Schwerpunkt Exil

Vertreibung - Exil - Emigration
Die österreichischen NS-Vertriebenen im Spiegel der Sammlung der Rechtsanwaltskanzlei Dr. Hugo Ebner

Projektleitung: Univ.-Doz. Mag. Dr. Brigitte Bailer

Projektbetreuung: Mag. Dr. Claudia Kuretsidis-Haider
(bis November 2011, Projektantragstellung: Mag. Dr. Herwig Czech)

Projektinhalt: Im Jahr 2006 erhielt das DÖW einen Aktenbestand des verstorbenen Rechtsanwalts Dr. Hugo Ebner zur Aufbewahrung und wissenschaftlichen Bearbeitung. Die Kanzlei, in der Dr. Hugo Ebner mit verschiedenen PartnerInnen zusammenarbeitete, hatte sich unter anderem auf die Vertretung von NS-Verfolgten spezialisiert, und zwar in erster Linie von EmigrantInnen, d. h. aus Österreich vertriebenen Jüdinnen und Juden. Der enorme Bestand umfasst ungefähr 7000 Akten, aus denen nicht nur die Vertreibungsgeschichte, sondern auch Einzelheiten der Lebensumstände und der Ausbildungs- und Berufslaufbahn der Betroffenen vor und nach der Flucht hervorgehen, da sich zahlreiche Fälle auf Pensionsangelegenheiten beziehen. Eine quantifizierende Aufarbeitung und Auswertung des Bestandes bietet die einmalige Chance, anhand einer relevanten Stichprobe - es handelt sich dabei um rund 5 % der aus Österreich Vertriebenen - den sozialen Hintergrund, lebensgeschichtliche Brüche infolge der Flucht, genderspezifische Aspekte des Überlebens im Zufluchtsland und die Nachkriegsgeschichte der Vertreibung herauszuarbeiten. Damit ermöglicht dieser Bestand eine Pionierarbeit zu wesentlichen Faktoren der jüdisch-österreichischen Emigration, die bislang vor allem anhand von Einzelschicksalen oder in Bezug auf einzelne Berufsgruppen oder Zielländer bearbeitet wurde. Gleichzeitig könnte auch immer wieder aufgeworfenen Legenden - nur "Reiche" konnten flüchten, den "Emigranten" sei es in ihren jeweiligen Aufnahmeländern bestens ergangen - die Lebensrealität der Vertriebenen gegenübergestellt werden. Darüber hinaus wird eine qualitative Auswertung des Bestandes wertvolle ergänzende Informationen zu den Schicksalen der Betroffenen liefern, die in einer rein quantitativen Auswertung nicht berücksichtigt werden könnten.

Folgende Informationen sollen nach derzeitigem Stand der Vorbereitungen erhoben und ausgewertet werden, wobei eine laufende Anpassung der erhobenen Datenkategorien in der ersten Zeit der Datenerhebung geplant ist.

  • Personenstammdaten:
    Name (die Erhebung des Namens erfolgt nur zur internen Verwendung zur Charakterisierung des jeweiligen Datensatzes und wird aufgrund der anwaltlichen Auflagen sowie des Datenschutzes nicht weiter verwendet), Vorname, Geburtsname/Varianten, akademischer Grad, Geschlecht, Geburtsdatum, Geburtsort, Religion, Familienstand, Aufnahmeland, letzte Wohnadresse im Aufnahmeland, Todesdatum, Todesort, Anmerkungen


  • Verfolgungsgründe:
    aus rassistischen Gründen, aus politischen Gründen, andere


  • Familienzusammenhang:
    aktuelle und frühere EhepartnerInnen, Kinder, Eltern, andere Angehörige


  • Angaben zum Verfahren:
    Vertretungszeitraum, Gegenstand des Verfahrens (Pension, Opferfürsorge, Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft u. a.), Gesetzesgrundlagen, Ausgang


  • Lebenslauf bis 1938/39:
    Wohnadressen, Ausbildungsstätten und -zeiten; Beruf; Arbeitsverhältnisse; Arbeitslosigkeit; politische Zugehörigkeit; sonstige Informationen zur Lebenssituation vor 1938


  • Verfolgungsgeschichte/Flucht/Emigration:
    Verlust der Arbeitsstätte und/oder Wohnung, Verfolgungsmaßnahmen (Haft, Vermögensverluste, etc.), Datum der Flucht, Fluchtstationen, Verlust von Familienangehörigen


  • Leben im Aufnahmeland:
    weitere Ausbildung, beruflicher Werdegang, Internierung, kulturelle oder politische Aktivitäten, evtl. Kriegsdienst für die Alliierten, geplante oder erfolgte Remigration, andere Informationen


  • Qualitative Analyse:
    alle sonstigen nicht operationalisierbaren verwertbaren Informationen

Diese Daten werden eine detaillierte sozialstrukturelle Analyse und damit eine kollektivbiographische Annäherung ermöglichen. In einem weiteren Schritt werden die Daten mit den Ergebnissen früherer Projekte am DÖW, in erster Linie der Namentlichen Erfassung der österreichischen Holocaustopfer abgeglichen, um zu vergleichenden Aussagen über die Gruppen der Überlebenden und der Getöteten zu gelangen (Altersstruktur, Geschlechtsverteilung, soziale Position etc.).


« zurück