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Gerechte unter den Völkern
Edeltrud Posiles - 95 Jahre |
Mitteilungen 202
Juli 2011 |
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Mag. Edeltrud Posiles feierte am 4. Juni 2011 ihren 95. Geburtstag. Sie ist die letzte Überlebende unter jenen ÖsterreicherInnen, die von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als
Gerechte unter den Völkern anerkannt wurden. Gemeinsam mit anderen HelferInnen hat sie jahrelang mit großer Anstrengung und Mut das Überleben von drei jüdischen Brüdern im Untergrund unterstützt.
1916 als Edeltrud Becher geboren, wuchs sie mit ihrer um zwei Jahre jüngeren Schwester Lotte in einer Familie auf, in der die musisch begabte Mutter den Haushalt führte und der Vater als Kaufmann in der Eisenwarenbranche tätig war. Entscheidende Anregungen zur Entwicklung ihrer kreativen Talente erhielt sie von ihrer Lieblingstante Lydia Matouschek, die in der Folge ebenso an der Hilfsaktion mitwirkte. Die Weltwirtschaftkrise bewirkte auch einen Einbruch der väterlichen Geschäfte, sodass Edeltrud das Realgymnasium abbrechen musste und auf einem Halbfreiplatz im Konservatorium eine Schauspielschule absolvierte.
Edeltruds Schwester Lotte gelang es, ihre Freundin Friederike Buchegger zu bewegen, einen Bekannten bei der Polizei zu überzeugen, den Akt mit der Anzeige verschwinden zu lassen, worauf sich Edeltrud Becher sicher genug fühlte, Ende 1940 wieder nach Wien zurückzukehren. Auch Walter wagte sich vorübergehend nach Wien, da Edeltruds Tanten Lydia Matouschek und Olga Holstein in ihrer Wohnung dem Liebespaar eine geheime Unterkunft ermöglichten. Danach begleitete Edeltrud Walter Posiles nach Prag, wo dessen Brüder Ludwig und Hans lebten. Auch im "Reichsprotektorat" wurde die Verfolgung der Jüdinnen und Juden intensiviert - Trude Posiles, die Gattin von Hans, nahm sich aus Verzweiflung das Leben. Als 1942 die drei Brüder Hans, Ludwig und Walter Posiles unmittelbar von der Deportation in ein Konzentrationslager bedroht waren, hinterließen sie fingierte Abschiedsbriefe, in denen sie einen Suizid vortäuschten, und tauchten unter. Inzwischen hatte in Wien Edeltrud Becher vorgesorgt: Schwester Lotte bewohnte mit ihrem Verlobten, der zur Wehrmacht eingerückt war, eine Atelierwohnung in der Neustiftgasse 33 im 7. Wiener Gemeindebezirk. Dort mietete Edeltrud für sich ein Zimmer, wo die drei Brüder Posiles ein Versteck fanden. Die darauffolgenden drei Jahre zählen zu den dramatischsten Beispielen in der Geschichte der als sogenannte U-Boote im Verborgenen lebenden Menschen, die auf diese Weise versuchten, sich der Verfolgung zu entziehen. Angesichts der Lebensmittelrationierung stellte sich die Versorgungsfrage; das findige Geschick von Edeltrud Becher brachte durch Retuschen ungültig gestempelte Lebensmittelmarken wieder zu Wert und konnte damit deren Menge verdoppeln. Ihr kreatives Talent entfernte ebenso das stigmatisierende "J" aus dem Identitätsausweis von Ludwig und rettete ihn dadurch bei einer Perlustrierung. Tante Lydia ließ ihr den Pass eines verstorbenen befreundeten tschechischen Künstlers zukommen, der danach so meisterhaft gefälscht und auf Walter Posiles ausgestellt wurde, dass er diesem bei mehreren Straßenkontrollen gute Dienste leistete. Lotte Bechers Verlobter war regimetreu und durfte deshalb nicht in die Rettungsaktion eingeweiht werden. Als er einmal bei einem Fronturlaub unangekündigt in Wien auftauchte, war die Gefahr, entdeckt zu werden, groß. Solche brenzligen Situationen wurden stets mit Spontaneität und Phantasie bewältigt. Deshalb mussten auch immer wieder andere Unterkünfte gesucht werden. Es war ein großes Glück, dass ein Netz von verlässlichen HelferInnen zur Verfügung stand, wo Unterschlupf gefunden werden konnte. Dazu zählten die Freundin Friederike Buchegger, die Tanten Lydia Matouschek und Olga Holstein, das Ehepaar Josephine und Alois Kreiner, die Ludwig Posiles aufnahmen und in ihrer Weinhandlung beschäftigten, und Maria Fasching, die Hans Posiles in Baden bei Wien versteckte: Gemeinsam mit Edeltrud Posiles und ihrer Schwester Lotte wurden alle von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet und geehrt. Als Walter Posiles lebensgefährlich erkrankte, war es Dr. Ernst Pick, der ihn rettete. Obwohl als "Jüdischer Krankenbehandler" zugelassen, ging Pick, der selbst bedroht war, mit der Betreuung eines U-Bootes ein großes Risiko ein. Als Edeltrud Becher einmal durch eine schwere Erkrankung und einen Spitalsaufenthalt als Stütze vorübergehend ausfiel, konnte sie sich darauf verlassen, dass das Netz der HelferInnen in der Zwischenzeit funktionierte. Neben dem aufwendigen Überlebenskampf blieben der Gruppe noch Energien für Widerstandsaktionen. Auf gummierte Streifen wurden Parolen gegen Hitler und die Nazis geschrieben und an frequentierten Stellen Wiens aufgeklebt. Und Hans Posiles, der als Major der früheren tschechoslowakischen Armee über technisches Geschick verfügte, durchschnitt in Baden und Umgebung Telefonleitungen der Wehrmacht. Edeltrud Becher versuchte lange, den Arbeitsdienst zu umgehen; als sie sich schließlich doch bei einer Elektrofirma meldete, die auch für die Kriegsrüstung arbeitete, konnte sie einige Sabotageakte setzen und dabei unentdeckt bleiben. Selbstverständlich hörte die Notgemeinschaft auch regelmäßig die alliierten Radiosender ab, um zu Informationen zu gelangen. Ansonsten machten sie sich gegenseitig Mut; mitunter war der Wein ein Hilfsmittel nicht nur für den geselligen Zusammenhalt, sondern auch gegen die Angst. Für den Ernstfall einer Entdeckung trugen alle stets Zyankalikapseln bei sich. Das Bewusstsein, dass das Leben nur an einem dünnen Faden hing, schärfte die Geistesgegenwart: Als Walter Posiles einmal einer Razzia im Kaffeehaus nicht mehr entkommen konnte, mimte er erfolgreich einen dort Beschäftigten. Inmitten einer Umgebung, der man nicht vertrauen konnte, gab es Inseln wie das Volkstheater, wo Lotte als Souffleuse arbeitete. Die große Mehrheit der dort Tätigen war nazifeindlich gesinnt und das prominente Ensemblemitglied Dorothea Neff versteckte die jüdische Kostümbildnerin Lilli Wolff. 1945 war das Erlebnis der Befreiung getrübt: Hans Posiles und seine Helferin Maria Fasching wurden in den letzten Kriegstagen durch einen Bombentreffer in Baden getötet. Und Walter Posiles konnte es nie überwinden, dass seine geschiedene Frau und ihr gemeinsamer Sohn von den Nazis ermordet wurden. Nach dem Krieg heirateten Edeltrud und Walter Posiles und einige Jahre arbeitete Edeltrud Posiles im Weingroßhandel ihres Mannes. Ihr weiterer Lebensweg war vor allem durch ein ständiges, nie nachlassendes Bemühen um vielseitige Bildung bestimmt. Ab 1946 lernte sie an der Akademie der bildenden Künste Bildhauerei; zu ihren Ausbildnern zählten Fritz Wotruba und Herbert Boeckl. Ende der 1950er Jahre setzte sie ihre Studien an der Akademie für angewandte Kunst fort. Obwohl 1962 die Ehe von Walter und Edeltrud Posiles geschieden wurde, blieben die beiden einander weiterhin freundschaftlich verbunden. Ab 1967 arbeitete sie als Sekretärin beim Internationalen Zivildienst und nahm in dieser Funktion auch an Ausgrabungen teil, die ihr archäologisches Interesse weckten. Die letzten zehn Berufsjahre war sie bis 1984 als Bibliothekarin bei den Wiener Städtischen Büchereien tätig, wo wir sie als Kollegin kennen und schätzen gelernt haben. Nach der Pensionierung absolvierte sie ein Universitätsstudium der Kunstgeschichte und Archäologie und unternahm ausgedehnte Reisen. Noch im Alter von 92 fuhr sie allein nach Indien und Nepal und unternahm einen Rundflug über den Himalaya. Ihre Verantwortung als Zeitzeugin hat sie immer engagiert wahrgenommen und war um die umfassende Dokumentation der Geschichte von Verfolgung und Rettung bemüht. Die Historikerin Helene Maimann hat 2005 in ihrem Film Die Sterne verlöschen nicht Edeltrud Posiles eindrucksvoll porträtiert. Seit 2010 wohnt Edeltrud Posiles im Maimonides Zentrum. Ihre persönlichen Aufzeichnungen, viele Fotos, umfangreiche Forschungen zur Geschichte der Familie Posiles und ihrer eigenen Herkunftsfamilie, die detaillierte Dokumentierung der Rettungsaktion für die drei Brüder Posiles sowie Zeichnungen und Skizzen aus ihrem künstlerischen Schaffen hat sie dem Wiener Stadt- und Landesarchiv zur Aufbewahrung übergeben. Die Brüder Posiles repräsentieren kein Einzelschicksal. Brigitte Ungar-Klein hat in jahrelanger Arbeit die Biographien der U-Boote erforscht: Mehr als 1500 Personen jüdischer Herkunft waren während der Herrschaft des Nationalsozialismus in Österreich eine Zeit lang versteckt, ein Drittel davon wurde entdeckt und in der Folge ermordet. 60 Kinder und Jugendliche wurden verborgen, 16 Kinder kamen im Untergrund zur Welt und 100 Paare aus dem Kreis der Verfolgten und HelferInnen schlossen nach der Befreiung eine Ehe; darunter auch Walter und Edeltrud Posiles. Auf der Medaille, die den Gerechten unter den Völkern in Anerkennung ihres Einsatzes von Yad Vashem verliehen wird, ist eine Weisheit aus dem Talmud eingraviert: Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt. Erika Weinzierl hat ihrem Buch über ÖsterreicherInnen und die Judenverfolgung den treffenden Titel Zu wenig Gerechte gegeben. Vor dem Hintergrund dieses beklemmenden Befundes können die Gerechten nachfolgenden Generationen ein leuchtendes Beispiel an Zivilcourage und mutigem, selbstlosem Handeln inmitten unvorstellbarer Barbarei geben. Denn diese Tugenden sind weiterhin gefragt. |
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