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Wolfgang Neugebauer Ansprache anlässlich der Präsentation von: Eberhard Gabriel, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.), Von der Zwangssterilisierung zur Ermordung. Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien, Teil II (Böhlau, Wien 2002) in Wien, 24. 4. 2002 Die Aufarbeitung der NS-Medizin in Wien ist aufgrund der Verdrängung und der Versäumnisse nach 1945 mit vielen schmerzlichen, unerfreulichen und unangenehmen Implikationen verbunden. Sie ist kein Ruhmesblatt: weder für die verantwortlichen Politiker und Mediziner noch für die Historiker, die sich alle erst spät dieser Thematik annahmen, wie allein der Zeitpunkt dieser Symposien deutlich macht. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass der heute präsentierte Band das zweite Symposium zur Geschichte der NS-Euthanasie wiedergibt und dass die nunmehr drei Tagungen und ihre Protokollbände einen zusammengehörigen Komplex bilden. Standen beim ersten Symposium 1998 Berichte der Zeitzeugen und Betroffenen, die großen Aktionen der NS-Euthanasie - T4 und Kindereuthanasie - sowie der mehr als problematische Umgang mit Opfern und Tätern nach 1945 im Mittelpunkt, so wurden beim zweiten Symposium 2000 jene Bereiche dargestellt, die in der Zwischenzeit durch neue, auch von der Stadt Wien unterstützte Forschungen aufgehellt worden waren. Schließlich wird das am 6. und 7. Mai durchgeführte dritte Symposium die Vorgeschichte - Eugenik, Rassenhygiene und Euthanasie in der österreichischen Diskussion vor 1938 - behandeln. Die Veranstaltung 2000 wurde mit Stellungnahmen von Generaldirektor-Stellvertreter des Wiener Krankenanstaltenverbunds Primarius Ludwig Kaspar, dem Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Wien, Prof. Wolfgang Schütz, und dem damaligen Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder eröffnet, deren Statements auch den nun vorgelegten Band einleiten. Dr. Kaspar und Dr. Rieder sind mir gewiss nicht böse, wenn ich hier Prof. Schütz besonders hervorhebe, weil er als Dekan maßgeblich beigetragen hat, dass sich auch die medizinische Fakultät mit ihrer NS-Belastung (Stichwort Pernkopf-Atlas) auseinandersetzt, und mit der Schaffung der neuen Lehrkanzel medizinische Zeitgeschichte bzw. mit der Berufung von Michael Hubenstorf wichtige Impulse gegeben hat. Auch bei diesem Symposium kamen - lange Zeit diskriminierte und zum Schweigen verurteilte - Zeitzeugen wie Alois Kaufmann und Johann Gross zu Wort, die wichtige Erinnerungswerke bereits vorgelegt haben. Frau Mag. Waltraud Häupl, die in den letzten Jahren die Seele aller Gedenkaktivitäten in Wien war, berichtet in berührender Weise über ihre kleine Schwester, die von Dr. Gross am Spiegelgrund zu Tode gebracht wurde. Diese unmittelbare Einbeziehung von politisch Verantwortlichen, ZeitzeugInnen und Betroffenen in eine solche Tagung von WissenschaftlerInnen und überhaupt die Orientierung insbesondere der NS-Forschung an der "Menschenwürde der Opfer der Vergangenheit" - ich zitiere Koll. Hubenstorf - scheint mir unverzichtbar zu sein, wenn sich wissenschaftliche Arbeit nicht in einen von den Menschen abgehobenen Elfenbeinturm von Akten und Büchern einschließen und Menschen wie Versuchskaninchen oder Moleküle betrachten will. Bei diesen Symposien haben wir uns selbstverständlich nie auf eine enge österreichische Perspektive beschränkt und nicht nur Detailuntersuchungen referiert; vielmehr wurde versucht, durch Beiträge von international bekannten Wissenschaftlern wie William Seidelman, Henry Friedlander, Michael Wunder oder Klaus Dörner die weiten Dimensionen dieser Thematik - vom Zusammenhang der Euthanasie mit dem Holocaust bis zu den ethischen Konsequenzen für die Gegenwart - auszuleuchten. Im vorliegenden Band kommen diese grundlegenden Beiträge von zwei aus Österreich stammenden international renommierten Wissenschaftlern:
Die ungleiche Gewichtung der beiden Bände kam dadurch zustande, dass der von Michael Hubenstorf beim ersten Symposion gehaltene Vortrag über die schul- und ideengeschichtlichen Zusammenhänge der NS-Euthanasie wegen der damals durchgeführten Übersiedlung des Autors an die Universität Toronto im ersten Band nicht publiziert werden konnte. Hubenstorf gibt einen qualitativ wie quantitativ umfassenden Überblick über die "intellektuellen Netzwerke der Patientenmordaktion in Österreich". Im Hinblick auf die zu kritischer Reflexion und weiteren Untersuchungen herausfordernde Qualität seines beträchtlich erweiterten schriftlichen Beitrages schien uns die Wiedergabe in voller Länge nicht nur sinnvoll, sondern geradezu notwendig. In mehreren Beiträgen werden geistes- und medizingeschichtliche Kontinuitäten thematisiert und die Gefahren einer Wissenschaft und Medizin ohne Menschlichkeit angesprochen. Umso wichtiger ist es, dass mit den hier zu Recht hervorgehobenen Gedenkaktivitäten - Bestattung, Denkmal, Symposium und Publikation - nicht ein Schlussstrich gezogen wird, sondern im Gegenteil die weitere Forschung, kritische Aufarbeitung und Vermittlung an die jüngeren Generationen fortgesetzt und intensiviert wird. Die Schaffung einer Gedenk- und Forschungsstätte am Steinhof, dem Ort, wo Täter vor und nach 1945 wirkten, wäre der beste Weg, um stärker werdenden inhumanen Tendenzen in Medizin und Naturwissenschaften, aber auch Rassismus und Antisemitismus entgegenzuwirken. |
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