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Heinz Arnberger/Herbert Exenberger/Claudia Kuretsidis-Haider Gedenken und Mahnen in Wien INHALT
Gedenkstein Dieses von Berthold Viertel (1) verfaßte Gedicht - 1946 in dem von exilierten Schriftstellern in New York gegründeten Aurora Verlag im Lyrikband "Der Lebenslauf" veröffentlicht - steht als Leitlinie für das DÖW-Projekt zur Erfassung von Widerstand und Verfolgung 1934-1945 sowie Exil und Befreiung. (2) Die vorliegende Dokumentation ist der erste Band der Reihe "Gedenken und Mahnen in Österreich". Die Arbeiten über die anderen Bundesländer sollen in den nächsten Jahren folgen. Vor allem die in den Opferverbänden organisierten ehemaligen
Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer
bemühten sich bereits in den ersten Monaten nach der Befreiung
von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, das Leben und
Sterben ihrer ermordeten Kameradinnen und Kameraden ins
Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit zu rücken.
Immer wieder regten diese Organisationen eine bundesweite Erfassung
der Gedenkstätten des Widerstandes und der Gräber ihrer
Opfer an. So heißt es etwa in einem Rundschreiben des Bundes
sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus vom
20. Dezember 1950: In einem Nachsatz appellierte die Vorsitzende Rosa Jochmann an die
Mitglieder ihres Opferverbandes: Es sollten jedoch noch weitere 25 Jahre vergehen, ehe das von der überparteilichen Arbeitsgemeinschaft der KZ-Verbände und Widerstandskämpfer Österreichs herausgegebene und von Erich Fein zusammengestellte Werk "Die Steine reden" (3) erscheinen konnte. Erstmals wurde mit diesem Buch eine umfangreiche Dokumentation der Gedenkstätten vorgelegt. Als langjähriger Sekretär des Bundesverbandes österreichischer Widerstandskämpfer und Opfer des Faschismus (KZ-Verband) war Erich Fein bestens mit der Thematik vertraut. Er wurde mit dem ersten Österreicher-Transport am 1. April 1938 in das KZ Dachau und von dort im September 1938 in das KZ Buchenwald überstellt, wo er bis zur Befreiung des Lagers in Haft war. Die Arbeit Erich Feins fand allgemein großen Anklang und war im Buchhandel bald vergriffen. Ein Hauptanliegen der nunmehrigen Reihe ist es, die verschiedenen Formen von "Gedenken und Mahnen" in ihrer gesamten Breite zu erfassen. Die Realisierung von Gedenkstätten war oft mit großen Schwierigkeiten verbunden. Entsprechende Aktivitäten waren bzw. sind durch vielfältige Interventions- und Behinderungsversuche bis in die unmittelbare Gegenwart begleitet. Die angeführten Gedenkstätten, -tafeln, Gräberanlagen, Verkehrsflächen und Wohnhausanlagen dokumentieren die Opfer des Kampfes um die Demokratie 1934-1938 ebenso wie jene von Widerstand und Verfolgung unter der NS-Herrschaft 1938-1945. Gedenkstätten für Opfer des Faschismus vor 1934 In Wien findet man auch einige Stätten, die uns Menschen ins Gedächtnis rufen, die vor dem Jahre 1934 aus politischen Motiven ermordet wurden. So gibt es auf dem Baumgartner Friedhof, 1140, Waidhausenstraße 52, das Grabdenkmal für den am 17. Februar 1923 von Ostara-Leuten (4) erschossenen sozialdemokratischen Betriebsrat der Semperit-Werke Franz Birnecker. In Simmering erinnern eine Gedenktafel in der Drischützgasse
4, enthüllt am 13. Oktober 1946 durch Bürgermeister Theodor
Körner, (5) der Karl Tlasek-Hof, 1110, Lorystraße 16-18,
und die Tlasekgasse an den sozialdemokratisch organisierten
Sicherheitswachebeamten Karl Tlasek, der am 16. Oktober 1932
erschossen wurde. An diesem Tag veranstaltete die NSDAP Simmering
ihren ersten Bezirkstag, in dessen Verlauf Nationalsozialisten das
Simmeringer Arbeiterheim in der Drischützgasse 4 und das dort
befindliche sozialdemokratische Bezirkssekretariat zu stürmen
versuchten. Robert Dannebergs Beitrag zur Benennung von Wiener Verkehrsflächen "Gewiß, es gibt viel, viel dringendere Sorgen als die Umbenennung von Straßen" formulierte der später im NS-Vernichtungslager Auschwitz ermordete führende Sozialdemokrat Robert Danneberg in einem bemerkenswerten Beitrag über "die Wiener Straßennamen" in der "Arbeiter-Zeitung" und schilderte darin die bestehende Situation nach dem Ersten Weltkrieg: "Sowenig wir die Geschichte ungeschehen machen können, so sinnlos wäre es, die Erinnerung an die vergangene monarchische Epoche aus dem Straßenbild auszulöschen. Die Tatsache, daß hier jahrhundertelang ein Herrscherhaus regiert hat, mag, wenn nach seinen Kaisern Straßen benannt wurden, auch weiterhin so zum Ausdruck kommen. Darum sind solche Straßennamen jetzt nur geändert worden, wo Doppelbezeichnungen bestanden." (7) Bei Neubenennungen von Verkehrsflächen sollten Ereignisse des Jahres 1918 - so wurde etwa das kurze Stück der Ringstraße vor dem Parlament in "Ring des 12. November" umbenannt -, Persönlichkeiten der Kunst und Wissenschaft und zum erstenmal auch bedeutende Vertreter der Arbeiterinternationale und um die Geschichte der Wiener Arbeiterbewegung Verdiente herangezogen werden. Denkmäler und Straßennamen nach dem 12. Februar 1934 Dieser von Toleranz getragenen Stellungnahme Dannebergs begegnen wir nach dem Bürgerkrieg im Februar 1934 nicht mehr. Im Zuge dieses politischen Umbruchs fanden Umbenennungen von Verkehrsflächen statt und wurden Denkmäler entfernt. Richard Schmitz, der an Stelle des sozialdemokratischen Bürgermeisters Karl Seitz als "Bundeskommissär für Wien" eingesetzt worden war, bestellte bereits am 23. Februar 1934 eine entsprechende Kommission. Dieser gehörten der Direktor der Albertina, der Direktor des Diözesanmuseums, der Direktor des Bundesverlages, der Präsident der Genossenschaft der bildenden Künstler, Legationsrat a. D. Ludwig von Baldass und Univ. Prof. Josef Nadler an. Mit dem Vorsitz wurde der Direktor der städtischen Sammlungen betraut. Außerdem wurden das Bundesheer, die Bundespolizei und die verschiedenen Wehrverbände aufgefordert, Vertreter für die Kommission zu nennen. (8) In diesem Zusammenhang äußerte sich Schmitz zum Denkmal der Republik: "Was das sogenannte Denkmal der Republik' betrifft, habe ich die Entfernung dieses Denkmals in seiner Gänze angeordnet, weil es in Wahrheit kein Denkmal der Republik, sondern ein Trutzdenkmal der sozialdemokratischen Partei war, das schon durch die Wahl des Aufstellungsplatzes, der die blutigen Kämpfe des 15. Juli 1927 gesehen hat, und dann durch die Aufschriften seit langem zu einer Herausforderung des Großteils der Wiener Bevölkerung geworden war. Es war zu befürchten, daß diese Stimmung zum Ausdruck kommen würde. Ohne den Künstlern, die ja einen bestimmten Auftrag vorfanden, nahetreten zu wollen, darf man doch sagen, daß die Ausführung des Denkmals kein Schmuck für die Stadt Wien und den schönsten Teil ihrer schönsten Straße gewesen ist. Vielleicht werde ich mich entschließen, an dieser Stelle ein einfaches und im würdigen Stile gehaltenes Mal zur Erinnerung an die historischen Kämpfe in den Tagen vom 12. bis 15. Februar dieses Jahres errichten zu lassen. Überdies beabsichtige ich anzuordnen, daß an jedem Wohnhausbau der Gemeinde Wien, dessen Erstürmung Todesopfer gefordert hat, eine Erinnerungstafel mit den dort gefallenen Helden der Exekutive angebracht wird." (9) Für die im Februar 1934 im Kampf um die Demokratie gefallenen Menschen war das erste "Denkmal" ein großes Plakat mit der Aufschrift "Hier ruhen unsere ermordeten Schutzbündler". Es bedeckte das Massengrab gefallener Schutzbündler auf dem Wiener Zentralfriedhof, Gruppe 28/Reihe 42. (10) Die Witwe des am 15. Februar 1934 durch das Standgericht hingerichteten Brandoberkommissärs der Hauptfeuerwache Floridsdorf Ing. Georg Weissel mußte für die Entfernung der Grabsteininschrift wegen der "aufreizenden" Worte "Ein Stein unter Steinen im Aufbau der Menschheit" einen Betrag von 65,70 Schilling bezahlen. (11) Im Dezember 1947 diskutierte man in der Organisationskommission der SPÖ ein zu errichtendes Erinnerungsmal für die Opfer des Februar 1934. Zentralsekretär Otto Probst wollte ein Preisausschreiben für dieses Mahnmal einleiten und drei bis vier bekannte Bildhauer bzw. Architekten um entsprechende Entwürfe ersuchen. Der Gedenkstein sollte an der gemeinsamen Grabstätte der Opfer des Februar 1934 errichtet werden. Im Protokoll ist auch vermerkt, daß ein Beschluß vom Parteivorstand einzuholen sei. (12) Dieses Gremium gab jedoch keine Stellungnahme dazu ab. Erst fünfzig Jahre nach dem Februar 1934, im Jahre 1984, wurden die bereits verrosteten spärlichen Partezetteltafeln und die einzelnen winzigen Grabsteine in der Gruppe 28/Reihe 42 durch ein von Leopold Grausam jun. gestaltetes Mahnmal ersetzt. Der autoritäre "Ständestaat" war besonders um Denkmäler für den beim nationalsozialistischen Putschversuch im Juli 1934 ermordeten Bundeskanzler Engelbert Dollfuß bemüht. Mit einem Flugblatt und eigens dafür aufgelegten Erlagscheinen ersuchte man um Spenden für ein "Dollfuß-Denkmal der Vaterländischen Front", das gleichzeitig "Österreichs National-Denkmal" sein sollte. Aus einer Erfassung der Dollfuß-Denkmäler durch den Kulturreferenten der Vaterländischen Front im Juni 1936 geht hervor, daß es mit Ausnahme des 14. und 20. Bezirkes in jedem Wiener Bezirk solche Denkmäler gab. Der Bogen spannte sich von Büsten, Reliefs, Gedenktafeln, Dollfußkerzen und einer Dollfußglocke in der Begräbniskirche des Wiener Zentralfriedhofes bis zur Statue eines hl. Engelbert auf der Höhenstraße. (13) Unter nationalsozialistischer Herrschaft Nach dem "Anschluß" (März 1938) erfolgte durch die nationalsozialistische Stadtverwaltung eine massive Umbenennung von Verkehrsflächen, deren Bezeichnungen dem NS-Regime aus politischen, rassistischen und religiösen Gründen nicht genehm erschienen. (14) Gleichzeitig erfolgte die totale Entfernung jüdischer Denkmäler. In einer Zeitungsnotiz liest man darüber: "Im Zuge der in die Wege geleiteten Reinigung des Wiener Straßenbildes von jüdischen Namensbezeichnungen erfolgt auch die Entfernung jener Denkmäler, die Juden darstellen. Die Rothschild-Büste in der Halle des Wiener Nordbahnhofes wurde bereits durch eine Hülle unkenntlich gemacht, und in den nächsten Tagen werden das Marcus-Denkmal bei der Technischen Hochschule und das Sueß-Denkmal am Schwarzenbergplatz abgetragen werden. Die Maßnahme der Entfernung jüdischer Denkmäler erstreckt sich natürlich auf Groß-Wien." (15) Die Wiener Nationalsozialisten hatten schon vor 1938 gegen
Denkmäler für Persönlichkeiten polemisiert, die ihrem
Rassenwahn nicht entsprachen. So wüteten sie etwa gegen das von
Carl Wollek im Jahre 1932 gestaltete Denkmal für den
Sozialreformer und Reichsratsabgeordneten Dr. Julius Ofner. Das
NS-Sprachrohr "Notschrei" berichtete darüber unter der
Überschrift "Geld wie Mist ... für ein Judendenkmal": Wie viele andere Denkmäler und Gedenktafeln wurde auch das Julius Ofner-Denkmal während der NS-Herrschaft entfernt. Es war im Wiener Alten Rathaus deponiert worden und konnte bereits 1948 provisorisch und am 3. Juni 1954 endgültig wieder aufgestellt werden. (17) Die Wiener Stadtverwaltung bemühte sich bereits in den ersten Jahren nach der Befreiung, die Spuren der nationalsozialistischen Kulturbarbarei zu beseitigen. Eine Reihe von Denkmälern und Gedenktafeln konnte wieder an ihren Ort gebracht bzw. der frühere Zustand wieder hergestellt werden. Die statistischen Daten über Erinnerungszeichen in Wien
zeigen, daß vor allem in den Jahren 1945 bis 1949 ein reges
Interesse herrschte, sich der Opfer von Widerstand und Verfolgung zu
erinnern. In den sechziger und siebziger Jahren ist ein Abflachen des
Denkmalsetzens festzustellen. Erst in den beiden letzten Jahrzehnten
ist wieder ein deutlicher Anstieg des öffentlichen Gedenkens zu
verzeichnen. Sicher steht diese Tatsache in Verbindung mit einer
breiten antifaschistischen Aufklärungsarbeit und dem
fünzigjährigen Gedenken des Anfangs und Endes der
nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich. Die folgenden Beispiele sollen vor allem die Beweggründe zur Errichtung der frühen Gedenkstätten illustrieren: Die städtische Wohnhausanlage Neilreichgasse 100, ehemalige "Rasenstadt", in Favoriten wurde zur ersten Gedenkstätte für Opfer des österreichischen Widerstandes gegen die Nazibarbarei. Die "Johann Mithlinger-Siedlung", benannt nach dem am 7. Juni 1944 im Landesgericht Wien enthaupteten Widerstandskämpfer, sollte am 31. Juli 1945 ihren neuen Namen erhalten. Die um einige Tage verschobene Benennung der Siedlung mit Enthüllung einer Gedenktafel fand am 4. August 1945 statt. Bürgermeister Theodor Körner, Stadtrat Felix Slavik und Bezirksvorsteher Karl Kempf erinnerten daran, daß mit dieser Ehrung Johann Mithlingers gleichzeitig auch die Ehrung aller anderen Kämpfer für ein freies Österreich verbunden sei. Weiters forderten sie die Kundgebungsteilnehmer auf, im Gedenken an diese Opfer am Wiederaufbau Wiens und Österreichs mitzuarbeiten. (20) In den folgenden Jahren enthüllte man weitere derartige Gedenktafeln und benannte Wohnhausanlagen nach Mietern, die Opfer des NS-Terrors geworden waren. Seit Oktober 1945 ruft eine Gedenktafel im Betriebsbahnhof Favoriten der Wiener Verkehrsbetriebe, Gudrunstraße 153, zum ersten Mal die Mitarbeiter eines Betriebes, die die nationalsozialistische "Zeit ohne Gnade" nicht überlebten, ins Gedächtnis zurück. Zahlreiche Menschen kamen zur Enthüllung am 21. Oktober 1945 in die Gudrunstraße, unter ihnen die Vertreter von SPÖ, ÖVP und KPÖ, der sowjetische Bezirkskommandant Major Schischkin sowie viele Wiener Straßenbahner. Nach der Gedenkrede Ernst Fischers (21) überreichte Paul Speiser den Favoritner Straßenbahnern die Original-Fahne des Jahres 1926, die im Zuge des Bürgerkrieges im Februar 1934 konfisziert und schließlich nach einem Bombenangriff während des Zweiten Weltkrieges von einem Arbeiter gerettet worden war. (22) Ebenfalls im Jahre 1945, nämlich am 19. August, wurde das
erste Denkmal für die Opfer der alliierten Armeen bei der
Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus - welches
innerhalb von drei Monaten errichtet werden konnte - enthüllt.
Alle Redner betonten den bedeutenden Beitrag der Roten Armee für
die Befreiung Österreichs von der NS-Terrorherrschaft. So meinte
etwa Staatssekretär Figl: Das Denkmal stand 1990 im Mittelpunkt einer vom Film- und Theaterregisseur Robert Quitta unter dem Titel "Freie Sicht aufs Palais Schwarzenberg!" initiierten Diskussion. (24) Obwohl das Monument durch den Artikel 19 des Österreichischen Staatsvertrages geschützt ist (25), forderten die FPÖ-Bezirksräte der Landstraße und der Wieden 1992 in gleichlautenden Anträgen ihre Bezirksvertretungen auf, seine Entfernung zu veranlassen. In ihren letztlich abgelehnten Anträgen zeigen die FPÖ-Funktionäre mehr als deutlich ihre Geschichtsauffassung. So setzten sie etwa Mahnmal unter Anführungszeichen und verloren kein Wort über die unzähligen Angehörigen der Roten Armee, die für die Befreiung Österreichs gefallen waren, sondern argumentierten: "Der Verbleib des Denkmals erscheint aus stadtplanerischen, politischen und moralischen Gründen nicht weiter tragbar. [...] Irgendwelche Einsprüche aus Rußland betreffend die Denkmalentfernung sind auszuschließen." Der FPÖ-Klubobmann des 3. Bezirkes, Peter Oswald, ereiferte sich: "Die Stimmen, die sich gegen denkmalstürmerische Tendenzen' stark machen, sind dieselben, die in Wien eine Ottokar Kernstock-Gasse, in Kärnten eine Steinacher-Gedenktafel oder in Oberösterreich eine Moritz-Etzhold-Turnhalle am liebsten gestern als heute umbenannt sehen möchten. Andenken an untadelige Österreicher, die sich durch kompromißlose Liebe zu Heimat und Volk auszeichneten." (26) Die erste Gedenkstätte für Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung wurde im Jahre 1946 in Wien errichtet. Die Enthüllung der von Arthur Materno gestifteten Gedenktafel im Vorraum des Wiener Stadttempels im 1. Bezirk, Seitenstettengasse 4, fand am 2. April 1946 statt. Heute wird in vielfältiger Weise an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Wiens, die Opfer des menschenverachtenden nazistischen Rassenwahns geworden sind, erinnert: zum Beispiel durch Gedenktafeln in Schulen, an den Fassaden der einstigen Deportationssammellager Kleine Sperlgasse 2a und Castellezgasse 35, beide im 2. Bezirk, den Gedenkstein auf dem Platz der Opfer der Deportation im 3. Bezirk oder etwa den Gedenkwald im 22. Bezirk (Silberergasse/Rosenbergstraße). Seit Simon Wiesenthal Ende 1994 die Errichtung eines
Holocaust-Mahnmals auf dem Judenplatz vorschlug, gibt es darüber
Diskussionen, die nicht frei von Emotionen geführt werden.
"Daß sich hinter diesem Argumentationsschwall nicht selten
persönliche Eitelkeiten, antisemitische Gefühle,
parteipolitische Erwägungen oder/und populistisches Kalkül
verbergen, macht's niemandem leichter", stellte dazu das offizielle
Organ der Israelitischen Kultusgemeinde nach Monaten der
Auseinandersetzungen fest. (27) So wetterte etwa die neonazistische
"Deutsche National-Zeitung" aus München am 4. August 1995 gegen
das geplante Mahnmal, wobei sie die Denkmäler für ermordete
Juden immer wieder unter Anführungszeichen setzte. (28) Am 12.
Dezember 1996 stellte die Israelitische Kultusgemeinde Wien nach
einer Debatte im Kultusvorstand fest: Ob und in welcher Weise ein Holocaust-Mahnmal errichtet wird, ist zum Zeitpunkt der Drucklegung dieser Publikation unklar. Am 30. Oktober 1945 beschloß der Wiener Stadtsenat, über Antrag des amtsführenden Stadtrates für Kultur und Volksbildung Viktor Matejka, "den im Kampf gegen den Nazifaschismus und für ein freies, unabhängiges Österreich Gefallenen der Stadt Wien auf einem würdigen Platz im Zentrum der Stadt ein Denkmal zu errichten". Gleichzeitig wurde auch festgelegt, im Rathaus selbst eine Gedenktafel für die im Kampf gegen den Faschismus gefallenen Bediensteten der Stadt Wien zu errichten. (30) Beide Vorschläge gelangten jedoch nicht zur Ausführung. Auf dem Platz des Zentralfriedhofes, wo am 1. November 1948 durch Bürgermeister Theodor Körner das Mahnmal der Stadt Wien zum Gedenken an die Opfer für ein freies Österreich 1934-1945 enthüllt wurde, hatte zunächst die KPÖ geplant, ein Denkmal für ihre ermordeten Mitglieder zu setzen. Aus einer Anfrage der Gemeinderäte Josef Lauscher, Viktor
Matejka, Ludwig Soswinski und Genossen vom 20. Februar 1947 geht
folgender Sachverhalt hervor: In einer Unterredung am 20. Juli 1946 zwischen einem Vertreter der KPÖ und dem zuständigen Beamten der Magistratsabteilung 43 wurde unter anderem vereinbart, daß die Stadt Wien dem Ansuchen entsprechend die angeforderte Gruftgruppe zur Verfügung stellt. Schließlich beschloß die Stadt Wien im Dezember 1946 die Ausschreibung eines Grabdenkmals auf dem Zentralfriedhof. Die politischen Parteien und der Österreichische Bundesverband ehemals politisch verfolgter Antifaschisten verzichteten nun auf entsprechende Initiativen ihrerseits. Gleichzeitig wurde auch von dem ursprünglichen Plan Abstand genommen, die Leichen aller Opfer (1934-1945) zu exhumieren und unter dem Grabdenkmal zu bestatten. (32) Am 5. Juli 1947 entschied sich eine Jury unter dem Vorsitz von Vizebürgermeister Paul Speiser für den Entwurf des Bildhauers Fritz Cremer und dessen Mitarbeitern, den Architekten Wilhelm Schütte und Margarete Schütte-Lihotzky. (33) Gegen dieses Konzept, das zur Ausführung gelangte,
polemisierte etwa "Das Kleine Volksblatt": Die weiteren Projekte stammten von den Bildhauern Mario Petrucci und Fritz Wotruba. Petrucci ersuchte unmittelbar nach der Ablehnung seines Projektes Kulturstadtrat Matejka um eine Revision der Juryentscheidung. (35) Die Interventionsversuche gingen sogar über das Datum der Grundsteinlegung (1. November 1947) hinaus. (36) Vor der Enthüllung des Denkmals resümierte Viktor
Matejka: Eine ganz andere Entstehungsgeschichte, gesetzt durch einen couragierten Akt, hat der Gedenkstein für die Opfer der Gestapo auf dem Morzinplatz. Beschlossen wurde diese Aktion unter Übergehung der zuständigen Behörden im Februar 1951 in einer gemeinsamen Sitzung des Wiener Landespräsidiums und des Bundespräsidialausschusses des KZ-Verbandes. Die Enthüllung des ersten Gedenksteins - mit einem Text des Präsidenten des KZ-Verbandes Wilhelm Steiner - erfolgte am 13. April 1951 in den Ruinen der ehemaligen Gestapoleitstelle. Während der Eröffnungsrede des Obmannes des Wiener Landesverbandes Gustav Wegerer bahnte sich eine Gruppe von Verbandsmitgliedern, abgeschirmt durch einen dichten Ordnerkordon, eine Schneise in das Trümmerfeld auf dem Morzinplatz, lud von einem Lastwagen den Stein ab und vollendete nach ca. einer Stunde ihr engagiertes Handeln mit der Enthüllung und Übernahme dieses Gedenksteins in die Obhut des KZ-Verbandes. (38) Am 1. November 1985 wurde der schlichte, mehrfach versetzte Gedenkstein durch ein von der Stadt Wien und der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Verbände und Widerstandskämpfer Österreichs gestiftetes und von Leopold Grausam jun. gestaltetes Mahnmal ersetzt. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß einige Gedenkstätten, die vor allem durch Firmenauflösungen und Umsiedlungen vor einem drohenden Abriß standen, durch dankenswerte Initiativen geretten werden konnten. So ließ etwa die gemeinnützige Siedlungsgesellschaft Aichfeld auf ihrer Wohnhausanlage in der Hellwagstraße 4-8 (20. Bezirk) die Gedenktafel für ermordete Arbeiter der Metallwarenfabrik Blau anbringen. Das Mahnmal für zehn ermordete Arbeiter der ehemaligen Lokomotivfabrik in der Brünner Straße (21. Bezirk) wurde vom Wiener Wirtschaftsförderungsfonds im Einvernehmen mit dem Bundesdenkmalamt und den zuständigen Wiener Magistratsabteilungen renoviert und am 25. Juli 1988 im Vorgarten des Möbelhauses Lutz, Brünner Straße 57, wieder enthüllt. "Seitens der Belegschaft der ÖAF-Gräf & Stift AG. besteht der Wunsch, das auf dem Grundstück Brünner Straße 73 befindliche Denkmal auf den neuen Standort der Firma in Wien 23, Brunnerstraße 44-50, mitzunehmen", schrieb der Floridsdorfer Bezirksvorsteher Kurt Landsmann im Dezember 1987 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW). Dem antifaschistischen Engagement des Betriebsrates der ÖAF-Gräf & Stift AG. ist es zu danken, daß dieses Denkmal für neun Arbeiter von Austro-Fiat heute im neuen Werksgelände die jungen Betriebsangehörigen an die Zeit des Naziterrors, durch den ihre Kollegen brutal ermordet wurden, erinnert. Verschwundene Mahnmale und Gedenktafeln Leider gibt es auch eine Reihe von Gedenktafeln und einige Mahnmale, die in Folge von Hausrenovierungen und Betriebsabsiedlungen nicht mehr existieren. Wir wollen sie der Vergessenheit entreißen: Der Keller des Hauses im 1. Bezirk, Ruprechtsplatz 5, diente Widerstandskämpfern als geheimer Treffpunkt zur Herstellung von Flugschriften gegen die Nationalsozialisten und Versteck bei drohender Verhaftung. Eine Gedenktafel erinnerte an diese "Stätte der Zuflucht und des Widerstandes für Österreich". Mit dem Abbruch der Fabriksanlagen von Siemens-Schuckert in der Leopoldstadt, Engerthstraße 150, verschwand auch das von Leopold Metzenbauer gestaltete Mahnmal für drei Widerstandskämpfer aus diesem Betrieb, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Landesgericht Wien enthauptet wurden: Leopoldine Padaurek (geb. 13. 8. 1898), Metallarbeiterin, zuletzt Wicklerin in diesem Betrieb, hingerichtet am 21. November 1944; Ferdinand Platzer (geb. 25. 3. 1906), Elektriker, hingerichtet am 18. Dezember 1942, und Franz Sebek (geb. 30. 4. 1901), Kranführer, hingerichtet am 7. Jänner 1943. Das Mahnmal wurde am 10. Februar 1950, verbunden mit einer Gedenkstunde für die Opfer des 12. Februar 1934, enthüllt. Die Gedenkreden hielten Rosa Jochmann für die SPÖ und Hermann Langbein für die KPÖ. Bei Renovierungsarbeiten wurde die Gedenktafel für drei Opfer der Familie Klekner von der Fassade ihres Wohnhauses in Favoriten, Erlachgasse 124 entfernt und nicht wieder angebracht. Der Optiker Oskar Klekner (geb. 10. 1. 1923) und der Maschinenkonstrukteur Rudolf Klekner (geb. 15. 12. 1912) wurden am 2. November 1943 im Landesgericht Wien enthauptet. Der Friseur Rudolf Klekner sen. (geb. 3. 1. 1887) starb am 7. Mai 1944 im KZ Buchenwald. Die Liegenschaft der Steyr-Daimler-Puch Aktiengesellschaft in Favoriten, Laxenburger Straße 131-135, wurde 1994 an eine gemeinnützige Bau-, Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft verkauft. Beim Abbruch des Werkes verloren sich auch die Spuren einer Gedenktafel für sechs Angehörige dieses Betriebes, die für die Freiheit und Unabhängigkeit Österreichs starben. Eduard Fritsch (geb. 29. 7. 1911), Bauspengler, wurde am 6. November 1941 im KZ Mauthausen erschossen. Erwin Necas (geb. 9. 5. 1910), Spenglergehilfe, starb am 14. Mai 1942 in der Haft im Landesgericht Wien. Die weiteren vier Arbeiter wurden im Landesgericht Wien enthauptet: Rudolf Obermayer (geb. 16. 3. 1905), Automechaniker, am 2. Juni 1943; Felix Okrouhly (geb. 17. 2. 1905), Automechaniker, am 2. Juni 1943; Franz Stampfl (geb. 18. 9. 1895), Schlossergehilfe, am 7. Jänner 1943 und Hans Teufel (geb. 12. 12. 1896), Tischler, am 2. Juni 1943. Die jetzige Favoritner Bezirksvorsteherin ist bemüht, an der neuen Wohnhausanlage eine Gedenktafel für diese Opfer anbringen zu lassen. Die Gedenktafel in Favoriten, Leebgasse 35, die nach einer Hausrenovierung nicht mehr angebracht wurde, war für den am 2. März 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichteten Eisendreher Heinrich Belohlavek (geb. 26. 9. 1889) geschaffen worden. Die nicht mehr bestehende Firma Rotmüller-Mewa hatte in ihrem Fabriksgebäude in der Brigittenau, Engerthstraße 59 ihren ermordeten Betriebsangehörigen eine Gedenktafel gewidmet. Der am 7. Mai 1949 im Hof der Wiener Glashüttenwerke in der Sebastian Kohl-Gasse in Floridsdorf enthüllte Gedenkstein für zwei Arbeiter ist mit dem Verkauf des Betriebsgeländes verlorengegangen. Der Gedenkstein erinnerte an den Schlosser Robert Kislinger (geb. 24. 10. 1904) und den Glasbläsergehilfen Franz Lukas (geb. 23. 11. 1887), die beide am 19. September 1944 im Landesgericht Wien enthauptet wurden. Nicht mehr vorhanden ist der von Robert Oxenhofer für seinen Arbeitskollegen Franz Stelzel entworfene und am 28. April 1950 enthüllte Gedenkstein im Hof der Landmaschinenfabrik Hofherr-Schrantz. Der Maschinenschlosser Franz Stelzel (geb. 7. 10. 1903) wurde am 10. November 1942 im Landesgericht Wien enthauptet. Die Gedenkrede hielt damals der Obmann des Wiener KZ-Verbandes Gustav Wegerer. Das Gelände in Floridsdorf, Shuttleworthstraße 8, gehört heute der Firma Elin. Am 27. April 1951 fand im Rahmen einer Maifeier eine Gedenksteinenthüllung in der Lack- und Farbenfabrik Reichhold Flügger & Boecking im 22. Bezirk statt. Im Namen des Bundespräsidiums des KZ-Verbandes hielt Otto Horn die Gedenkrede für zwei Arbeiter dieses Betriebes: Der Farbenreiber Franz Kuttenberg (geb. 1. 11. 1899) wurde wegen seiner Widerstandstätigkeit zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt und 1944 in das Wehrmachts-Strafbataillon 999 überstellt. Er geriet in Frankreich in amerikanische Kriegsgefangenschaft und starb am 17. September 1945. Der Hilfsarbeiter Johann Marinic (geb. 3. 6. 1885) wurde wegen "Hochverrats" zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und starb am 16. September 1944 in der Haftanstalt Stein/Donau. Der Gedenkstein ist wahrscheinlich im Zuge der Betriebsumsiedlung in Verlust geraten. Auch die Gedenktafel für Johann Hojdn, enthüllt am 30. April 1948 im Hofe des C-Werkes von Waagner-Biro in Stadlau (22. Bezirk), gilt als verschollen. Der Gußputzer Johann Hojdn (geb. 10. 12. 1894) wurde am 10. November 1942 im Landesgericht Wien enthauptet. Provisorische und mobile Gedenktafeln In einem Kreativkurs für Behinderte schufen bildende Künstler (Walter Angerer, Daniel Hirtz und Helmut Kurz-Goldenstein) und Behinderte im Bildungszentrum Aktiv (15. Bezirk) ein Denkmal für die in Hartheim ermordeten Behinderten. Die Präsentation des nicht witterungsbeständigen Mahnmals fand am 14. Mai 1985 im Rahmen einer Veranstaltungsreihe "Zur Vernichtung lebensunwerten Lebens" im Dramatischen Zentrum (7. Bezirk) statt. Einige Monate später erfolgte eine neuerliche Präsentation im Jugendzentrum Ottakring. Dort wurde das Werk im Gedenk- und Bedenkjahr 1988 aus angeblichen "Platzgründen" zerstört und weggeschafft. Die Grazer Autorenversammlung forderte daraufhin die verantwortlichen Politiker Österreichs auf, "die Kunstpädagogik als Teil der Kunstpolitik zu stärken und zu reformieren, damit solche Akte der Unwissenheit und Nichtachtung der Opfer unserer Geschichte nicht mehr gesetzt werden können". (39) Gedenktafeln konnten und können nicht immer an den entsprechenden Stellen - üblicherweise Hausfassaden - angebracht werden. Gründe der Ablehnung sind etwa eventuelle Haftungsfragen und Schadenersatz nach Demolierungen oder die grundsätzliche Weigerung der Hausbesitzer. Diesem Umstand wirkten schon mehrmals engagierte Menschen mit der Herstellung einer provisorischen bzw. sogenannten mobilen Gedenktafel entgegen: So enthüllte beispielsweise eine Gruppe von Antifaschisten aus dem 7. Bezirk im November 1988 vor dem Haus Schottenfeldgasse 60 eine provisorische Gedenktafel in Erinnerung an das von Nazivandalen zerstörte jüdische Bethaus des Vereines Neubau. Dabei wurde auf den von SPÖ-Bezirksräten eingebrachten Antrag zur Anbringung einer Gedenktafel verwiesen, die auch an die menschenverachtende Herrschaft des Nationalsozialismus erinnern sowie die entschiedene Verurteilung des Rechtsextremismus der Gegenwart aufzeigen sollte. Der diesbezügliche Antrag war im März 1988 von der Bezirksvertretung Neubau einhellig beschlossen worden. Die Hausbesitzer verweigerten jedoch die Realisierung der Gedenktafel. (40) Anläßlich des österreichischen Nationalfeiertages 1994 luden die Volkshochschule Simmering und die LaWie-Gesellschaft für Kunst und Volksbildung 17 mobile Gedenktafeln auf einen Pferdewagen, der zeitgeschichtlich Interessierten auf ihrem Weg durch die Bezirke Simmering und Landstraße voranfuhr. An den jeweiligen Gedenkstätten, etwa vor den Wohnhäusern ermordeter jüdischer Bürgerinnen und Bürger oder in der Braunhubergasse 7, wo bis zum November 1938 die Synagoge des Tempelvereines Simmering stand, wurde die betreffende Gedenktafel aufgestellt und eine kurze Erinnerungsfeier abgehalten. Die verdienstvollen Organisatoren waren von der Exekutive vorgewarnt worden, daß bei unbefugter - selbst kurzfristiger - Anbringung von Gedenktafeln mit Besitzstörungsklagen zu rechnen sei. So drohte etwa in Simmering die Verwaltung eines Hauses, dessen Parzelle bis 1938 in jüdischem Besitz war, im Falle der Anbringung einer Gedenktafel mit der sofortigen Herbeiholung der Polizei. Mit dieser Form der mobilen Gedenktafeln wollten die Veranstalter möglichen Protesten, die Polizeieinsätze nach sich gezogen hätten, aus dem Wege gehen. (41) Durch die Freilegung der oft verschütteten und in
Vergessenheit geratenen Spuren der Denkmalsetzungen konnten die
Bearbeiter des Projektes "Gedenken und Mahnen in Wien" aus den
reichhaltigen Materialsammlungen bereits mehrmals Anregungen und
Unterstützungen für andere Arbeiten geben. Besonders
erfreulich waren die Forschungsarbeiten von Schülerinnen und
Schülern, die im Rahmen des vom Bundesministerium für
Unterrricht und Kunst initiierten Projektes "Denkmal und Erinnerung"
das DÖW besuchten und hier auch fündig wurden. In diesem Sinne werden auch Ansuchen um Verkehrsflächenbenennungen gestellt. Unter den letzten waren jene betreffend Raoul Wallenberg, Aristides de Sousa Mendes und Josef Hindels. (42) Nach wie vor steht im Unterausschuß des Wiener Gemeinderates für Verkehrsflächenbenennungen ein von den Penzinger Grünen und der SPÖ Penzing eingebrachter Antrag zur Diskussion: Stellvertretend für alle anonym gebliebenen Opfer des Naziterrors soll ein Fußweg als "Ehepaar Weinfeld-Weg" benannt werden. Das jüdische Ehepaar Hersch und Dwoire Weinfeld wurde 1938 aus dem Gemeindebau Somogyihof, 1140, Hütteldorfer Straße 150-1958, vertrieben und starb nach der Deportation aus Wien im Ghetto Theresienstadt. (43) Der wissenschaftliche Leiter des DÖW Wolfgang Neugebauer wurde in die Bestrebungen der Stadt Wien eingebunden, die teils bis heute erhaltenen Gehirnpräparate hunderter Kinder und Jugendlicher, welche im Zuge der NS-Euthanasie in der Kinderklinik "Am Spiegelgrund" getötet wurden (44), in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof zu bestatten. Für die sterblichen Überreste jener jüdischen Kinder, die "Am Spiegelgrund" Opfer des NS-Regimes wurden, fand am 14. September 1997 in der Zeremonienhalle auf dem Wiener Zentralfriedhof/Neuer jüdischer Friedhof das Begräbnis statt. Auf Vorschlag des DÖW wurde vor kurzem in der Bezirksvertretung Hietzing eine Gedenktafel am Steinitz-Hof (1130, Hietzinger Kai 7) mit folgendem Wortlaut beschlossen: "Dr. Heinrich Steinitz / geboren am 30. August 1879 in Bielitz - lebte und wirkte in Hietzing / Sozialdemokrat, Anwalt vieler Verfolgter, Schriftsteller und Kämpfer gegen die Faschismus. / Am 14. März 1938 von der Gestapo verhaftet, inhafiert in den KZs Dachau und Buchenwald, / ermordet im Oktober 1942 in Auschwitz-Birkenau." Einstimmig beschloß die Bezirksvertretung Floridsdorf am 18. Juni 1997, eine öffentliche Grünfläche im Bereich Leopoldau in "Friessneggpark" zu benennen. Anna (1899-1965) und Ludwig Friessnegg (1897-1966) versteckten 1944 die im Siemens-Werk zur Zwangsarbeit eingesetzte ungarische Jüdin Aranka (Malvine) Deutsch bis zur Befreiung 1945. Am 19. Februar 1985 nahmen Anna Manzer und Eduard Stecher für ihre verstorbenen Eltern die Ehrenurkunde und -medaille von Yad Vashem, der Holocaust-Helden- und -Märtyrer-Gedenkstätte in Jerusalem, entgegen. (45) Sehr erfreulich ist die aufgrund unserer Recherchen über
Erinnerungszeichen in Kirchen entstandene Initiative von Pfarrer
Elmar Mayer (Pfarre Breitenfeld im 8. Bezirk): Die vorliegende Publikation ist nach den Bezirken Wiens (von der Inneren Stadt bis Liesing) geordnet. Die Darstellung der einzelnen Erinnerungszeichen gliedert sich in drei Unterabschnitte: Der erste Abschnitt dokumentiert die Form des Gedenkens (Gedenktafel, Mahnmal, Stele, Büste, Verkehrsfläche, Wohnhausanlage, Grabstätte), die Inschriften bzw. Texte, den Stifter/die Stifterin, den Gestalter/die Gestalterin der Gedenkstätte sowie Datum und Ablauf der Enthüllungs- bzw. Benennungsfeier. Die oft aus künstlerischen Gründen eigenwillige Orthographie und Grammatik wurden kommentarlos übernommen, nicht korrekt angegebene Namen und Daten werden in der Folge richtiggestellt. Die biographischen Angaben des zweiten Abschnitts informieren über Widerstand bzw. Verfolgung der betroffenen Personen. Durch umfangreiche Recherchen konnten viele Einzelschicksale aufgedeckt werden, über die bisher nichts bekannt war. Wesentliches Anliegen war es, zu den bisher biographisch nicht erfaßten Opfern persönliche Informationen wie Geburtsdatum, Art des Widerstandes und der Verfolgung, Todesdatum und Todesart - bei Überlebenden deren weiteres Schicksal - zu eruieren. (47) Trotz intensiven Bemühens ist es jedoch in einigen wenigen Fällen nicht gelungen, biographische Eckdaten zu erhalten. Der dritte Abschnitt bietet Hinweise auf Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften der Widerstands- und Opferorganisationen betreffend die Benennung und Enthüllung der Gedenkstätten. Herangezogen wurden: Der Freiheitskämpfer. Organ der Kämpfer für
Österreichs Freiheit. Hrsg.: ÖVP-Kameradschaft der
politisch Verfolgten. Weiterführende allgemeine und personenbezogene Literatur: Autengruber, Peter: Lexikon der Wiener Straßennamen, 2.
überarbeitete Aufl. Wien 1997. Anmerkungen: (1) Berthold Viertel (geb. 28. 6. 1885) war
Mitbegründer und Dramaturg der Wiener Volksbühne und
gründete 1923 in Berlin das Theater "Die Truppe". 1933
emigrierte er nach England und später in die USA. 1944
zählte Viertel zu den Mitbegründern des "Aurora-Verlages"
in New York und kehrte 1948 nach Wien zurück, wo er als
Regisseur am Burgtheater arbeitete. Viertel starb am 24. September
1953 und wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof
beigesetzt. |