Förderung der jungen Wissenschaft:
Der Herbert-Steiner-Preis

Mitteilungen 199
Dezember 2010

Seit 2004 verleihen das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und die International Conference of Labour and Social History (ITH) jährlich den Herbert-Steiner-Preis für herausragende wissenschaftliche Arbeiten über Widerstand, Verfolgung, Exil in der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus und über die Geschichte der Arbeiterbewegung. Die diesjährigen Preisträger Bernhard Blank und Peter Larndorfer werden am 2. Dezember 2010 im Veranstaltungszentrum des DÖW ausgezeichnet. (Kurzbeschreibungen der prämierten Arbeiten weiter hinten, S. 3 f.)
DÖW-Mitarbeiterin Christine Schindler beschreibt im Folgenden die Struktur hinter dem Preis.


Der Herbert-Steiner-Preis wurde 2004 in Erinnerung an Prof. Herbert Steiner (1923-2001) ins Leben gerufen. Der Historiker, Publizist und Wissenschaftsorganisator Steiner hatte DÖW und ITH (mit)begründet und viele Jahre geleitet. Seine Eltern Heinrich und Valerie Steiner wurden von den Nationalsozialisten ermordet, er selbst überlebte im englischen Exil und scharte bereits dort viele junge Flüchtlinge insbesondere in der Organisation Young Austria um sich. In Österreich gründete er gemeinsam mit ehemaligen Widerstandskämpfern und Widerstandskämpferinnen und Verfolgten sowie engagierten Historikern und Historikerinnen 1963 das DÖW, 1964 die ITH. Beide Institutionen prägte Steiner nachhaltig durch seine Vorstellungen überparteilicher Strukturen und breiter Themenstreuung, die auch die nachfolgenden LeiterInnen und MitarbeiterInnen übernahmen. Dies sollte sich auch in der Konzeption des nach ihm benannten Preises widerspiegeln.

Der Preis wurde mit jährlich maximal 10.000 Euro Gesamtausschüttung dotiert, die Hauptpreise bewegen sich dabei im Rahmen von 3000 bis 4000 Euro, die Anerkennungspreise um 2000 Euro. Die Höhe der Preise wird vom Vorstand im Einvernehmen mit dem Kassier und der Jury festgelegt. Die Preisgelder sind wie die Preise eine ideelle und symbolische Würdigung der Arbeiten und sollen vor allem der Publikation der ausgewählten Arbeiten dienen, oft genug aber sind sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs auch ein nötiges finanzielles Zubrot zu prekären Beschäftigungsverhältnissen. Grundsätzlich ist kein Alterslimit festgelegt, womit die Verantwortlichen den tatsächlichen Lebensläufen vieler WissenschafterInnen Rechnung tragen. Wohl aber dient der Preis eher zur Förderung der Nachwuchswissenschaft als arrivierter Forschung, wobei die Grenzen fließend und nicht immer exakt bestimmbar sind.



Herbert Steiner im englischen Exil

Herbert Steiner (1923-2001), (Mit)Begründer und langjähriger Leiter des DÖW und der ITH. Die Aufnahme entstand im englischen Exil, wo Herbert Steiner leitender Funktionär des Young Austria war. (Foto: DÖW)


Der Verein

Zur formalen Abwicklung der Preisverleihungen wurde der Verein Herbert-Steiner-Preis gegründet, dessen Vorstandsmitglieder so wie die vom Vorstand bestellten, aber unabhängig entscheidenden Jurymitglieder vom Erhalt des Preises ausgeschlossen sind. Präsident des Vereins ist Hon.-Prof. Dr. Wolfgang Neugebauer, als Kassier fungiert Dr. Winfried R. Garscha. Die Verfasserin der vorliegenden Darstellung, Christine Schindler, ist als Schriftführerin des Vereins auch Bindeglied zur Jury und zum DÖW.



Die Jury

Die Auswahl der PreisträgerInnen obliegt allein der Jury. Die Jury setzt sich derzeit aus folgenden Mitgliedern zusammen: Hon.-Prof. Univ.-Doz. Dr. Brigitte Bailer (DÖW), Univ.-Prof. Dr. Ingrid Bauer (Universität Salzburg, Fachbereich Geschichte), Univ.-Prof. Dr. Gabriella Hauch (Institut für Frauen- und Geschlechterforschung, Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte Linz), Dr. Peter Huemer (Journalist und Historiker, Wien), Univ.-Prof. Dr. Helmut Konrad (Institut für Zeitgeschichte, Universität Graz), Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka (Central European University Budapest, Institut für Konfliktforschung Wien), Univ.-Prof. Dr. Peter Steinbach (Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin).

Die Jury entscheidet nach der wissenschaftlichen Qualität und dem Erkenntnisgewinn der Arbeit. Jedes Mitglied arbeitet jede einzelne Einreichung durch, in einer gemeinsamen Diskussion einigen sich die Mitglieder auf die PreisträgerInnen.



Die Einreichungen

Die eingereichten Themen umfassen - ganz im Sinne des Preises - das ganze Spektrum der Geschichte des Nationalsozialismus von seinen Ursprüngen bis zur Nachkriegsgeschichte, der sogenannten Vergangenheitsbewältigung, Entschädigung und Erinnerungskultur. Verfolgung aller von den Nationalsozialisten zu Feinden erklärten Menschen wird ebenso thematisiert wie Widerstand in all seinen Facetten, Ausrichtungen und in verschiedensten Regionen. Einen breiten Raum nehmen Arbeiten zum Exil ein, eingereicht wurden Manuskripte über Frankreich, die USA, Palästina, Großbritannien, Argentinien, Uruguay. Ausgezeichnete Arbeiten widmeten sich der Täterforschung: Arbeiten über einzelne Gestapobeamte und Täter wie u. a. den SS-Oberführer Erich Ehrlinger, über Opfer und Täter der NS-Medizin oder mehrere Arbeiten über die Nachkriegsprozesse gegen die NS-Täter und auch -Täterinnen, die speziell zum Vernichtungslager Majdanek herausgearbeitet wurden. Weiters finden sich Arbeiten zu Themen wie "Arisierung", Restitution oder auch Denunziation. Verschiedene auch preisgekrönte Arbeiten thematisieren die unterschiedlichsten Aspekte in den Konzentrationslagern, beispielsweise Mauthausen, Buchenwald, Neuengamme, Sachsenhausen, Uckermark, Moringen, Theresienstadt, Majdanek.

Der Zeitraum des Preises ist nicht auf die Jahre 1938-1945 begrenzt, eine preisgekrönte Arbeit beschäftigt sich mit dem Juliputsch 1934 im Kärntner Lavanttal, mehrere Arbeiten haben die österreichischen Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939 im Blickpunkt. Das Thema Antisemitismus vor 1938, nach 1945 oder in bestimmten Organisationen oder Bewegungen wie beispielsweise der Tierschutzbewegung ist Forschungsinteresse vieler WissenschafterInnen. Vergleichsweise wenige Einreichungen gibt es zum Thema der Arbeiterbewegung, selbst wenn man viele Widerstandsthemen auch diesem Oberthema subsumiert. Dennoch konnten auch in diesem Themenbereich Arbeiten prämiert werden, so zuletzt 2008 eine Arbeit zur Gewerkschaftsgeschichte.

Die ForscherInnen wählten sprachwissenschaftliche, philosophische, soziologische, politologische und vor allem historische Methoden und Zugänge. Im Blickpunkt der Biographien stehen insbesondere Täter, WiderstandskämpferInnen und verfemte KünstlerInnen oder WissenschafterInnen.

Insgesamt reichten bisher 63 Männer und 58 Frauen ihre Arbeiten beim Herbert-Steiner-Preis ein, wovon nur sehr wenige Gemeinschaftsarbeiten waren. Die Arbeiten von zehn Frauen und 16 Männern wurden ausgezeichnet, davon erhielten vier Frauen und sieben Männer den Herbert-Steiner-Preis, sechs Frauen und neun Männer den Herbert-Steiner-Anerkennungspreis. Der Preis wird ohne Ansehen des Geschlechts verliehen, so kann in manchen Jahren ein Geschlecht zufällig dominieren (im Übrigen reichen in manchen Jahren weit mehr Männer oder weit mehr Frauen ein, 2010 beispielsweise fast nur Männer): 2004 erhielten ausschließlich Frauen Preise, 2010 nur Männer. Die PreisträgerInnen kamen von allen österreichischen Universitäten - Wien, Linz, Salzburg, Innsbruck, Graz, Klagenfurt - sowie von deutschen Institutionen und Universitäten.

Wenn auch jährlich eine Auswahl aus den eingereichten Arbeiten getroffen werden muss, so werden nach Abschluss der Juryarbeiten alle Arbeiten gebunden und stehen in der DÖW-Bibliothek der Öffentlichkeit zur Verfügung.



Der Herbert-Steiner-Preis 2010

2010 wurden zwei Arbeiten ausgewählt:

Der Herbert-Steiner-Preis 2010 geht an Bernhard Blank für seine Diplomarbeit "Gefährdung von Menschenleben durch den Eisenbahn-Transport nach Auschwitz". Die österreichische Justiz und die Geschworenenprozesse gegen die Eichmann-Gehilfen Franz Novak und Erich Rajakowitsch von 1961 bis 1987.

Den Herbert-Steiner-Anerkennungspreis erhält Peter Larndorfer für seine Diplomarbeit Gedächtnis und Musealisierung. Die Inszenierung von Gedächtnis am Beispiel der Ausstellung "Der Österreichische Freiheitskampf 1934-1945" im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes 1978-2005.

Die Preise werden am Donnerstag, den 2. Dezember 2010, 18.00 Uhr, in der Ausstellung des DÖW verliehen, die Einladungen hiezu werden gesondert übermittelt resp. ist das Programm der öffentlichen Veranstaltung auf der DÖW-Website www.doew.at ersichtlich. (Weiter »)


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