Von der Deportation zum Genozid: Herbst 1941

Dienten die im Oktober 1939 und im Frühjahr 1941 durchgeführten Deportationen noch der Vertreibung der Juden aus Österreich, so führten die im Oktober und November 1941 von Wien abgehenden Transporte bereits in den Tod. Im Zuge des Krieges gegen die Sowjetunion war das nationalsozialistische Regime von der Vertreibungs- zur Vernichtungspolitik übergegangen. Die in der nationalsozialistischen Bürokratensprache verharmlosend "Endlösung der Judenfrage" genannte Ermordung des Großteils der europäischen Juden, in heutiger Diktion: der Holocaust oder die Shoah, war ein in der Geschichte singuläres Ereignis; zum erstenmal hatte ein höchst entwickeltes Industrieland auf hohem kulturellen Niveau unter Einsatz aller staatlichen Machtmittel einen planmäßigen, systematischen Genozid an einer Bevölkerungsgruppe betrieben.

Die Nationalsozialisten hatten bei ihrer Machtergreifung 1933 noch kein detailliertes Programm zur Judenvernichtung, wenngleich Hitler bereits in "Mein Kampf" im Zusammenhang mit den Juden von Giftgas sprach und die Bereitschaft zur physischen Gewalt gegen Juden bei vielen seiner Anhänger vorhanden war. Bis 1939 versuchte das nationalsozialistische Regime eine "Lösung der Judenfrage" durch systematische Vertreibung zu finden; auch der Plan, die Juden in Madagaskar anzusiedeln, wurde ernsthaft verfochten. Die Möglichkeit der "Auswanderung" endete aber mit Kriegsbeginn, und gleichzeitig erhöhte jeder militärische Erfolg die Zahl der Juden im deutschen Machtbereich, so dass die Abschiebung der Juden aus dem "Reichsgebiet", am Beginn noch ohne unmittelbare Mordintention, als "Lösungsmöglichkeit" Platz griff. Die durch die Deportationen und die Konzentration in Ghettos heraufbeschworenen katastrophalen Zustände verstärkten besonders bei den örtlichen nationalsozialistischen Machthabern die Tendenz, durch radikale Maßnahmen die "Judenfrage" zu "lösen". Der ab Oktober 1939 praktizierte systematische Massenmord an geistig und körperlich behinderten Menschen bzw. der polnischen Intelligenz räumte offenbar die letzten allenfalls bestehenden Hemmungen beiseite, und die dabei gewonnenen Erfahrungen (Personal, Organisationsstruktur, Technologie der Gaskammern und Vergasungen etc.) wurden nach dem Euthanasie-Stopp vom August 1941 beim Massenmord an den Juden in Polen ("Aktion Reinhard") angewendet.

Der Genozid an den Juden begann mit dem ideologisch motivierten Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941, als die Einsatzgruppen des SD hinter der Front jüdische Zivilisten, zuerst nur Männer, dann auch Frauen und Kinder, zu Tausenden ermordeten. Diese Massenerschießungen erwiesen sich aus der Sicht der Mörder als wenig effizient, nicht zuletzt wegen der psychischen Belastung der Täter, so dass die Verantwortlichen Ende 1941/Anfang 1942 zur Tötung mit Giftgas (in fahrbaren und stationären Gaskammern) übergingen. Adolf Hitler hatte in der zweiten Jahreshälfte 1941 den Befehl zur Ermordung der europäischen Juden gegeben, höchstwahrscheinlich nicht schriftlich, sondern mündlich, möglicherweise in mehreren Schritten. Auf der Wannseekonferenz im Jänner 1942 wurden die Modalitäten der Durchführung der unter strengster Geheimhaltung durchgeführten Massenmordaktion von den zuständigen Dienststellen und Behörden des "Deutschen Reiches" geregelt. In der Folge wurden unter der Leitung des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) die Juden aus dem gesamten deutschen Herrschaftsbereich in Europa in Vernichtungslager deportiert und zum allergrößten Teil ermordet.






Misshandlung und Demütigung von Opfern vor ihrer Ermordung


» Deportationen in das "Reichskommissariat Ostland", 1941/42