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Anni Kness: Um fünf war alles verraten

Anni Kness, geboren 1916, aus kinderreicher Familie in Moosburg, Kärnten, sozialdemokratisches Elternhaus. Leitende Angestellte in einer Apotheke in Klagenfurt. Versteckt ihren von der Gestapo gesuchten Mann dreieinhalb Jahre in der Wohnung. Verhaftung im Mai 1944, mehrere Monate im Gefängnis. Einlieferung in das KZ Ravensbrück im August 1944, inhaftiert bis Kriegsende.

 

 

In einem Wald haben wir uns getrennt, das war eine schwere Stund für mich. Das Boot war schon bereit, in der Nacht hat ihn jemand illegal über den Wörthersee gebracht und über die Drau. Mein Mann [Hubert Kness] hat sich mit einem anderen über die Berge durchgeschlagen, er wollte Jugoslawien nur durchwandern, dann in die Türkei und von dort nach Russland.
Zuerst wusste ich wochenlang nichts von ihm und bin nur schwer meiner Arbeit nachgegangen. Eines Tages krieg ich eine Nachricht. Ein Eisenbahner, der bei der Apotheke auf mich gewartet hat, drückt mir eine Zündholzschachtel in die Hand. Ich hab die Zünder schnell eingesteckt - das war so eine illegale Raf?nesse. Zu Haus hab ich mit zitternden Händen die Schachtel geöffnet und den Boden herausgenommen. Ein Zettel meines Mannes war drinnen, da schreibt er mir nach drei Monaten aus dem Gefängnis in Belgrad. An allen Grenzstellen hat man ihn zur Fahndung ausgeschrieben, weil er als führender Kopf einer Kärntner Widerstandsgruppe zum Tode verurteilt worden war. Nachdem die Gestapo schon überall ihren Sitz gehabt hat in diesen okkupierten Ländern, haben sie beide verhaftet, meinen Mann und seinen Gefährten.
Vor seiner Flucht haben wir einige Vereinbarungen getroffen. Er wird versuchen, wo immer er ist, mich illegal zu verständigen. Ich hab damals "Tanja" geheißen, und er war der "Peter". Wenn er verhaftet werden sollte, wird das Gefängnis "Sanatorium" heißen. Jetzt schreibt er mir auf diesem Zettel, liebe Tanja, in seiner schönen Handschrift, liebe Tanja, ich bin gesundheitlich nicht so gut beisammen, be?nde mich in einem Sanatorium in Belgrad, hoffe aber sehr bald - entsprechend meiner Genesung - dieses Sanatorium wieder verlassen zu können. Mach dir keine Sorgen! Jetzt hab ich aufgrund unserer Vereinbarung gewusst: Er ist bereits verhaftet.

 

Als junges Mädchen hab ich ihn kennengelernt, den Hubert. Es war Liebe auf den ersten Blick, möcht ich sagen. Er war damals schon Gemeinderat in Moosburg, mit seinen 24 Jahren. Mein Vater war ein alter Sozialdemokrat, die haben sich zwar politisch irgendwie verstanden, doch als er sah, dass es zwischen uns ernster werden könnte, hat er gemeint: Dirndl, pass auf! Der Hubert ist sicher ein gescheiter Mann, aber nimm dir keinen Politiker. Das könnt eine große Gefahr für dich sein. Damals schon, unter der schwarzen Systemzeit, ist er verfolgt worden; er ist mehr gesessen als dass er ein freier Mensch war. Aber mit mir war nichts mehr zu machen. Ich war verliebt, und wir haben dann im Jahr 1938, als der Hitler kam, geheiratet.
Bald darauf haben wir in Klagenfurt eine Wohnung bezogen. Ich hatte einen Drang, tätig zu sein, und hab mich in einer Apotheke anwerben lassen. Als verheiratete Frau bin ich dann dreieinhalb Jahre auf der Schulbank gesessen, wurde dort zur chemischen Laborantin ausgebildet. Diesen schönen Beruf, der sehr verantwortungsvoll war, hab ich mir erworben.

 

Mein Mann hatte in dieser Zeit eine Widerstandsorganisation aufgebaut, die immer wieder zerschlagen wurde. Er musste einige Male ?üchten, ist wieder zurückgekehrt und hat halt von Neuem aufgebaut. Inzwischen bin ich mehrmals in Haft genommen worden, man wollte mich erpressen. 1940 hat er endgültig untertauchen müssen. Über den ganzen Winter hat er sich bei Bekannten versteckt gehalten, von dort aus hat er wieder mit der illegalen Arbeit begonnen. Die Leute bekamen eine Mordsangst, er hat dort nicht bleiben können. In seiner politischen Arbeit musste er sich etwas mehr einschränken, weil ihm niemand mehr einen Kurierdienst machen wollte. Alle waren dermaßen eingeschüchtert, weil der Terror schon überall begonnen hat. Auch die ersten Hinrichtungen.
Im 41er-Jahr hat vor dem Volksgerichtshof in Wien der Prozess gegen die "Bande", so haben sie diese Widerstandskämpfer betitelt, stattgefunden. Die meisten Beteiligten waren als Angeklagte dort, nur mein Mann ist untergetaucht, den habens nicht gekriegt. In Abwesenheit ist er dreimal zum Tode verurteilt worden. Wie ich das erfahren hab, krieg ich so einen Schrecken, dass ich die Füße verloren hab, konnt gar nimmer gehen.

 

Nach der Sache mit der Zündholzschachtel hab ich keine Nachricht mehr bekommen. Es ist Oktober geworden, der erste Schnee ist gefallen. Und ich war trübsinnig. Es war die Zeit, wo der Hitler die größten Siege gefeiert hat. Die Aussicht, meínen Mann wiederzusehen, war fast null. Es hat mich niemand trösten können. Tagsüber bin ich meinem schweren Beruf nachgegangen, und nachts war ich mit meinen Sorgen allein.
An einem Abend hab ich mich niedergelegt, es hat geschneit. Hab mich so in den Polster hineingekuschelt, hab mir gedacht, mein Gott, wo nur der arme Teufel ist? Ich hab gewusst, er ist in Haft, mehr nicht. Ob man ihn ausliefern oder wie sein weiteres Schicksal sein wird - also das hat mich belastet.
Auf einmal, so gegen elf, ich hab noch nicht geschlafen, höre ich, wie jemand Schneebälle ans Fenster wirft. Wir haben in einer Mietvilla im 1. Stock gewohnt. Auf einmal die Schneebälle, der Schnee war nass, die sind auf dem Fenster picken geblieben. Um Gottes willen, was ist denn los? Da verfolgt mich jemand. Hab nicht reagiert. Dann kommt der zweite Schneeball, der dritte. Jetzt bin ich aufgestanden, hab hinter dem Netzvorhang ganz vorsichtig hinuntergeschaut. Tritt eine schwarze Gestalt hinter einem Baum - vorm Haus war ein Obstgarten - hervor, ich hab gesehen, es ist ein Mann, aber nicht mehr. Der tritt heraus und macht so, wie wenn man ein Katzerl ruft. Das hat der Hubert immer gemacht, wenn wir uns illegal im Wald getroffen haben.
Na, denk ich mir, das gibts ja nicht, dass er da mitten in der Nacht unterm Haus steht. Das ist ein Gestapo-Mann. Hab die Fenster wieder zugemacht, bin ins Bett zurück. Es sind wieder Schneebälle ans Fenster ge?ogen - immer verzweifelter war sein Kampf, sich bei mir erkenntlich zu machen. Im Parterre haben Nazis gewohnt, das wusste auch mein Mann. Jetzt hab ich Angst gekriegt, hab das Fenster ganz aufgemacht und mich hinausgelehnt.
Anni, bitte, mach die Tür auf! Wie ich unten seine Stimme höre, hab ich ihn gleich hereingeholt. Er war vollkommen durchnässt, abgehärmt, verhungert nach seiner Flucht von Jugoslawien. Jetzt hat er sich in seinem schönen Heim, wo er nicht sein konnte, auf die Couch niedergesetzt. Umarmt hat er mich, da hab ich das erste Mal meínen starken Mann weinen gesehen. Ja. Er konnte nirgends sein. Weißt du was, sag ich zu ihm, den Kampf müssen wir zwei nun alleine tragen! Bin halt nur ich mit dir dran, dass wir nicht andere gefährden.
Jetzt haben wir beschlossen, ein Versteck in unserer Wohnung zu machen. Da gabs zwei Kästen, die in der Ecke zusammengestoßen sind, ein Stück Platz dahinter blieb frei. Vom Inneren des Kastens zu diesem Eck hat er eine Türe ausgeschnitten und hat sich einen Dreieck-Stuhl gezimmert, auf dem er hinten saß. Das war sein Versteck für dreieinhalb Jahre, von dort aus hat er illegal gearbeitet. Er hat auch Maschine geschrieben, Abzüge gemacht, Flugschriften, die an die Front gegangen sind: Legt die Waffen nieder! Bruder, kämpf nicht gegen Bruder! Er war ja großartig in seinem Kampf; keine Ruh hat er gegeben. Er hat bereits wieder gearbeitet, und ich hab ab und zu ein Brieferl ausgetragen, um jemanden zu verständigen. Das war alles.
Manchmal ist er abends in den Wald gegangen, zu den Besprechungen. Nie haben die in meiner Wohnung stattgefunden, weil das zu riskant gewesen wär.

 

Nach zwei Jahren haben auch meine Eltern davon gewusst, dass er als Todeskandidat in meiner Wohnung versteckt ist. Er war ein großer, starker Mann, der etwas Ordentliches zum Essen gebraucht hat. Auch geraucht hat er gerne. Meine Eltern haben nebenbei eine Landwirtschaft betrieben in Moosburg, dort konnt ich den Nachschub organisieren. Eines Abends hab ich eine Erbsensuppe vorgekocht. Und hab mir gedacht, wenn ich morgen Mittag mit dem Rad rasch von der Arbeit nach Hause fahr, mach ich ein paar Omeletten, und das Essen ist fertig. Es war Krieg, man war mit allem zufrieden.
Mein Mann ist schon von seinem Versteck heraußen gewesen, er hat am Elektro-Rechaud die Suppe gewärmt. Wie ich gekommen bin, hab ich schnell das Essen ?x und fertig gemacht. Ich war mit meinem Mann so abgestimmt, dass wir mit den Augen gesprochen haben. Grad stell ich die Suppe auf den Tisch, das Gedeck, die Omeletten waren schon fertig, da hören wir fremde Schritte auf der Holzstiege, die hat geknackt. Mein Mann schaut mich an, und ich ihn, wir haben beide die Löffel fallen lassen. Glaubst du? Und schon war er verschwunden. Ich hab die Kastentür zugemacht und sein Gedeck in die Kredenz hineingestellt, sodass nur mehr mein Essen am Tisch stand. In dem Moment klopft es. Wie ich die Türe aufmach, steht der Gestapo-Oberkommissar Kirchbaumer draußen. Ist gleich mit so einem Blick herein, ganz gierig. Also, Frau Kness, hat er gesagt, ich hab den Auftrag von der Geheimen Staatspolizei, bei Ihnen eine Hausdurchsuchung zu machen. Wir wissen, dass Sie Kontakt zu Ihrem Mann unterhalten, dass Sie zumindest Post von ihm bekommen und uns das nicht melden.
Ich war keck, frech eigentlich, kampfentschlossen. Hab mich an die Kredenz so angelehnt. Ja, Herr Kommissar, hab ich gesagt, wenn Sie mit diesem Auftrag kommen, bitte, dann suchen Sie. Aber Sie werden sehr enttäuscht sein, denn das, was Sie bei mir suchen, werden Sie nicht ?nden. - Und dabei hab ich gedacht, er braucht nur einen Griff hinter die Kastentür machen, und schon hat er ihn! Wie ich so mit dem Gestapo-Kommissar spreche, höre ich, wie mein Mann die Waffe an sich streift. Das konnt nur ich hören, weil ich gewusst hab, mein Mann muss das jetzt machen. Er war bewaffnet mit einer SS-Pistole mit Schaft. Die lag immer griffbereit oben im Schrank. Wenn er bedroht ist, muss er sein Leben verteidigen - das hat er immer zu mir gesagt. Ich hab also geschwind Geräusche erzeugt, mit dem Geschirr geklappert, das Türl auf- und zugemacht, dass der Kommissar ihn nicht hört.
Und jetzt ist dieser Gestapo-Kommissar so ganz privat mit mir geworden. Er hat nicht zum Suchen angefangen, sondern gefragt, ob er sich niedersetzen darf. Bitteschön, wenns Ihnen beliebt. Hat er sich niedergelassen, fangt ganz privat mit mir zu plaudern an. Ja, Frau Kness, Sie haben einen schönen Beruf, füllt Sie der aus? So eine junge Frau, sagt er, dass Sie sich keinen Freund nehmen, wenn Sie von Ihrem Mann nichts wissen. So ganz privat. Na, denk ich mir, das ist ein Kerl, der sucht und sucht nicht. Hab ja immer nur drauf gewartet: Jetzt wirds krachen.
Er hat mich noch gefragt, ob ich gar nichts von meinem Mann weiß, ob ich nie eine Post krieg? Och, hab ich gesagt, wer weiß, wo der Mensch ist, der kann ja nie mehr zurück, wenn er im Ausland ist. So hab ich getan. Na, sag ich, ich warte auch nicht mehr auf ihn. Ist ja ein aussichtsloses Beginnen. Der kann nie mehr zurück und so. Da hat der Kommissar gedacht, halt, die Frau hat umgeschwenkt, die hat ihren Mann abgeschrieben, die wird sich schon einen Freund suchen, vielleicht hat sie schon heimlich einen. Großdeutschland macht die größten Siege zur Zeit, sag ich, nein, es ist aussichtsslos, er kann nie mehr zurück. Ich denk auch gar nicht mehr daran.
Und auf das hin hab ich auf die Uhr geschaut. Leider, Herr Kommissar, geht meine Mittagszeit zu Ende, ich muss in den Dienst. Das war für ihn eine Aufforderung. Hab gedacht, na, jetzt wird er wohl suchen. Nachher sagt er, wissens was, Frau Kness, ich glaubs Ihnen, dass es so ist, wie Sie es mir jetzt sagen, ich mach gar keine Hausdurchsuchung. Aber wenn Sie was wissen von Ihrem Mann, die Nachricht bringen Sie uns. Verraten Sie mich nicht, weil ich hab den Auftrag, das zu machen. Schweigen Sie! So ist er bei der Tür hinaus. Und damals hätt es Tote gegeben.

Mein Mann ist vom Kasten heraus, kreidebleich, er hat mich umarmt und geküsst. Anni, hat er gesagt, unser Leben ist jetzt dir zu verdanken. Du warst goldig, stark. Danach ist er weg von der Wohnung.

 

Meine Eltern haben ihn eine Zeitlang aufgenommen, dann ist er weiter. Der Krieg hat sich damals zugespitzt, der Hitlerfaschismus war schon schwer angeschlagen. Da hat der Hubert schon wieder auf Hochtouren illegal gearbeitet. Aber ich hab lange nichts von ihm gewusst. Plötzlich hab ich dann Post gekriegt, ein Kurier hat mich abgepasst vor der Apothekentür. Zu dieser Zeit hab ich durch die lange Illegalität schon ein bissl an Verfolgungswahn gelitten und war sehr misstrauisch. Hab ihn wohl angehört, wie er sagt, er kommt aus Villach und soll mir einen schönen Gruß vom "Peter" ausrichten. Hab noch nichts drauf erwidert, war noch immer misstrauisch. Der "Peter" lasst mich bitten, ich möge am Samstag - also am nächsten Tag, das war der 13. Mai 44 - zu ihm kommen, er hätt gern eine letzte Aussprache mit mir, er muss Kärntner Boden endgültig verlassen. Na, und der Kurier hat mich ein Stück begleitet. Ich hab dann dankeschön gesagt, hab ihm das geglaubt und nicht mehr gezweifelt.
Frohen Mutes, dass ich nach sechs Wochen endlich vom Hubert was höre, bin ich mit dem Autobus zu den Eltern gefahren. Meinem Vater hab ich mich nicht getraut, das zu sagen, meine Vertraute war immer mehr die Mutter; der Vater war Respektsperson. Wie ich nach Hause gekommen bin, hab ich der Mama alles erzählt. Mein Gott, hat sie die Händ zusammengeschlagen. Dirndle, hat sie gesagt, solang wirst du dem Hubert nachfahren, bis einmal was ist. Die Gefahr ist so groß. Eine Mutter hat das Recht, dir das zu sagen.
Schau, Mama, hab ich gebettelt, er ist ja mein Mann, er ist so arm. Ich will ihn noch einmal sehen, es ist die letzte Aussprache. Dann hat sie Schweinsbraten eingepackt, wir haben grad frisch geschlachtet, einen Reindling und Brot. Eine schwere Tasche voll Proviant. Aber Dirndle, hat sie gesagt, komm ja morgen abend, am Sonntag, zurück, ich werd auf dich warten. Fahrst nach Pörtschach mit dem Zug, ich komm dir im Wald entgegen. Das hab ich der Mama versprochen, ich komm morgen zurück, damit sie keine Angst hat.
Ich bin dann zur Bahn, leid- und freuderfüllt, mit der bepackten Tasche. In Villach hat unsere Begegnung wunderbar geklappt, ich bin in das Haus gekommen, wo er untergetaucht war, mein Mann hat mich sehr lieb empfangen.
Auf einmal sagt er mir so im Gespräch, du, Anni, vielleicht wars ungeschickt von mir, ich wollt einmal mit dir alleine sein, um das Problem des Lebens und die ungewisse Zukunft, die uns bevorsteht, zu besprechen. Aber ich hab leider erst gestern die Nachricht gekriegt, dass heute Nacht hier in diesem Haus eine große illegale Konferenz statt?ndet. Jössas Maria, sag ich, das belastet mich nur. Warum bestellst du mich an so einem Tag? Ja, sagt er, das hab ich erst jetzt erfahren, und ich muss das durchführen.
Ich hab mich ergeben, konnte nicht mehr zurück, bin in diesem Villacher Haus geblieben. Dann sind alle zwei Stunden hohe Partisanenführer gekommen, auch Grazer Studenten waren dabei und illegale Tschechen, so intelligente Kerle alle, antifaschistische Kämpfer. Ich konnte nirgendwo hin, so bin ich als stiller Beobachter dort geblieben. Die Männer haben die Landkarte aufgeschlagen. Es ist besprochen worden, dass die Seebacher-Kaserne, wo die SS stationiert war, von den Partisanen überfallen wird. Der Tag war schon festgelegt, den Posten werden sie überwältigen und Lastwägen beschlagnahmen. Von einer Brückensprengung war die Rede. - Mit Schaudern, muss ich sagen, hab ich mir das angehört, hab mir gedacht, was für eine furchtbare Zeit.
Na, und dann haben sie wieder in Abständen von ein, zwei Stunden unauffällig einer nach dem anderen die Wohnung verlassen. Es ist drei Uhr früh geworden, bis diese Besprechung zu Ende war, dann ist der Sonntag gekommen. Zu meinem Mann hab ich gesagt, du, meine Mutter hat so eine Angst, ich hab ihr ins Herz versprochen, dass ich heute mit dem Funf-Uhr-Zug zurückfahre.
Na, sagt er, du wirst heute nicht zurückfahren. Ich muss von hier weg, das ist unsere letzte Chance, heut sind wir einmal allein für uns. Du bist meine Frau, ich hab einen Anspruch auf dich. Ich muss leider dein Mutterle enttäuschen, die ich so gern hab, aber du wirst heute noch da bleiben, wirst in der Früh mit dem Sieben-Uhr-Zug nach Klagenfurt fahren, und um acht bist im Dienst.
Ich hab mir gedacht, ja, eigentlich hat er recht. Aber wie entschuldige ich mich bei meiner Mutter, die in Angst lebt. Die hat ewige Angst gehabt. Aber ich bin geblieben. Um fünf Uhr in der Früh sind wir dort aus den Betten heraus verhaftet worden. War alles verraten.

 

Mein Mann ist, gefesselt schon, mit zwei Gestapo-Beamten hinter mir gegangen. Wir waren auf dem Weg ins Bezirksgericht Villach. Ich hör, wie einer von der Gestapo ihn immer wieder fragt, ja, wie heißen Sie denn? Wer sind Sie denn? Er hat einen falschen Namen angegeben. Das nutzt ja nichts, hab ich gedacht. Ich war seine Frau und hab den Identitätsausweis, mit Anni Kness, bei mir getragen. Sehr bald werden sie wissen, dass sie einen großen Fang gemacht haben, einen jahrelang gesuchten "Banditen", wie sie es nannten.
Der Hubert ist in Einzelhaft gekommen, und ich auch. Noch am ersten Abend hat man ihn als Gefesselten halb totgeschlagen, dass die Nieren herausgeschaut haben. Man hat ihn aufgehängt, mit dem Kopf nach unten, und mit Stiefeln getreten. Ich hab mein Ohr an das Guckloch angelegt und an Händen und Füßen gezittert: bellende Schreie, wie von einem verendenden Tier, ein Röcheln, das mir durch die Glieder fährt. Am nächsten Tag hat mich eine Bedienerin gefragt: Sagen Sie einmal, ist Ihr Mann groß und schwarz? Der liegt in einer Blutlache in der Waschküche am Betonboden, halb erschlagen, er hat mich um ein Glas Wasser gebeten. Ich war vernichtet, moralisch gebrochen.
Acht Tage später sind wir nach Klagenfurt überstellt worden. Während der Fahrt hab ich aus dem Zug springen wollen, aber es fehlten mir doch der Mut und die Möglichkeit. Meinen Mann haben sie dort verhört, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Wie sie ihn dann in eine Einzelzelle gesperrt haben, ist er ge?üchtet. Noch in derselben Nacht ist er ausgebrochen - gefesselt. In einem seiner Stiefel hatte er eine doppelte Sohle, da drin war ein Dietrich. Mit diesem Dietrich, zwischen die Zähne geklemmt, konnt er sich die Fesseln aufmachen. So schwer angeschlagen, wie er war, ist ihm die Flucht gelungen, aber nach 14 Tagen wars aus. Zum Schluss hat er sich in einem Heustadl versteckt gehalten, eine Villacherin hat ihn verraten. Um drei Uhr in der Früh ist die Gestapo gekommen, hat 40 Schuss abgefeuert und wollte den Stadl anzünden - da hat er sich ergeben müssen.
An einem Sonntag führt mich der Aufseher allein aus der Zelle. Mein Gott, Frau Kness, sagt er, heut Nacht haben sie wieder ihren Mann gebracht. Der ist an Händen und Füßen gefesselt, der hängt nur an Ketten und Ringen, jetzt ist es aus. Wir zerbrechen uns den Kopf, wie wir den Menschen retten können, ein wertvoller Mensch. Das sagt der Aufseher zu mir. Aber jetzt is aus. Da bin ich in die Knie gegangen, das war für mich der Zusammenbruch, kurz darauf haben sie mich schon ins KZ geliefert.
Bevor ich auf Transport gekommen bin, hat uns der alte Aufseher noch einmal zusammengeführt - ohne Rücksicht auf die Gefahr, die ihm droht. In der Nacht bin ich die Gänge hinuntergelaufen bis zum Männertrakt, wo die Todeszelle war. Darin die Delinquenten, alle angekettet. Leise hab ich gerufen: Hubert! Schnell, schnell, komm! Ketten haben geklirrt, die Zelle war finster, das Fenster aber offen, weil August war, die größte Hitze. Er schleppt sich zu dem Zellenfenster - er war ein fescher, großer Mann - und er war todernst. Dass ich jetzt wegkomm ins Ungewisse, hat er gewusst. Da hat er mich so gefesselt genommen und umarmt. Mein armes Weiberl, hat er gesagt, du musst stark sein, und ich werde kämpfen. Wir müssen überleben, wir müssen es! So hat er mich geküsst und ich bin zurück. Das war unser Abschied, ich hab geahnt, es ist das letzte Mal.

 

 

In den Jahren 1982 bis 1985 wurden im Rahmen von zwei Forschungsprojekten von den Forscherinnen Karin Berger, Elisabeth Holzinger, Lisbeth N. Trallori und Lotte Podgornik Gespräche mit über 100 Frauen in ganz Österreich über ihren Widerstand und ihre Verfolgung geführt. Eine Auswahl der Erzählungen ist in zwei Büchern veröffentlicht: "Der Himmel ist blau. Kann sein. Frauen im Widerstand. Österreich 1938 - 1945", Promedia Verlag 1985. Aus diesem Buch stammt die Erzählung von Anni Kness. Zwei Jahre später erschien ein Buch mit weiteren Erzählungen: "Ich geb Dir einen Mantel, dass Du ihn noch in Freiheit tragen kannst. Widerstehen im KZ. Österreichische Frauen erzählen", Promedia Verlag 1987.

 

 

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Gedicht von Anni Kness, Mai 1945
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