Ash, Mitchell G., Wolfram Nieß, Ramon Pils (Hrsg.): Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus. Das Beispiel der Universität Wien. Göttingen: V&R unipress 2010. 586 S.

Mitteilungen 202
Juli 2011

Mit diesem Sammelband präsentieren die Herausgeber jüngere Forschungsergebnisse zur Geschichte der Universität Wien. Sie machen damit die Resultate detaillierter Einzelstudien zu den Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus zugänglich. Verbindender roter Faden ist die Frage nach Kontinuitäten und Brüchen - auf personeller wie auch auf Ebene der Wissenschaftsentwicklung -, denen vor allem um die Jahre der politischen Zäsuren von 1938 und 1945 herum nachgegangen wird. Da hierzu auch auf die Vor- und Nachgeschichte eingegangen werden muss, wird ein weit größerer Zeitraum berücksichtigt, als im Titel angedeutet.

Das besondere Interesse der AutorInnen gilt der "Beziehungsgeschichte von Wissenschaft und Politik". (S. 21 f.) Standen bislang ideologische Einflussnahme und Anpassung im Vordergrund der Forschung, wird nun die durchaus praktische "Politikberatung" durch Protagonisten einer "kämpfenden Wissenschaft" ins Visier genommen, als die sich etwa die Wiener Geschichtswissenschaft verstand. Dieser Wunsch, Anwendungsmöglichkeiten des eigenen Wissens zu finden, musste dabei nicht unbedingt rein politischen Motiven entspringen; die AutorInnen dokumentieren vielmehr das Gewicht zahlreicher Faktoren, zu denen auch innerfachliche Differenzen oder der persönliche Ehrgeiz der Beteiligten zählten.

Der zweite rote Faden, der sich durch den Band zieht, ist die Frage nach den Handlungsspielräumen der AkteurInnen, um so die Vielschichtigkeit von Motivationen und Optionen zu erfassen. Dieses Konzept will zwischen der Verantwortung von Individuum und System vermitteln und entlässt weder die Einzelnen aus der Verantwortung für ihre Handlungen noch blendet es die Rahmenbedingungen externer Faktoren aus. So wird es zu einem nützlichen Instrument in der Erforschung von Tätern und "Zusehern", ohne zwischen diesen Gruppen eine klare Linie zu ziehen oder juristisch schwer fassbare Tatbestände auszublenden.

Auch wenn fraglich ist, ob ein reiner Sammelband tatsächlich eine Synthese leisten kann, ist doch mit der Zusammenführung der einzelnen Arbeiten ein großer Schritt getan. Es wäre schön gewesen, wenn die Herausgeber in ihrem Vorwort ihr Verständnis einer nur "vermeintlich einheitlichen NS-Ideologie" näher erläutert hätten; insgesamt kann diese Detailkritik jedoch die Verdienste des vorliegenden Bandes nicht schmälern.

Birgitt Wagner


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