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Ružica Grgic: "Jasenovac" contra "Bleiburg"

Der Zweite Weltkrieg im kroatischen Geschichtsbewusstsein

Abstract

 

Diese Arbeit wurde mit dem Herbert Steiner-Anerkennungspreis 2008 ausgezeichnet.

 

 

Das Leben unter zwei totalitären Regimes wird in der Republik Kroatien nur von einigen WissenschaftlerInnen beleuchtet. Nur zögernd setzt sich die Idee zum objektiven Herangehen an diese stark emotional beladene Thematik unter der jüngeren Generation der ForscherInnen durch. In Westeuropa ist die kroatische Vergangenheitsdebatte nur im Kreise weniger SüdosteuropahistorikerInnen bekannt. Abgesehen von einigen Beiträgen in Sammelbänden und Zeitschriften zu Ost- bzw. Südosteuropa existiert bisher keine Gesamtdarstellung über den Umgang der KroatInnen mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges und der kommunistischen Ära. Mehrere Projekte und bisher finalisierte Werke kroatischer Provenienz beschäftigen sich lediglich mit Teilaspekten der "dunklen" kroatischen Vergangenheit.

 

Die vorliegende Arbeit weist auf bisherige Ergebnisse hin und liefert einen Beitrag zur Vergangenheitsdebatte im heutigen Kroatien. Anhand des unterschiedlichen Umgangs mit zwei traumatisierenden Gedächtnisorten (lieux de mémoire) des Zweiten Weltkrieges wird ein Blick auf die kroatische Identität zwischen nationaler Selbstständigkeit und dem Streben nach Teilhabe in der Europäischen Integration geworfen. Dargestellt wird der Wandel der kroatischen Selbstsicht seit dem Zweiten Weltkrieg. Bei den Erinnerungsorten handelt es sich einerseits um das berüchtigte Ustascha-Konzentrationslager, welches in der Ortschaft Jasenovac (und Umgebung) von 1941 bis 1945 bestand, andererseits um die "Leidenswege" der tatsächlichen und angeblichen Kollaborateure und Sympathisanten des "Dritten Reiches", die im Mai/Juni 1945 von den britischen Besatzungstruppen von Kärnten aus repatriiert und an "Titos Armee" ausgeliefert wurden. - Nachdem die Entscheidung zur Repatriierung in Bleiburg gefallen ist, steht dieser Ort im kroatischen Geschichtsbewusstsein als Symbol für das "Leid des kroatischen Volkes".

 

Die gewählten Gedächtnisorte haben die kroatische Identität im 20. Jahrhundert am stärksten geprägt. Beide Orte sind für KroatInnen mit tiefen Emotionen verbunden. Im ehemaligen kommunistischen Jugoslawien symbolisierte "Jasenovac" die Terrorherrschaft und die Verbrechen der Ustaše. Für die SerbInnen gilt "Jasenovac" bis heute als Symbol des von der kroatischen Volksgruppe verübten Genozids an der serbischen Bevölkerung. Südslawische Juden/Jüdinnen betrachten den Gedächtnisort "Jasenovac" als "Auschwitz am Balkan". Die KroatInnen sehen in "Jasenovac" die Hinrichtungsstätte rassisch verfolgter SerbInnen, Juden/Jüdinnen, Roma und antifaschistischer WiderstandskämpferInnen. Ein Teil der kroatischen Bevölkerung glaubt/e, dass nach dem Kriegsende in Jasenovac etliche Sympathisanten des Ustascha-Regimes getötet wurden. Bleiburg, ein kleiner Ort in Südkärnten, symbolisiert hingegen für KroatInnen den Verrat durch die westlichen Alliierten bei der Auslieferung von Tausenden von Armeeangehörigen und Zivilisten an die partisanenartig agierende Jugoslawische Armee und die anschließenden Massaker und "Leidenswege" der Repatriierten. Der öffentliche Umgang mit diesen symbolträchtigen Gedächtnisorten und der damit verbundenen Erinnerung trennt heute noch die kroatische Gesellschaft. Die belastende Geschichte des Zweiten Weltkrieges schob im letzten Jahrhundert nicht nur einen Keil zwischen die serbische und die kroatische Nationalität, sondern spaltete in den 1990er Jahren ebenfalls die kroatische Bevölkerung in ein rechtes und ein linkes Lager.

 

Die Autorin analysiert den geschichtswissenschaftlichen Zugang, sowie die politische Manipulation und Instrumentalisierung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Dabei beantwortet sie folgende Fragen: 1) Welche Rolle spielte Kroatien im Zweiten Weltkrieg? 2) Wie hat sich der Umgang mit der Thematik des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit seit den 1990er Jahren gewandelt? 3) Wie weit ist der kroatische Vergangenheitsdiskurs vorangeschritten? Anschließend klärt sie, ob es in Kroatien eine "gemeinschaftsstiftende Geschichtserzählung" über den Zweiten Weltkrieg gibt.

 

Die Arbeit ist in vier Hauptkapitel gegliedert. Im Vorfeld der Analyse des kroatischen Umganges mit dem Zweiten Weltkrieg und der unmittelbaren Nachkriegszeit, beantwortet das erste Kapitel folgende Fragen: 1) Wie erinnert sich eine Gesellschaft an vergangene Ereignisse? 2) Wie prägt kollektives Erinnern an "belastende" Vergangenheit die Identität einer Gruppe? Das zweite Kapitel dient der Darstellung des historischen Hintergrundes zu den Ereignissen um "Jasenovac" und "Bleiburg": von den Gründungstagen der Ustascha-Bewegung, der Geschichte des Lagerkomplexes Jasenovac bis zur Entscheidung in Bleiburg und den darauf folgenden "Leidenswegen" der Repatriierten. Im dritten Kapitel skizziert die Autorin die Entwicklung der kroatischen Historiographie und den historiographischen Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg. Das letzte Kapitel bietet einen Einblick in die Rezeption der beiden Gedächtnisorte.

 

 

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