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Milena Gröblacher: "Aus, windische Ljubica"

Milena Gröblacher (Vanda), geb. 1921 in St. Kanzian/Škocijan. Ab Herbst 1943 Unterstützung der Kärntner PartisanInnen.

1945-1955 Sekretärin, danach Vorsitzende des Verbandes slowenischer Frauen/Zveza slovenskih žena.

Verstorben 1997.

 

 

Zu meinem Vater wäre noch zu sagen, dass er irgendwie sehr religiös war. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Er war sehr nationalbewusst und daraus resultierte auch das religiöse Bewusstsein, das damals in unserer Bevölkerung sehr verankert war. Er war auch sehr politisch. Ja, er erzählte immer wieder über die Plebiszitkämpfe, wie oft er verprügelt wurde, wie oft Vereinsversammlungen überfallen wurden, wie oft er bei Lokalwahlen mitgearbeitet hatte. Er war Mitglied im Verein und bei den Gemeinderatswahlen auf der Seite der Kärntner Slowenischen Partei. Er war im Verein Funktionär und erzog auch uns in diese Richtung.

 

Seine Schwester aber lebte in Villach und war eine nemčurka [abwertende Bezeichnung für deutschnationale bzw. ihre nationale Herkunft verleugnende Slowenen]. Ihr Mann war pensionierter Eisenbahner. Sie war für unsere Verhältnisse gut situiert und bereit, meine Ausbildung zu bezahlen. Der Vater sagte aber: "Wenn das Mädchen oben bleibt, wird sie sich dem Slowenischen entfremden, sie wird eine nemčurka werden, weil wir haben uns schon in der Zeit des Plebiszits mit der Mojca gestritten, und das Dirndl bleibt da." Das tat mir irgendwie Leid, weil ich was lernen hätte können, irgendwas. Die Stadt mit ihren Schulen hätte ja viele Möglichkeiten geboten, aber in der nationalen Frage war er konsequent. Außerdem brauchten sie mich daheim.

 

Ich musste auf diesem ärmlichen Bauernhof arbeiten, mähte Gras auf den Ackerrainen, ging als Taglöhnerin, damit wir ein Pferd geliehen bekamen, damit wir pflügen, eggen, säen oder was auch immer konnten. [...]

 

In der Zeit des "Ständestaates" hielten die Nazis irgendwelche Veranstaltungen und Feiern ab. Wo genau, weiß ich nicht, aber nach so einer Sache hingen am nächsten Tag in ganz St. Kanzian Nazi-Fahnen, wenn irgendeine Hitlerfeier oder so etwas war. Auf diesem Hügel, wir nennen ihn Kura [Henne], machten sie aus lauter Fackeln ein Hakenkreuz. Dann hängten sie die Hakenkreuze noch auf die elektrischen Leitungen. Sie nahmen einen Hakenkreuzwimpel, hängten eine Schnur, an deren Ende eine Schraube befestigt war, dran und schmissen das hinauf. Die Schnur rollte sich um die Leitung, und so war die ganze Straße, weil die elektrischen Leitungen waren ja entlang der Straße gespannt, voll mit diesen Hakenkreuzen. Und am nächsten Tag rannte die Polizei mit diesen Stangen umher bzw. verhaftete die Verdächtigen, na, es waren ja auch ganz konkret die Verursacher dieser Aktionen. Sie führte sie an uns vorbei, zu einem großen Masten, an dem ganz oben die Fahne aufgehängt war. Die mussten sie mit einem Draht herunterholen, und der Nazi stellte sich so an - die Polizei stand unten -, dass er recht lange die Fahne in der Luft herumschwenkte. Als halbe Kinder fanden wir das ja noch interessant. Dann hängten sie die Fahne einmal in den Turm. Wie sie da wohl hineingekommen waren?

 

Dann wurden immer wieder Illegale eingesperrt, es waren ja mehrere, an alle kann ich mich konkret nicht erinnern. Daneben hatten die Führenden noch Helfershelfer in ihrem Schlepptau, das waren so junge Lehrlinge, Bürschchen, die das Bedürfnis hatten, was zu tun. Selber führten sie die Aktionen ja nie aus. Das machten immer andere. Ideell waren die jungen Burschen ja nicht dabei, sondern die taten es, weil es eine Hetz war. Und das kam ihnen später nach der Übernahme durch Deutschland zugute. Diese Bürschchen taten sich besonders hervor, wenn sie uns beschimpfen konnten. Die eigentlichen Nazis grüßten dich ja schön.

 

Ja, wie es dann klar war, dass es zu dieser Abstimmung [gemeint ist die für den 13. März 1938 geplante Volksbefragung] kommen würde, fertigte die Klagenfurter Zentrale diese Plakate an und rief über den "Koroški Slovenec" und über die Vereine draußen dazu auf, für Schuschnigg zu stimmen. Die Plakate waren Slowenisch. Vielleicht gab es auch irgendwo deutsche, bei uns waren sie Slowenisch. Das waren so große Plakate, die wir, wo immer es möglich war, aufnagelten.

 

Im 38er-Jahr, noch in der Zeit des alten Österreich, organisierte unser Verein einen Kochkurs mit der Milka Hartman, gerade in den Märzmonaten, in denen die Deutschen Österreich okkupierten, sodass die Hälfte des Kurses schon unter den Deutschen stattfand. Das war oben in Vrhah, dorthin ging ich als Einzige aus dem Tal. Der damalige christliche Verein warb für Schuschnigg und sie kamen mit Plakaten von der Prosvetna zveza. Zu diesem Kochkurs schickten sie mich, weil ich Interesse gezeigt hatte, und sie brachten in den Kurs Plakate. Wir sollten sie aufkleben und im Ort das Verteilen organisieren. In der Nähe wohnte auch die Familie Hönk, die hat diesen Turnersee gekauft, dorthin müssten wir die Plakate tragen, und keiner hat sich getraut. Da bin ich hingegangen. Die schrien mich zwar an, aber sie taten mir nichts. Ich fragte, ob ich die Plakate draußen auf die Tenne nageln dürfe. Das ließ er nicht zu, aber auf die Bäume durften wir sie dann nageln. Wer liest denn schon so etwas, brüllte er mich an. Und sagte dann: "Ja, ja, ich hab schon g'hört." Denn wir hatten noch so kleine Flugblätter, die las er dann alle durch, angeblich war er aus der Tschechei, vermutlich ein Sudetendeutscher.

 

Am nächsten Tag kam dann die deutsche Invasion. Die Bürschchen, die in St. Kanzian immer die Hakenkreuze angeschlagen hatten, beschimpften mich als Erste. "Aus, windische Ljubica." Und der Hönk sagte: "Jetzt tu die Plakate abservieren."

 

Der Kurs ging dann weiter, er wurde aber verfrüht abgeschlossen. Damals kam es zu Denunziationen, die Gendarmen gingen dem dann nach. Einer kam in den Kurs, mit diesem deutschen Dingsda, und das genau an dem Tag, wo wir fotografiert wurden. Und er stellte sich dazu.

 

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