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Dagmar Ostermann: Nach den "Nürnberger Gesetzen" "Geltungsjüdin"

Dagmar Ostermann geb. Bock, geb. 1920 in Wien, ab April 1938 Dresden. Im August 1942 als "Mischling 1. Grades" verhaftet und über das KZ Ravensbrück nach Auschwitz-Birkenau deportiert, durch Zufall Position einer Schreiberin am Standesamt der Politischen Abteilung im Stammlager Auschwitz, von dort Anfang November 1944 wieder nach Ravensbrück und im Dezember 1944 in das KZ Malchow (Außenkommando von Ravensbrück) überstellt. Dort erlebte sie die Befreiung 1945.

Rückkehr nach Wien. Generalsekretärin der Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz. 2005 Veröffentlichung ihrer Lebenserinnerungen "Eine Lebensreise durch Konzentrationslager" (hrsg. von Martin Krist).

Verstorben 2010.

 

 

Ich bin am 6. Dezember 1920 in Wien geboren, in einem gutbürgerlichen Haus. Mein Vater war Berufsoffizier und ist nach dem Krieg dann zur Bundesbahn gegangen - er war schon vorher dort. Meine Eltern haben sich allerdings nach meinem dritten Lebensjahr scheiden lassen. Meine Mutter war während des Ersten Weltkrieges Krankenschwester beim Roten Kreuz und in ihrer Ehe Hausfrau. Sie entstammte einer ziemlich kinderreichen Familie, war Christin und deutsche Staatsbürgerin. Mein Vater war Österreicher und Jude, und meine Mutter ist bei der Eheschließung zum Judentum übergetreten, daher wuchs ich auch im jüdischen Glauben auf. Ich habe zwar den jüdischen Religionsunterricht besucht, aber sowohl mein richtiger Vater als auch nachfolgend mein Stiefvater, der ebenfalls Jude war, waren beide keine praktizierenden Juden, sonst hätten sie keine Christin geheiratet. [...]

 

Es haben sich sofort in der Nacht vom 11. auf den 12. März fürchterliche Szenen abgespielt. Das war der schwarze Freitag. Ich hab' die Abdankung des Schuschnigg erlebt im Café "Börse", wo ich mit einem bekannten Zahnarzt, der übrigens auch Jude war, gesessen bin. Wir haben durchs Radio die Abdankung gehört. Nun ist ja das Café "Börse" direkt vis-à-vis von der Börse; ich hab' in der Kolingasse gewohnt, und ich hab' zu dem Bekannten gesagt: "Ich muss sofort nach Hause, weil meine Mama wird in großen Ängsten sein, irgendwas wird sich da jetzt abspielen." In dieser kurzen Zeitspanne, es war vielleicht eine halbe Stunde, als wir noch gezögert haben zu gehen, war bereits der ganze Ring mit Drahtverhau umgeben. Wir mussten uns legitimieren, ich musste beweisen, dass ich in der Kolingasse wohne, denn wie gesagt, das Ende der Kolingasse war ja die Roßauerkaserne, die war natürlich auch schon besetzt. Na, ich bin nach Hause, meine Mutter war natürlich in Tränen aufgelöst vor Angst um mich. Meine Mutter hatte einen sehr großen Bekanntenkreis, einen hauptsächlich jüdischen Bekanntenkreis, aber natürlich auch christliche Bekannte. Zu diesem Kreis zählte der damalige Kapellmeister des Café "Herrenhof", der dort Tanzmusik gemacht hat und der Christ war. Meine Mutter hat, nachdem der junge Arzt weggegangen ist, gesagt: "Du, pass auf, jetzt gehen wir zum Ferry, schauen, was dort im Kaffeehaus los ist!" Sie hat gewusst, dass etliche jüdische Bekannte von ihr dort immer am Abend tanzen gingen, und die wollte sie warnen, denn die hatten dort unten wahrscheinlich nicht die Nachrichten gehört und wussten auch nicht, was sich inzwischen abgespielt hatte. Auf dem Weg dorthin haben wir die ersten Übergriffe gesehen. Es war ja eine Volksabstimmung von Schuschnigg geplant gewesen [gemeint ist die für den 13. März 1938 geplante Volksbefragung], und die Transparente mit dem Kruckenkreuz waren z. B. in der Schottengasse gespannt, da war schon die Feuerwehr am Werk und hat diese ganzen Transparente abgerissen. Da waren auch schon die ersten Leute, die den Gehsteig reiben mussten. Einem Herren, der dunkelhaarig war und eine etwas kräftigere größere Nase hatte, wurde von einem Nazi, der noch nicht in Uniform war, aber schon die Armbinde gehabt hat, eine Ohrfeige gegeben, sodass die Brille in hohem Bogen wegflog. Dabei rief er: "Du Saujud', dir werde ich was geben." Der Mann hat seine Brille liegengelassen, er dürfte ein ziemlicher Sportler gewesen sein, denn er hat den am Krawattl gepackt, hat ihm links und rechts eine geschmiert und gesagt: "Ich bin kein Jud', auch kein Saujud', aber für die Ohrfeige, die du vielleicht einem Juden gegeben hättest und die du mir gegeben hast, kriegst du jetzt zwei zurück." Der Nazi war sprachlos! Das war ein drastisches Erlebnis für mich, dass Leute nur wegen ihres Aussehens belästigt wurden in einer ziemlich harten Art und Weise. Das war bereits in jener ersten Nacht, zumindest in der Schottengasse auf dem Weg zum Café "Herrenhof". Nun kamen wir dorthin, es war bereits halb, dreiviertel zehn am Abend, und es war auch schon dorthin die Nachricht gedrungen. Natürlich, von Tanzen und Unterhaltung war keine Rede mehr, die jüdischen Besucher haben sich angezogen, und jeder ist nach Hause geeilt, um zu schauen, was mit seinen Leuten los ist.

 

Am nächsten Tag ging es natürlich schon drunter und drüber; es wurden Verhaftungen vorgenommen, und jemand kam auch in unsere Wohnung und hat nach dem "Saujuden" Kurt Rosenfeld [Stiefvater von Dagmar Ostermann] gefragt. Da hat meine Mutter ganz kühl gelächelt und gesagt: "Da müssen sie zum Zentralfriedhof, viertes Tor, gehen, weil dort liegt er seit dem Jahr 1931." [...] In unserem Haus hat ein Ingenieur gewohnt, der sich erst in Abendschulen seinen Ingenieur erarbeitet hat. Tagsüber hat er im Landeserziehungsheim Grinzing als Erzieher gearbeitet, und er war überzeugter Nationalsozialist. [...] In diesen ersten Tagen sind jüdische Schüler aus der Schule zu ihm gekommen und haben gesagt: "Herr Ingenieur, der Lehrbub meines Vaters hat ihm den Geschäftsschlüssel weggenommen, meinen Vater haben sie verhaftet." Und dieser Mensch hat sich derartig exponiert für die Eltern seiner Schüler und für die Schüler selber, dass ihm die Illegalität aberkannt wurde und er wieder ein profanes Parteimitglied mit der Parteimitgliedsnummer von 1938 war. Er hat sich sofort distanziert und ist zu meiner Mutter hinuntergegangen und hat gesagt: "Gnädige Frau, wenn Ihnen irgendjemand zu nahe tritt, holen Sie mich, ich werde für Ordnung sorgen, denn ich muss Ihnen sagen, dafür habe ich, ehrlich gesagt, nicht gekämpft. Ich hab' mir das anders vorgestellt; ich hab' mir vorgestellt, dass für das kleine Österreich vielleicht ein Anschluss an das Großdeutsche Reich einen wirtschaftlichen Vorteil bringen kann, und ich habe eigentlich nach einer ganz anderen Ideologie gehandelt, aber doch niemals, dass man Menschen irgendwie wegen ihrer Religion verfolgt." [...]

 

Ja, es hat aber auch ganz andere Sachen gegeben: Im gleichen Haus hat's einen gewissen Herrn Tesar gegeben, der hat eine Teppichausbesserei gehabt. Herr Tesar rühmte sich noch einige Tage vor dem Einmarsch: "Mir kann nichts passieren, ich hab' ein Parteibuch der Vaterländischen Front, von den Sozis und den Nazis!" Dieser Herr Tesar war einer der ersten, den ich mit einer Hakenkreuzbinde gesehen habe und der sofort jüdische Wohnungen ausgeräumt und den Leuten angedroht hat, was ihnen alles passieren wird. Er hat sich geweigert, Teppiche, die er zur Reparatur gehabt hat und die jüdischen Besitzern gehört haben, herauszugeben. Also das waren Dinge, von denen ich selbst berührt war, weil sie sich in unserem Haus abgespielt haben. Nun kam, wie gesagt, zwei oder drei Tage später mein Onkel mit der Deutschen Wehrmacht, und zwar mit dem eigenen Motorrad. Er hat damals eine Harley Davidson mit Beiwagen gehabt und hat bei uns gewohnt. Wie er gesehen hat, was sich da abgespielt hat auf den Straßen, dass man alte fromme Juden an den Bärten zieht, dass Menschen mit Zahnbürstln die Straßen aufreiben, hat er zu meiner Mutter gesagt: "Du, pass auf, bisher konnte dir nichts passieren, denn du bist nach dem Arierparagraph ja Arierin, also für dich spielt das keine Rolle, aber die Dagmar ist jüdischer Religion, und noch dazu hat sie einen jüdischen Vater, die lasse ich dir nicht da, die nehme ich mit." Er hat mir einen Militärmantel angezogen und ein Militärkäppi, hat mich in seinen Beiwagen gesetzt und ist mit mir losgebraust, Richtung Passau. So hat mich mein Onkel nach Deutschland gebracht. Das war im April 1938. Ich bin dann nach Dresden, dort haben meine Großmutter und meine Verwandten gewohnt. [...] In Dresden hat es etliche Geschäfte gegeben, die zu der damaligen Zeit noch Juden gehört haben, die erst nach der "Kristallnacht" enteignet wurden. Die Leute sind einkaufen gegangen, es ist nicht auf den Geschäften "Jude" gestanden, alle diese Dinge haben sich dort erst nach der "Kristallnacht" abgespielt. Natürlich hat mein Onkel den Eindruck gehabt, dass ich unter seiner Obhut, unter der Obhut meiner Großeltern, unter Obhut meiner Tanten und Onkeln besser aufgehoben bin als hier in Wien, wo diese Pogrome bereits begonnen haben, und aus dem Grund hat er mich nach Deutschland mitgenommen. [...]

 

Meine eigene Familie hat's mich nicht spüren lassen, dass ich "Mischling" bin, obwohl meine Tanten und Onkel alle in der NSDAP waren, nur meine Oma nicht. Ich hab' aber trotzdem von ihnen nie etwas Böses erfahren. Ich musste mich natürlich aufgrund der Meldepflicht für Juden melden. Ich war nach den "Nürnberger Gesetzen" "Geltungsjüdin", weil ich im Jahr 1935 der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört habe. Ich war später auch verpflichtet, einen "Stern" zu tragen, also ich bin sozusagen den jüdischen Gesetzen unterlegen. Ich hätte weder einen Juden noch einen Christen heiraten dürfen, sondern ich durfte nur einen "Mischling" heiraten, wenn ich damals Heiratsabsichten gehabt hätte. Durch meine Tätigkeit in der Fabrik habe ich hauptsächlich christliche Freundinnen zu dieser Zeit gehabt, bin am Sonntag mit meiner Großmutter in den Gottesdienst von der Baptistengemeinde gegangen und war eigentlich nur mit Christen konfrontiert. Ich war wohl registriert, habe aber noch keine Schwierigkeiten gehabt. Beim Polizeikommissariat z. B. waren noch die alten Schupos, keine Gestapo oder SS. Die haben mich alle noch als Kind gekannt. Für sie war ich die Enkelin von der Frau Witaschek und fertig. Dann, eines Tages, hat mich die Frau Hopf zu sich gerufen und hat gesagt: "Liebe Dagmar, es tut mir wahnsinnig leid, aber wir dürfen dich nicht mehr behalten; wir haben von oben eine Anweisung bekommen, dass wir dich entlassen müssen." Und so ging ich von dieser Firma weg.

 

Dann kam das Gesetz heraus, dass man den "Stern" tragen muss, und natürlich musste ich auch den "Stern" tragen. In diese Zeit fiel meine Zwangsverpflichtung in die Firma Zeiss-Ikon. In dieser Firma Zeiss-Ikon war eine eigene Abteilung, wo nur Juden gearbeitet haben. Wir waren eine geschlossene Abteilung, mussten eine gelbe Armbinde tragen, hatten am Anfang deutsche Vorarbeiter und natürlich deutsche Meister, die der Abteilung vorgestanden haben. Wir haben Feinmechanik für Flugzeuge gemacht. Es wurde im Akkord gearbeitet. Zeiss-Ikon war ein Riesenbetrieb, der natürlich schon damals auf Kriegswirtschaft umgestellt war, denn seit 1939 war ja bereits Krieg. [...]

 

Bei Zeiss-Ikon, habe ich mich natürlich wieder mehr einem jüdischen Bekanntenkreis angeschlossen, da hab' ich erstmals Juden in Dresden kennengelernt, ich kannte vorher keine. Eines Tages, als ich zu Hause bei meiner Großmutter war, läutet es an der Tür, steht ein junger Mann da und sagt: "Entschuldigen Sie, sind Sie das Fräulein Dagmar Bock?" Sag' ich: "Ja, bitte?" Sagt er: "Mein Name ist Heinz Tennenbaum. Ich habe Ihre Adresse vom Polizeiwachzimmer bekommen, die [die Polizisten] kennen Sie ja alle schon seit Kindheit. Wissen Sie, ich bin 'Mischling', und ich suche eine Frau zum Heiraten, und Sie sind doch auch 'Mischling'." Also solche Dinge waren damals möglich, dass jemand an der Tür läutet, weil relativ wenige "Mischlinge" in Dresden gelebt haben, sodass die Adressen gesammelt haben, um einen Partner zu finden!

 

Dann wurden die jüdischen Lebensmittelkarten, also Lebensmittelkarten mit einem "J", eingeführt und als Endeffekt der "Stern" an der Wohnungstüre. Ja, nun habe ich mich aber geweigert, den an der Wohnung der Großmutter anzubringen. Juden wurden in Wohnungen umquartiert, wo bereits Juden wohnten. Eine jüdische Bekannte - Eva Angel - wohnte bei ihrer Mutter, die Eltern waren geschieden, und der Vater wohnte zu diesem Zeitpunkt noch woanders. Die hatten eine große Wohnung und mussten nun Untermieter aufnehmen, und zwar musste jedes Zimmer zumindest mit zwei Personen belegt werden. Da hat die Eva zu mir gesagt: "Geh, Dagmar, wohn doch bei uns, zum Schluss krieg' ich irgendein fremdes Mädel oder eine fremde Frau in mein Zimmer." Ich wollte nicht, dass meine Großmutter den "Stern" an die Tür bekommt, und so bin ich übersiedelt. [...]

 

Ende Juli ging ich um halb zehn mit meiner Freundin auf den Neustädter Bahnhof, um meine Mutter anzurufen und sie über meine Perlustrierung bei Zunz und die Vorladung von Frau Angel, der Mutter Evas, bei der Gestapo zu informieren. Dort waren Fernsprechzellen, und ich hab' nach Wien angerufen. Vorausschicken muss ich, dass es für "Sternträger" auch verboten war, öffentliche Fernsprechzellen zu benutzen, Bänke usw.; man durfte in der Straßenbahn nur auf der vorderen Plattform fahren. Nun, ich war nicht feig, habe nach Wien angerufen, das Telefongespräch angegeben nach Wien. Meine Mutter kam am nächsten Tag, es war einen Tag vor ihrem Geburtstag [...]

 

Ein paar Tage später war Frau Angel auf die Gestapo bestellt. Wir warnten sie davor, hinzugehen, und sie versprach, es nicht zu tun. Als wir an diesem Nachmittag von der Frühschicht gekommen sind, saß sie aber quietschvergnügt da und sagte: "Ich bin auf die Gestapo gegangen, denn sonst hätten sie zum Schluss mein Kind geholt, und das wollte ich nicht. Stellt euch vor, sie haben mich weiter gar nichts gefragt, nur wollten sie dauernd über dich, Dagmar, Bescheid wissen." Sag' ich: "Na was, wenn die über mich Bescheid wissen wollen, warum holen sie mich dann nicht selber?" - "Ja, sie wollten wissen, ob du sehr viel mit deinen Verwandten zusammenkommst, und wie du eigentlich mit deiner Mutter in Kontakt bist, wie du mit deiner Mutter verkehrst usw. usf." Es war nicht üblich, nach einer Vorladung bei der Gestapo wieder entlassen zu werden, wie es bei Frau Angel der Fall war. Hab' ich gesagt: "Na, das ist sehr komisch." Vier Tage später habe ich eine Vorladung auf die Gestapo für den 18. August 1942 "zwecks Befragung" bekommen. Meine Mutter war sehr aufgeregt und hat gesagt: "Du, pass auf, du gehst mir dort nicht hin, du verschwindest mit mir nach Wien." Ich hab' aber darauf bestanden: "Ich geh' dorthin, was glaubst du, es gibt eine Sippenhaftung, und die holen dann dich, oder was weiß ich, das kommt überhaupt nicht in Frage, was sollen die mir dort tun, ich hab' kein Gesetz übertreten, ich trag' den Stern, mich haben sie nicht mit verdecktem Stern erwischt." [...]

 

Hinzufügen muss ich noch, dass ich nicht nur christliche, sondern auch jüdische Freunde hatte. Mit diesen christlichen Freunden hatte ich mich öfter in den "Zunz-Kaffeestuben", einem Kellerlokal, sehr klein, getroffen. Eines Tages war die Gestapo gekommen. Sie hatten uns gefragt, was wir hier machen, ob das ein Geheimbund wäre. Wir hatten darauf geantwortet, nur zur Unterhaltung da zu sein. Dann waren unsere Ausweise kontrolliert worden, meiner war mit dem "J" und dem Zusatznamen "Sara" versehen. Der Beamte hatte nach meinem "Stern" gefragt. Der war auf meiner Jacke angebracht, die verkehrt auf dem Sessel hing. Er hatte zu mir gesagt: "Du weißt ja, dass du nicht mit Ariern verkehren darfst." Er hatte meine Personalien aufgeschrieben, und das war sicher auch ein Grund für meine Vorladung bei der Gestapo. [...]

 

Nun kam der 18. August, und meine Mutter hat halt darauf bestanden, dass mich mein anderer Onkel, der bei der Wehrmacht eingezogen war, begleitet. Nun, wir gingen zur Gestapo, da war die Rezeption, drei Stiegen hinauf waren ein paar Sitzgelegenheiten, und bevor man die drei Stiegen hinaufging, war ein langer Gang, der hat auch zu irgendeinem Zimmer geführt. Ich hab' bei der Rezeption meine Vorladung abgegeben, mein Onkel in der Wehrmachtsuniform durfte sich setzen, ich musste mich auf dem Gang hinstellen, mit dem Gesicht zur Wand. Na, und dort bin ich gestanden, so ungefähr zwei Stunden, bis es meinem Onkel zu blöd geworden ist und er gesagt hat: "Ja, sagen Sie einmal, wann kommt meine Nichte dran?" Und der Pförtner sagte: "Das ist Ihre Nichte?" Er hat nach oben angerufen und gesagt: "Da steht immer noch a Jiddin da, wann kommt denn die rauf?" Ich bin also da hinauf, und da saßen zwei Männer in Zivil, Schreibtisch vis-à-vis, und daneben war ein kleines Zimmerchen, da saß ein älterer Herr am Schreibtisch, den sie mit "Herr Oberinspektor" tituliert haben. Na, und ich steh' dort wieder, allerdings nicht mit dem Gesicht zur Wand, sondern mit dem Gesicht zum Schreibtisch. Der eine lümmelt dort und raucht eine Zigarette, der andere isst einen Apfel, sagt der eine zum anderen: "Na, die ist ganz lieb, mit der wär' eine Rassenschande ganz nett." Das waren so die Gespräche, die sie dort geführt haben. Auf einmal kommt einer in der schwarzen SS-Uniform herein, ein ganz widerlicher, angsterregender Typ, kommt auf mich zu und sagt: "Wie bist du mit deiner Mutter in Verbindung?" Da hab' ich gesagt: "Na, schriftlich." In dem Moment hat sich das "Sie" auf "du" gewendet, und er sagt zu mir: "Lüg nicht, erzähl nichts, du telefonierst dauernd mit deiner Mutter, und du weißt ja, dass öffentliche Fernsprechstellen zu benützen verboten ist. Uns brauchst du nichts zu erzählen, wir sind informiert, du hast am Soundsovielten nach Wien telefoniert." Na, ich sage: "Wenn Sie's sagen, wird es stimmen. Aber das war ein Notfall, ich wollte meiner Mutter zum Geburtstag gratulieren, sie hat aber gesagt, sie kommt am nächsten Tag." Es kam bei der Vernehmung auch mein Aufenthalt in den "Zunz-Kaffeestuben" zur Sprache, dann musste ich mich wieder an die Wand stellen. Er verschwand, und ich stand und stand, und auf einmal läutet im Nebenzimmer das Telefon, und ich hör' die Stimme von diesem Oberinspektor sagen: "Was, der ist wohl ganz verrückt, der soll sofort herkommen." Dann kommt er zu mir und sagt: "Dein Onkel ist total verrückt geworden, der will sich beim Obersturmbannführer melden, weil du so lange nicht zurückkommst, na, dem werde ich was erzählen." Nun waren die aber alle in Zivil, und mein Onkel war in der Wehrmachtsuniform, die Uniform war ja immer etwas Ehrwürdiges, und er kommt herein, und der Oberinspektor sagt: "Na, Kamerad, da haben Sie aber Glück gehabt, dass Sie in Uniform sind, weil sonst hätte ich Ihnen was erzählt." Und mein Onkel, schon wutgeladen von dem langen Warten, hat gesagt: "Passen Sie auf, jetzt werde ich Ihnen mal was sagen, wie ich schon in der Partei war, haben Sie noch in die Hosen gemacht." Dem war das sichtlich unangenehm: "Wollen wir doch keine Debatten vor Ihrer Nichte führen." Ich musste auf den Gang hinausgehen. Nun, ungefähr nach zehn Minuten kommt mein Onkel heraus mit den Leuten und sagt: "Du, pass auf, mein Kind, du brauchst keine Sorge haben, sie müssen dich pro forma wenigstens eine Woche einsperren, sonst heißt es, du hast Ausnahmen, weil du christliche Verwandte hast. Sie müssen dich aus diesen Gründen einsperren, damit es nicht heißt, es geht ungerecht zu." Na, mir ist alles heruntergefallen, und so kam ich von der Gestapo direkt ins Dresdener Polizeigefängnis, in eine Zelle mit drei Insassen. Es waren jüdische Häftlinge, also Leute, die von sogenannten Befragungen nicht mehr zurückgekommen sind, unter anderem auch eine Arbeitskollegin von mir, die auch von einer Befragung nicht zurückgekommen ist.

 

Es verging eine Woche, Freitag durfte man mir immer meine Wäsche bringen von zu Hause, es verging die zweite Woche; es war keine Rede davon, dass ich herauskomme. Dann kam ich plötzlich zu einem Verhör, zu einem Zivilbeamten, einem jungen Mann, nicht unfreundlich, der sagte: "So, und nun werden Sie mir einmal erzählen, wie das überhaupt alles war." Da habe ich gesagt: "Ich kann Ihnen nichts erzählen, ich habe nichts gemacht." - "Schauen Sie, das können Sie mir doch nicht weismachen, erstens einmal haben Sie telefoniert, das wissen wir, wir wissen es von der Frau Angel, denn die hat sich ihre Freiheit damit erkauft, wir wissen auch noch viel mehr, aber wir wollen es gern von Ihnen hören." Sag' ich: "Ja bitte, was wollen Sie hören?" - "Zum Beispiel, wo die Frau Angel ihre ganzen Sachen versteckt hat, denn die hat ja irgendwo christliche Freunde, und dort dürfte sie die ganzen Sachen versteckt haben, denn die hat ja fast nichts abgegeben. Wir wissen ganz genau, dass die Familie Fahrräder hatte, die sind nicht abgegeben worden, Schmuck, sie hat nur den Ehering abgegeben. Schauen Sie, wir haben doch Interesse, dass Sie freikommen, schließlich und endlich haben Sie ja arische Verwandte, und wenn Sie uns ein bisschen behilflich sind, dann sind Sie sofort draußen." Bevor ich mich als Konfidentin hätte anwerben lassen, weiß Gott, lieber wär' ich durch die Hölle gegangen, weil ich hab' gewusst, das kann kein Glück bringen, andere ins Unglück zu stürzen. Da hat er gesagt: "Das ist aber sehr unklug von Ihnen, ja und außerdem ist uns ja noch etwas bekannt, Sie haben ja auch einer antinationalsozialistischen Gruppe angehört. Wissen Sie denn nicht, dass Ihre Freundin Eva eingesperrt worden ist, die hat ja auch dazugehört." Da habe ich gesagt: "Also von so einer Gruppe ist mir überhaupt nichts bekannt." Sagt er: "Ah, da kennen Sie wohl auch nicht die 'Zunz-Stuben'? Hab' ich geantwortet: "Na, sicher kenn' ich die, dort kann ein jeder hingehen zum Kaffeetrinken. Ich hab' dort noch nie eine politische Versammlung erlebt, da kommen junge Leute zusammen, die blödeln, die flirten, da lernen sich Leute kennen, und die gehen nachher aus." Tatsache war jedenfalls, dass diese gute Eva Angel nach drei Tagen wieder frei war, und ich saß weiter im Häfen. Und so bin ich sechs Wochen, nicht acht Tage, dort gesessen, ca. sechs Wochen. Am 30. September 1942 musste ich in der Nacht den Schutzhaftbefehl unterschreiben; ich bin also nicht mit einem üblichen Transport, sondern mit einem Schutzhaftbefehl auf die Reise gegangen.

 

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