Herbert Exenberger

Walter Lindenbaum - ein jüdisches Schicksal

(Walter Lindenbaum, Von Sehnsucht wird man hier nicht fett. Texte aus einem jüdischen Leben, hrsg. von Herbert Exenberger und Eckart Früh, Mandelbaum: Wien 1998, S. 11-23)

"Ich bin mit meiner Mutter am 7. 2. 1943 nach Theresienstadt gekommen. Damals war Walter Lindenbaum schon dort, und nachdem es uns nach einiger Zeit möglich war, hie und da Freizeitaufführungen zu sehen, die immer auf Höfen von Kasernen oder Dachböden stattfanden und für die nach einer mir schleierhaften Methode Karten ausgegeben wurden, hat uns Walter Lindenbaum mit seinen Gedichten viel gegeben. Er ist oft aufgetreten und hat unser Leben im Ghetto sehr gut wiedergegeben in seiner Trostlosigkeit", schreibt die Wienerin Susanne Kriss.

Manche der Gedichte, die in diesem Buch versammelt sind, entstanden unter unendlichem Leid und der ständigen Angst vor dem nächsten Tag, vor den drohenden Verschickungen im Konzentrationslager Theresienstadt. Mit diesem Buch soll sein Leben und Werk, ausgelöscht durch den Naziterror, der Vergessenheit entrissen werden.

Nur vereinzelt begegnen wir bisher seiner Lyrik in Anthologien oder in Werken über Theresienstadt. Seine Parodie auf den Rosita-Serrano-Schlager "Und die Musik spielt dazu" fand sogar als Buchtitel für eine Sammlung von Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt Verwendung (1). Auch in dem im Jahre 1992 von Tania Golden, Alexander Waechter und Sergei Dreznin gestalteten eindrucksvollen Abend "Chansons und Satiren aus Theresienstadt" im Wiener Theater Rabenhof tritt uns der Schriftsteller Lindenbaum mit drei Texten in der Vertonung von Gerhard Bronner, Fred Raymond und Hermann Leopoldi entgegen. Zwei Jahre später veröffentlichten die "Theresienstädter Studien und Dokumente" eine Analyse von Josef Taussig über den Stellenwert des Kabaretts in dieser Zwangsgemeinschaft. (2)

Walter Lindenbaum, der am 11. Dezember 1907 als Sohn von Siegfried Lindenbaum und Hermine, geborene Birnbaum, im 10. Wiener Bezirk in der Knöllgasse 22-24 zur Welt kam, verbrachte seine Jugend in der Leopoldstadt, genauer in der Scholzgasse 8. Gerade dieser 2. Wiener Bezirk, im Volksmund spöttisch auch als "Mazzesinsel" bezeichnet, war es, der Walter Lindenbaum und später seiner Familie eine Heimstätte bot.

Zahlreiche Beiträge in der sozialdemokratischen Presse, etwa in der "Arbeiter-Zeitung", "Das Kleine Blatt" oder "Arbeiter-Sonntag" zeugen von der Verbundenheit dieses Autors mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Erste Bekanntschaft erlangte er durch sein Hörspiel "Großstadt", gesendet am 7. Jänner 1932 im Radio Wien. Vor allem versuchte Walter Lindenbaum aber in seiner Lyrik und in seinen Skizzen, das karge Leben des Großstadtproletariats einzufangen. Schuhputzer, Kolporteure, Bettler und die in der bitteren Zeit der Arbeitslosigkeit zum täglichen Straßenbild zählenden Hofsänger sind es etwa, die von dem sozial engagierten Schriftsteller dargestellt wurden. Über diese Menschen, die ihren armseligen Lebensunterhalt - eingewickelt in Zeitungspapier - auf der Straße organisierten, gestaltete Lindenbaum eindrucksvolle Gedichte.

Walter Lindenbaum engagierte sich in der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller". Die Vermittlung sozialer Probleme durch die Literatur, aber auch die Auslotung von Möglichkeiten einer engagierten Dichtung gegen den erstarkenden Faschismus waren die Ziele dieser österreichischen Schriftstellerorganisation, die eine knappe Woche vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler und der dadurch legalisierten nazistischen Terrorwelle in Deutschland, am 22. Jänner 1933 in Wien gegründet wurde. Bereits einige Zeit vorher zeigten Fritz Brügel, Rudolf Brunngraber, Theodor Kramer, Schiller Marmorek, Heinrich Steinitz und Josef Luitpold Stern den österreichischen Behörden die beabsichtigte Gründung der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" an. Sie strebten eine Sammlung "aller Schriftsteller, deren Weltanschauung der Sozialismus ist, zur geistigen und materiellen Förderung ihrer Arbeit" an und waren um "Zusammenarbeit mit gleichgearteten künstlerischen Vereinigungen" bemüht.

Zahlreiche Proteste, Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und einschlägige Beiträge in der sozialdemokratischen Presse Österreichs gegen das menschen- und kulturverachtende Naziregime, aber auch die Solidarität mit deutschen Emigranten bestimmten die umfangreichen Aktivitäten dieser sozialistischen Schriftsteller. An drei Autorenabenden ermöglichte die "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" einigen ihrer Mitglieder, durch Lesungen aus ihren Werken an die interessierte Öffentlichkeit zu kommen, und gestaltete vom 29. Juni 1933 bis 1. Februar 1934 elf Diskussionsabende, an denen verschiedene literarische und gesellschaftliche Probleme behandelt wurden. Das "hohle Trommelgerassel und Phrasengetön des Dritten Reiches" und der sich dagegen regende Widerstand spielte bei ihren Veranstaltungen immer wieder eine wesentliche Rolle. Beim zweiten Autorenabend der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller", der im Juni 1933 unter dem Motto "Satire und Pathos im Klassenkampf" durchgeführt wurde, trat Walter Lindenbaum neben Ernst Waldinger, Benedikt Fantner, Hans Leifhelm und Margarete Petrides als Vortragender auf. Über diese Lesung des jungen Lindenbaum kam Richard Wagner in der "Arbeiter-Zeitung" vom 20. Juni 1933 zu folgendem Urteil: "Kampfsatiren [...] gegen die Welt von heute, nicht ganz frei in Thema und Stil, aber schlagfreudig und schlagkräftig." Auch in der sozialdemokratischen Presse des Auslandes, wie etwa in der deutschen Exilzeitung "Deutsche Freiheit" aus Saarbrücken oder in der Zeitung "Sozialdemokrat" aus Prag finden wir Nachdrucke seiner Gedichte.

An der konstituierenden Generalversammlung des "Bundes junger Autoren Österreichs" am 17. Juni 1933 war Walter Lindenbaum ebenfalls beteiligt. Wir finden ihn in dieser Schriftstellerorganisation als Ersatzmitglied des Vorstandes.

Am 26. Dezember 1933 fand in der Synagoge im 20. Wiener Gemeindebezirk, Kluckygasse 11, die Trauung von Walter Lindenbaum und Rachel Liebling statt. Der Buchhalter Heinrich Deutsch und der Kaufmann Hersch Morgenstern waren die Zeugen.

Über eine weitere Lesung Lindenbaums im Arbeiterbildungsverein Alsergrund am 7. Jänner 1934 meinte ein Rezensent am 11. Jänner 1934 in der sozialdemokratischen Zeitung "Das Kleine Blatt": "Den stärksten Eindruck erzielte Walter Lindenbaum mit seiner bitter ironischen Lyrik, die all den Widersinn der heutigen Zeit mit kühler Verachtung bloßlegt. Daß er bei Kästner und Brecht in die Schule gegangen ist, soll ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden, hoffentlich gelingt es ihm auch, sich einmal zu selbständigem und eigenartigem Künstlertum emporzuarbeiten!"

"Es wird zu den Aufgaben der Vereinigung gehören", meinte Dr. Heinrich Steinitz, Rechtsanwalt und Schriftführer der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller", am 10. Februar 1934 in seinem Rechenschaftsbericht im Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie, "in Zukunft ihre Stimme noch deutlicher gegen die Barbarei zu erheben." Wenige Tage später wurde diese österreichische Schriftstellerorganisation durch die Austrofaschisten zum Schweigen verurteilt, indem der Sicherheitskommissär des Bundes für Wien durch Bescheid die zwangsweise Auflösung aussprach.

Nach der Niederlage der österreichischen Arbeiterbewegung in den Februartagen 1934 flüchtete eine Reihe von Mitgliedern der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" ins rettende Ausland. Walter Lindenbaum blieb in Wien. Nach dem Februar 1934 versuchte er zunächst, sich mit Reportagen über Wiener Themen literarisch und finanziell über Wasser zu halten.

Etwa die Kleinkunstbühnen in dieser Stadt - "Wien ist um einige Kunststätten reicher geworden, deren sie sich nicht zu schämen braucht" - fanden in Walter Lindenbaum einen einfühlsamen Berichterstatter. Gleichzeitig steuerte er neben Jura Soyfer, Peter Hammerschlag und anderen Autoren aktuelle Texte für die Kleinkunstbühne "Cabaret ABC im Regenbogen" bei. Die Möglichkeiten dieser "Kleinkunstbühnen im unterirdischen Kaffeehausbetrieb" auslotend resümierte Karl Farkas, einer der Prominenten dieses Genres: "Das Kabarett soll seine Aufgabe in politischer Hinsicht, in der Möglichkeit, schlechte Menschen gut zu machen, nicht überschätzen. Ich will Leute lachen machen, wenn sie später nachdenklich werden, gut. Moralische Anstalt - bitte nein."

Das bunte Programm der Wiener Kabarettszene, getragen auch von Texten Walter Lindenbaums, fand anerkennende Kritiken in der Wiener Presse. Die "Wiener Zeitung" meinte etwa am 22. Dezember 1935 über das Programm der "ABC-Leute": "Es geht hier nicht weniger kabarettistisch und nicht mehr kleinkünstlerisch zu als bei den übrigen Unternehmungen gleicher Art. Überall jedoch scheint, wie aus den Aufführungsserien hervorgeht, der Erfolg die Mühe zu lohnen, die sich die jeweiligen Kaffeehausdichter und deren Interpreten geben. [...] Jetzt erst warten sie mit einer Novitätenfolge auf, die, nach dem Lacherfolg zu schließen, gleichfalls Serie werden dürfte. Da sie es im 'Abc' besonders scharf auf Politik und Theaterdirektoren haben, gibt es genug Anlaß zur aktuellen Satire." Auch für das von Frau Renée Bronneck geleitete Kabarett "Kleinkunst in den Colonnaden" schrieb Walter Lindenbaum zeitsatirische Betrachtungen, wie etwa "Beim Friseur" oder "Ein Mann wird begnadigt".

Aber auch als Autor für Kleinkunstbühnen konnte Walter Lindenbaum nicht ungestört arbeiten, denn man qualifizierte die Mitwirkenden sehr schnell als "kommunistisch" ab. So informierte der Leiter des Informationsdienstes im Generalsekretariat der Vaterländischen Front am 23.Juli 1935 die Exekutive über die "ausgesprochene kommunistische Tendenz" der Vorstellungen des "Cabarets ABC im Regenbogen" im Kaffeehaus Arkaden, im 1. Wiener Bezirk. Für dieses beanstandete Programm "Zwischen übermorgen und vorgestern", inszeniert von Leon Askin, verfaßte Walter Lindenbaum die zwei Stücke "Im Vorstadtpark" und das Eingroschenmärchen "Der Kaiserin neuer Mantel", für die jeweils Jimmy Berg die Musik und Songs komponierte. Der Text "Im Vorstadtpark", 1935 von Irma Agaston, Josef Meinrad und Eduard Linkers vorgetragen, ist nicht ein sentimentaler Gnadenstoß, wie Josef Taussig in seiner Analyse über die "Bunte Gruppe" in Theresienstadt mit einem ungenau zitierten Refraintext meint, sondern Lindenbaum zeigt in seinem Lied auch den Gefangenen in Theresienstadt deutlich die in arm und reich geteilte Welt.

Die Bundespolizeidirektion in Wien kam nach ihren Erhebungen am 22. September 1935 zu folgendem Schluß: "[...] konnte die Wahrnehmung gemacht werden, daß die einzelnen Darstellungen wohl keine kommunistische Tendenz zeigen, jedoch - wie es allgemein bei den sogenannten "Kleinkunstbühnen" der Fall ist - fast durchwegs politische Anzüglichkeiten beinhalten, die in satirischer und persiflierender Form gebracht werden." Außerdem "beehrte" sich die Bundespolizeidirektion, der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit noch mitzuteilen, "daß die in diesen Kleinkunstbühnen auftretenden Schauspieler fast durchwegs Juden, darunter viele Emigranten aus Deutschland, und daß auch die Besucher fast ausschließlich Juden sind".

Offenbar war die schwierige finanzielle Situation Walter Lindenbaums daran schuld, daß er im April 1937 wegen "Nichterfüllung der satzungsmäßigen Verpflichtungen" aus der Gewerkschaft der Journalisten Österreichs gestrichen wurde. Der Einmarsch des nationalsozialistischen Deutschlands in Österreich im März 1938 zwang neuerlich eine große Anzahl von ehemaligen Mitgliedern der "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller" zur Flucht. Zu ihrer politischen Gesinnung kam jetzt noch die Bedrohung durch den Rassenwahn der Nationalsozialisten hinzu. Die sozialistischen Schriftsteller - Benedikt Fantner, Else Feldmann, Adele Jellinek, Dr. Käthe Leichter, Walter Lindenbaum, Thekla Merwin, Dr. Heinrich Steinitz und Adolf Unger - wurden Opfer der Nazibarbarei.

Walter Lindenbaum erhielt nach dem März 1938 einen Posten bei der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. "Er wurde dort als Blitz-Dichter, Geburtstags-Feierer und Vermittler von Geschenksendungen in das KZ eine wichtige Figur", schrieb über ihn der österreichische Schriftsteller und Weggefährte Hermann Hakl.

Eine kleine Freude trat noch in der bitteren Zeit nach dem Nazieinmarsch 1938 in Österreich in das tägliche Leben der Familie Lindenbaum. Denn am 20. August 1938 wurde ihre Tochter Ruth geboren.

Als im März 1942 von einer NSDAP-Kreisleitung eine Anzeige gegen drei Angestellte der Wiener Lokomotivfabrik in Floridsdorf an die Geheime Staatspolizei - Staatspolizeileitstelle Wien übermittelt wurde, war auch das Gedicht "Juden am Perron" in diese Meldung miteinbezogen.

Was auf Grund eines anläßlich einer Hausdurchsuchung bei einem Angeklagten aufgefundenen Heftes mit Gedichten, Liedern und Spottversen gegen die Nazis der Gestapo nicht bekannt war, daß das Gedicht "Juden am Bahnhof" von Walter Lindenbaum stammte. Die drei vor ein Nazigericht gezerrten Personen, zwei Männer und eine Frau, wurden am 3. Dezember 1942 wegen Vergehens nach SS 2 des Heimtückegesetzes zu Haftstrafen von sechs Monaten bis zu zweieinhalb Jahren verurteilt.

Am 1. April 1943 wurde die Familie Lindenbaum aus ihrer letzten Wohnung im 2. Bezirk, Novaragasse 32/Tür 24, nach Theresienstadt verschleppt. Auch hier in dieser Zwangsgemeinschaft versuchte Walter Lindenbaum durch seine Mitarbeit an den kulturellen Aktivitäten, etwa bei Kabarettaufführungen und mit seiner Lyrik, einerseits seine Leidensgenossen ein wenig aus der drückenden Not und Verzweiflung herauszuheben, andererseits eben dieses Elend in seiner Lyrik zu dokumentieren. Erschütternd ist etwa sein Lied "Nimmt der Herr die Suppe?" über eine bettelnde, stets hungrige alte Frau.

Walter Lindenbaum verwendete bei seinen Auftritten in Theresienstadt sowohl seine Gedichte aus der Zeit vor der Deportierung, etwa "Irgendwo" (veröffentlicht in der Arbeiter-Zeitung am 22. April 1933), "Im Vorstadtpark", "Brehms Tierleben" oder "Juden am Bahnhof", als auch neue Dichtungen.

Ehemalige Gefangene aus Theresienstadt, wie zum Beispiel der Österreicher Walter Fantl, erinnern sich an folgende Texte: "Wo i' geh und steh, dort schaufeln Juden Schnee" (nach dem Erzherzog Johann-Jodler), "Und die Musik spielt dazu". "In einem kleinen Café in Terezin", "Ein Gerücht geht durch die Stadt", "Ghettomädel", "Nimmt der Herr die Suppe?" und "Das Lied von Theresienstadt". Gezeichnet von Max Placek am 10. November 1943 in Theresienstadt, ergänzt der Künstler das realistische Porträt Lindenbaums mit den ersten sechs Zeilen des "Liedes von Theresienstadt".

Über die Wirkung und das Engagement der Lindenbaum-Gruppe wollen wir die Ulmer Jüdin und ehemalige Krankenschwester in Theresienstadt, Resi Weglein, zu Wort kommen lassen: "Lindenbaum-Kabarett war eigentlich überall anzutreffen. Um die immer bettlägerigen Patienten an den geistigen Genüssen teilnehmen zu lassen, wurden die Künstler eingeladen. Aus Dankbarkeit für eine frohverlebte Stunde spendierten die Patienten von ihren kargen Portionen Brotscheiben, Margarine und etwas Zucker. Wir Schwestern bewirteten nach den Vorträgen die Künstler damit. Den ausgehungerten Menschen hat das sehr gut getan und sie mehr erfreut als der stärkste Beifall."

Das gewaltsame Ende der Familie Lindenbaum nahte bald. Am 28. September 1944 wurde Walter Lindenbaum nach Auschwitz deportiert. Seine Frau Rachel und seine Tochter Ruth folgten ihm am 6. Oktober 1944. In Auschwitz-Birkenau waren Rachel und Ruth am Ende ihres Leidensweges angelangt. Walter Lindenbaum mußte sich den Strapazen eines Evakuierungstransportes von Auschwitz nach Buchenwald aussetzen, ehe er am 15. Jänner 1945 als Nummer 104 767 im KZ Buchenwald registriert wurde. An diese entsetzlichen Transporte erinnert sich Robert Leibbrand, Schutzhäftling im KZ Buchenwald: "Transport auf Transport, oft in offenen Eisenbahnwagen, traf in Buchenwald ein. An diesen Tagen herrschte eisige Kälte, die Gefangenen waren bei völlig ungenügender Ernährung und Bekleidung wochenlang unterwegs gewesen. [...] Die Überlebenden konnten bei ihrer Ankunft in Buchenwald sich kaum ins Lager schleppen. Lagerschutz und Feuerwehr zogen mit Karren und Handwagen zum Bahnhof, um die Zusammengebrochenen aufzusammeln und ins Lager zu fahren."

Mit einem Transport wurde Walter Lindenbaum von der SS in das berüchtigte Außenlager Ohrdruf in Thüringen verlegt, wo man seit November 1944 unter entsetzlichen Bedingungen die Arbeitskraft der Häftlinge für den Bau eines geheimen Führerhauptquartiers (Deckname "S III") skrupellos ausbeutete. Rolf Baumann, Häftling in Ohrdruf, berichtete 1945 über die Zustände in diesem Außenkommando unter anderem: "In den fünf Monaten meines Aufenthaltes in Ohrdruf wurde nur ein einziges Mal gebadet und entlaust, und dieses auch nur, weil in einem Nebenlager Typhus ausgebrochen war." In den "Veränderungsmeldungen" vom 17. März 1945, geschrieben in der Häftlingsschreibstube des Konzentrationslagers Buchenwald, wird Walter Lindenbaum unter der Häftlingskategorie "Politisch Jude" als gestorben am 20. Februar 1945 im Außenlager S III geführt.

Am 20. April 1958 verlautbarte die "Wiener Zeitung" auf Antrag von Markus Josef Liebling, dem Vater von Rachel Lindenbaum, die amtliche Todeserklärung von Walter, Rachel und Ruth Lindenbaum. Heute erinnert in einer großen Wiener kommunalen Wohnhausanlage eine "Walter Lindenbaum-Gasse" an diesen österreichischen Schriftsteller. Den zahlreichen Theresienstädter Opfern der Nazibarbarei aber setzte Walter Lindenbaum mit seinem Schmerzensschrei "Das Lied von Theresienstadt" ein bleibendes Denkmal.

Anmerkungen

1) Und die Musik spielte dazu. Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt. Hrsg. Ulrike Migdal, München 1986.

2) Josef Taussig. Über die Theresienstädter Kabaretts. In: Theresienstädter Studien und Dokumente, 1994, Hrsg. M. Kárny, R. Kemper, M. Kárná, S. 214-246.



« zurück