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Wolfgang Neugebauer
(Veröffentlicht in: Falter, Nr. 41/1999)
In der nun geführten, die Regierungswürdigkeit der
FPÖ betreffenden Diskussion um die politische Grundhaltung
Jörg Haiders zeigt sich ein breites Spektrum von
Einschätzungen, die vom gefährlichen Neonazi über
demagogischen Rechtspopulisten bis zum normalen demokratischen
Politiker reichen. Meines Erachtens ist Haider auch Populist,
der seine politische Linie geschickt und rasch nach Stimmungen in der
Bevölkerung und in der öffentlichen Meinung ausrichtet und
jederzeit bereit ist, Positionen zugunsten der Wählermaximierung
zu opfern. Die Kategorie "Populist" ist jedoch nicht ausreichend zur
Qualifizierung Haiders, da die Frage nach der Richtung und den Zielen
von Haiders Machtstreben unbeantwortet bleibt.
Das DÖW war (und ist) in seinen Publikationen zu
Rechtsextremismus und FPÖ stets um eine differenzierte
Sichtweise bemüht, die der Dynamik und Komplexität der
Rechtsaußenszene in Österreich gerecht wird. "Zwischen
Rechtsextremismus und Liberalismus" (1979), "Vom Rechtsextremismus
zum Liberalismus?" (1981), "Vom Liberalismus zum Rechtsextremismus"
(1993) lauteten die - notwendigerweise vereinfachenden - Untertitel
zu den der FPÖ gewidmeten Abschnitten unserer
Rechtsextremismus-Handbücher. Daraus wird sichtbar, daß
die FPÖ in der Vergangenheit eine aus verschiedenen
Kräften, Flügeln und markanten Einzelpersonen bestehende,
inhomogene Partei war, die einen fließenden Übergang zum
rechtsextrem-deutschnationalen Umfeld aufwies (Burschenschaften,
Turnerbund, Veteranenverbände etc.).
Nach der Machtübernahme Jörg Haiders 1986 kam es zu
grundlegenden Änderungen in Struktur und Politik der
FPÖ:
- Eliminierung der Liberalen, Integration von Aktivisten
rechtsextremer und neonazistischer Gruppierungen (damit verbunden
totaler Bedeutungsverlust konkurrierender rechtsextremer Parteien wie
NDP);
- Umstruktierung der FPÖ zu einer autoritären
Führerpartei, in der Vasallen ohne eigenständiges
politisches Profil agieren. An Abweichlern und potentiellen
Konkurrenten werden politische Hinrichtungen und menschenverachtende
Demütigungsrituale vollzogen;
- insbesondere seit 1991 erfolgreiche Instrumentalisierung von
Ausländerhetze zur Wählermobilisierung und
Druckausübung auf Regierungparteien zu restriktiver
Ausländerpolitik;
- auf politische Vernichtung abzielende Kritik an Regierung, am
Parteienstaat, an der repräsentativen Demokratie mit dem Ziel
eines Systemumsturzes; das Gegenmodell, eine autoritäre Dritte
Republik, bleibt im Dunkeln.
Diese strukturellen Änderungen sowie eine Fülle von
Aussagen - nicht nur die bekannten pronazistischen (ordentliche
Beschäftigungspolitik im "Dritten Reich", KZ als Straflager, Lob
der Waffen-SS in Krumpendorf) - ließen uns zu dem Ergebnis
kommen, daß die Politik Haiders (und damit die von ihm
völlig dominierte FPÖ) als rechtsextrem zu qualifizieren
ist. Sie erfüllt alle wesentlichen Definitionskriterien des
Rechtsextremismus: Volksgemeinschaftsideologie, Ethnozentrismus und
Xenophobie (bis zum Rassismus gesteigert), autoritäre
Staatsvorstellungen, starker Mann und Führerkult, Ablehnung von
Frauenemanzipation, "nationales" Geschichtsbild und
Aggressivität im politischen Stil. Die Inhalte dieses
modernisierten Rechtsextremismus, der sich äußerlich und
verbal von Nationalsozialismus und Neonazismus abhebt, werden durch
eine perfekte, modern gestylte Inszenierung in Medien und
Öffentlichkeit vernebelt.
Es ist nicht zu übersehen, daß Haider in den letzten
Jahren - mit einigem Erfolg, wie sich nun zeigt - in der
öffentlichen Präsentation um die Vermittlung eines anderen
Bildes bemüht war. Als das "nationale", rechtsextreme Potential
ausgeschöpft war und der traditionelle Deutschnationalismus zum
Hemmschuh vor allem bei österreichbewußten Jüngeren
wurde, distanzierte sich Haider von der "Deutschtümelei" und
versucht sich immer wieder als gemäßigt, als
geläutert, als Staatsmann hinzustellen. Der seit geraumer Zeit
gepflegte "Österreich zuerst"-Patriotismus beinhaltet freilich
kein Bekenntnis zur österreichischen Nation, die Haider als
"ideologische Mißgeburt" hingestellt hatte, sondern dient
lediglich zur Ausgrenzung der Ausländer aus der
Volksgemeinschaft der "echten Österreicher" und allenfalls dem
Anheizen von antieuropäischen Ressentiments. Ich jedenfalls
halte diese Wendungen und Bekundungen für nichts anderes als
Etikettenschwindel, als Camouflage, hinter der die demokratie-,
österreich- und europafeindlichen Ziele und Intentionen des
immer noch einer deutschnationalen Burschenschaft mit Eid
verpflichteten Haider verborgen werden sollen.
Für mich ist Jörg Haider - nicht zuletzt aufgrund seiner
unbestreitbaren rhetorischen, medialen, taktischen und strategischen
Fähigkeiten - ein gefährlicher, von vielen immer noch
unterschätzter Rechtsaußenpolitiker, der die 1945 auf den
Trümmern des Nationalsozialismus errichtete Zweite Republik in
ein anderes, rechtsautoritäres, in seiner ganzen Dimension noch
gar nicht abzuschätzendes System transformieren will.

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