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Schmid, Harald (Hrsg.): Geschichtspolitik und kollektives Gedächtnis: Erinnerungskulturen in Theorie und Praxis. Göttingen:
V&R Unipress 2009. 275 S.
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Mitteilungen 195
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Seit den 1980er Jahren können nicht nur ein Geschichts-, Gedächtnis- und Erinnerungsboom konstatiert werden, sondern auch das Anwachsen der entsprechenden publizistischen und wissenschaftlichen Literatur. Der vom Hamburger Politikwissenschaftler Harald Schmid edierte Band Geschichtspolitik und kollektives Gedächtnis. Erinnerungskulturen in Theorie und Praxis, der auf eine interdisziplinäre Konferenz an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Jahre 2008 zurückgeht, kann als diesbezügliche Zwischenbilanz gelesen werden. Der Übergang von Geschichtspolitik als "publizistischer Kampfbegriff zum Forschungskonzept" (S. 53) fand laut Schmid in der Bundesrepublik zwischen den 1970er und 1990er Jahren mit dem Historikerstreit Mitte der 1980er als herausragendem Scheidepunkt statt. Neben PolitikerInnen und Medien erkennt Schmid GeschichtswissenschafterInnen als wichtigste AkteurInnen in diesem Feld. "Die Historiker schließlich, qua Profession zuständig für die Systematisierung und Objektivierung des Vergangenheitswissens, stehen aufgrund ihrer öffentlichen Wirkung in arger Versuchung, unter der Tarnkappe der Geschichtswissenschaft zum Geschichtspolitiker und so zur Legitimationswissenschaft zu mutieren." (S. 73) Relevante Konzepte wie Erinnerungsorte (Etienne François), politische, kulturelle und soziale Überformungen von Gedächtnis (Heidemarie Uhl), die Integration kollektiver Erinnerung in politische Systeme (Horst-Alfred Heinrich), die Bedeutung der Kategorie sozialer Raum (Knud Andresen) und die Übersetzung von Erlebnissen und Ereignissen in Sprache (Christine Kirchhoff) werden auch in den anderen Texten im ersten Abschnitt des Buches referiert. François reißt an, dass neuere Forschungsprojekte nach europäischen und somit den nationalen geschichtspolitischen Rahmen übergreifenden Erinnerungsorten suchen. Uhl erklärt am Beispiel der 2009 durch das Europäische Parlament beschlossenen Widmung des 23. August (des Jahrestags der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes von 1939) als gemeinsamen Gedenktag für die Opfer von Nationalsozialismus und Kommunismus, dass auf europäischer Ebene Geschichtspolitik gemacht wird, jedoch auch aufgrund fehlender medialer Rezeption (noch) nicht von einem europäischen Gedächtnis die Rede sein kann. Der zweite Teil der Veröffentlichung umfasst Einblicke in rezente empirische Arbeiten aus den Themenfeldern Geschichtspolitik, Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis. Malte Thießen plädiert für das Zurückbringen von Geschichtspolitik in den geographischen Nahbereich und konkretisiert seine Forderung mit einer Studie über den Umgang Hamburgs mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus. Allerdings räumt Thießen ein, dass lokale Geschichtsforschung heute leichter ist, da nunmehr kaum persönliche Konsequenzen zu befürchten sind. Gleichfalls mit der Hansestadt, jedoch mit Geschichtspolitik in der Weimarer Republik, beschäftigt sich Janina Fuge, die aufzeigt, dass das von Edgar Wolfrum geprägte Erklärungsmodell vom "Bürgerkrieg der Erinnerungen" durch das Bild der Pluralität von Erinnerungen differenziert werden soll. Generationsspezifische Erinnerungsmuster werden bei Jürgen Reulecke u. a. am Beispiel der Biographien von Johannes Rau (Jg. 1931) und Rudi Dutschke (Jg. 1940) essayistisch behandelt. Vergleichend ausgerichtet ist das vielversprechende Dissertationsvorhaben von Marcel vom Lehn, der die Rolle westdeutscher und italienischer NachkriegshistorikerInnen als öffentliche Intellektuelle untersucht. Drei weitere Aufsätze nehmen skandinavische Gesellschaften und ihre traditionellen Geschichtserzählungen in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust unter die Lupe. Karl Christian Lammers setzt sich mit dem besetzten Dänemark und dem neutralen Schweden auseinander, wobei selbstverständlich die Rettung des Großteils der dänischen Juden/Jüdinnen einen zentralen Platz einnimmt. Katharina Pohls Überblicksartikel zu vergangenheitspolitischen Debatten in Norwegen, dessen Kollaborationsrolle zur Revision nationaler Mythen in den 1990er Jahren führte, wird durch eine beeindruckende Studie von Claudia Lenz ergänzt. Lenz führte bei der Eröffnung des Osloer Center for Studies of Holocaust and Religious Minorities (2001) und der Gedenkstätte im ehemaligen NS-Gefangenenlager Falstadcenter in der Nähe Trondheims (2006) Interviews mit zufällig anwesenden BesucherInnen. Mit diesen Momentaufnahmen gelingen Einblicke in das Verhältnis von privater Erinnerung und offiziellem Sprechen über Vergangenheit. Der vorliegende Sammelband vereint theoretische und empirische Annäherungen an geschichts- und gedächtnispolitische Fragen in äußerst überzeugender Form. Bedauerlicherweise wurden die angesprochene Transnationalisierung und Europäisierung von Holocausterinnerungspolitik in keiner der Einzelfallstudien aufgegriffen. Ein lohnendes Vorhaben für ein weiteres Buchprojekt könnte die Anwendung der theoretisch fundierten Einsichten dieser Publikation auf nicht mit dem Nationalsozialismus zusammenhängende, möglicherweise außereuropäische Geschichtspolitiken und kollektive Gedächtnisse sein. Elisabeth Kübler | |
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