspitze der Revolutionären Sozialisten (RS) sowie zahlreiche Sozialdemokraten und Schutzbündler, die den neuen Machthabern gefährlich erschienen, verhaftet. Ungefähr 120 Sozialisten wurden in Wiener Gefängnissen gefangen gehalten; die Zahl der verhafteten Sozialisten konnte nicht festgestellt werden. Überdies wurde eine größere Zahl österreichischer Sozialisten in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert.

    Der Widerstand der österreichischen Kommunisten gegen den Nationalsozialismus war zahlenmäßig der weitaus stärkste von allen politischen Gruppierungen. Von den mehr als 2.000 Strafverfahren gegen politische Täter vor dem Oberlandesgericht Wien, deren Akten erhalten geblieben sind, betreffen mehr als 90 Prozent den linken Widerstand und vor allem die Kommunisten. Bis Ende 1943 konnte die Gestapo die meisten bestehenden kommunistischen Gruppen aufrollen und zerschlagen. In einem Bericht der Gestapo Wien vom März 1944 werden allein für diese Leitstelle rund 6.300 festgenommene kommunistische Widerstandskämpfer genannt.


  • Katholisch-konservatives Lager, Legitimisten
    Ab Sommer/Herbst 1938 bildeten katholisch-konservative Gruppierungen und Funktionäre der Vaterländischen Front Widerstandsgruppen. 1943/44 schlossen sich in einer zweiten Phase des Widerstandes zahlreiche Gruppen zu einer überparteilichen Bewegung zusammen, die als 05 (Anfangsbuchstaben des Wortes Oesterreich) bekannt wurde.

    Die österreichischen Legitimisten gehörten von Beginn an zu den erbittertsten Gegnern des nationalsozialistischen Regimes. Sie sahen in Otto von Habsburg den legitimen Herrscher und bekämpften die Auslöschung Österreichs mit dem Ziel der Wiederherstellung der Habsburgermonarchie.


  • Religiöse Verfolgung und Widerstand
    Zwar stand die katholische Kirche als Institution nicht im aktiven Widerstand gegen das NS-Regime, aber immer wieder kam es zu Ausschreitungen und Aktionen gegen die Kirche und ihre Anhänger. Zahlreiche katholische Priester, Nonnen und Laien wurden zu entschiedenen Gegnern des als unchristlich empfundenen Regimes. Von den rund 8.000 Priestern und Ordensmitgliedern in Österreich wurden über 700 verhaftet. Einige überzeugte Katholiken verweigerten aus Gewissensgründen den militärischen Treueeid sowie die Teilnahme am Kriegsdienst und gingen freiwillig in den Tod.

    Keine andere Gruppe widersetzte sich derart geschlossen nationalsozialistischen Anforderungen wie die Zeugen Jehovas, die aus Glaubensgründen den Wehrdienst ebenso wie Arbeiten in der Rüstungsproduktion verweigerten.

    Ähnliches gilt für die Angehörigen der allerdings wesentlich kleineren Gruppe der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformbewegung.


  • Nationale Minderheiten
    Abgesehen von einzelnen Verhaftungen traten die NS-Machtaber in den ersten Wochen nicht offen feindselig gegenüber den nationalen Minderheiten (Kroaten, Tschechen, Slowenen) auf, wobei allerdings der Druck zur Assimilierung rasch zunahm.

    Die aktivste antinazistische Kraft unter den Wiener Tschechen bildeten die ehemaligen Anhänger der sozialdemokratischen und der kommunistischen Partei, die sich nach dem März 1938 zu einer größeren Widerstandsgruppe zusammenschlossen, welche von der Gestapo nicht ganz zutreffend als Tschechische Sektion der KPÖ bezeichnet wurde.

    Bereits seit 1939 bestanden unter den Kärntner Slowenen kleine illegale politische Gruppen. Im April 1941 entstand mit der in Slowenien gegründeten Osvobodilna Fronta (OF) jene Widerstandsorganisation, die sowohl politisch als auch militärisch zu einem wichtigen Faktor wurde, wobei die Kommunisten auf Grund ihrer Erfahrung in der illegalen Arbeit die führende Rolle spielten. 1944 gelang es der OF auch im Osten nördlich der Drau Fuß zu fassen, die Partisanen operierten hier insbesondere im Gebiet der Saualm. Die Partisaneneinheiten auf Kärntner Gebiet umfassten im August 1944 etwa 700 Kämpfer. Himmler ernannte in Anbetracht dieser Situation Südkärnten zum "Bandenkampfgebiet".


  • Widerstand von Einzelnen
    Eine antinazistische Haltung, humanitäre Einstellung, Mitgefühl für Verfolgte, Abneigung und Hass gegen ein verbrecherisches Regime waren die Wurzeln des aus dem Volke kommenden, unorganisierten Widerstandes. Es war der Widerstand "von unten", der einfachen Leute, die mit individuellen, nicht politisch motivierten Unmutsäußerungen Kritik übten an wirtschaftlichen Mangelerscheinungen oder an Maßnahmen, die unmittelbar den eigenen Lebensbereich betrafen.

    Das verbotene Abhören ausländischer Sender, Sabotage und Hilfeleistungen für Verfolgte wurden genauso rigoros verfolgt wie der organisierte Widerstand und waren auch keineswegs zahlenmäßig geringer als dieser. Ein Großteil der 10.000 Verfahren vor dem Sondergericht Wien bezog sich auf das Delikt nach dem so genannten "Heimtückegesetz", worunter auch die verschiedenen Formen des individuellen Widerstandes zusammengefasst sind: defätistische Äußerungen, das Verbreiten von Gerüchten, abfällige Kritik an NS-Einrichtungen und an der NS-Politik, besonders an Konzentrationslagern und den Rassenlehren, Witze bzw. Beleidigungen von führenden NS-Funktionären, insbesondere von Hitler, Göring, Goebbels, prokommunistische, prosozialdemokratische und prokatholische Äußerungen, das Singen verbotener Lieder, Stellungnahmen zugunsten von Juden, Kriegsgefangenen etc., die Verweigerung von Spenden und dergleichen.
Der Schwerpunkt der bisherigen Arbeiten lag insbesondere in der systematischen Sichtung der hauseigenen Bestände. Neben einer beträchtlichen Zahl von Einzeldokumenten sind vor allem der Bestand "KZ-Verband", die Tagesrapporte der Geheimen Staatspolizei-Staatspolizeileitstelle Wien sowie die Erkennungsdienstliche Kartei der Geheimen Staatspolizei-Staatspolizeileitstelle Wien, die in Form von Scans im Dokumentationsarchiv vorhanden ist, zu berücksichtigen Soweit die Bestände elektronisch inventarisiert sind, ist eine effiziente Vorauswahl zumindest teilweise möglich, der Rest der Arbeit muss händisch erfolgen. Besonders arbeitsintensiv wird die Durcharbeitung der Bestände der Opferfürsorgearchive in allen Bundesländern sein. Da hier von einer sehr großen Zahl von vorhandenen Akten auszugehen ist (beträchtlich mehr als 100.000 Stück), scheint aus arbeitstechnischen Gründen eine Vorauswahl sinnvoll. Kooperationsprojekte und -abkommen, etwa mit der Universität Marburg und Gedenkstätten aus dem In- und Ausland, werden ebenfalls die Quellenbasis beträchtlich erweitern.


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