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Ester Tencer: Man kann sich das gar nicht vorstellen

Ester Tencer, geb. 1909 als Tochter eines Rabbiners in Galizien, 1914 Übersiedlung nach Wien, Buchhalterin. 1934-1938 illegale Betätigung für eine kommunistische Studentengruppe. Ende Jänner 1939 Belgien. Zugehörigkeit zur "Mädelgruppe" der Kommunistischen Partei, die versuchte, deutsche Soldaten im antinazistischen Sinn zu beeinflussen. März 1943 festgenommen, Jänner 1944 Überstellung in das Sammellager Malines, von dort nach Auschwitz. Ab Anfang 1945 Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, von dort Mitte April 1945 vom Roten Kreuz nach Schweden evakuiert.

Rückkehr nach Wien. Ehrenamtliche Mitarbeiterin des DÖW.

Verstorben 1990.

 

 

Malines ist in der Nähe von Antwerpen. Und das war was Fürchterliches. Ich glaube, das war für mich fürchterlicher als das Gefängnis. Man ist dort in so einer Art Baracke gelegen. Dort haben sich alle nebeneinander niedergelegt, Männer, Frauen, Kinder, jeder nebeneinander, halb angezogen und mit irgendwelchen Decken. Und am Abend ist die SS vorbeigegangen, ich glaube, es war die SS, weil das war ja schon der Transport nach Auschwitz, oder waren das Wachmannschaften? Die sind vorbeigegangen, und jeder musste von der Decke die Füße rausstrecken, ob sie sauber, also gewaschen sind. Dieser Widersinn zwischen dem, dass sie gewusst haben, dass sie die Menschen ins Vernichtungslager schicken, und dass sie geschaut haben, dass die Menschen saubere Füße haben! Und wehe, wenn einem Bewacher eingefallen ist, ein Häftling hat keine, da hat man ihn rausgeschleift und weiß ich was gemacht. Ich war nur drei Tage dort, bis der Transport dann abgegangen ist. Malines war, glaube ich, das erste Demoralisierungs- und Schreckenslager, das ich kennen gelernt habe. Das war es wahrscheinlich auch für alle anderen, dass es schon den Vorgeschmack des KZ gebildet hat. Ich habe überhaupt keine Vorstellung über Konzentrationslager gehabt, im Gegenteil. Ich kann mich erinnern, als ich im Gefängnis gesessen bin und eine Kameradin hereingekommen ist, die dann erzählt hat, dass es so Autos gibt, wo Gas hineingeleitet wird und die Leute umgebracht werden, habe ich zu ihr damals gesagt, daran kann ich mich erinnern: "Geh, glaub doch nicht jede englische Propaganda." Ich meine, es ist ja auch so, dass man sich solche Dinge im normalen Leben gar nicht vorstellen kann. [...] Ich war ganz ohne Ahnung, ich habe nur gewusst, ich komme in ein Lager, in ein Arbeitslager. Aber was Auschwitz bedeutet, das habe ich nicht gewusst, und das war schon 1944. So wenig ist eigentlich durchgedrungen. Na gut, ich war sehr abgeschlossen, das stimmt schon, aber es ist eigentlich viel zu wenig gemacht worden und viel zu wenig darüber gesprochen worden. [...]

 

Der Transport: Ich muss sagen, da hat es sehr viele fürchterliche Augenblicke gegeben. Aber der Transport wurde schon so gemacht, dass die Leute zum Vieh heruntergedrückt worden sind, so dass schon von vornherein jedes menschliche Wesen von ihnen genommen worden ist. Man musste schon sehr stark sein, um sein Menschtum dabei zu behalten. Wir sind in Viehwaggons verladen worden. Vielleicht kennen Sie solche Viehwaggons, wo so ganz kleine Löcher sind, wo man rausschaut. Da sind Männer, Frauen und Kinder, ganz egal wer, hineinverladen worden. Wir haben bestimmt Brot oder so zum Essen bekommen, daran erinnere ich mich aber nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch an diese fürchterlichsten Dinge, die einen moralisch so hinuntergebracht haben. Wir sind ca. drei Tage unterwegs gewesen. Man musste seine Notdurft verrichten während der Zeit. Auch wenn man nichts gegessen hat, musste man das machen. Was machen Sie da? Sie haben keine Möglichkeit gehabt. Es wurde nicht geöffnet. Sie waren eingesperrt dort. Da kann ich mich erinnern, dass jemand eine Decke genommen hat, zwei haben sie gehalten, und dahinter hat der dann seine Notdurft verrichtet. Jedesmal, also bei mir persönlich, aber ich glaube, auch bei jedem Einzelnen, war das ein Todesgang, weil das war so unmenschlich. Man kann sich das gar nicht vorstellen. Das war der Transport nach Auschwitz.

 

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