Benz, Wolfgang (Hrsg.): Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz "Feindbild Muslim - Feindbild Jude". Berlin: Metropol-Verlag 2009. 151 S.

Mitteilungen 191

Nachdem das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin für den Dezember 2008 eine Konferenz zum Thema Feindbild Muslim - Feindbild Jude angekündigt hatte, brach in Teilen der Bloggerszene, einigen Internetforen und verschiedenen Presseorganen ein Sturm der Entrüstung los: Hier sollte - so der manchmal direkt, manchmal indirekt erhobene Vorwurf - die Kritik am Islam und an den MuslimInnen mit der Judenfeindschaft gleichgesetzt und verdammt werden. Was von derartigen Behauptungen zu halten ist, kann nun anhand der Dokumentation dieser Konferenz von jedem/jeder LeserIn überprüft werden. Absicht sei es gewesen, so heißt es im Vorwort, "die aktuellen Ressentiments gegen Muslime in Europa [...] zu thematisieren und mit dem Instrumentarium der Vorurteilsforschung, der Antisemitismus als wichtigstes Paradigma dient, zu untersuchen" (S. 7).

Die Dokumentation enthält 14 unterschiedliche Beiträge: Benz führt mit einem Hinweis auf Parallelen von Antisemitismus und Islamfeindschaft in die Debatte ein. An unterschiedlichen Beispielen des Alltagslebens erläutert Angelika Königseder die Präsenz des "Feindbildes Islam", worauf dann Sabine Schiffer kommentierend mit Verweisen auf die Desiderate der Forschung ebenfalls eingeht. Die Judenfeindschaft unter MuslimInnen in Europa steht danach bei Juliane Wetzel im Zentrum, wozu Sergey Lagodinsky ergänzend bezüglich der unterschiedlichen Begründungsmuster Stellung nimmt. Yasemin Shooman beschäftigt sich mit der Islamfeindschaft im World Wide Web anhand der Website Politically Incorrect, die auch von Iman Attia äußert problematisch eingeschätzt wird. Peter Widmann geht dann noch auf die Publikationen des "Islamkritikers" Hans-Peter Raddatz ein, worauf Michael Kiefer mit der Hervorhebung von Unterschieden zwischen Antisemitismus und Islamfeindschaft reagiert. Dem folgt noch die Dokumentation der Podiumsdiskussion anlässlich der Veranstaltung.

Zu den Gemeinsamkeiten der beiden Feindbilder bemerkt Benz bereits in seiner Einführung bilanzierend: "Die Parallelen von Antisemitismus und Islamfeindschaft sind unverkennbar: Mit Stereotypen und Konstrukten, die als Instrumentarium des Antisemitismus geläufig sind, wird Stimmung gegen Muslime erzeugt. Dazu gehören Verschwörungsfantasien ebenso wie vermeintliche Grundsätze und Gebote der Religion, die ins Treffen geführt werden. Die Wut der Muslimfeinde ist dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden ähnlich; die Verabredung einer Mehrheit gegen das eine oder andere Kollektiv der Minderheit, das als solches ausgegrenzt wird, ist gefährlich, wie das Paradigma der Judenfeindschaft durch seine Umsetzung im Völkermord lehrt" (S. 10). Indessen geht es Benz und seinen MitautorInnen nicht um eine pauschale Gleichsetzung, wollen sie doch primär strukturelle Merkmale der Islamfeindschaft herausarbeiten. Dazu dienen ihnen die vergleichenden Perspektiven der Vorurteilsforschung, wobei gerade die Analyse des Antisemitismus wichtige Hinweise liefert.

Entsprechend machen Benz und Schiffer zutreffend auf den Unterschied von Gleichsetzung als Ergebnis und Vergleich als Methode aufmerksam (vgl. S. 36). Anhand von vielen historischen wie aktuellen Beispielen gelingt es nämlich durchaus, formale Gemeinsamkeiten beider Feindbilder herauszuarbeiten. Gleichwohl bestehen auch Unterschiede, kennt die Islamfeindschaft doch laut Kiefer nicht "die Figur des Dritten" (S. 105). Viele AutorInnen betonen zutreffend die zahlreichen Desiderate in der Forschung, hat die kritische Analyse der Islamfeindschaft doch erst seit kurzer Zeit eingesetzt. Zu den Lücken in der Debatte gehört auch das Fehlen einer differenzierten Unterscheidung von Islamfeindschaft und Islamkritik, wozu sich leider in dem Sammelband keine dezidierten Ausführungen finden. Schiffers Verweise auf die typischen Merkmale von Feindbildern (vgl. S. 36) können hierzu vielleicht einen wichtigen Anstoß geben. Der Sammelband liefert somit zur Debatte einen ersten Anstoß - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Armin Pfahl-Traughber


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