Brigitte Bailer/Wolfgang Neugebauer

Anmerkungen zu Tony Judts "Austria & the Ghost of the New Europe": Jörg Haiders FPÖ - populistisch oder rechtsextrem?

(In englischer Fassung publiziert in: women in Austria. Edited by Günter Bischof, Anton Pelinka, Erika Thurner, New Brunswick 1998, Contemporary Austrian Studies, volume 6, S. 164-173.)

INHALT:

Tony Judt hat es in bemerkenswerter Weise verstanden, in einem knappen Aufsatz wesentliche Charakteristika der Nachkriegsentwicklung Österreichs, gegenwärtige Hauptproblemfelder der österreichischen Innen- und Außenpolitik und Stellenwert und Funktion der Haider-FPÖ herauszuarbeiten und in eine europäische Dimension einzubetten. Aus unserer Sicht ist an seiner fundierten Darstellung und Analyse nichts Wesentliches zu kritisieren, doch ist es uns ein Anliegen, einige wichtige Aspekte der Entwicklung, Struktur und Politik der Haider-FPÖ schärfer auszuleuchten, damit die nicht selten auch auf Politiker und Wissenschaftler wirkende demokratisch-österreichische Camouflage der Haider-FPÖ entfernt wird und die spezifisch österreichischen Konturen dieses "Ghost of the New Europe" sichtbar werden.

1986: Wende zu Rassismus und Rechtsextremismus

Der Innsbrucker Parteitag der FPÖ im September 1986 muß heute als ein Markstein der innenpolitischen Entwicklung Österreichs angesehen werden: Der Wechsel an der Spitze der FPÖ signalisierte eine folgenschwere, grundlegende Wende der FPÖ nach rechtsaußen, er führte zur Beendigung der kleinen Koalition von SPÖ und FPÖ und zur Etablierung einer (inzwischen klein gewordenen) großen Koalition von SPÖ und ÖVP. Seitdem steht die österreichische Innenpolitik im Zeichen der immer schärferen und wirksamer werdenden Angriffe der Haider-FPÖ auf die Regierung und das gesamte politische System, die zu beispiellosen Wahlerfolgen, zu beträchtlicher politischer Einflußnahme und zur nicht mehr auszuschließenden Perspektive einer Machtgreifung der Haider-FPÖ geführt haben. Die Fragen nach Herkunft, Struktur, Positionierung und Zielen dieser Partei und ihres Führers sind daher von enormer Bedeutung für Österreichs weiteren Weg, wobei in Politik wie bei Wissenschaftlern ein breites Spektrum an Einschätzungen vorhanden ist. Aus der Sicht der Autoren (1) ergibt sich folgendes Bild:

  • völlige Ausschaltung des traditionellen liberalen Flügels der FPÖ: Im Gefolge des Innsbrucker Parteitags wurde die bisherige, tendenziell liberale Führungsgruppe um Norbert Steger aus der Partei hinausgedrängt; noch verbliebene Liberale um Heide Schmidt und Friedhelm Frischenschlager schieden nach dem Anti-Ausländervolksbegehren 1993 aus der FPÖ aus und formierten sich im Liberalen Forum.
  • Umstrukturierung der FPÖ zu einer autoritären Führerpartei: Während die alte FPÖ durch rivalisierende Gruppen und Einzelpersönlichkeiten geprägt war, dominiert Jörg Haider die Partei total und unumstritten aufgrund der ausschließlich ihm zu verdankenden politischen Erfolge. Haider fordert daher 100 Prozent Loyalität und entfernt gnadenlos alle (auch nur potentielle) Konkurrenten wie z. B. Ex-Klubobmann Norbert Gugerbauer; ebenso wurden alle seine früheren Förderer (Friedrich Peter, Mario Ferrari-Brunnenfeld, Kriemhild Trattnig u. v. a.) ausgeschaltet. Alle Spitzenpositionen werden nach Haiders Belieben besetzt, meist mit ihm persönlich ergebenen, aber nicht sehr fähigen Vasallen. Die häufig abrupten Änderungen unterworfene Parteilinie wird ausschließlich von Haider bestimmt. Die totale Zustimmung (Parteitag November 1996 Feldkirch: 98 Prozent) weist Jörg Haider als echten "Führer" aus.
  • Integration von Rechtsextremisten und Neonazis: Seit 1986 hat gleichsam eine Wiedervereinigung des seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre zersplitterten deutschnational-rechtsextremen Lagers innerhalb der FPÖ stattgefunden; viele der im "Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus" angeführten Personen sind heute in der FPÖ zu finden, sind vielfach inzwischen zu Funktionären und Mandataren aufgestiegen. Da dieser Vorgang nicht ohne Wissen oder Zustimmung des allmächtigen Parteiführers vor sich gehen konnte, wäre es unpräzise, von einer Infiltration oder Unterwanderung zu sprechen; vielmehr vollzog sich ein Prozeß der Integration des traditionellen Rechtsextremismus in die FPÖ. Weithin sichtbar wurden die Verbindungen zu neonazistischen Aktivisten, als sich die Täter, die 1992 den jüdischen Friedhof in Eisenstadt mit Hakenkreuzen, SS-Runen und "Sieg Heider"-Parolen geschändet hatten, als Schüler des inzwischen abgesetzten FPÖ-Generalsekretärs Karl Schweitzer und als Mitglieder des Ringes Freiheitlicher Jugend bzw. als FPÖ-Kandidat heraustellten.

Eine ganze Reihe freiheitlicher Politiker, allen voran Haider selbst, erfuhr ihre politische Sozialisation in den deutschnationalen Burschenschaften und Studenten- und Akademikerverbänden, die in der Grazer Zeitschrift "Aula" ihr publizistisches und ideologisches Organ haben. Nach der Verurteilung des Aula-Geschäftsführers wegen NS-Wiederbetätigung im Zusammenhang mit Holocaust-Leugnung stritt Haider, der bis dahin 25 Interviews und Beiträge geliefert hatte, jede FPÖ-Beziehung zur Aula ab. Jüngster Höhepunkt dieses Verschmelzungsprozesses von Rechtsextremismus und Haider-FPÖ war die von Freiheitlichen, Deutscher Burschenschaft und Ring Volkstreuer Verbände organisierte Feier des "Dritten Lagers" "1000 Jahre Ostarrichi" am 30. 11. 1996 in Wien; die geplante Festrede Haiders beim Festkommers wurde unter starkem Gegendruck zwar abgesagt, doch traten zahlreiche führende FPÖ-Politiker in Erscheinung und die Partei stellte einen größeren Geldbetrag für die Veranstaltung zur Verfügung.

Die Umpolung der FPÖ in Richtung Rechtsextremismus wird jedoch nicht nur in diesem politisch-personellen Strukturwandel sichtbar; sie äußert sich auch und vor allem in Aussagen, Handlungen und Politik Jörg Haiders selbst. In diesem Rahmen muß der Hinweis auf die einige bekannte rechtsextremen oder pro-nazistischen Äußerungen genügen: das Spektrum reicht von der Diffamierung der österreichischen Nation als "ideologische Mißgeburt" über die Anpreisung der "ordentlichen Beschäftigungspolitik" des Nationalsozialismus und der Deutung des Hitlerkrieges als Verteidigungskampf Europas gegen den Bolschewismus bis zum Lob der Waffen-SS und der Negierung des Nürnberger Gerichtsurteils. Zwei Kernbereiche Haiderscher Politik scheinen uns in dieser Beziehung von besonderem Stellenwert:

  • die permanente, systematische und radikale Kritik am "System", an der repräsentativen Demokratie, an der Zweiten Republik, am Parteiensystem. Haiders Fundamental- und Systemopposition liegt ein antipluralistisches Politikverständnis zugrunde, das in der Vision einer autoritären, von plebiszitären Elementen getragenen "Dritten Republik" ihren sichtbaren Ausdruck gefunden hat. In der Verfolgung dieser Ziele kommt ein aggressiver politischer Stil zum Tragen, der auch vor der gezielten, wie sich später meist herausstellt: unberechtigten Diffamierung und öffentlichen Anprangerung von einzelnen Menschen nicht zurückschreckt.
  • die rassistische Züge annehmende Anti-Ausländer-Politik der FPÖ, die ähnliche Ziele wie die Briefbomben-Terroristen und Neonazis verfolgt, nämlich die Ablehnung der multikulturellen Gesellschaft, und zu einem Klima latenter und faktischer Gewalt gegen Ausländer und "Ausländerfreunde" in Österreich beigetragen hat. Die von Haider ausgesprochene prinzipielle Ablehnung der universellen Menschenrechte (durch die Forderung nach Austritt Österreichs aus der Europäischen Menschenrechtskonvention), aber auch die Sozialdemagogie, das Verständnis als neue "Arbeiterpartei" und die Schaffung eigener Gewerkschaften teilt die Haider-FPÖ mit Jean-Marie Le Pens rechtsextremer Front National.

In diesem Zusammenhang kann die Frage nach den Parallelen zum Nationalsozialismus nicht ausgespart werden, die nicht in bezug auf das massenmörderische NS-Regime, aber sehr wohl zum Erscheinungsbild der NSDAP in der "Kampfzeit" zu ziehen sind. Der Historiker Franz Schausberger, hauptberuflich Landeshauptmann von Salzburg, hat in einer präzisen Analyse die Methoden der Zerstörung des parlamentarischen Systems durch die systematische Agitation der NSDAP in den Landtagen 1932/33 aufgezeigt, die u. E. durchaus denen der FPÖ ähneln: Einbringen zahlreicher dringlicher Anfragen, tumultöses Verhalten, Dramatisierung angeblicher oder tatsächlicher Skandale, Affären und Korruptionsfälllen, Kampagnisierung von Politikerbezügen und Privilegien, von Bürokratie, Kulturpolitik und Sozialmißbrauch. Unverkennbar sind weiters Führerkult, propagandistische Inszenierungen und Sozialdemagogie; dem primär gegen die Juden gerichteten Rassismus der Nazis entspricht die Ausländerhetze der FPÖ, die als wichtigstes Mobilisierungsinstrument bei Wahlen eingesetzt wird. Nicht zuletzt sind auch die Dynamik und der Aufstieg der NSDAP vor 1933 mit den Erfolgen der FPÖ seit 1986 vergleichbar.
Ein wichtiger Aspekt bei der Einschätzung der Haider-FPÖ ist die Frage, ob sich Haider von seinen ursprünglichen, im post-nationalsozialistischen Milieu geprägten Positionen wegbewegt hat. In seinem bemerkenswerten, von Haider trotz Aufforderung nicht eingeklagten Artikel "Ein ganz gewöhnlicher Nazibua" hat der (damalige) "Standard"-Kolumnist Peter Michael Lingens, der lange Zeit an die "Lernfähigkeit" Haiders glaubte, eine eindeutige Antwort gegeben: "Haider verstellt sich nur. Sobald er ganz er selbst ist, kommt das heraus, was er in Krumpendorf gesagt hat. Dann muß er die Hand am Rednerpult festhalten, damit sie nicht hochschnellt." Und Bruno Kreisky, als dessen Erbe sich Haider heute geriert, erklärte 1988: "Es gibt dann wirkliche Nazis, die lebensgefährlich sind... Dazu würde ich heute den Jörg Haider zählen."

Camouflage als "Staatsmann" und "Österreichpatriot"

Die Kritik an dem aggressiven Stil und den rechtsextremen Inhalten seiner Politik, die sein Image in der Öffentlichkeit und seine Akzeptanz als Koalitionspartner beeinträchtigen, lassen Jörg Haider von Zeit zu Zeit seine Wandlung zu einem gemäßigten Politiker, zum "Staatsmann" verkünden, was bei manchen Medien und Politikern zumindest eine zeitlang auf Resonanz stößt. Am deutlichsten offenbart sich die Tendenz Haiders zur Camouflage seiner wirklichen politischen Absichten an seinem neuentdeckten "Österreichpatriotismus". Der traditionelle, die FPÖ seit ihrer Gründung und Jörg Haider seit seiner Kindheit prägende Deutschnationalismus, der bis heute im Parteiprogramm der FPÖ enthalten und als der harte Kern des Begriffs "Drittes Lager" zu verstehen ist, erwies sich in der politischen Auseinandersetzung in zunehmenden Maße als hinderlich, zumal er nur das stagnierende Segment der FPÖ-Kernwählerschicht ansprach, jedoch bei den von der FPÖ neu gewonnenen oder zu gewinnenden Wählerschichten im Wege stand. Diese Einsicht führte zur Beiseiteschiebung des einstigen Chefideologen Andreas Mölzer und zu Haiders "Absage" an die "Deutschtümelei". Eine genaue Analyse der Aussagen Haiders und diverser FPÖ-Politiker und -Zeitungen zeigt, daß sich aber im Grunde an der deutschnationalen Grundeinstellung, am Bekentnis zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft, nichts geändert hat. Laut "Junger Freiheit" vom 15. 11. 1996 hat Jörg Haider am 25. 10. beim 120. Stiftungsfest seiner Burschenschaft Silvania "im traditionellen Schwur erneut bekräftigt, für die Erhaltung des deutschen Volkstums zu stehen." Bis jetzt haben Jörg Haider und die FPÖ das für die Angehörigen der anderen Parteien selbstverständliche Bekenntnis zu einer eigenständigen, von Deutschland völlig getrennten österreichischen Nation unterlassen und ergehen sich in vagen Patriotismus-Bekundungen ohne inhaltliche Substanz, die als unglaubwürig und als Etikettenschwindel zu qualifizierten sind. Der neuentdeckte Österreich-Patriotismus der Haider-FPÖ erfüllt zwei politische Hauptfunktionen: die Täuschung der Öffentlichkeit über die ungebrochen deutschnationale, letztlich österreichfeindliche Grundeinstellung und die leichtere Mobilisierung bzw. Vereinahmmung ausländerfeindlicher Haltungen in der Bevölkerung.

Die eindeutige Qualifizierung der die FPÖ dominierenden Politik Jörg Haiders als rechtsextrem impliziert weder, daß die gesamte Partei - Mitglieder, Funktionäre und Wähler - rechtsextrem ist, noch, daß die Wahlerfolge primär auf rechtsextreme Politik oder Propaganda zurückzuführen sind. Im wesentlichen werden die rechtsextremen Positionen vom alten "nationalen" Flügel, von Burschenschaftern und von den in die FPÖ integrierten Rechtsextremisten und Neonazis vertreten; hingegen sind viele der neuhinzugestoßenen Kräfte kaum ideologisch konturiert, sondern beziehen ihre Motivation von der Person und Politik Haiders. Die Attrakivität Jörg Haiders beruht vor allem darauf, daß er es versteht, sich in der Öffentlichkeit, in Medien und TV, als Kämpfer gegen Mißstände, Korruption, Privilegienwirtschaft, Ungerechtigkeiten aller Art zu präsentieren. Da viele seiner Kritikpunkte berechtigt sind und oft Änderungen bewirken, da er Versprechungen abgeben kann, die er als Oppositionspolitiker nicht zu erfüllen braucht, findet er bei vielen Menschen Anklang, die von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen zutiefst verunsichert oder schon Opfer solcher Entwicklungen sind ("Modernisierungsverlierer") und denen einfache Lösungen persönlicher oder gesellschaftlicher Probleme vorgegaukelt werden. Mit ihrer Hetze gegen ein System, das die (vielfach als kriminell hingestellten) "Ausländer" gegenüber den "Inländern", den "Anständigen" und "Fleißigen" bevorzuge, knüpfen die Freiheitlichen an ohnehin weitverbreitete autoritäre und rassistische Einstellungen und Vorurteile in der Bevölkerung an und schaukeln diese mit Hilfe der Boulevard-Presse hoch. Hingegen dringt die nur von einem Teil der Medien mitgetragene antifaschistische Kritik an der Haider-FPÖ offenbar nicht genügend durch.

Jörg Haider ist sich bewußt, daß er nicht aus eigener Kraft, sondern nur in einer Koalition an die Macht kommen kann und daß der Mangel an Respektabilität dabei das größte Hindernis ist. Neben seinen Bemühungen um ein demokratisches österreichisches Image gibt er sich daher auch als aktiver Katholik und buhlt um den rechten Rand des Katholizismus, verkörpert durch den der FPÖ mit einiger Sympathie gegenüberstehenden St. Pöltner Bischof Kurt Krenn. Zum anderen versucht Haider, sich als Erbe Kreiskys auszugeben und sich frustrierten Sozialdemokraten anzubiedern. Jedenfalls setzt Haider große Anstrengungen, das politische Spektrum seiner Partei zu erweitern und angesehene Personen, Sportler, Journalisten, Unternehmer und Manager, Richter u. a., nicht ohne Erfolg, als Kandidaten zu gewinnen. Die von ihm gegen eine nicht gerade begeisterte Parteibasis durchgesetzte Kandidatur von Peter Sichrovsky diente vor allem dazu, die "Ausgrenzung" durch linke, liberale, jüdische Kreise zu unterlaufen, jeglichen Antisemitismus zu widerlegen und im Ausland einen jüdisch-liberalen Vorzeigekandidaten präsentieren zu können. In diesem Sinne kann die Haider-FPÖ als Repräsentantin einer "Neuen Rechten", einer Spielart des Rechtsextremismus, aufgefaßt werden, die mittels einer äußerlichen Modernisierung alter Inhalte und Begriffe versucht, das politisch stigmatisierte Feld des herkömmlichen Rechtsextremismus zu verlassen, um auf diese Weise Bündnispartner gewinnen und zu politischem Einfluß gelangen zu können.

Die Verfasser sind sich bewußt, daß es auch andere Einschätzungen der Haider-FPÖ gibt. (2) Auf der äußersten Linken werden gelegentlich Auffassungen vertreten, Haider sei ein gewöhnlicher Politiker innerhalb eines kapitalistischen Systems sei, der sich nur in Nuancen von der Regierungspolitik unterscheide; ein "braver Staatsantifaschismus" baue Haider als Popanz auf und solle von der unsozialen, arbeiterfeindlichen Regierungspolitik ablenken. Einzelne Sozialdemokraten wollen die "Ausgrenzung" der FPÖ beenden, um ihren strategischen Nachteil gegenüber der ÖVP auszugleichen und allenfalls mit der FPÖ ihren Machterhalt zu sichern. Bürgerliche Kommentatoren sehen die FPÖ als normale bürgerliche Partei und Haider als bloßen Populisten ohne Programm und Ziele, dem es nur um die Machterringung gehe. Diese meist nicht auf fundierte Quellenstudien und Analysen gestützten Einschätzungen beantworten freilich nicht die Frage, was nach der Machteroberung durch Haider kommt. Die Erwartung, daß ein solcher Politiker früher oder später an unlösbaren Problemen scheitern würde, hat sich im Falle Hitlers als verfehlt und folgenschwer herausgestellt. Die oben skizzierte menschenverachtende Politik Jörg Haiders - gegenüber Partei"freunden", politischen Gegnern und Ausländern - schon als Oppositionspolitiker läßt erahnen, zu welchen weitreichenden Maßnahmen er als Inhaber der Macht fähig wäre. Eine Regierung der Haider-FPÖ würde eine gravierende Änderung des politischen Klimas Österreichs mit sich bringen und sich nicht nur in harten Maßnahmen gegen Ausländer äußern, sondern auch in drastischen Einschränkungen demokratischer Rechte für Inländer, wie sie Haider ninsichtlich der Pressefreiheit und in Richtung Zwangsarbeit bereits angekündigt hat.

"Ghost of the New Europe"?

Mit einem Anteil von über 28 Prozent bei den EU-Wahlen am 13. 10. 1996 hat sich die Haider-FPÖ als die erfolgreichste Rechtsaußen-Partei Europas etabliert und ist zu einem Wunschbild für andere rechtsextreme oder rechtspopulistische Parteien in Europa geworden. Auch wenn man unsere Einschätzung der Haider-FPÖ als rechtsextreme, systemstürzende Partei nicht teilt und diese nur als weit rechtsstehende, populistisch agierende, auf Wählermaximierung und Machteroberung abzielende Partei mit systemverändernden Zielsetzungen ansieht, sind wesentliche Elemente von Inhalt und Stil der Haider-FPÖ unbestritten. Die nachstehenden Komponenten sind auch in ähnlichen, noch nicht so erfolgreichen Parteien und Bewegungen Europas zu finden bzw. sind für diese Vorbild:

  • Ethnozentrismus, Nationalismus und Chauvinismus
  • rassistisch akzentuierte Hetze gegen Ausländer, Immigranten und Flüchtlinge, insbesondere aus Südosteuropa, Asien und Afrika
  • Ablehnung der EU, des Maastricht-Vertrags und des Euro
  • permanente Abwertung des Parteiensystems und der repräsentativen Demokratie, antipluralistisches Politikverständnis, autoritäre Tendenzen
  • Sozialdemagogie, die Politikverdrossenheit, Existenzsorgen und Zukunftsängste instrumentalisiert
  • Law and Order-Parolen; Dramatisierung der Kriminalität zwecks Schürung von Ängsten und Emotionen
  • charismatischer Führer, Führerkult, Propagierung eines "starken Mannes"
  • Schwarz-weiß-Malerei, Haßpropaganda und Feindbildkonstrukte
  • aggressives, offensives Auftreten gegen politische Gegner und Feindgruppen
  • Inszenierung der Politik als Show, besonders bei TV-Auftritten, Anlehnung an Boulevardpresse

Der von Politikwissenschaftern in Westeuropa konstatierte Prozeß des "dealignment", die Erosion und Auflösung der traditionellen Partei-Wähler-Bindungen, und der "decline of great parties", der in Italien seinen Höhepunkt erreicht hat, ist von der Haider-FPÖ in Österreich weit vorangetrieben worden. Dieser Prozeß ist zwar nicht unaufhaltsam, aber es gibt derzeit keine Anzeichen, daß er gestoppt wird. "The Ghost of the New Europe" wird in der Tat in Jörg Haiders Politik und Partei am deutlichsten sichtbar und beschert Österreich die Perspektive einer instabilen und gefahrvollen Entwicklung.


Anmerkungen

1) Siehe dazu ausführlich: Brigitte Bailer-Galanda, Haider wörtlich. Führer in die Dritte Republik (Vienna: Löcker, 1995); Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, ed. Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Vienna: Deuticke, 1994); Brigitte Bailer-Galanda/Wolfgang Neugebauer, Incorrigbly Right. Right-Wing Extremists, "Revisionists" and Anti-Semites in Austrian Politics today (Vienna-New York, Stiftungs Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Anti-Defamation League, 1996).

2) Siehe dazu u. a.: Gerd Kräh, Die Freiheitlichen unter Jörg Haider. Rechtsextreme Gefahr oder Hoffnungsträger für Österreich (Frankfurt am Main et al.: Peter Lang, 1996) and Markus Wilhelm, "Haider = Vranitzky", Foehn 21 (1995),:3-81.



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